“Ich bin Osamas Sohn”

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Terrorismus mit Tags , , , , , , am 16. Dezember 2009 von lehermayr

 OMAR BIN LADEN, 28: Mein Vater, der Terrorist. Wie er lebt. Was er denkt. Und warum ich weiß, dass er noch am Leben ist.

Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt.

In den mehr als acht Jahren, die seit dem 11. September 2001 vergangen sind, wurde viel über den Urheber dieser Tat und sein Terrornetzwerk geschrieben, Theorien wurden aufgestellt und Vermutungen verbreitet. Doch noch nie zuvor erhoben jene Menschen ihre Stimme, die diesen Mann am besten kennen, mit ihm unter einem Dach gelebt und ein Bett geteilt haben – Menschen aus seinem engsten Umfeld, aus seiner Familie. Sie schwiegen – und sie hatten gute Gründe dafür.

Eine Mail von Bin Laden. „Ich muss zugeben, dass ich etwas geschockt war, als ich eines Tages eine Mail von jemandem, der sich Omar bin Laden nannte, in meinem Posteingang vorfand“, gesteht Jean Sasson im Gespräch mit NEWS. Sasson ist eine amerikanische Bestsellerautorin, deren Tagebücher saudischer Prinzessinnen für Aufsehen und Verkaufserfolge sorgten. Sasson ist auch eine Lady, die sich auskennt in der arabischen Welt, die aber dennoch zögerte, bevor sie zum Hörer griff und die angegebene Nummer wählte.

Am anderen Ende der Leitung, irgendwo im Orient, antwortete eine angenehme männliche Stimme in sehr ruhigem Tonfall: Es war Omar bin Laden. Sein Vater gilt als Ausgeburt des Bösen, als Ziehvater des Terrors, verantwortlich für den Tod von Tausenden Menschen weltweit – „doch mit seinem Sohn lässt es sich ausgezeichnet plaudern“, verrät Sasson, „denn er ist einfühlsam, gutmütig und sanft, was einem Wunder gleicht, angesichts dessen, was er durchmachen musste“.

Omar vertraute sich Sasson an, sprach stundenlang mit ihr und bat sie schließlich, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu Papier zu bringen. Doch erst als auch seine Mutter Najwa ihre Mitarbeit zusicherte, willigte Sasson ein und begann, „Growing Up bin Laden“ (über Amazon bestellbar) zu verfassen. Es ist die Geschichte einer jungen Syrerin, die erst 15 ist, als sie ihren zwei Jahre älteren Cousin Osama heiratet und ihm in dessen saudische Heimat folgt. Es ist eine Geschichte, die in Palästen beginnt und Jahrzehnte später, als Najwa gerade mit ihrem zehnten Kind hochschwanger ist, in einer kalten Steinhütte in den Bergen Afghanistans an ein Ende gelangt.

Es ist auch die Geschichte eines Buben, der nicht aufhört, darauf zu hoffen, dass sein Vater tatsächlich einmal bloß Vater sein wird und nicht der Mann, der Schmerz und Leid über die Welt bringt, indem er einen Heiligen Krieg aus dem Hinterzimmer plant. Es ist die Geschichte von Najwa und Omar – der ersten Frau von Osama bin Laden und ihrem viertältesten Sohn.

Sie beginnt in den 80er-Jahren im saudischen Jeddah, wo die Bin Ladens ein großes Anwesen bewohnen, aus dem kein Lachen ertönt. Unislamisch sei dieses Gelächter, habe Osama den Kindern eingeschärft, schreibt Omar, und jedes Zuwiderhandeln mit Züchtigung geahndet. Während die Cousins im Wohlstand des durch Bautätigkeit reich gewordenen Bin-Laden-Clans schwelgen, dürfen Osamas Kinder nicht einmal Spielzeug besitzen und müssen bei 45 Grad ohne Kühlschrank und Klimaanlage auskommen, da diese Verheißungen der westlichen Zivilisation den islamischen Glauben korrumpieren würden.

Islamische Weltherrschaft. Der wahre Alptraum setzt aber erst ein, als die Saudis Osama und seine Familie aus dem Land verbannen, nachdem dieser allzu stark gegen das Königshaus agitiert hatte. Im sudanesischen Exil schart der „Prinz“, wie ihn seine Männer nennen, immer mehr Kämpfer um sich und steigert sich immer tiefer in seinen religiösen Wahn. Eines Tages ist ein Affenbaby, das Omar als Spielkamerad diente, tot. Überfahren von einem der Kämpfer des Vaters, weil der „Prinz“ ihm zuvor erklärt habe, Affen seien eigentlich Juden, und Juden gehören getötet. Während Najwa ihrem Mann Jahr für Jahr weitere Söhne gebiert, karrt dieser die Buben zu Ausdauertrainings in die Wüste und setzt sie dort ohne Wasser aus. „Was ihm Spaß bereitete, hassten wir“, erinnert sich Omar nun im Gespräch mit NEWS (siehe Interview).

Die Terrororganisation al- Qaida nimmt allmählich Gestalt an, beginnt, einer Zelle gleichend, immer mehr Kämpfer anzuziehen, die vom Vater und seinen Männern trainiert und in den Heiligen Krieg geschickt werden. „Der Jihad ist der einzige Grund, warum Gott mich auf die Welt gesandt hat“, wird Osama seinem Sohn später erklären, „die Muslime sind die geschundensten Menschen auf Erden, und ich bin hier, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Denn es wird der Tag kommen, an dem die Muslime die ganze Welt regieren werden. Das ist Gottes Plan.“ Die Anschläge häufen sich, al-Qaida erhält nun Spenden aus allen Teilen des Orients, doch auch der Druck des Westens auf den Sudan steigt, den Terrorpaten und seine Familie aus dem Land zu schmeißen.

Ein ganzer Berg für Osama. „Und da saß ich nun“, schreibt Omar, „der Sohn eines reichen Bin Laden, inmitten eines gesetzlosen Landes, nach Luft schnappend in einem kleinen Toyota, umgeben von schwer bewaffneten afghanischen Kämpfern und auf dem Weg, meinem Vater dabei zu helfen, eine Gebirgshütte als Familienunterkunft zu beanspruchen.“

Die Bin Ladens sind dort angekommen, wo der Vater einst die Sowjets besiegen half und wo seither weder Recht noch Gesetze gelten, sondern bloß das Wort der Taliban. Einer von deren Führern hat Osama ein ganzes Gebirgsmassiv, die Berge von Tora Bora, geschenkt, und genau dort, mitten im Hindukusch, bringt er nun seine vier Frauen mitsamt deren Kindern hin. „Ich habe mich nie bei meinem Mann beschwert“, schreibt Najwa, „auch nicht, als ich unser schmutziges Gewand im kalten Wasser eines Metallkübels wusch, Reis auf einem kleinen Gaskocher zubereitete oder unsere Vorräte in Felsklüften hortete. Selbst als mir Osama befahl, fortan eine Burka zu tragen, gehorchte ich.“ Gehorsam, unbedingten Gehorsam, das verlangt Osama von allen, die ihn umgeben.

Und von seinen Söhnen, die er längst in den überall im Land von ihm errichteten Terrorcamps im Umgang mit Kalaschnikows und Bomben ausbilden lässt, verlangt er bald noch mehr, wie Omar schreibt: „Wir saßen zu seinen Füßen, und mein Vater sagte: ,Söhne, an der Wand der Moschee hängt eine Liste. Sie ist für Männer gedacht, die zu Selbstmordattentätern werden wollen. Jene, die ihr Leben für den Islam geben, haben sich dort einzutragen.‘“ Er sieht seine Söhne mit Augen voll der Erwartung an, doch Omar wird wütend: „Endlich wusste ich genau, wo ich stand. Mein Vater hasste seine Feinde mehr, als er seine Söhne liebte. Ich wäre ein Idiot gewesen, noch einen weiteren Augenblick meines Lebens zu verschwenden.“

,Er betet für Krieg, ich für den Frieden.‘ Anfang 2001 häufen sich die Gerüchte, ein großer Anschlag stehe bevor, und für Omar wurde die Ahnung, dass er in Afghanistan nichts mehr verloren hat, rasch zur Gewissheit. „Ich habe mich häufig gefragt, ob mein Vater so oft getötet hat, dass ihm das Töten nunmehr weder Freude noch Schmerz bereitet. Ich bin das Gegenteil meines Vaters – während er für Krieg betet, bete ich für Frieden.“ Omar gelingt es, sich vom Vater loszusagen und nach Saudi-Arabien zurückzukehren. Wenige Tage vor dem 11. September kann schließlich auch Najwa mit ihren jüngsten Kindern Afghanistan für immer verlassen. Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt…

(Erschienen in NEWS 5o/09)

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“Mein Vater ist sicher am Leben”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Omar Bin Laden mit Tags , , , , , , , , am 15. Dezember 2009 von lehermayr

BIN LADEN INSIDE. Sein Vater, der Terrorist und Massenmörder. Jetzt spricht Omar Bin Laden, 28.

Seine Stimme klingt sanft, sein Gemüt wirkt ruhig, doch schon das bloße Aussprechen seines Namens reicht aus, um zu erschaudern: Omar bin Laden, Sohn des meistgesuchten Mannes der Welt. Noch nie wurden Details aus dem Familienleben des Terrorpaten bekannt, keiner konnte bislang auch nur erahnen, wie es bei den Bin Ladens zuhause zuging. Der 28-jährige Omar bricht nun das Schweigen. Im Exklusivinterview mit NEWS erzählt er von seiner bizarren Kindheit, dem Aufwachsen zwischen Gotteskriegern und Kalaschnikows. Osamas Sohn gibt Einblick in den Hass seines Vaters und erinnert sich an sein eigenes Erwachen am Tag nach dem 11. September …

News : Sie sind Osamas viertältester Sohns, wuchsen mit einer Vielzahl von Geschwistern auf. Wie erzog Sie Ihr Vater?

Omar bin Laden: Er war sehr streng. Eine meiner ersten Erinnerungen geht zurück zu der Zeit, als er in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte. Er kehrte oft monatelang nicht heim, und als er endlich da war, saß er im Wohnzimmer über ausgebreiteten Karten. Ich war damals ein kleiner Bub, der nichts mehr wollte als die Aufmerksamkeit seines Vaters, also lief ich vor ihm herum, hoffte, dass er mich beachten würde. Plötzlich stand er auf und sagte, ich solle meine Brüder holen.

News: Was geschah danach?

Bin Laden: Ich freute mich, dachte, er würde nun mit uns allen spielen. Doch wir mussten uns in einer Reihe aufstellen, und er begann mit seinem Spazierstock auf uns einzuschlagen. Danach lief ich weinend zu meinen Pferden. Es war die erste von vielen Prügeln, die noch folgen sollten. News: Überlebenstrainings in der Wüste zählten auch zur Erziehung. Wie lief das ab? Bin Laden: Seine Söhne sollten so werden wie er – stärker, gestählter und ausdauernder als alle anderen Männer. Wir liefen stunden-, ja tagelang ohne Wasser durch die Wüste, bis wir unsere Beine nicht mehr spürten. Unsere Kehlen waren so trocken, dass das Atmen weh tat. Mein Vater genoss es, an seine Grenzen zu gehen, und erwartete dasselbe von uns, doch wir hassten, was er tat.

News: Sie sind ein Zeuge des Entstehens von al-Qaida, waren selbst in den Terrorcamps Ihres Vaters und lernten seine Gotteskrieger kennen. Wer sind diese Männer?

Bin Laden: Es sind Männer, die getrieben sind von Hass, von Hass auf den Westen, von Hass auf die Juden und insbesondere auf Amerika. Diese Männer sind überzeugt davon, dass es ihre Pflicht als Muslime ist, im Heiligen Krieg, dem Jihad, zu kämpfen und so dem Islam zu dienen. Gerade bei den jüngeren Kämpfern in den Ausbildungscamps hatte ich den Eindruck, dass sie vor etwas in ihrer Vergangenheit davonliefen.

News: Sie wuchsen inmitten all dieses Hasses auf. Wie gelang es Ihnen, der Gehirnwäsche zu entgehen und von diesem Hass nicht infiziert zu werden?

Bin Laden: Ich weiß es selbst nicht genau. Nach einem versuchten Anschlag auf ihn nahm mich mein Vater aus Sicherheitsgründen im Alter von zwölf von der Schule. Fortan erhielt ich nur noch religiösen Unterricht zuhause. Irgendwann begann mir mein Herz aber zu sagen, dass das Leben, welches mein Vater gewählt hatte, nicht zu meinem werden durfte. Schon immer litt ich, wenn ich andere Menschen oder auch Tiere leiden sah. Vielleicht schenkte Gott mir das, was wir als Empathie bezeichnen. Ich könnte nie etwas tun, was anderen Menschen Schmerz zufügt – egal ob physisch oder mental.

News : Das Leben an der Seite von Osama bin Laden glich einer Odyssee, die Sie und Ihre Familie schließlich nach Afghanistan führte. Sie waren 19 Jahre alt, als Sie im Frühling des Jahres 2001, wenige Monate vor dem 11. September, das Land verließen. Ließ Sie Ihr Vater so einfach ziehen?

Bin Laden: Ich kannte bis dahin nur ein Leben – und das war jenes in einer Großfamilie, mit vielen Geschwistern und Tanten, unter der Herrschaft meines Vaters. Entsprechend schwer war es, mir ein anderes, ein normales Leben überhaupt nur vorzustellen, denn es bedeutete auch, meine Familie zurückzulassen.

News: Was wäre die Alternative gewesen?

Bin Laden: Das Leben, das mein Vater für seine Söhne auserkoren hatte – ein Leben als Kämpfer im Heiligen Krieg. Über Jahre quälte mich diese Entscheidung, da sie auch bedeutete, meine Mutter und meine unschuldigen Geschwister, die mich brauchten, zurückzulassen. Es gibt keine Entscheidung in meinem Leben, die mir schwerer fiel. Keine einzige. Aber die Spannungen mit meinem Vater wuchsen ins Unermessliche, es wurde unmöglich, noch länger an seiner Seite zu bleiben, also ging ich und betete für meine Geschwister.

News: Wie erfuhren Sie schließlich vom 11. September?

Bin Laden: Ich war im Haus meiner Großmutter in Jeddah in Saudi-Arabien und schlief, als mein Onkel plötzlich ins Zimmer stürmte und rief: „Schau, was dein Vater angerichtet hat!“ Als ich dann die einstürzenden Twin Towers sah, konnte ich nicht glauben, dass mein Vater für all das verantwortlich sein sollte, ich betete dafür, dass es nicht stimmte, und weigerte mich noch Monate, auch nur anzunehmen, mein Vater könnte hinter all dem stecken.

News : Wann begannen Sie zu realisieren, dass Sie sich irrten?

Bin Laden: Als ich die Stimme meines Vaters hörte, als ich ihn sagen hörte, dass er dafür verantwortlich ist, erst dann konnte ich es glauben.

News: Wie gehen Sie nun mit diesem Wissen um?

Bin Laden: Es quält mich jeden Tag, es macht mich traurig, und ich fühle mich schlecht wegen jedes einzelnen Opfers.

News: Es gibt Gerüchte, die CIA hätte Sie kontaktiert mit der Bitte, die Agenten bei der Jagd nach Ihrem Vater zu unterstützen. Stimmt das?

Bin Laden: Ich bin mir nicht sicher, ob es die CIA war, aber als ich mich in Spanien befand, kamen Leute aus dem Weißen Haus, um mich zu befragen. Sie waren höflich, legten mir eine Landkarte vor und baten mich, ihnen darauf zu zeigen, wo sich mein Vater aufhält. News: Und, taten Sie es? Bin Laden: Ich weiß nicht, wo er ist. Seit ich Mitte 2001 Afghanistan verlassen habe, hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich habe diesen Männern also gesagt, dass ich nicht zum inneren Kreis um meinen Vater zähle und er deshalb keinen Grund hat, mir mitzuteilen, wo er sich aufhält.

News : Osama bin Laden ist der meistgejagte Mann der Welt. Wundert es Sie nicht, dass er bislang unentdeckt blieb?

Bin Laden: Nein, das wundert mich überhaupt nicht. Sie hätten ein Leben lang an meiner Seite sein sollen und hätten gesehen, wie körperlich stark und ausdauernd mein Vater ist. Seine Kondition ist besser als die eines halb so alten Mannes. Manchmal weckte er mich nachts auf, um von Afghanistan über die Berge nach Pakistan zu ziehen – aber nicht im Jeep, nicht mit dem Pferd, zu Fuß, im Dunkeln. Er kennt die Berge von Tora Bora wie andere nur ihren eigenen Garten, so als ob er selbst jeden einzelnen Stein mit der Hand dort hingelegt hätte.

News: Lebt Ihr Vater noch?

Bin Laden: Ja, denn ich erkenne seine Stimme auf den Audio- Botschaften, und er spricht darin über aktuelle Ereignisse, also muss er am Leben sein.

News: Und glauben Sie, ihn noch jemals wiederzusehen?

Bin Laden: Das ist eine sehr schwierige Frage, die nur Gott beantworten kann.

News: Was würden Sie ihm sagen, sollten Sie noch einmal auf ihn treffen?

Bin Laden: Das Gleiche, was ich ihm schon bei unserem letzten Zusammentreffen sagte: dass er mit der Gewalt aufhören soll, umkehren soll, dass Krieg nicht die Antwort ist. Er wäre vermutlich erneut außer sich darüber, dass sein Sohn seine Visionen nicht teilt. Aber natürlich, er ist auch mein Vater, und Gott hat gewollt, dass Söhne ihre Väter immer lieben werden, also würde ich ihn schließlich auch fragen, wie es ihm denn geht.

(Erschienen in NEWS 50/09)

Die neue Mauer

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Slowakei mit Tags , , , , , , , , , , , am 16. November 2009 von lehermayr

AN DER TOLERANZGRENZE. In Osteuropa wachsen wieder Mauern. Dort, wo Zusammenleben scheitert, Vorurteile wahr werden und Lösungen Mangelware sind.

Diesseits und jenseits der Mauer von Ostrovany (Foto: Stephan Kochevnikqualia)Es gibt Tage, an denen es Miroslav Blíchar vor der Fahrt zu seiner Mutter graut. Besonders zur Monatsmitte hin befällt den kräftigen 57-Jährigen meist eine Mischung aus banger Befürchtung und Zorn, sobald er in den Wagen steigt und die paar Kilometer zur alten Frau zurücklegt. „Sie haben dann schon die Sozialhilfe erhalten, bereits Alkohol, vielleicht auch Drogen zum Schnüffeln gekauft und wieder weiß Gott was angestellt“, erzählt Blíchar, als er das Auto vor dem kleinen, leicht rosa getünchten Haus der Mutter abstellt: „Aber heute ist zum Glück erst der 6., heute ist es noch ruhig hier.“

Hier, das ist Ostrovany, ein 1.700 Einwohner-Dorf im Osten der Slowakei, knapp 400 Kilometer hinter Wien. Und „sie“, sie sind „die Zigeuner“, wie Blíchar sagt, „die Zigeuner, unsere Nachbarn.“ Der gelernte Maurer zieht die weißen Gardinen zur Seite und deutet aus dem Fenster in den Garten: „Bitte, das ist unser Ausblick.“ Einige dutzend Meter entfernt, in einer leichten Senke gelegen, stehen etliche Holzverschläge. An die zwanzig Hütten, zusammengezimmert aus ein paar Brettern und Lehm, aus denen dichter Rauch weht. Es ist wie ein Blick zurück ins Mittelalter, unwirklich und doch so real.

„Die weiße Minderheit“ Der Blick fällt auch auf Betonblöcke: Weiß, massiv und übereinandergelagert, ergeben sie eine mehr als zwei Meter hohe und 200 Meter lange Barriere, eine Absperrung, eine Mauer – die Mauer von Ostrovany. Während sich dieser Tage tausend Kilometer entfernt Berlin darauf vorbereitete, dem Fall der Mauer vor 20 Jahren zu gedenken, fuhren in Ostrovany Bagger auf, um eine neue zu errichten. Was einst Ost und West trennte, soll hier, die zur Minderheit gewordenen „Weißen“ vor den, die Mehrheit stellenden „Schwarzen“, schützen.

Schwarz und weiß – in einer Gegend, wo der Ausdruck „Humanist aus dem Westen“ meist ein schlimmeres Schimpfwort darstellt als „Zigeuner“, sind dies auf beiden Seiten gebräuchliche Begriffe und noch das geringste Problem. Die wahren Probleme lassen sich zuerst in Zahlen ausdrücken. Im Osten Europas leben geschätzte acht Millionen Roma – allein in der Slowakei sind es mehr als 400.000. Die meisten von ihnen sind arm, arbeitslos und am Rand der Gesellschaft.

Doch die Zahlen geben kein Gefühl für die wahren Probleme. Aus ihnen lässt sich kein Zusammenhang ziehen zwischen Bettlerbanden auf Österreichs Einkaufsstraßen und dem, was Menschen wie Miroslav Blíchar in Ostrovany und anderswo berichten. „Rassisten schimpfen sie uns jetzt“, klagt er, „die feinen Herrn Minister aus Bratislava, die herkommen, vom Brücken bauen statt Mauern errichten sprechen und dann rasch wieder einsteigen in ihre abgedunkelten Dienstlimousinen, zurückkehren in ihre Villen hoch über der Hauptstadt.“

Blíchar ist sauer, steht trotzig hinter dem Haus der Mutter im Garten und deutet über die Mauer nach drüben: „Jahr für Jahr haben sie uns die Ernte gestohlen – Äpfel, Kartoffel, Tomaten, alles. Auch den Zaun haben sie abmontiert und beim Schrotthändler zu Geld gemacht – in drei Etappen, damit ich sie nicht anzeigen kann, denn alles unter 50 Euro gilt als Bagatelldelikt und wird von der Polizei nicht verfolgt.“ Was banal klingt, wird in Gegenden, wo eine Verkäuferin 300 Euro im Monat verdient und daher froh über die Ernte aus dem eigenen Garten ist, rasch zum Massenärgernis.

 Aufmarsch der Glatzen. Stille Wut über die wachsende Kleinkriminalität paart sich mit dem dumpfen Gefühl, von der großen Politik dafür bloß belächelt zu werden: Egal, ob in Tschechien, Ungarn oder eben der Slowakei – halb vermummte Männer in faschistisch anmutenden Uniformen wissen dergleichen gut für sich zu nützen. Als im Frühjahr ein jugendlicher Rom im Nachbardorf von Ostrovany eine Verkäuferin erstach und zwei andere einen Pensionisten halb tottraten, rief die rechtsextreme „Slowakische Gemeinschaft“ zum „Marsch gegen den Zigeunerterror“.

400 Glatzen kamen, freuten sich über reichlich Zuspruch der Bewohner und konnten nur durch ein massives Polizeiaufgebot daran gehindert werden, die Roma- Siedlung zu stürmen. Diese Siedlungen, sie sind eigentümliche Orte, versteckt, verstohlen, an den Rand gedrängt. Orte mit eigenen Regeln, Riten und Rythmen, fast unsichtbar, undurchschaubar und doch existieren in der Slowakei mehr als 800 davon.

Der Weg dorthin führt über matschige Pfade, schmutzige Wege, Trassen, gesäumt mit Müll. Abstieg in das Herz von Ostrovany, dorthin, wo zwei Drittel seiner Bewohner hausen. Der Regen wird nun stärker, das Gebell der Hunde lauter, der Rauch aus den Hütten dichter. Kleine Kinder, oft bloß Lumpen am Leib tragend, laufen umher. Sie lachen. Sie lachen inmitten der Apokalypse, spielen inmitten von Müllbergen, an einem Ort, der auf uns wie ein Vorhof zur Hölle wirkt. Aus den Bretterverschlägen dröhnt Musik, durch die Fenster schimmern Fernsehschirme. Der Strom, der sie betreibt, wird abgezweigt. Fließend Wasser gibt es erst weiter hinten, wo die Häuser gemauert sind und jene Alten leben, die im Kommunismus noch arbeiteten.

Einst zogen sie als Musikanten, Hufschmiede und Erntehelfer durchs Land, galten als „Kinder des Windes“, waren mal hier, mal dort. „Doch das ist Jahrzehnte her“, sagt Roman Conka, der eine monatliche Roma-Zeitung leitet, „mittlerweile haben ganze Generationen die Hoffnung auf Arbeit aufgegeben und sich an den Bezug der Sozialhilfe gewöhnt.“ Es sind unangenehme Wahrheiten, die er ausspricht und die jeder sehen kann, der aufhört, die Lage in den Roma- Slums zu idealisieren.

Wer die Augen öffnet, sieht Kinder, die bloß Lumpen tragen, während die Eltern in der Hütte teils vor Plasmafernsehern lungern. Er sieht Kinder, die kaum zur Schule geschickt werden, damit der „Vajda“, der Patriarch einer Sippe, später nicht die Macht über sie verliert. Und er sieht auch Paläste inmitten des Elends, gelb verputzt, mit einem BMW in der Auffahrt – das Domizil des „Wucherers“, jenes Menschen also, der Geld zu horrenden Konditionen verleiht und die Schuldner dann zum Betteln und Stehlen in die Hauptstädte Westeuropas karren lässt. Von „Rassismus“, „Diskriminierung“ und einer „neuen Berliner Mauer“ sprechen die Menschen hier und geben dem Bürgermeister die Schuld daran.

Der sitzt vor ausgebreiteten Plänen im Gemeindeamt und berichtet von seinem Scheitern. Von der „Aktivierungsarbeit“, mit der sich die Roma die Sozialhilfe aufbessern können, wenn sie dafür etwa ihre Siedlung säubern. Der Schmutz blieb, das Geld floss trotzdem – „denn ich habe auch ein Herz.“ Als Cyril Revák nach der Wende gewählt wurde, lebten 500 Roma in Ostrovany. „Heute sind es 1.200 und fast alle sind arbeitslos – wo soll das nur enden?“

Die Mauer ist sein Sieg und seine Niederlage zugleich. Er ließ sie errichten, „um die Diebstähle zu stoppen“ und wohl auch um jene Mitbürger zu besänftigen, „die mir jeden Tag vorrechnen, dass ein Rom mit sechs Kindern allein durch Sozialhilfe doppelt so viel ,verdient‘ wie ein gewöhnlicher Arbeiter.“ „So manches Vorurteil stimmt“, gesteht Journalist Conka ein, „aber dennoch sind Rassismus und Diskriminierung weit verbreitet. Die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen sind derart angespannt, dass mittlerweile ein Tropfen reicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen – und dann hilft auch keine Mauer mehr…“

(Erschienen in NEWS 46/09)

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