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“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

“Mein Vater ist sicher am Leben”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Omar Bin Laden mit den Tags , , , , , , , , am 15. Dezember 2009 von lehermayr

BIN LADEN INSIDE. Sein Vater, der Terrorist und Massenmörder. Jetzt spricht Omar Bin Laden, 28.

Seine Stimme klingt sanft, sein Gemüt wirkt ruhig, doch schon das bloße Aussprechen seines Namens reicht aus, um zu erschaudern: Omar bin Laden, Sohn des meistgesuchten Mannes der Welt. Noch nie wurden Details aus dem Familienleben des Terrorpaten bekannt, keiner konnte bislang auch nur erahnen, wie es bei den Bin Ladens zuhause zuging. Der 28-jährige Omar bricht nun das Schweigen. Im Exklusivinterview mit NEWS erzählt er von seiner bizarren Kindheit, dem Aufwachsen zwischen Gotteskriegern und Kalaschnikows. Osamas Sohn gibt Einblick in den Hass seines Vaters und erinnert sich an sein eigenes Erwachen am Tag nach dem 11. September …

News : Sie sind Osamas viertältester Sohns, wuchsen mit einer Vielzahl von Geschwistern auf. Wie erzog Sie Ihr Vater?

Omar bin Laden: Er war sehr streng. Eine meiner ersten Erinnerungen geht zurück zu der Zeit, als er in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte. Er kehrte oft monatelang nicht heim, und als er endlich da war, saß er im Wohnzimmer über ausgebreiteten Karten. Ich war damals ein kleiner Bub, der nichts mehr wollte als die Aufmerksamkeit seines Vaters, also lief ich vor ihm herum, hoffte, dass er mich beachten würde. Plötzlich stand er auf und sagte, ich solle meine Brüder holen.

News: Was geschah danach?

Bin Laden: Ich freute mich, dachte, er würde nun mit uns allen spielen. Doch wir mussten uns in einer Reihe aufstellen, und er begann mit seinem Spazierstock auf uns einzuschlagen. Danach lief ich weinend zu meinen Pferden. Es war die erste von vielen Prügeln, die noch folgen sollten.

News: Überlebenstrainings in der Wüste zählten auch zur Erziehung. Wie lief das ab?

Bin Laden: Seine Söhne sollten so werden wie er – stärker, gestählter und ausdauernder als alle anderen Männer. Wir liefen stunden-, ja tagelang ohne Wasser durch die Wüste, bis wir unsere Beine nicht mehr spürten. Unsere Kehlen waren so trocken, dass das Atmen weh tat. Mein Vater genoss es, an seine Grenzen zu gehen, und erwartete dasselbe von uns, doch wir hassten, was er tat.

News: Sie sind ein Zeuge des Entstehens von al-Qaida, waren selbst in den Terrorcamps Ihres Vaters und lernten seine Gotteskrieger kennen. Wer sind diese Männer?

Bin Laden: Es sind Männer, die getrieben sind von Hass, von Hass auf den Westen, von Hass auf die Juden und insbesondere auf Amerika. Diese Männer sind überzeugt davon, dass es ihre Pflicht als Muslime ist, im Heiligen Krieg, dem Jihad, zu kämpfen und so dem Islam zu dienen. Gerade bei den jüngeren Kämpfern in den Ausbildungscamps hatte ich den Eindruck, dass sie vor etwas in ihrer Vergangenheit davonliefen.

News: Sie wuchsen inmitten all dieses Hasses auf. Wie gelang es Ihnen, der Gehirnwäsche zu entgehen und von diesem Hass nicht infiziert zu werden?

Bin Laden: Ich weiß es selbst nicht genau. Nach einem versuchten Anschlag auf ihn, nahm mich mein Vater aus Sicherheitsgründen im Alter von zwölf von der Schule. Fortan erhielt ich nur noch religiösen Unterricht zuhause. Irgendwann begann mir mein Herz aber zu sagen, dass das Leben, welches mein Vater gewählt hatte, nicht zu meinem werden durfte. Schon immer litt ich, wenn ich andere Menschen oder auch Tiere leiden sah. Vielleicht schenkte Gott mir das, was wir als Empathie bezeichnen. Ich könnte nie etwas tun, was anderen Menschen Schmerz zufügt – egal ob physisch oder mental.

News : Das Leben an der Seite von Osama bin Laden glich einer Odyssee, die Sie und Ihre Familie schließlich nach Afghanistan führte. Sie waren 19 Jahre alt, als Sie im Frühling des Jahres 2001, wenige Monate vor dem 11. September, das Land verließen. Ließ Sie Ihr Vater so einfach ziehen?

Bin Laden: Ich kannte bis dahin nur ein Leben – und das war jenes in einer Großfamilie, mit vielen Geschwistern und Tanten, unter der Herrschaft meines Vaters. Entsprechend schwer war es, mir ein anderes, ein normales Leben überhaupt nur vorzustellen, denn es bedeutete auch, meine Familie zurückzulassen.

News: Was wäre die Alternative gewesen?

Bin Laden: Das Leben, das mein Vater für seine Söhne auserkoren hatte – ein Leben als Kämpfer im Heiligen Krieg. Über Jahre quälte mich diese Entscheidung, da sie auch bedeutete, meine Mutter und meine unschuldigen Geschwister, die mich brauchten, zurückzulassen. Es gibt keine Entscheidung in meinem Leben, die mir schwerer fiel. Keine einzige. Aber die Spannungen mit meinem Vater wuchsen ins Unermessliche, es wurde unmöglich, noch länger an seiner Seite zu bleiben, also ging ich und betete für meine Geschwister.

News: Wie erfuhren Sie schließlich vom 11. September?

Bin Laden: Ich war im Haus meiner Großmutter in Jeddah in Saudi-Arabien und schlief, als mein Onkel plötzlich ins Zimmer stürmte und rief: „Schau, was dein Vater angerichtet hat!“ Als ich dann die einstürzenden Twin Towers sah, konnte ich nicht glauben, dass mein Vater für all das verantwortlich sein sollte, ich betete dafür, dass es nicht stimmte, und weigerte mich noch Monate, auch nur anzunehmen, mein Vater könnte hinter all dem stecken.

News : Wann begannen Sie zu realisieren, dass Sie sich irrten?

Bin Laden: Als ich die Stimme meines Vaters hörte, als ich ihn sagen hörte, dass er dafür verantwortlich ist. Erst dann konnte ich es glauben.

News: Wie gehen Sie nun mit diesem Wissen um?

Bin Laden: Es quält mich jeden Tag, es macht mich traurig, und ich fühle mich schlecht wegen jedes einzelnen Opfers.

News: Es gibt Gerüchte, die CIA hätte Sie kontaktiert mit der Bitte, die Agenten bei der Jagd nach Ihrem Vater zu unterstützen. Stimmt das?

Bin Laden: Ich bin mir nicht sicher, ob es die CIA war, aber als ich mich in Spanien befand, kamen Leute aus dem Weißen Haus, um mich zu befragen. Sie waren höflich, legten mir eine Landkarte vor und baten mich, ihnen darauf zu zeigen, wo sich mein Vater aufhält. News: Und, taten Sie es? Bin Laden: Ich weiß nicht, wo er ist. Seit ich Mitte 2001 Afghanistan verlassen habe, hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich habe diesen Männern also gesagt, dass ich nicht zum inneren Kreis um meinen Vater zähle und er deshalb keinen Grund hat, mir mitzuteilen, wo er sich aufhält.

News : Osama bin Laden ist der meistgejagte Mann der Welt. Wundert es Sie nicht, dass er bislang unentdeckt blieb?

Bin Laden: Nein, das wundert mich überhaupt nicht. Sie hätten ein Leben lang an meiner Seite sein sollen und hätten gesehen, wie körperlich stark und ausdauernd mein Vater ist. Seine Kondition ist besser als die eines halb so alten Mannes. Manchmal weckte er mich nachts auf, um von Afghanistan über die Berge nach Pakistan zu ziehen – aber nicht im Jeep, nicht mit dem Pferd, zu Fuß, im Dunkeln. Er kennt die Berge von Tora Bora wie andere nur ihren eigenen Garten, so als ob er selbst jeden einzelnen Stein mit der Hand dort hingelegt hätte.

News: Lebt Ihr Vater noch?

Bin Laden: Ja, denn ich erkenne seine Stimme auf den Audio- Botschaften, und er spricht darin über aktuelle Ereignisse, also muss er am Leben sein.

News: Und glauben Sie, ihn noch jemals wiederzusehen?

Bin Laden: Das ist eine sehr schwierige Frage, die nur Gott beantworten kann.

News: Was würden Sie ihm sagen, sollten Sie noch einmal auf ihn treffen?

Bin Laden: Das Gleiche, was ich ihm schon bei unserem letzten Zusammentreffen sagte: dass er mit der Gewalt aufhören soll, umkehren soll, dass Krieg nicht die Antwort ist. Er wäre vermutlich erneut außer sich darüber, dass sein Sohn seine Visionen nicht teilt. Aber natürlich, er ist auch mein Vater, und Gott hat gewollt, dass Söhne ihre Väter immer lieben werden, also würde ich ihn schließlich auch fragen, wie es ihm denn geht.

(Erschienen in NEWS 50/09)

,In Italien machen sich die Gauner selbst die Gesetze’

Veröffentlicht in Beppe Grillo, INTERVIEWS mit den Tags , , , , am 20. Oktober 2009 von lehermayr

Grillo will gegen Mochovce kämpfen (Foto: Luca Faccio)

Beppe Grillo über Mafia & leichte Mädchen und warum er nach Wien kommen will.

News: Seit Sie vor 61 Jahren geboren wurden, gab es in Italien auch 61 Regierungen. Sind die Italiener unregierbar?

Beppe Grillo: Dazu müsste es erst einmal Italiener geben. Aber wir sind Genuesen, Mailänder, Toskaner, Römer… – uns fehlt die gemeinsame Identität. Aber solltet ihr Österreicher euch irgendwann Triest zurückholen wollen, wäre ich der erste, der freiwillig dorthin auswandert.

News: Das bringt uns zu Berlusconi. Ganz Europa fragt sich mittlerweile, was die Italiener an diesem Mann noch finden, wieso sie ihn nun schon drei Mal zum Premier wählten?

Grillo: Warum kauft jemand ein Produkt, das die Umwelt verschmutzt? Berlusconi ist kein Mensch, sondern eine Werbebotschaft, die alles verspricht und nichts hält. Berlusconi ist einer, der am Vormittag im Parlament Gesetze beschließt und abends zu einer Nutte geht. Das ist einer, der direkt vom Besuch bei Mafia-Größen zu den Erdbebenopfern von L‘Aquila fährt.

News: Aber dennoch haben ihm bislang scheinbar weder Sexskandale noch Betrugsvorwürfe geschadet.

Grillo: Das würden sie Ihnen auch nicht, wenn Ihnen sieben Fernsehsender und drei große Zeitungen gehörten.

News: Erst kürzlich gingen in Rom ja 300.000 Menschen auf die Straße, um für die Pressefreiheit zu demonstrieren.

Grillo: Ja, jetzt protestieren die Journalisten, lange schwiegen sie. Das ist so, wie eine Prostituierte, die demonstriert, um wieder Jungfrau zu werden.

News: Und nun wollen Sie, der Jahrzehnte über Politiker witzelte, selbst einer werden?

Grillo: Halt, halt, ganz so ist es nicht. Ich gründe eine Bewegung, die engagierten Leuten eine Plattform bietet und die nun auch bei den Regionalwahlen im Frühjahr erstmals antreten wird. Alles begann damit, dass ich das Internet für mich entdeckte: Nehmen Sie meine Bekanntheit, mein Gesicht und diese neue Technologie und was herauskommt, ist eine Atombombe. Das ist eine digitale Revolution, die die Art, wie Politik gemacht wird, vollkommen verändert, eine Bewegung von unten, mit der sich die Menschen ihren Staat zurückholen.

News: Aber wie wollen Sie so Berlusconi loswerden?

Grillo: Berlusconi ist doch schon längst tot, nur weiß er es noch nicht, weil er das Internet nicht versteht. Hunderttausende Menschen organisieren sich dort, debattieren Vorschläge, stimmen darüber ab und üben so Druck auf die Politik aus. Nur in Italien machten sich bislang die Gauner selbst die Gesetze.

News: Was sind Ihre Inhalte?

Grillo: Umweltverträgliches Wachstum, Regionalisierung statt Globalisierung und der Kampf gegen die Korruption.

News: Hätte ein Grillo auch in Österreich eine Chance?

Grillo: Grillos wird es überall dort geben, wo Politiker nicht für das Volk, sondern darüber hinweg regieren. Wenn Ihr wollt, komme ich gern nach Wien, um zu sehen, wie es bei Euch so zugeht. Wichtig wäre, etwas gegen Mochovce zu unternehmen, das mit viel Geld vom italienischen Energiegiganten Enel ausgebaut wird. Auf in den Kampf dagegen!

(Erschienen in NEWS 41/09)

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