Im Herz der Islamisten

Veröffentlicht in Ägypten - Islamisten mit den Tags , , , , , , , , , am 17. Januar 2012 von lehermayr

ÄGYPTEN. Auf Facebook folgt die Scharia. Kommt mit den Wahlsiegern nun der Gottesstaat am Nil? Ein Einblick ins Innere der Islamistenszene.

Ach ja“, sagt der Bärtige beiläufig. Er blickt dabei fast genüsslich aus dem Fenster seines Büros im elften Stock hinab auf den Nil: „Sie finden uns auch auf Facebook und Twitter.“

Bloß Minuten zuvor sprach er noch von den Vorzügen der Vollverschleierung für Frauen. Der Notwendigkeit, Alkohol zu verbieten und seinem Graus vor weiblicher Freizüglichkeit in Form von Bikinis. Kein Widerspruch. Für Mohamed Nour genauso wenig wie für die, die er vertritt – die Salafisten. Deren „Nur“-Partei ist der Überraschungssieger der ersten freien Wahlen in Ägyptens Geschichte. Der Alptraum des Westens und der beste Beweis für dessen Naivität.

Zur „Facebook-Revolution“ kürten die Analysten den Sturz Hosni Mubaraks vor fast einem Jahr. Schrieben voll Euphorie von der liberalen Kraft all der „Twitterer“ und „Facebookler“, die damals den Tahrir-Platz besetzt hielten – und irrten sich gewaltig.

Ungläubig starren sie nun auf die Ergebnisse der gerade zu Ende gegangenen Wahlen. Zwei Drittel aller Stimmen für die Islamisten: mehr als 40 Prozent für die Muslimbrüder und fast 25 für die noch extremeren Salafisten. Das bevölkerungsreichste und wichtigste arabische Land gibt den Ton vor, bestätigt das, was sich schon in Tunesien abzeichnete und von Libyen bis bald auch Syrien seine Fortsetzung finden wird: den Siegeszug der Islamisten.

Doch wer sind sie? Diese Jünger Allahs. Was wollen sie? Den Gottestaat? Den zweiten Iran samt Hand abhacken und Steinigung? Und wohin steuern sie ihre Länder? Die Antwort liegt irgendwo zwischen Taliban und Erdogan – also Afghanistans Gotteskriegern und dem moderat-islamischen türkischen Premier. Der Weg zur Wahrheit hält so manche Überraschung bereit und beginnt dort, wo alles endete.

Der Tahrir-Platz ist an diesem warmen Wintertag gut gefüllt. Es sind Tausende, die nichts zu tun haben mit den Bildern, die wir aus dem Fernsehen kennen. Bärtige in Pluderhosen, in Gewändern, wie sie wohl zu Zeiten des Propheten im 6. Jahrhundert modern waren. Dazwischen ein paar Frauen im Niqab – der schwarzen Vollverschleierung, die in Saudi- Arabien üblich ist, wie sie in Ägypten aber bis weit in die 90er-Jahre kaum jemand trug.

Sie alle blicken auf eine rasch zusammengezimmerte Holztribüne. Auf Männer mit Mikrofonen, die einen Satz stets wiederholen. „Der Koran“, so schallt es über den Platz, „ist die Lösung. Die Scharia unser Gesetz.“ Es sind die Salafisten, die hier aufmarschiert sind. Jünger des Propheten, die sich nach dessen reiner Lehre sehnen, so leben wollen wie er – vor 1.400 Jahren.

Unfreiheit durch Demokratie.

Deshalb auch ihr Name, abgeleitet vom Arabischen „Salaf“, den Vorfahren. Sie sehen sich als die Frömmsten, die Reinsten, die Kompromisslosesten. Predigten im Untergrund, als Mubarak noch herrschte, sandten ihre Botschaften über die TV-Sender, die er ihnen gewährte und verzichteten im Gegenzug auf jegliches politisches Engagement. Auch als die Revolution begann, blieben sie anfangs still. „Wären wir damals aufgetaucht, hätten sie uns sofort eingesperrt und der Westen die Bestätigung dafür gehabt, dass es stimmte, wenn Mubarak vor den Islamisten warnte“, sagt deren Anführer, Emad Abdel-Ghaffour.

Er empfängt uns auf der Holztribüne, legt für uns aus dem Westen sein „Weichspülprogramm“ ein und kann doch nicht verbergen, wonach es ihm und seinen Anhängern dürstet. Denn es macht einen Unterschied, ob die Salafisten mit Journalisten sprechen oder zu ihren Anhängern in den Armenvierteln des Landes. Nur denen gilt die wahre Botschaft, Salafismus pur, die reine Lehre.

Und die lautet dann etwa, dass „Demokratie – also die Herrschaft des Menschen und nicht jene Allahs – eine Sünde“ sei, wie ein Kandidat im Fernsehen ausführte. Ein anderer bat dort darum, zwischen ihm und der unverschleierten Moderatorin eine Trennwand zu errichten, damit er sich in Zaum halte. So wird auch klar, weshalb die jeder Partei vom Staat vorgeschriebene, weibliche Pflichtkandidatin auf den Plakaten der Salafisten nicht mit Foto abgebildet wurde, während ihre bärtigen Brüder von den Hauswänden grinsten.

Beginnend bei den Frauen – denen ein anderer Kandidat die Verhüllung empfahl, „da ihre Gesichter wie Geschlechtsorgane“ seien – offenbart sich ein Bild, das jeden beängstigen muss, der das Land am Nil von früher kennt. Insbesondere aber jene, die die Folgen des Wandels Tag für Tag zu spüren bekommen. Einer von ihnen ist Pater Arsanious.

Bei den Verfolgten.

In seiner schwarzen Kutte wartet er vor der Sankt Marien- Kirche in Kairos Norden. Gläubige küssen unentwegt seine Hand, er lächelt milde und blickt auf die hohen Mauern und die Kameras, die sein Gotteshaus umgeben. „Ach Furcht“, sagt er, während seine Augen Milde ausstrahlen, „seit es uns Christen gibt, werden wir verfolgt. Gewalt gab es und wird es geben. Aber Angst ist ein schlechter Begleiter.“ Der Pater verschweigt lieber, dass erst vor drei Jahren ein Anschlag mit einer Nagelbombe auf seine Kirche verübt wurde. Er spricht auch nicht von der Rolle der Salafisten als Zündler, die aufhetzen und landesweit Gebetshäuser in Brand steckten. Es ist ihm nicht zu verdenken.

Denn hier leben Muslime und koptische Christen Tür an Tür – oft neben, selten miteinander und das Klima am Nil wird dieser Tage rauer.

Aber ist das, was die Salafisten von sich geben, vielleicht nur Getöse? Genauso wie ihr Gerede von den Pyramiden, die man verfallen lassen sollte, da sie Zeugnis einer verkommenen Kultur seien? Ist der Flirt mit der Scharia bloß Vorwand, eine extremistische Spitze?

82 Prozent fürs Steinigen.

Nicht, wenn man einer groß angelegten Umfrage des Pew- Instituts glaubt. Danach befürworten 77 Prozent der Ägypter, Dieben die Hand abzuhacken und gar 82 Prozent fordern, Sittlichkeitsverbrecher künftig zu steinigen. Die Salafisten sind nach diesen Maßstäben weit mehr in der Mitte der Gesellschaft als erwartet und das Land am Nil weit näher an Afghanistan als angenommen.

Und doch macht Frömmigkeit die Mäuler nicht satt – ganz besonders nicht in Ägypten, wo 35 Millionen Menschen gerade ein Euro am Tag zum Überleben bleibt. Liberale hoffen, dass genau diese Tatsache, den Islamisten zum Verhängnis werden könnte: bringen sie das Land wirtschaftlich nicht auf Vordermann, verlieren sie rasch die Unterstützung ihrer Wähler. Aber, wer sich auf die Suche nach den wahren Wahlsiegern begibt, den beschleicht bald eine gegenteilige Erkenntnis.

Erste Station: die Mustafa- Mahmoud-Klinik im feinen Westen Kairos. Umringt von einer stattlichen Moschee, umsorgen die Muslimbrüder hier Arme, schulen deren Kinder im Koran, bieten aber auch kostengünstige Behandlungen und versorgen tausende Familien mit Nahrungsmitteln. Ähnlich wie die Salafisten, die sich derartige Wohltaten von den Golfstaaten sponsern lassen,zählen landesweit hunderte derartiger Einrichtungen zum Erfolgsrezept der Bruderschaft. Sie waren dort, wo der Staat versagte, halfen im Namen Allahs und gerieten dabei nie in den Verdacht, korrupt zu sein. Und nun, nach Jahrzehnten, in denen die Brüder auf derartige Taten beschränkt blieben, können es ihnen die Armen erstmals danken – mit ihren Stimmen.

Wir wollen die noblen Gönner kennen lernen. Mit jenen sprechen, die über 40 Prozent der Stimmen errangen. An der Pforte der Klinik werden wir abgewiesen. „Kommt morgen nach Gizeh“, heißt es, „dort könnt ihr die Führer der Muslimbruderschaft treffen.“

Ein Rat an die Frauen.

Zum Abschied werden uns Folder überreicht – in Englisch, Französisch und auch auf Deutsch. Eine Fibel, die die Fragen aller Frauen beantworten soll, die scheuen, zum Islam überzutreten. Gedruckt im Auftrag der Bruderschaft, für Männer, die etwa eine Christin heiraten wollen. Der Zögerlichen, die Angst vor häuslicher Gewalt beschleicht, wird darin beschieden, „dass das Schlagen nicht zu heftig“ ausfällt und „das Gesicht zu vermeiden ist.“ Mitgeliefert wird das passende Koran-Zitat: „Wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, vermahnt sie, dann meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“

Nun aber Gizeh, ganz nah an den Pyramiden, die zweite Station. Das „Hilton“ haben sie sich ausgesucht, die Herren der Bruderschaft. „Gott ist unser Ziel. Der Prophet unser Führer. Der Koran unsere Verfassung. Der heilige Krieg unser Weg. Der Tod für Gott unser nobelster Wunsch.“ Derart radikal trat die 1928 gegründete Muslimbrüderschaft einst auf – auch der Nachfolger Osama Bin Ladens als Al Kaida-Führer, Aiman al-Zawahiri, entstammt ihren Rängen.

Die heutigen Vertreter haben der Gewalt abgeschworen, kommen in Anzug und Krawatte und lassen ihr Parteiprogramm verteilen. Unter dem Punkt „Minderheiten“ finden sich darin deren Positionen zu „Frauen“ und „Kopten“. Dem Westen wird vorgeworfen, „zwar materiell, aber nicht moralisch fortgeschritten“ zu sein. Für den Tourismus werden „Einschränkungen“ gefordert, „die die Moral und Werte unserer Gesellschaft berücksichtigen und Besuchern vorab mitzuteilen sind.“

Das ist also die Partei, die künftig am Nil das Sagen hat. Und die unmittelbar nachdem sie ihren Wahlsieg eingefahren hatte, das Friedensabkommen mit Israel in Frage stellte – wenngleich sie ein solches Vorhaben im Wahlkampf stets bestritt. Der „Weichspüler“ ist ausgeschaltet, Ägypten aufgewacht. Und der Westen?

Erschienen in NEWS 02/2012

Hier gibt es das Video zur Reportage aus Kairo

Die gestohlene Revolution

Veröffentlicht in Ägypten - Revolution, Teil 2, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Dezember 2011 von lehermayr

MITTEN IM KAIRO-CHAOS. Gewalt, Tränengas, Tote. Die Revolte gegen die Macht der Militärs. Und die Wahrheit über die Profiteure im Ägypten von Morgen: die Islamisten.

Für Hasan steht alles auf dem Spiel. Sein Augenlicht, sein Leben, seine Zukunft. Kehrt er zurück, wird es so sein wie damals, Anfang des Jahres: junge Menschen, enthusiastisch, mutig, tapfer, zu allem bereit. Ein gemeinsamer Feind, ein Ziel, eine alles verbindende Hoffnung: das freie, das bessere Ägypten.

Hasan weiß aber auch, wie die Wirklichkeit auf dem Tahrir- Platz aussieht. Er erinnert sich an die Freunde, die sterben. An die Tränengasgranaten, die neben ihm einschlagen. Den bläulichen Rauch, den sie freisetzen. Der ihn husten, spucken, würgen lässt. Ihn zum Taumeln bringt, ihm die Kraft raubt. Er kennt die prügelnden Polizisten, die Schlagstöcke, die Gewalt. Weiß, was es heißt, wenn ein Regime, um sein Überleben kämpft. Er braucht nur in den Spiegel zu blicken, um zu sehen, was es angerichtet hat.

Verbündete und Feinde.

Hasan ist 23 Jahre alt, ausgebildeter Arzt und auf einem Auge erblindet. „Ein Gummigeschoß der Polizei, in den ersten Tagen der Revolution“, erklärt er, während er Mullbinden und Verbandszeug herrichtet.

Es ist früher Nachmittag am Tahrir-Platz, jenem zentralen Ort Kairos, wo schon einmal Geschichte geschrieben wurde. Dort, wo im Februar Hunderttausende den Langzeitherrscher Hosni Mubarak stürzten, hängen erneut Tränengasschwaden in der Luft. Wieder wird scharf geschossen, gibt es Hunderte Verletzte und bereits Dutzende Tote.

„Ich zögerte keinen Moment, hierher zurückzukehren“, sagt Hasan nun, „immerhin gilt es, das zu vollenden, was wir schon abgeschlossen glaubten. Jene zu stürzen, von denen wir annahmen, sie seien Vergangenheit.“

Er will weitererzählen, von der Hoffnung, die sie damals hatten, als Mubarak zurücktrat. Davon, dass sie es anfangs nicht fassen konnten, tatsächlich gesiegt zu haben. Und auch eingestehen, als wie naiv sich diese Annahme letztlich erweisen sollte. Doch ständig tragen Männer neue Verletzte heran. Vom Tränengas bewusstlos Gewordene. Von Gummigeschoßen Getroffene. Von scharfer Munition Verletzte. Blutende. Brüllende. Leidende. Opfer „der unvollendeten Revolution“, wie Hasan jene nennt, die er nun in inmitten des Tahrir- Platzes notdürftig verarztet.

Rund um ihn wächst längst kein Gras mehr. Pflastersteine wurden herausgerissen, zu Wurfgeschoßen umfunktioniert. Im ungleichen Kampf der jungen Demonstranten gegen eine gut gerüstete Polizei. Seit vergangenem Samstag wiederholt sich die Geschichte.

Nun ist aber nicht der Diktator der Gegner, sondern das Diktat des Militärs. Jene Männer in Uniform, die versprochen hatten, dem Volk zu Demokratie und Freiheit zu verhelfen, sind zu Feinden geworden. Vergessen sind die Fotos der jungen Revolutionäre, die Soldaten auf ihren Panzern umarmen, sie küssen und ihnen Dankesgaben bereiten. Die Demonstranten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die wahren Pläne der Generäle zu spät durchschaut zu haben.

Die Taktik der Militärs.

„Ja, wir waren da schon ein wenig blauäugig“, gesteht Mabrook al-Asch im Gespräch mit NEWS ein. Er ist ein stämmiger, kräftiger Mann in Camouflage- Hosen. Ein Blogger, einer der führenden Figuren aus der Generation Facebook, der mit der Jugendbewegung des 6. April damals ganz vorne stand im Kampf gegen das Regime Mubarak.

Nun berichtet er von „13.000 Menschen, die seit Februar vor Militärtribunale gestellt wurden“, von inhaftierten Bloggern und gefolterten Aktivisten. Er schildert, wie das Militär den Übergang zur Demokratie verschleppte, Zeit gewann, ehemalige Mubarak-Getreue schützte und zuließ, dass diese bei den am kommenden Montag beginnenden, sich insgesamt fast drei Monate lang hinziehenden Parlamentswahlen kandidieren.

„Es hat sich nichts geändert: Das Militär will sich auch in Zukunft Sonderrechte sichern, über der Verfassung stehen, keinen Einblick in sein Budget zulassen und die Macht nicht abgeben. Es ist wie damals bei Mubarak.“

All das verwundert wenig angesichts der Geschichte von Ägyptens Armee, welche mit fast einer halben Million Soldaten die zehntgrößte Streitmacht der Welt stellt. Seit der von den „freien Offizieren“ um Nasser angeführten Revolution im Jahr 1952 ist sie zu einem Staat im Staate geworden.

Die Rolle der Amerikaner.

Alle bisherigen Präsidenten entstammten ihren Reihen, und sie kontrolliert mit eigenen Betrieben, Immobilien, Restaurantketten und Tankstellen weite Teile der Wirtschaft. Offiziere verfügen über Privilegien, von denen die breite, verarmte Masse der Ägypter nicht einmal zu träumen wagt.

Hinter hohen Mauern entlang Kairos Nilpromenade verbergen sich ebenso exklusive Militärspitäler wie noble Rückzugsresidenzen für die Generalität. Der für gewöhnlich gut informierte militärische Fachverlag Jane’s schätzt das jährliche Gesamtbudget der Armee auf 4,5 Milliarden Dollar – wobei ein Viertel davon direkt von den USA an den Verbündeten am Nil überwiesen wird, das dort wiederum sogleich in Waffen amerikanischer Herkunft reinvestiert wird.

Die Armee kann kein Interesse daran haben, ihre Sonderstellung allzu schnell und freiwillig aufzugeben. Und auch die USA setzen darauf, lieber ihre alten Vertrauten als letzte Instanz installiert zu sehen, als sich künftig mit den wahren Profiteuren der Revolution herumschlagen zu müssen.

Die Revolution wurde gekapert – abgewürgt und ausgebremst von nicht weichen wollenden Militärs und ausgenützt von Islamisten, welche sich noch im Frühling augenscheinlich im Hintergrund hielten. Mabrook al-Asch, der Revolutionär der ersten Stunde, sitzt nun mit seinen Getreuen ganz am Rande des Tahrir. Es ist Freitag, der 18. November, 24 Stunden später werden bereits die ersten Schüsse fallen.

Die Macht der Islamisten.

„Sie haben uns in Verruf gebracht“, klagt er, „behauptet, wir wären vom Ausland finanziert, verantwortlich für die Zunahme der Kriminalität und die steigenden Preise. Aber das ist nun vorbei, die Militärs haben den Bogen überspannt. Wir sind zurück am Tahrir, und wir werden nicht weichen.“ Da ist er wieder, der revolutionäre Eifer, der Glaube, ja, die Hoffnung, den Stillstand am Nil endlich überwinden zu können, den Anschluss zu finden an eine moderne Welt.

Doch der Blogger sieht auch, was sich seit jenen revolutionären Tagen des „arabischen Frühlings“ verändert hat. Er braucht nur über den Platz zu blicken, der einst der ihre war, um zu erkennen, wie ein „islamischer Herbst“ aussieht. Dort, mitten auf dem Tahrir, stehen eilig errichtete Holzbühnen, von denen bärtige Männer in Kaftanen und Kutten in Megafone brüllen. Längst haben sie den Platz mit Hunderttausenden von Anhängern unter ihre Kontrolle gebracht.

Das Trugbild des Westens.

Die Revolutionäre, die auf Facebook und Twitter setzen, stehen abgedrängt am Rand, fortan verurteilt zur bloßen Beobachterrolle. „Ägypten ist eben ein frommes Land“, meint Blogger al-Asch schulterzuckend, „und wir müssen die Islamisten wohl akzeptieren, wenn wir Demokratie wollen.“

„Der Islam ist die Lösung“, dröhnt es von der einen Bühne, „der Koran ist unsere Verfassung“ von einer anderen. All jene westlichen Beobachter, die vom direkten Übergang der Diktatur in einen säkularen Staat am Nil träumten und in ihren Analysen nicht aufhörten, den Einfluss der Islamisten auf Ägyptens Zukunft herunterzuspielen, werden hier Lügen gestraft. Kairo gleicht an diesem Freitag, bloß Stunden von der Gewaltexplosion entfernt, mehr einem Kalifat als einer Bastion des Wandels hin zu Freiheitsund Menschenrechten.

Voll verschleierte Frauen tragen Plakate vor sich her, auf denen die Freilassung von Scheich Rahman gefordert wird. Dabei handelt es sich um einen Kleriker ägyptischer Herkunft, der in Verbindung mit den ersten Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 1993 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dessen militante radikalislamische „al-Dschama’a al-islamiyya“ verübte etwa 1997 den Terrorakt im ägyptischen Luxor, bei dem 62 Touristen starben. In der EU und den USA wird sie als Terrororganisation geführt – und hier in Ägypten gründete sie gerade eine eigene Partei, die nun zu den Wahlen antritt.

Deren Sieger – sofern sie angesichts der Gewaltwelle überhaupt stattfinden – steht ohnedies bereits fest. Es sind die islamistischen Muslimbrüder beziehungsweise deren „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“.

Das Netz der Bruderschaft.

Sie waren dort, wo der Staat scheiterte, überzogen das Land, mit Spitälern, Armenausspeisungen und an Moscheen angeschlossene Sozialeinrichtungen. Wenn das Regime Mubarak sie verfolgen ließ, sie in den Kerker steckte und als potenzielle Terroristen brandmarkte, wirkten sie weiter aus dem Untergrund heraus. Es ist eine – gerade im Westen – von Mythen umrankte Verbindung, die 600.000 Mitglieder zählt und schon jetzt zu den Gewinnern im neuen Ägypten zählt. Es sind oft Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Lehrer, die ihr Rückgrat bilden, schon da waren, als sich keiner kümmerte, und nun die Ernte einfahren.

Essam el-Erian ist einer ihrer Anführer, ein Kinderarzt, der zum moderaten Flügel der Bruderschaft gezählt wird. Während auf dem Tahrir bereits Steine fliegen und die Polizei auf Anweisung der Militärs mit scharfer Munition antwortet, gewährt er NEWS eines seiner äußerst raren Interviews (siehe links). Ein Wolf im Schafspelz? Einer, der es gelernt hat, abzuwiegeln und abzuwarten? Für Ägypten steht in diesen Tagen wieder einmal alles auf dem Spiel.

Erschienen in NEWS 47/2011

Das Video zur Reportage

Leaving Las Vegas

Veröffentlicht in REPORTAGEN, USA - Las Vegas mit den Tags , , , , am 11. November 2011 von lehermayr

ENDSTATION TUNNEL. Die „Stadt der Sünde“ als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der „American Dream“ ausgeträumt ist.

Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.

Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.

Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.

Im Epizentrum der Rezession.

Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.

Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?

„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.

Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.

Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.

Skelette im Wüstensand

Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.

Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.

„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“

Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.

„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.

,Da läuft etwas gehörig falsch‘

Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.

Prämien und Prügel

Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“

Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“

Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“

Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.

,Silver Mining‘ am Strip

Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“

Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas….“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.

Erschienen in NEWS 43/2011

Plus: Das Video aus Vegas

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