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	<title>Christoph Lehermayr</title>
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	<description>Eastern Europe and beyond</description>
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		<title>Im Herz der Islamisten</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Jan 2012 16:23:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ägypten - Islamisten]]></category>
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		<description><![CDATA[ÄGYPTEN. Auf Facebook folgt die Scharia. Kommt mit den Wahlsiegern nun der Gottesstaat am Nil? Ein Einblick ins Innere der Islamistenszene. Ach ja“, sagt der Bärtige beiläufig. Er blickt dabei fast genüsslich aus dem Fenster seines Büros im elften Stock hinab auf den Nil: „Sie finden uns auch auf Facebook und Twitter.“ Bloß Minuten zuvor [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=542&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/muslimbruderschaft.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-545" title="Gemeinsames Gebet der Führungsspitze der Muslimbruderschaft in Gizeh (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/muslimbruderschaft.jpg?w=450&#038;h=298" alt="" width="450" height="298" /></a>ÄGYPTEN. Auf Facebook folgt die Scharia. Kommt mit den Wahlsiegern nun der Gottesstaat am Nil? Ein Einblick ins Innere der Islamistenszene.</strong></p>
<p>Ach ja“, sagt der Bärtige beiläufig. Er blickt dabei fast genüsslich aus dem Fenster seines Büros im elften Stock hinab auf den Nil: „Sie finden uns auch auf Facebook und Twitter.“</p>
<p>Bloß Minuten zuvor sprach er noch von den Vorzügen der Vollverschleierung für Frauen. Der Notwendigkeit, Alkohol zu verbieten und seinem Graus vor weiblicher Freizüglichkeit in Form von Bikinis. Kein Widerspruch. Für Mohamed Nour genauso wenig wie für die, die er vertritt – die Salafisten. Deren „Nur“-Partei ist der Überraschungssieger der ersten freien Wahlen in Ägyptens Geschichte. Der Alptraum des Westens und der beste Beweis für dessen Naivität.</p>
<p>Zur „Facebook-Revolution“ kürten die Analysten den Sturz Hosni Mubaraks vor fast einem Jahr. Schrieben voll Euphorie von der liberalen Kraft all der „Twitterer“ und „Facebookler“, die damals den Tahrir-Platz besetzt hielten – und irrten sich gewaltig.</p>
<p>Ungläubig starren sie nun auf die Ergebnisse der gerade zu Ende gegangenen Wahlen. Zwei Drittel aller Stimmen für die Islamisten: mehr als 40 Prozent für die Muslimbrüder und fast 25 für die noch extremeren Salafisten. Das bevölkerungsreichste und wichtigste arabische Land gibt den Ton vor, bestätigt das, was sich schon in Tunesien abzeichnete und von Libyen bis bald auch Syrien seine Fortsetzung finden wird: den Siegeszug der Islamisten.</p>
<p>Doch wer sind sie? Diese Jünger Allahs. Was wollen sie? Den Gottestaat? Den zweiten Iran samt Hand abhacken und Steinigung? Und wohin steuern sie ihre Länder? Die Antwort liegt irgendwo zwischen Taliban und Erdogan – also Afghanistans Gotteskriegern und dem moderat-islamischen türkischen Premier. Der Weg zur Wahrheit hält so manche Überraschung bereit und beginnt dort, wo alles endete.</p>
<p>Der Tahrir-Platz ist an diesem warmen Wintertag gut gefüllt. Es sind Tausende, die nichts zu tun haben mit den Bildern, die wir aus dem Fernsehen kennen. Bärtige in Pluderhosen, in Gewändern, wie sie wohl zu Zeiten des Propheten im 6. Jahrhundert modern waren. Dazwischen ein paar Frauen im Niqab – der schwarzen Vollverschleierung, die in Saudi- Arabien üblich ist, wie sie in Ägypten aber bis weit in die 90er-Jahre kaum jemand trug.</p>
<p>Sie alle blicken auf eine rasch zusammengezimmerte Holztribüne. Auf Männer mit Mikrofonen, die einen Satz stets wiederholen. „Der Koran“, so schallt es über den Platz, „ist die Lösung. Die Scharia unser Gesetz.“ Es sind die Salafisten, die hier aufmarschiert sind. Jünger des Propheten, die sich nach dessen reiner Lehre sehnen, so leben wollen wie er – vor 1.400 Jahren.</p>
<p><strong>Unfreiheit durch Demokratie.</strong></p>
<p>Deshalb auch ihr Name, abgeleitet vom Arabischen „Salaf“, den Vorfahren. Sie sehen sich als die Frömmsten, die Reinsten, die Kompromisslosesten. Predigten im Untergrund, als Mubarak noch herrschte, sandten ihre Botschaften über die TV-Sender, die er ihnen gewährte und verzichteten im Gegenzug auf jegliches politisches Engagement. Auch als die Revolution begann, blieben sie anfangs still. „Wären wir damals aufgetaucht, hätten sie uns sofort eingesperrt und der Westen die Bestätigung dafür gehabt, dass es stimmte, wenn Mubarak vor den Islamisten warnte“, sagt deren Anführer, Emad Abdel-Ghaffour.</p>
<p>Er empfängt uns auf der Holztribüne, legt für uns aus dem Westen sein „Weichspülprogramm“ ein und kann doch nicht verbergen, wonach es ihm und seinen Anhängern dürstet. Denn es macht einen Unterschied, ob die Salafisten mit Journalisten sprechen oder zu ihren Anhängern in den Armenvierteln des Landes. Nur denen gilt die wahre Botschaft, Salafismus pur, die reine Lehre.</p>
<p>Und die lautet dann etwa, dass „Demokratie – also die Herrschaft des Menschen und nicht jene Allahs – eine Sünde“ sei, wie ein Kandidat im Fernsehen ausführte. Ein anderer bat dort darum, zwischen ihm und der unverschleierten Moderatorin eine Trennwand zu errichten, damit er sich in Zaum halte. So wird auch klar, weshalb die jeder Partei vom Staat vorgeschriebene, weibliche Pflichtkandidatin auf den Plakaten der Salafisten nicht mit Foto abgebildet wurde, während ihre bärtigen Brüder von den Hauswänden grinsten.</p>
<p>Beginnend bei den Frauen – denen ein anderer Kandidat die Verhüllung empfahl, „da ihre Gesichter wie Geschlechtsorgane“ seien – offenbart sich ein Bild, das jeden beängstigen muss, der das Land am Nil von früher kennt. Insbesondere aber jene, die die Folgen des Wandels Tag für Tag zu spüren bekommen. Einer von ihnen ist Pater Arsanious.</p>
<p><strong>Bei den Verfolgten.</strong></p>
<p>In seiner schwarzen Kutte wartet er vor der Sankt Marien- Kirche in Kairos Norden. Gläubige küssen unentwegt seine Hand, er lächelt milde und blickt auf die hohen Mauern und die Kameras, die sein Gotteshaus umgeben. „Ach Furcht“, sagt er, während seine Augen Milde ausstrahlen, „seit es uns Christen gibt, werden wir verfolgt. Gewalt gab es und wird es geben. Aber Angst ist ein schlechter Begleiter.“ Der Pater verschweigt lieber, dass erst vor drei Jahren ein Anschlag mit einer Nagelbombe auf seine Kirche verübt wurde. Er spricht auch nicht von der Rolle der Salafisten als Zündler, die aufhetzen und landesweit Gebetshäuser in Brand steckten. Es ist ihm nicht zu verdenken.</p>
<p>Denn hier leben Muslime und koptische Christen Tür an Tür – oft neben, selten miteinander und das Klima am Nil wird dieser Tage rauer.</p>
<p>Aber ist das, was die Salafisten von sich geben, vielleicht nur Getöse? Genauso wie ihr Gerede von den Pyramiden, die man verfallen lassen sollte, da sie Zeugnis einer verkommenen Kultur seien? Ist der Flirt mit der Scharia bloß Vorwand, eine extremistische Spitze?</p>
<p><strong>82 Prozent fürs Steinigen.</strong></p>
<p>Nicht, wenn man einer groß angelegten <a href="http://www.pewglobal.org/2010/12/02/muslims-around-the-world-divided-on-hamas-and-hezbollah/" target="_blank">Umfrage des Pew- Instituts </a>glaubt. Danach befürworten 77 Prozent der Ägypter, Dieben die Hand abzuhacken und gar 82 Prozent fordern, Sittlichkeitsverbrecher künftig zu steinigen. Die Salafisten sind nach diesen Maßstäben weit mehr in der Mitte der Gesellschaft als erwartet und das Land am Nil weit näher an Afghanistan als angenommen.</p>
<p>Und doch macht Frömmigkeit die Mäuler nicht satt – ganz besonders nicht in Ägypten, wo 35 Millionen Menschen gerade ein Euro am Tag zum Überleben bleibt. Liberale hoffen, dass genau diese Tatsache, den Islamisten zum Verhängnis werden könnte: bringen sie das Land wirtschaftlich nicht auf Vordermann, verlieren sie rasch die Unterstützung ihrer Wähler. Aber, wer sich auf die Suche nach den wahren Wahlsiegern begibt, den beschleicht bald eine gegenteilige Erkenntnis.</p>
<p>Erste Station: die Mustafa- Mahmoud-Klinik im feinen Westen Kairos. Umringt von einer stattlichen Moschee, umsorgen die Muslimbrüder hier Arme, schulen deren Kinder im Koran, bieten aber auch kostengünstige Behandlungen und versorgen tausende Familien mit Nahrungsmitteln. Ähnlich wie die Salafisten, die sich derartige Wohltaten von den Golfstaaten sponsern lassen,zählen landesweit hunderte derartiger Einrichtungen zum Erfolgsrezept der Bruderschaft. Sie waren dort, wo der Staat versagte, halfen im Namen Allahs und gerieten dabei nie in den Verdacht, korrupt zu sein. Und nun, nach Jahrzehnten, in denen die Brüder auf derartige Taten beschränkt blieben, können es ihnen die Armen erstmals danken – mit ihren Stimmen.</p>
<p>Wir wollen die noblen Gönner kennen lernen. Mit jenen sprechen, die über 40 Prozent der Stimmen errangen. An der Pforte der Klinik werden wir abgewiesen. „Kommt morgen nach Gizeh“, heißt es, „dort könnt ihr die Führer der Muslimbruderschaft treffen.“</p>
<p><strong>Ein Rat an die Frauen.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/broschc3bcre.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-559" title="Die angesprochene Broschüre der Mahmoud-Moschee" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/broschc3bcre.jpg?w=168&#038;h=300" alt="" width="168" height="300" /></a>Zum Abschied werden uns Folder überreicht – in Englisch, Französisch und auch auf Deutsch. Eine Fibel, die die Fragen aller Frauen beantworten soll, die scheuen, zum Islam überzutreten. Gedruckt im Auftrag der Bruderschaft, für Männer, die etwa eine Christin heiraten wollen. Der Zögerlichen, die Angst vor häuslicher Gewalt beschleicht, wird darin beschieden, „dass das Schlagen nicht zu heftig“ ausfällt und „das Gesicht zu vermeiden ist.“ Mitgeliefert wird das passende Koran-Zitat: „Wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, vermahnt sie, dann meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“</p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/img_20431.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-561" title="&quot;...vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!&quot; - Die entsprechende Passage aus der Broschüre" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2012/01/img_20431.jpg?w=300&#038;h=168" alt="" width="300" height="168" /></a>Nun aber Gizeh, ganz nah an den Pyramiden, die zweite Station. Das „Hilton“ haben sie sich ausgesucht, die Herren der Bruderschaft. „Gott ist unser Ziel. Der Prophet unser Führer. Der Koran unsere Verfassung. Der heilige Krieg unser Weg. Der Tod für Gott unser nobelster Wunsch.“ Derart radikal trat die 1928 gegründete Muslimbrüderschaft einst auf – auch der Nachfolger Osama Bin Ladens als Al Kaida-Führer, Aiman al-Zawahiri, entstammt ihren Rängen.</p>
<p>Die heutigen Vertreter haben der Gewalt abgeschworen, kommen in Anzug und Krawatte und lassen ihr Parteiprogramm verteilen. Unter dem Punkt „Minderheiten“ finden sich darin deren Positionen zu „Frauen“ und „Kopten“. Dem Westen wird vorgeworfen, „zwar materiell, aber nicht moralisch fortgeschritten“ zu sein. Für den Tourismus werden „Einschränkungen“ gefordert, „die die Moral und Werte unserer Gesellschaft berücksichtigen und Besuchern vorab mitzuteilen sind.“</p>
<p>Das ist also die Partei, die künftig am Nil das Sagen hat. Und die unmittelbar nachdem sie ihren Wahlsieg eingefahren hatte, das Friedensabkommen mit Israel in Frage stellte – wenngleich sie ein solches Vorhaben im Wahlkampf stets bestritt. Der „Weichspüler“ ist ausgeschaltet, Ägypten aufgewacht. Und der Westen?</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 02/2012</em></p>
<p><strong><a href="http://www.news.at/video/aegypten/im-herz-islamisten/1755,11385;450" target="_blank">Hier gibt es das Video zur Reportage aus Kairo</a></strong></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/agypten-islamisten/'>Ägypten - Islamisten</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/542/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/542/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=542&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Die gestohlene Revolution</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 14:52:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[MITTEN IM KAIRO-CHAOS. Gewalt, Tränengas, Tote. Die Revolte gegen die Macht der Militärs. Und die Wahrheit über die Profiteure im Ägypten von Morgen: die Islamisten. Für Hasan steht alles auf dem Spiel. Sein Augenlicht, sein Leben, seine Zukunft. Kehrt er zurück, wird es so sein wie damals, Anfang des Jahres: junge Menschen, enthusiastisch, mutig, tapfer, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=530&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/12/tahrir-kairo.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-531" title="Kairos Tahrir-Platz: Revolution, Teil 2? (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/12/tahrir-kairo.jpg?w=450&#038;h=298" alt="" width="450" height="298" /></a>MITTEN IM KAIRO-CHAOS. Gewalt, Tränengas, Tote. Die Revolte gegen die Macht der Militärs. Und die Wahrheit über die Profiteure im Ägypten von Morgen: die Islamisten.</strong></p>
<p>Für Hasan steht alles auf dem Spiel. Sein Augenlicht, sein Leben, seine Zukunft. Kehrt er zurück, wird es so sein wie damals, Anfang des Jahres: junge Menschen, enthusiastisch, mutig, tapfer, zu allem bereit. Ein gemeinsamer Feind, ein Ziel, eine alles verbindende Hoffnung: das freie, das bessere Ägypten.</p>
<p>Hasan weiß aber auch, wie die Wirklichkeit auf dem Tahrir- Platz aussieht. Er erinnert sich an die Freunde, die sterben. An die Tränengasgranaten, die neben ihm einschlagen. Den bläulichen Rauch, den sie freisetzen. Der ihn husten, spucken, würgen lässt. Ihn zum Taumeln bringt, ihm die Kraft raubt. Er kennt die prügelnden Polizisten, die Schlagstöcke, die Gewalt. Weiß, was es heißt, wenn ein Regime, um sein Überleben kämpft. Er braucht nur in den Spiegel zu blicken, um zu sehen, was es angerichtet hat.</p>
<p><strong>Verbündete und Feinde.</strong></p>
<p>Hasan ist 23 Jahre alt, ausgebildeter Arzt und auf einem Auge erblindet. „Ein Gummigeschoß der Polizei, in den ersten Tagen der Revolution“, erklärt er, während er Mullbinden und Verbandszeug herrichtet.</p>
<p>Es ist früher Nachmittag am Tahrir-Platz, jenem zentralen Ort Kairos, wo schon einmal Geschichte geschrieben wurde. Dort, wo im Februar Hunderttausende den Langzeitherrscher Hosni Mubarak stürzten, hängen erneut Tränengasschwaden in der Luft. Wieder wird scharf geschossen, gibt es Hunderte Verletzte und bereits Dutzende Tote.</p>
<p>„Ich zögerte keinen Moment, hierher zurückzukehren“, sagt Hasan nun, „immerhin gilt es, das zu vollenden, was wir schon abgeschlossen glaubten. Jene zu stürzen, von denen wir annahmen, sie seien Vergangenheit.“</p>
<p>Er will weitererzählen, von der Hoffnung, die sie damals hatten, als Mubarak zurücktrat. Davon, dass sie es anfangs nicht fassen konnten, tatsächlich gesiegt zu haben. Und auch eingestehen, als wie naiv sich diese Annahme letztlich erweisen sollte. Doch ständig tragen Männer neue Verletzte heran. Vom Tränengas bewusstlos Gewordene. Von Gummigeschoßen Getroffene. Von scharfer Munition Verletzte. Blutende. Brüllende. Leidende. Opfer „der unvollendeten Revolution“, wie Hasan jene nennt, die er nun in inmitten des Tahrir- Platzes notdürftig verarztet.</p>
<p>Rund um ihn wächst längst kein Gras mehr. Pflastersteine wurden herausgerissen, zu Wurfgeschoßen umfunktioniert. Im ungleichen Kampf der jungen Demonstranten gegen eine gut gerüstete Polizei. Seit vergangenem Samstag wiederholt sich die Geschichte.</p>
<p>Nun ist aber nicht der Diktator der Gegner, sondern das Diktat des Militärs. Jene Männer in Uniform, die versprochen hatten, dem Volk zu Demokratie und Freiheit zu verhelfen, sind zu Feinden geworden. Vergessen sind die Fotos der jungen Revolutionäre, die Soldaten auf ihren Panzern umarmen, sie küssen und ihnen Dankesgaben bereiten. Die Demonstranten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die wahren Pläne der Generäle zu spät durchschaut zu haben.</p>
<p><strong>Die Taktik der Militärs.</strong></p>
<p>„Ja, wir waren da schon ein wenig blauäugig“, gesteht Mabrook al-Asch im Gespräch mit NEWS ein. Er ist ein stämmiger, kräftiger Mann in Camouflage- Hosen. Ein Blogger, einer der führenden Figuren aus der Generation Facebook, der mit der Jugendbewegung des 6. April damals ganz vorne stand im Kampf gegen das Regime Mubarak.</p>
<p>Nun berichtet er von „13.000 Menschen, die seit Februar vor Militärtribunale gestellt wurden“, von inhaftierten Bloggern und gefolterten Aktivisten. Er schildert, wie das Militär den Übergang zur Demokratie verschleppte, Zeit gewann, ehemalige Mubarak-Getreue schützte und zuließ, dass diese bei den am kommenden Montag beginnenden, sich insgesamt fast drei Monate lang hinziehenden Parlamentswahlen kandidieren.</p>
<p>„Es hat sich nichts geändert: Das Militär will sich auch in Zukunft Sonderrechte sichern, über der Verfassung stehen, keinen Einblick in sein Budget zulassen und die Macht nicht abgeben. Es ist wie damals bei Mubarak.“</p>
<p>All das verwundert wenig angesichts der Geschichte von Ägyptens Armee, welche mit fast einer halben Million Soldaten die zehntgrößte Streitmacht der Welt stellt. Seit der von den „freien Offizieren“ um Nasser angeführten Revolution im Jahr 1952 ist sie zu einem Staat im Staate geworden.</p>
<p><strong>Die Rolle der Amerikaner.</strong></p>
<p>Alle bisherigen Präsidenten entstammten ihren Reihen, und sie kontrolliert mit eigenen Betrieben, Immobilien, Restaurantketten und Tankstellen weite Teile der Wirtschaft. Offiziere verfügen über Privilegien, von denen die breite, verarmte Masse der Ägypter nicht einmal zu träumen wagt.</p>
<p>Hinter hohen Mauern entlang Kairos Nilpromenade verbergen sich ebenso exklusive Militärspitäler wie noble Rückzugsresidenzen für die Generalität. Der für gewöhnlich gut informierte militärische Fachverlag Jane’s schätzt das jährliche Gesamtbudget der Armee auf 4,5 Milliarden Dollar – wobei ein Viertel davon direkt von den USA an den Verbündeten am Nil überwiesen wird, das dort wiederum sogleich in Waffen amerikanischer Herkunft reinvestiert wird.</p>
<p>Die Armee kann kein Interesse daran haben, ihre Sonderstellung allzu schnell und freiwillig aufzugeben. Und auch die USA setzen darauf, lieber ihre alten Vertrauten als letzte Instanz installiert zu sehen, als sich künftig mit den wahren Profiteuren der Revolution herumschlagen zu müssen.</p>
<p>Die Revolution wurde gekapert – abgewürgt und ausgebremst von nicht weichen wollenden Militärs und ausgenützt von Islamisten, welche sich noch im Frühling augenscheinlich im Hintergrund hielten. Mabrook al-Asch, der Revolutionär der ersten Stunde, sitzt nun mit seinen Getreuen ganz am Rande des Tahrir. Es ist Freitag, der 18. November, 24 Stunden später werden bereits die ersten Schüsse fallen.</p>
<p><strong>Die Macht der Islamisten.</strong></p>
<p>„Sie haben uns in Verruf gebracht“, klagt er, „behauptet, wir wären vom Ausland finanziert, verantwortlich für die Zunahme der Kriminalität und die steigenden Preise. Aber das ist nun vorbei, die Militärs haben den Bogen überspannt. Wir sind zurück am Tahrir, und wir werden nicht weichen.“ Da ist er wieder, der revolutionäre Eifer, der Glaube, ja, die Hoffnung, den Stillstand am Nil endlich überwinden zu können, den Anschluss zu finden an eine moderne Welt.</p>
<p>Doch der Blogger sieht auch, was sich seit jenen revolutionären Tagen des „arabischen Frühlings“ verändert hat. Er braucht nur über den Platz zu blicken, der einst der ihre war, um zu erkennen, wie ein „islamischer Herbst“ aussieht. Dort, mitten auf dem Tahrir, stehen eilig errichtete Holzbühnen, von denen bärtige Männer in Kaftanen und Kutten in Megafone brüllen. Längst haben sie den Platz mit Hunderttausenden von Anhängern unter ihre Kontrolle gebracht.</p>
<p><strong>Das Trugbild des Westens.</strong></p>
<p>Die Revolutionäre, die auf Facebook und Twitter setzen, stehen abgedrängt am Rand, fortan verurteilt zur bloßen Beobachterrolle. „Ägypten ist eben ein frommes Land“, meint Blogger al-Asch schulterzuckend, „und wir müssen die Islamisten wohl akzeptieren, wenn wir Demokratie wollen.“</p>
<p>„Der Islam ist die Lösung“, dröhnt es von der einen Bühne, „der Koran ist unsere Verfassung“ von einer anderen. All jene westlichen Beobachter, die vom direkten Übergang der Diktatur in einen säkularen Staat am Nil träumten und in ihren Analysen nicht aufhörten, den Einfluss der Islamisten auf Ägyptens Zukunft herunterzuspielen, werden hier Lügen gestraft. Kairo gleicht an diesem Freitag, bloß Stunden von der Gewaltexplosion entfernt, mehr einem Kalifat als einer Bastion des Wandels hin zu Freiheitsund Menschenrechten.</p>
<p>Voll verschleierte Frauen tragen Plakate vor sich her, auf denen die Freilassung von Scheich Rahman gefordert wird. Dabei handelt es sich um einen Kleriker ägyptischer Herkunft, der in Verbindung mit den ersten Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 1993 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dessen militante radikalislamische „al-Dschama’a al-islamiyya“ verübte etwa 1997 den Terrorakt im ägyptischen Luxor, bei dem 62 Touristen starben. In der EU und den USA wird sie als Terrororganisation geführt – und hier in Ägypten gründete sie gerade eine eigene Partei, die nun zu den Wahlen antritt.</p>
<p>Deren Sieger – sofern sie angesichts der Gewaltwelle überhaupt stattfinden – steht ohnedies bereits fest. Es sind die islamistischen Muslimbrüder beziehungsweise deren „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“.</p>
<p><strong>Das Netz der Bruderschaft.</strong></p>
<p>Sie waren dort, wo der Staat scheiterte, überzogen das Land, mit Spitälern, Armenausspeisungen und an Moscheen angeschlossene Sozialeinrichtungen. Wenn das Regime Mubarak sie verfolgen ließ, sie in den Kerker steckte und als potenzielle Terroristen brandmarkte, wirkten sie weiter aus dem Untergrund heraus. Es ist eine – gerade im Westen – von Mythen umrankte Verbindung, die 600.000 Mitglieder zählt und schon jetzt zu den Gewinnern im neuen Ägypten zählt. Es sind oft Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Lehrer, die ihr Rückgrat bilden, schon da waren, als sich keiner kümmerte, und nun die Ernte einfahren.</p>
<p>Essam el-Erian ist einer ihrer Anführer, ein Kinderarzt, der zum moderaten Flügel der Bruderschaft gezählt wird. Während auf dem Tahrir bereits Steine fliegen und die Polizei auf Anweisung der Militärs mit scharfer Munition antwortet, gewährt er NEWS eines seiner äußerst raren Interviews (siehe links). Ein Wolf im Schafspelz? Einer, der es gelernt hat, abzuwiegeln und abzuwarten? Für Ägypten steht in diesen Tagen wieder einmal alles auf dem Spiel.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 47/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/video/aegypten/die-revolution/1755,11043;510" target="_blank">Das Video zur Reportage</a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/agypten-revolution-teil-2/'>Ägypten - Revolution, Teil 2</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/530/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/530/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=530&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Kairos Tahrir-Platz: Revolution, Teil 2? (Foto: Ricardo Herrgott)</media:title>
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		<title>Leaving Las Vegas</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 20:52:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[REPORTAGEN]]></category>
		<category><![CDATA[USA - Las Vegas]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<category><![CDATA[Occupy]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[ENDSTATION TUNNEL. Die &#8222;Stadt der Sünde&#8220; als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der &#8222;American Dream&#8220; ausgeträumt ist. Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=525&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/11/las-vegas.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-526" title="Danielle und Ned im Tunnel unter Vegas (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/11/las-vegas.jpg?w=450&#038;h=299" alt="" width="450" height="299" /></a>ENDSTATION TUNNEL. Die &#8222;Stadt der Sünde&#8220; als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der &#8222;American Dream&#8220; ausgeträumt ist.</strong></p>
<p>Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.</p>
<p>Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.</p>
<p>Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.</p>
<p><strong>Im Epizentrum der Rezession.</strong></p>
<p>Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.</p>
<p>Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?</p>
<p>„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.</p>
<p>Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.</p>
<p>Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.</p>
<p><strong>Skelette im Wüstensand</strong></p>
<p>Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.</p>
<p>Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.</p>
<p>„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“</p>
<p>Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.</p>
<p>„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.</p>
<p><strong>,Da läuft etwas gehörig falsch‘</strong></p>
<p>Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.</p>
<p><strong>Prämien und Prügel</strong></p>
<p>Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“</p>
<p>Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“</p>
<p>Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“</p>
<p>Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.</p>
<p><strong>,Silver Mining‘ am Strip</strong></p>
<p>Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“</p>
<p>Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas&#8230;.“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 43/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/video/news-chronik/leaving-las-vegas-endstation-tunnel/964,10818;510" target="_blank">Plus: Das Video aus Vegas</a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/usa-las-vegas/'>USA - Las Vegas</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/525/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/525/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=525&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Danielle und Ned im Tunnel unter Vegas (Foto: Ricardo Herrgott)</media:title>
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		<title>Die Gier nach Gold</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Oct 2011 17:34:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[REPORTAGEN]]></category>
		<category><![CDATA[Rumänien]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Gusenbauer]]></category>
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		<description><![CDATA[RUMÄNIEN. Gold, Gift und Gusi.:Wie ein kleines Dorf gegen einen Goldkonzern kämpft. Eine Globalisierungsgeschichte. Stummelzähne, eine schmutzige Jogginghose und verdreckte Stiefel. Eugen David sieht so aus, wie ein Kleinbauer im hintersten Winkel Rumäniens eben aussieht. Bloß dass so einer mit seinen acht Kühen, den paar Schweinen und Hühnern eher selten das Interesse von Filmstars, Magnaten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=519&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/10/rosia-montana.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-520" title="Catalin Hosu von Gabriel Gold (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/10/rosia-montana.jpg?w=450&#038;h=354" alt="" width="450" height="354" /></a>RUMÄNIEN. Gold, Gift und Gusi.:Wie ein kleines Dorf gegen einen Goldkonzern kämpft. Eine Globalisierungsgeschichte.</strong></p>
<p>Stummelzähne, eine schmutzige Jogginghose und verdreckte Stiefel. Eugen David sieht so aus, wie ein Kleinbauer im hintersten Winkel Rumäniens eben aussieht. Bloß dass so einer mit seinen acht Kühen, den paar Schweinen und Hühnern eher selten das Interesse von Filmstars, Magnaten oder gar einem Thronfolger weckt.</p>
<p><strong>David gegen Gabriel.</strong> Breitbeinig und trotzig steht David da, ein Kämpfer wie aus dem Bilderbuch. Sein Goliath heißt Gabriel, ist ein kanadischer Bergbaukonzern, börsennotiert, milliardenschwer und seit mehr als zehn Jahren aus auf die 50 Hektar Land, die David gehören. Er braucht sie, um hier im transsylvanischen Bergdörfchen Rosia Montana nach Gold schürfen zu können.</p>
<p>Gold, das in rauen Mengen unter den sich langsam  herbstlich färbenden Hügeln liegt. Würden sie abgetragen, Tonne für Tonne, das Gestein mit dem hochgiftigen Zyanid zersetzt, entstünde eine Mondlandschaft – und Europas größte Goldmine. Bis zu 250 Tonnen des Edelmetalls lagern unter Rosia Montana, ein Milliardengeschäft für den Konzern – und der Hauch einer Perspektive für den zweitärmsten Staat der EU, der erst 2009 mit 27 Milliarden Dollar von Weltbank und IWF vor dem Bankrott bewahrt wurde.</p>
<p>„Doch ich weiche nicht“, sagt David, „egal wie viel Geld sie mir bieten.“ Einst hätte ein Widerständler wie er keine Chance gehabt gegen einen globalen Konzern wie Gabriel und seinen 20-Prozent-Partner, den rumänischen Staat.</p>
<p>Aber willkommen im Internetzeitalter, bei Facebook und Twitter, inmitten der Anti-Globalisierungs- Bewegung, die schon vor Jahren auf den Kampf des sturen David aufmerksam geworden war. Damals, Anfang des Jahrtausends, als sich ein paar Hundert Kilometer weiter gerade Europas größte Umweltkatastrophe nach Tschernobyl Bahn brach. Tonnenweise Gift aus der Goldmine von Baia Mare die Flüsse verseuchte, die Fische tötete und für 2,5 Millionen Menschen das Trinkwasser gefährdete. Das waren die Zeiten, als eine Schauspielerin wie Vanessa Redgrave, ein Magnat wie George Soros oder auch Prinz Charles vom Widerstand des kleinen rumänischen Bergdorfes gegen die Allmacht des Goldkonzerns erfuhren.</p>
<p>„Ganz Rosia Montana war damals gegen die Kanadier, keiner wollte ihnen die Häuser verkaufen und unsere Lebensgrundlage riskieren“, erinnert sich David. Der internationale Protest und die prominente Unterstützung trugen Früchte, der Druck auf Rumänien wuchs, die Bergbaupläne schienen begraben, der Kampf ein für alle Mal entschieden.</p>
<p><strong>Gusenbauer und das Gold.</strong> Doch seither trübte sich die Erinnerung an die Zyanid-Katastrophe – dafür glänzt Gold so stark wie nie zuvor in seiner Geschichte. Es ist viel passiert in diesen Jahren: Krisen, Crashs, Banken gingen pleite und Staaten fast bankrott. Gold ist viermal so teuer wie vor zehn Jahren. Ein Zeichen dafür, dass der Finanzkapitalismus aus den Fugen geraten ist und bloß noch das Edelmetall ein Hort der Zuflucht in Zeiten der Angst ist.</p>
<p>Das Bizarre: Von den Auflösungserscheinungen des Systems profitiert gerade ein Konzern, der prototypisch für ebendieses System steht – Gabriel.</p>
<p>Längst zählen Investoren aus Steuerparadiesen und Hedgefonds zu dessen Eigentümern – registriert ist er auf Barbados –, und in der Führungsriege hat als einer der Direktoren Österreichs Ex- Bundeskanzler Alfred Gusenbauer Platz genommen.</p>
<p>Der Konzern blieb all die Jahre nicht untätig, hat die Zelte in Rumänien nie abgebrochen, sondern ließ die Zeit für sich arbeiten. „Anfangs waren die meisten gegen uns, haben gesagt, sie würden nie verkaufen“, gibt selbst Catalin Hosu zu,„doch dann sind manche in der Nacht zu uns gekommen, um handelseins zu werden.“ Hosu ist der Sprecher des Konzerns vor Ort, ein Meister seines Faches, ein „Golden Boy“, wie ihn die Minengegner spöttisch nennen.</p>
<p><strong>Der „Golden Boy“ legt los.</strong> Wer Stunden mit dem PR-Profi verbringt, mit ihm im Geländewagen über Bergstraßen kurvt, kann die Segnungen, mit denen der Konzern die Bevölkerung versieht, am Ende kaum noch fassen. Die 4.000 Bewohner? „Fast alle für uns.“ Deren Zukunft? „Gesichert. In neuen, schönen Häusern, die wir ihnen bauen. Mit einer Perspektive, die wir ihnen geben.“ Die Umwelt? „Geschützt. Konserviert. Dank neuester Techniken, höchster Standards, größter Vorsichtsmaßnahmen.“ Der rumänische Staat? „Der Profiteur schlechthin. Ein Milliardengewinner. Einer, der nichts riskiert und viel bekommt.“ Und das Zyanid, die Chemikalie, die zum Auswaschen des Gesteins verwendet wird und tonnenweise hinter einem 185 Meter hohen Damm lagern soll, dort, wo heute noch der halbe Ort steht? „Ja, ein Risiko. Aber kalkulierbar. Letztlich ist überall Zyanid drinnen. Selbst im Kaffee, den Sie gerade getrunken haben.“</p>
<p>Na dann. Warum noch protestieren? Wieso noch dagegen sein? Kappt den Berg, sprengt 500.000 Tonnen Gestein pro Woche weg, und schickt jeden Tag 1.000 Lastwagen durchs enge Tal.</p>
<p>David lacht laut los, als er all die Argumente hört, und er weiß doch, dass seine Position weit schwächer ist als noch vor Jahren: „Sie haben mit ihrem Geld den Ort gespalten. Die Leute gekauft.“ Letztlich vertraut er auf einen harten Kern von 70 Mitstreitern, die im Traum nicht daran denken, wegzuziehen.</p>
<p>Und eine weitere Waffe hat der Bauer, der mit Frau und Tochter auf seinem Hof ausharren will, noch: die der Mobilisierung über Ländergrenzen hinweg, die Unterstützung von Menschen, die zuvor noch nie von Rosia Montana gehört hatten und plötzlich zu Hunderten gekommen sind, um in Zelten hoch über dem Dorf zu campieren. Die Plakate malen, auf der Straße protestieren, Reden schwingen und von ähnlichen Abwehrkämpfen aus ihren eigenen Ländern berichten.</p>
<p>Aber auch Gabriel verfügt noch über eine letzte Waffe, um den Kampf nach einem Jahrzehnt für sich zu entscheiden und den Milliardenschatz bergen zu können. Ein neues Gesetz, das „ganz zufällig“, wie Hosu sagt, privaten Bergbaufirmen erlauben soll, Widerspenstige – wie es sonst nur der Staat darf – einfach zu enteignen. Hosu und sein Consulter Rahmi beobachten belustigt die Demonstration. „Lauter Fremde“, sagen sie im Glauben, gewonnen zu haben. Nur einer denkt schon daran, sich dann, „wenn der Konzern seine letzte Maske fallen lässt“, mit Frau und Kind an seiner Scheune anzuketten: David.</p>
<p><em>Erschienen in: NEWS 41/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/video/die-gier-gold/im-rausch/1706,10725;450" target="_blank">Das Video zur Reportage gibt es hier</a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/rumanien/'>Rumänien</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/519/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/519/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=519&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Catalin Hosu von Gabriel Gold (Foto: Ricardo Herrgott)</media:title>
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		<title>An der Flüchtlingsfront</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Sep 2011 16:20:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[DER ANSTURM. Tausende Kilometer Flucht, eine letzte Grenze und ein Ziel: Österreich. NEWS fand das Versteck der Vergessenen. DER EINSATZ. Aufgriffe, Mafia, Ausnahmezustand. Was soll Österreichs Polizei an Ungarns löchriger Schengen-Grenze ausrichten? Der Kaffee ist kräftig, die Nacht noch lang und die Lage derweil ruhig. Auf dem Bildschirm sieht Tamás Rehe in den Wald huschen, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=510&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/09/flc3bcchtlinge-serbien1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-516" title="400 Kilometer hinter Wien: Flüchtlinge an der Schengen-Grenze (Fotos: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/09/flc3bcchtlinge-serbien1.jpg?w=450&#038;h=298" alt="" width="450" height="298" /></a>DER ANSTURM. Tausende Kilometer Flucht, eine letzte Grenze und ein Ziel: Österreich. NEWS fand das Versteck der Vergessenen.</strong></p>
<p><strong>DER EINSATZ. Aufgriffe, Mafia, Ausnahmezustand. Was soll Österreichs Polizei an Ungarns löchriger Schengen-Grenze ausrichten?</strong></p>
<p>Der Kaffee ist kräftig, die Nacht noch lang und die Lage derweil ruhig. Auf dem Bildschirm sieht Tamás Rehe in den Wald huschen, Hasen über Felder hoppeln. Und wenn er Glück hat, kann er zur Abwechslung auch mal einen Betrunkenen dabei beobachten, wie der aus dem Dorfwirtshaus über einen Feldweg langsam heimtorkelt.</p>
<p>Mit einem Joystick bewegt Tamás die Kamera, die hoch über der Grenzstation von Röszke im äußersten Süden Ungarns montiert ist. Bis weit hinein ins benachbarte Serbien kann er sich dank ihr mit nur einem Schwenk zoomen.</p>
<p>Trotz schwärzester Nacht wirft sie ihm gestochen scharfe, grau gefärbte Bilder auf den Schirm. Kurz vor halb zwölf tauchen dort, wo gerade noch Schafe grasten, Menschen auf: Vier Gestalten, die an einer Lichtung entlangwandern. Grenzschützer Tamás wendet seinen Blick nun nicht mehr von ihnen ab, sieht sie über einen Zaun klettern und kann live mitverfolgen, wie sie zu Gesetzesbrechern werden.</p>
<p>„Und jetzt“, sagt er plötzlich, „jetzt haben sie ungarisches Staatsgebiet betreten.“</p>
<p>Er greift zum Funkgerät, gibt einer Patrouille draußen Koordinaten durch und stellt wenig später zufrieden fest, dass deren Fahrzeug auf seinem Schirm auftaucht. Was folgt, ist Flüchtlingsjagd wie im Computerspiel – zumindest hier drinnen, vor der Wärmebildkamera. Ein Spiel mit ungleichen Karten, in dem sich die vier Männer verstecken, als sie das Auto kommen hören und doch keine Chance haben, da Tamás seinen Kollegen trotz Dunkelheit zum Zugriff verhilft.</p>
<p><strong>Das Schengen-Märchen.</strong> Eine halbe Stunde später kehren die Polizisten mit ihrem „Fang“ zurück: Zwei Inder und ein Afghane, bloß der vierte sei ihnen im letzten Moment noch entwischt und zurück nach Serbien gerannt.</p>
<p>Ein weiterer Erfolg, ein weiterer Aufgriff – fast 2.000 waren es schon in den ersten acht Monaten dieses Jahres entlang des 62 Kilometer langen Grenzabschnitts des Komitats Csongrád zu Serbien – und damit 15 Prozent mehr als im gesamten Jahr zuvor. Im Nachbarkomitat konnten noch mal so viele Illegale aufgegriffen werden. Mehr als 4.000 Personen also, die die Ungarn von der Schengen- Zone fernhielten. Ein schöner Erfolg?</p>
<p>Mitnichten, heißt es nun aus Österreich. Ein paar Schwerpunktkontrollen auf der A4 der Ostautobahn reichten aus, um das Märchen von den sicheren und undurchlässigen Schengen- Grenzen zum Einsturz zu bringen. Menschen, die wie Sardinen bei 35 Grad Hitze in Kastenwägen gepfercht waren oder sich im doppelten Boden eines Reisebusses versteckt hielten, kamen zum Vorschein. Schlepper, die ihre „zahlenden Passagiere“ in Ungarn dort hinein verfrachtet hatten und keine weiteren Kontrollen befürchten mussten.</p>
<p>Mehr als 200 Aufgegriffene binnen weniger Tage lassen fragen, wie viel Hunderte sich wohl in Wochen ohne Fahndungsdruck den Weg nach Österreich bahnen.</p>
<p>Sind die Ungarn also faul, nachlässig und zu sorglos bei der Überwachung der gemeinsamen Grenzen? Innenministerin Mikl-Leitner plant noch nächste Woche zwischen 20 und 30 heimische Beamte zur Unterstützung zu entsenden. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Eine PR-Aktion zur Beruhigung? „Nein, so würde ich das nicht sehen“, entgegnet Gábor Eberhardt, Leiter der 300 Mann starken Grenzpolizei in Röszke, „wir tun unser Möglichstes, aber auch die Österreicher werden erkennen, dass sich eine Grenze nicht Meter für Meter überwachen lässt – weder mit Kameras noch mit Patrouillen.“</p>
<p><strong>In der Zelle der Tränen.</strong> Dherru, dem eben fest genommenen Inder, und seinen zwei Gefährten wurde sie dennoch zum Verhängnis. Beißender Gestank durchdringt die Arrestantenzelle in Röszke, in der die drei nun kauern. Seit drei Monaten seien sie unterwegs, schon Tage hätten sie weder gegessen, noch die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen, berichten sie. Und plötzlich kullern Tränen über Dherrus Wangen: „Meine Eltern sind arm, sie haben all ihren Besitz verpfändet und verkauft, um die Schlepper zu bezahlen – 6.000 Dollar! Und ich sollte arbeiten, hier bei euch in Europa, Geld heimschicken, fortan für die Familie sorgen.“ Daraus wird nichts. Die Ungarn stellen fest, dass er schon am Tag zuvor im Nachbarkomitat erwischt worden war und damit wohl erst einmal ins Gefängnis wandert. Und danach? „Zurück nach Serbien“, sagt Kommandant Eberhardt, wohin seine beiden Gefährten bereits am nächsten Tag gebracht werden. Zurück an den Start also, im Spiel um das weitere Leben, das sie längst verloren haben.</p>
<p><strong>Im Dschungelcamp.</strong> Serbien, Subotica: die erste Stadt gleich nach der Grenze. Maria Theresiopolis hieß sie einst in der Monarchie. Heute gilt sie als Sammelpunkt für Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden. Seit Griechenland, de facto bankrott und dem Abgrund nahe, aufgehört hat, dem Flüchtlingsansturm an seinen Grenzen noch irgendetwas entgegenzusetzen, brechen auch hier in Serbiens Norden die letzten Dämme. Die Ungarn vermuten „Tausende Flüchtlinge“ im Dickicht der Wälder und der Abgeschiedenheit billiger Pensionen – je nachdem, wer wie viel an die Mafia für seine Schleppung bezahlt.</p>
<p>In Prozivka, im Süden der Stadt, liegt eine Gruppe von Männern im Schatten der Bäume in einer Wiese. Sie haben Feuer entfacht, grillen Maiskolben vom nahen Feld. Libyer, Tunesier, Syrer – die Kinder der Revolution in der arabischen Welt an den Toren zum Abendland. „Zukunft? Bei uns?“, fragt Abu, der Libyen vor zwei Monaten verlassen hat: „Vielleicht in zwei Generationen.“ Von Gaddafis Sturz hat er gehört, besonders zu kümmern scheint er ihn nicht.</p>
<p>Auch die anderen Araber, die hier auf ihre Chance namens Europa hoffen, können „dem Gerede von Freiheit und Demokratie“ in ihren Heimatländern nicht viel abgewinnen: „Versteht ihr nicht“, meint Muhammed, „wir wollen so leben wie ihr: Autos, Frauen, Job, Geld. Deswegen sind wir hier und deswegen werden wir auch nicht weichen.“</p>
<p>Der Traum Europa, der Traum vom leichten Leben – dass er längst ausgeträumt zu sein scheint, will hier keiner glauben. Auch nicht ein paar Meter weiter, am Ufer eines braunen Rinnsals, im Dickicht des meterhohen Gebüschs.</p>
<p>Dort haben Inder, Pakistaner und Afghanen Quartier bezogen. Sich aus Baumstämmen und Sträuchern behelfsmäßige Unterschläge gezimmert, die sie vor dem Regen schützen sollen. Sie schildern ihre monatelangen Odysseen in Richtung Europa, berichten von Polizisten, die sie schlugen und Grenzern, die ihnen ihr letztes Hab und Gut abknöpften. Sie erzählen vom Hunger, von Schmerzen, von Krankheiten – und vom unbändigen Willen, dennoch nicht aufzugeben. Manche haben schon mehrmals versucht, die Grenze nach Ungarn zu überqueren. Einige hätten es geschafft, wären angekommen an ihrem Ziel, der Verheißung, dem Glück – „und egal, wie beschwerlich das Leben dort auch sein mag“, sagt Ali, der 17-jährige Afghane aus Kandahar, dessen Vater Lehrer war und dem Bombardement der Amerikaner zum Opfer gefallen ist, „es wird immer noch besser sein als bei uns zuhause.“</p>
<p><strong>,Wie ist dieses Österreich?‘</strong> Teils sind es Kinder, die oben, nahe am Friedhof, ihre Pappkartons aufgeschlagen haben. Einer von ihnen hat einen Kalender aus einem Abfallkontainer gefischt. „Alpenkalender 1999“, zwölf Impressionen aus Österreich. Die Runde blickt staunend auf die Bergpanoramen, auf das gleißende Licht der Sonne, die grünen Täler und den weißen Schnee. „Ja, Ungarn ist nichts für uns“, verrät Ali dann, „das sagen alle. Österreich ist das erste gute Land. Dorthin wollen wir. Aber wie ist dieses Österreich eigentlich?“</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 37/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/video/news-report/an-fluechtlingsfront/1683,10571;510" target="_blank">Das Video zur Reportage</a></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/serbien/'>Serbien</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/510/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/510/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=510&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">400 Kilometer hinter Wien: Flüchtlinge an der Schengen-Grenze (Fotos: Ricardo Herrgott)</media:title>
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	</item>
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		<title>&#8222;Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!&#8220;</title>
		<link>http://lehermayr.com/2011/07/14/marine-le-pen/</link>
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		<pubDate>Thu, 14 Jul 2011 19:55:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Marine Le Pen]]></category>
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		<description><![CDATA[SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ. Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=503&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/07/le-pen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-504" title="Marine Le Pen beim Interview in Nanterre (Foto: NEWS/AFP)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/07/le-pen.jpg?w=450" alt=""   /></a>SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.</strong></p>
<p>Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.</p>
<p>Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?</p>
<p>NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.</p>
<p><strong>News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?</strong></p>
<p><em>Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.</em></p>
<p><strong>News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.</em></p>
<p><strong>News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.</em></p>
<p><strong>News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.</em></p>
<p><strong>News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).</em></p>
<p><strong>News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.</strong></p>
<p><em>Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.</em></p>
<p><strong>News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.</em></p>
<p><strong>News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.</em></p>
<p><strong>News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.</em></p>
<p><strong>News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.</em></p>
<p><strong>News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?</strong></p>
<p><em>Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.</em></p>
<p><strong>News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend</strong>.</p>
<p><em>Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.</em></p>
<p><strong>News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen&#8230;</strong></p>
<p><em>Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.</em></p>
<p><em>Erschienen in: NEWS 27/2011</em></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://lehermayr.com/category/interviews/'>INTERVIEWS</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/interviews/marine-le-pen/'>Marine Le Pen</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/503/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/503/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=503&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Marine Le Pen beim Interview in Nanterre (Foto: NEWS/AFP)</media:title>
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		<title>Bei den Bankrotteuren</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Jul 2011 14:14:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Griechenland - Staatsbankrott]]></category>
		<category><![CDATA[REPORTAGEN]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
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		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Staatsbankrott]]></category>
		<category><![CDATA[Syntagma]]></category>

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		<description><![CDATA[AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen. Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst. „Ihr müsst die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=495&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/07/athen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-496" title="Griechen am Abgrund (Fotos: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/07/athen.jpg?w=450&#038;h=300" alt="" width="450" height="300" /></a>Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst.</p>
<p>„Ihr müsst die Augen mit Wasser ausspülen. Euch ans Feuer stellen, das hilft gegen das Gas.“ Wir erkennen ein Pärchen. Ihn im rosa farbenen Hawaii-Hemd, sie im fliedernen Strickpulli. Andreas und Dina, ein Anwalt und eine Krankenschwester, die Rat erteilen als seien sie Berufsdemonstranten. „Nein, nein“, versichert er, „mit den Chaoten, die sich mit der Polizei Scharmützel liefern, haben wir nichts zu tun. Dafür ist die Lage viel zu ernst.“</p>
<p>Ernst – selbst das kommt einer maßlosen Untertreibung gleich angesichts des Ausnahmezustands in Athen. Es sind Zehnttausende, die wie Andreas und Dina auf den Syntagma- Platz kommen, dem Tränengas trotzen. Junge und Alte, Ausgebildete und Arbeitslose, Studenten und deren Professoren – ein ganzes Volk, angetreten, um zu verhindern, was ihm viele im Rest Europas am liebsten ohnedies vorenthalten würden. Sie protestieren gegen noch mehr Milliarden, noch höhere Kredite, einen weiteren Rettungsschirm, ein zusätzliches Paket, das verhindern soll, was wie ein Damoklesschwert über Griechenland schwebt: der Staatsbankrott, fällig in zwei Wochen.</p>
<p><strong>Sie crashen, wir cashen.</strong> Ein Jahr ist vergangen seit der (einmaligen) 110 Milliarden-Euro- Spritze, die Griechenlands Leiden lösen sollte. Ein Jahr der Entbehrungen am Peloponnes, der bitteren Sparprogramme und steigenden Steuern. Ein Jahr, in dem die Griechen litten und die Politiker im Rest Europas ihre Versprechen brachen. Denn nun, im Juni 2011, wird klar, dass die griechischen Kassen weiter klamm sind, die Schulden auch jetzt nicht über den Markt finanzierbar seien und deshalb die anderen Mitglieder der Euro-Zone ein zweites Mal in die eigenen Taschen greifen werden müssen, um die Griechen vor dem finanziellen Fallout zu retten.</p>
<p>„Uns?“, Andreas, der Anwalt, gibt sich empört, als er das hört. „Glaubt ihr Österreicher wirklich, ihr helft mit eurem Geld dem lieben, armen Griechen, den ihr noch aus dem letzten Urlaub kennt?“ Fast vorwurfsvoll erklärt er, „dass das Geld aus euren Taschen direkt zu den ausländischen Banken wandert, die zuvor mit unseren Staatsanleihen ein gutes Geschäft gemacht haben.“ Und ihnen, den drangsalierten Griechen, längst befreit von der Sirtaki-Beschaulichkeit, drohe weiteres Ungemach samt Ausverkauf des Tafelsilbers. „Wir wollen euer Geld nicht! Darum sind wir hier.“</p>
<p>Der Anwalt und die Krankenschwester, das Paar, das gut verdiente, vereint im Kampf gegen etwas Größeres, etwas, das bislang bloß ein paar Utopisten stürzen sehen wollten: den Kapitalismus, unser aller Wirtschaftssystem.</p>
<p>In Athen sind sie nicht die Ausnahme, sondern bald die Mehrheit. Unverdächtige Bürger wie der Kellner Janis, die berichten, dass sie in der Garage zwar noch ein Auto stehen haben, mit diesem aber seit Monaten nicht mehr fahren können. „80 Euro für einmal Volltanken – unmöglich. Und Käufer finde ich für die Kiste auch keinen, da niemand mehr Geld hat.“ So kommt es, dass er sich Abend für Abend vor dem Parlament die Wut aus dem Bauch schreit, die Politiker des Landes „Lügner“ und „Diebe“ schimpft und sich später, unten am Syntagma-Platz nach Fortschritten erkundet.</p>
<p>Dort, bei den Zelten, die zwischen Palmen und Pinien vor drei Wochen in den Boden geschlagen wurden. Von Menschen, denen es reicht, die all die Klüngeleien, die ihr Land so tief stürzen ließen, satt haben. Die von einer anderen Gesellschaft träumen, einer neuen Demokratie, in der sich die Arbeitslosigkeit nicht der 20-Prozent- Schwelle nähert, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ständig wächst und Junge trotz Uni mit unbezahlten Praktika abgespeist werden.</p>
<p><strong>Bei den ,Empörten‘.</strong> Sie nennen sich „die Empörten“, haben keine Führung, keine Symbole, dafür viel Sympathie für ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich. Basisdemokratisch wollen sie an der Welt von morgen basteln und bis tief in die Nacht über jeden einzelnen Vorschlag abstimmen. „Klar, das klingt utopisch“, gesteht Student Panos ein, während er die leer geschossenen Tränengasbomben der Polizei zusammenklaubt, „aber wir wollen nicht länger schweigen, mitmachen bei einem System, das nur noch Krisen schafft und faktisch bereits tot ist.“ Der sich vermeintlich in den letzten Zügen befindliche Kapitalismus gibt jedoch ein paar hundert Meter weiter ein mehr als starkes Lebenszeichen von sich. Oben, über der Verkehrshölle am Omonia-Platz, spielen sich im zweiten Stock eines kargen Bürogebäudes Tag für Tag wahre Dramen ab. Dimitrios, grobschlächtiges Gesicht und Goldkette, schildert sie so: „Es kommen Leute zu mir, die ihre Jobs verloren haben, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, die einfach an der Kippe stehen und dringend Geld brauchen.“ Dimitrios hilft, nicht uneigennützig, aber immerhin. Er ist Pfandleiher, in zweiter Generation und seit 20 Jahren. „Uhren, Ohrringe, Armreifen – aus Gold muss es sein, dann nehme ich es.“</p>
<p>Doch auch er klagt. Über zu wenig Geschäft, und das obwohl 30 Prozent der Athener Haushalte mit der Stromrechnung in Rückstand sind. Sein Gewerbe sollte doch gerade in der Krise florieren? „Fehlanzeige, seit einem Jahr schießen die Pfandleiher wie Pilze hervor. Allein hier am Platz sind es vier. Völlig unseriös, alle miteinander, oft nur Zettel mit einem Namen und einer Handynummer. Aber die Leute sind verzweifelt und laufen zu ihnen.“</p>
<p><strong>Schuften für die Schulden.</strong> Ein Gang, der Stella noch erspart geblieben ist, wenngleich auch das Leben der adretten Rothaarigen in ungeahnte Tiefen stürzte: ihr eigenes Geschäft – geschlossen, ihr Sohn – arbeitslos, ihre Tochter – bald im Ausland, ihr Mann – über den steigenden Kreditzinsen krank geworden. „4.500 Euro Einkommen hatten wir vor einem Jahr noch“, erinnert sie sich, „und jetzt schufte ich von früh bis spät, bloß um den Kredit abbezahlen zu können.“</p>
<p>Stellas Schicksal – es ist das ihres Landes. Schuften für die Schulden und den Hohn der Gläubiger gibt es gratis dazu: „Faul seien wir, sagt diese Merkel, habe ich gehört. So eine Unverschämtheit von den Deutschen.“</p>
<p>Es sind die alten Klischees, die nun, wo alles zu kippen beginnt, ihre volle Wirkung entfalten. Der faule Grieche, der den Bogen überspannt hat, der so lang er überhaupt arbeitete 16 Monatsgehälter kassierte und sich mit 55 in die Pension verabschiedete. Es gibt ihn – immer noch, auf Ämtern und Behörden, bei denen 900.000 der elf Millionen Griechen beschäftigt sind. Aber es gibt auch die Stellas und Efis, Janis und Andreas – tatkräftige Griechen, die arbeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit und die dann, wenn sie in der überfüllten U-Bahn heimgondeln, ein sonderbares Gefühl beschleicht: „Dass der Staat sich nur an uns saniert und er die wirklich Reichen im Land wieder einmal ungeschoren davonkommen lässt.“</p>
<p>Also doch nicht der Kapitalismus? Die Weltverschwörung? Während das Ausland die Unzulänglichkeiten der Griechen längst erkannt haben will, fällt hier erst spät der erste Satz, mit dem die Mitschuld an der Misere auch an der Ägäis gesucht wird.</p>
<p>Fündig werden ließe sich vielleicht in Flisvos – Athens mondänstem Yachthafen. An die 300 Boote liegen dort vor Anker. Mehrstöckig, 50, 60, manche gar 70 Meter lang und hunderte Millionen Euro wert. Yachten, die „Smile“ oder „La bonne vie“ (das süße Leben) heißen, das Edelholz fein poliert, das Deck säuberlich geschrubbt, die Crew, meist untertänige Philippiner, in ständiger Bereitschaft, falls es ihren Herrschaften nach einem schnellen Trip auf die nahen Inseln gelüstet. Nur eines wirkt beim Spazieren zwischen all den Yachten nach einer Weile sonderbar: auf kaum einer flattert die blau-weiße Flagge.</p>
<p>Stattdessen bedruckter Stoff aus der Karibik – Antigua, Barbados, Cayman Islands – Steuerparadiese, wie geschaffen, um neben dem Firmengeflecht auch gleich noch die Luxusyacht kostensparend anzumelden. Der reiche Grieche, der Onassis der Gegenwart, seine Yacht mag hier noch vor Anker liegen, sein Geld hingegen parkt bereits in Übersee.</p>
<p><strong>Reiches Land, armer Staat.</strong> „Alle Reichen, die ich kenne, haben ihr Vermögen längst dorthin geschafft“, erzählt einer, der mit den Wohlbetuchten ein vertrautes Verhältnis pflegt – Theodore Orphanos, Manager, Kapitän, Kosmopolit. Er bittet uns, an Bord zu kommen, lässt an Deck auf edlem weißen Leder Platz nehmen, offeriert Getränke und seine Version des Scheiterns: „Wir Griechen sind Grenzgänger. Unser Staat ist in den letzten 200 Jahren fünf Mal Bankrott gegangen – und das sechste Mal steht unmittelbar bevor. Theodore hält nicht viel von den Beschwichtigungen, die Premier Papandreou in Brüssel verbreitet und auch die Kapitalismuskritik der Demonstranten ist ihm fremd: „Der Staat ist verfault, korrupt, leistet nichts – und dann wundert man sich, dass jene die Geld haben, keine Steuern zahlen?“</p>
<p>Er schildert Anekdoten, die jeder im Land kennt – sie handeln von Lehrern, die müde in der Schule sitzen, weil sie privat bis spät in die Nacht Nachhilfe geben; von Ärzten, die ohne Bestechung, keinen OP betreten und Bauern, die Tomaten anbauen, aber nie ernten, bloß weil die EU das gerade gut fördert. „Und jetzt sollen wir auf Druck der EU von Griechen zu Deutschen werden? Das kann doch nicht klappen.“ Zum Abschied hält er eine düstere Prognose bereit: „Hier wird noch Blut fließen und ihr werdet euer Geld nie mehr wieder sehen.“</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 25/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/articles/1125/450/299881/griechenland-krise-bei-bankrotteuren" target="_blank">Weiter zum Video-Report aus Athen</a></p>
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		<title>Zwischen Tradition und Turbo</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Jun 2011 19:38:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[REPORTAGEN]]></category>
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		<description><![CDATA[DIE NEUE TÜRKEI. Business, Boom und Burka. Das Land strotzt vor Stärke und Stolz &#8211; und pfeift auf die EU. Die Reportage aus Istanbul &#8211; einer Stadt auf Speed. Die Frau mit dem langen blonden Haar ist angekommen. Ganz oben, in 150 Meter Höhe, steht sie im schwarzen Sommerkleid. Hinter Brigitte Weber huschen die letzten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=478&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/06/tc3bcrkei1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-481" title="Wohin steuert die Türkei? (Fotos: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/06/tc3bcrkei1.jpg?w=450&#038;h=299" alt="" width="450" height="299" /></a>DIE NEUE TÜRKEI. Business, Boom und Burka. Das Land strotzt vor Stärke und Stolz &#8211; und pfeift auf die EU. Die Reportage aus Istanbul &#8211; einer Stadt auf Speed.</strong></p>
<p>Die Frau mit dem langen blonden Haar ist angekommen. Ganz oben, in 150 Meter Höhe, steht sie im schwarzen Sommerkleid. Hinter Brigitte Weber huschen die letzten Arbeiter vorbei, hämmern noch an den Holzplanken der Terrasse. „300 Quadratmeter ist sie groß“, sagt Weber, „das dazugehörige Appartement hat noch einmal dieselbe Fläche und ist bereits verkauft – für drei Millionen Dollar.“</p>
<p>In den 38 Etagen darunter sieht es ähnlich aus – Europas erste „Trump Towers“ ragen in Istanbul in den Himmel und sind eine Erfolgsgeschichte. Brigitte Webers Erfolgsgeschichte. Zwillingstürme voll von Luxus, mit Concierge am Eingang und Edel-Weinkeller im Untergrund, gebaut für eine Türkei von morgen, geplant von einer Österreicherin. Vor 16 Jahren zog es die gebürtige Vorarlbergerin nach ihrem Architekturstudium in Wien an den Bosporus.</p>
<p>„Türkisch habe ich auf der Baustelle gelernt, mich von einem Auftrag zum nächsten gehantelt“, erzählt sie und blickt über die Balustrade hinunter – auf eine Stadt, die längst alle Dimensionen sprengt. Von der keiner weiß, ob sie nun 13, 15 oder gar schon 17 Millionen Einwohner hat. Schnellstraßen durchziehen sie wie Arterien, pumpen Kolonnen von Autos in die Metropole. Dazwischen Hochhäuser, Wolkenkratzer, die Skyline eines Shanghai am Schnittpunkt von Europa und Asien. Und dann das Bildnis eines Mannes, das in Überlebensgröße an etlichen Fassaden prangt: Recep Tayyip Erdogan, der Premierminister, der Macher des Erfolges.</p>
<p><strong>Der Fall Plassnik als Symptom.</strong> Am kommenden Sonntag steht seine Wiederwahl an. Laut Meinungsforschern könnte sie noch triumphaler ausfallen als die vorherigen beiden und seine Partei, die islamisch-konservative AKP, in die Nähe einer Zweidrittelmehrheit rücken. Weshalb sich also noch mit Wahlterminen aufhalten? „Ziel: 2023“, steht schlicht auf den Plakaten. Es ist das Jahr des 100-jährigen Bestehens der Republik und ein damit einhergehendes Versprechen: die Türkei bis dahin auf Platz 10 der größten Volkswirtschaften der Welt zu pushen.</p>
<p>Die 76 Millionen Türken sind von einem neuen Selbstbewusstsein erfasst. Gespeist aus Wachstumszahlen, von denen Europa bloß noch träumen kann, scheint plötzlich alles möglich. Selbst schärfste Erdogan- Kritiker loben dessen Wirtschaftspolitik und vergessen im Gespräch nicht, süffisant auf Europas unsicher gewordene Zukunft zu verweisen. Während ein EU-Staat nach dem anderen an den Rand der Beinahe-Pleite rückt, ist die Türkei fast unbemerkt zu einer wirtschaftlichen wie politischen Mittelmacht aufgestiegen. Und diese pocht beinhart auf ihre Interessen, legt etwa ungeniert ein Veto gegen Ursula Plassniks ausgemachte Bestellung zur OSZE-Generalsekretärin ein – als Retourkutsche für die Skepsis der damaligen Außenministerin gegenüber den EU-Plänen der Türken.</p>
<p>Doch wo steht diese Türkei nun wirklich? Rückt sie nach Westen, wie es Republiksgründer Atatürk einst vorsah, oder driftet das Land unter Erdogans Führung in Richtung eines islamischen Gottesstaates ab? Verhält es sich wie mit Istanbul, das am Wasser so schön wirkt wie Venedig – fernab davon aber zum Moloch mutiert, brutal, schnell und wie vollgepumpt mit Speed?</p>
<p><strong>Die Weltenwandlerinnen.</strong> Brigitte Weber sieht von der Spitze ihrer Türme einen Teil des Wandels. „Eine ganze Skyline, wie es sie vor zehn Jahren noch nicht gab.“ Sie blickt bis hoch nach Maslak, wo in einem anderen Glitzerturm zwei Türkinnen mit österreichischem Pass sitzen.</p>
<p>Die eine, Saime Silahcioglu, besuchte die österreichische Schule in Istanbul, studierte und lebte dann 16 Jahre in Wien und kehrte zurück. Die andere, Sinem Doganay, wuchs in Wien-Favoriten auf und fing nach dem Studium für die OMV zu arbeiten an. Beide sind sie Weltenwandlerinnen, beide sind sie nun für den österreichischen Energiekonzern in Istanbul und beide wären sie nicht hier, stünde die Türkei nicht auf der Überholspur. „Geschmunzelt haben die Österreicher, als ich früher von der Stadt erzählte“, sagt Saime, „sich wohl gedacht, lass sie nur reden, und plötzlich ist es cool, hier zu sein, die Stadt voll mit Leuten aus aller Welt.“ Untertags stauen sich die Touristen vor der Hagia Sophia, doch sobald es dunkel wird, stürmen sie die Bars und Klubs rund um den Taksim-Platz, dem europäischen Herzen der Stadt. Dynamik, Drive, Stimmengewirr, das Vibrieren einer Weltstadt – hier dröhnt es aus jedem Lokal, lässt nicht erahnen, dass wenige Kilometer weiter eine andere Welt beginnt.</p>
<p><strong>Anatolien in Wien und Istanbul.</strong> Es sind Bauern, Viehhirten, Arbeitslose aus Anatolien, die zu Tausenden Tag für Tag in diese Stadt strömen und ihr Bild zunehmend prägen. Ihr Drang nach einem besseren Leben verdeutlicht die immense Kluft, die trotz Booms immer noch in der Türkei herrscht. „Es ist schon irgendwie merkwürdig, stellt Sinem, die Favoritnerin, fest: „hier in Istanbul beschweren wir uns über das Kopftuch und so manchen Brauch der Anatolier – ähnlich wie in Wien, wo ja auch die meisten Türken aus Anatolien stammen.“</p>
<p>Das Kopftuch, die Streitfrage – nun ist das Schlüsselwort gefallen, an dem aufgeschlossene Europäer den Grad der Liberalität der Türkei glauben messen zu können. Einst war es verpönt, nicht vorgesehen im Staate Atatürks, der die strikte Trennung von der Religion befahl. Mit Kopftuch an die Uni, gar als Beamtin in den Staatsdienst? Unvorstellbar.</p>
<p><strong>Bei den Fundamentalisten.</strong> Und nun? Seit 2003 regiert Erdogans AKP, die mit den Stimmen frommer Muslime, welche im Land der Militärs zuvor nicht viel zu sagen hatten, mächtig geworden war. Frühere Verbote sind aufgeweicht, umgangen: Die Kopftuchquote liegt aktuell bei 60 Prozent. Atatürks Erben fürchten um all das, was die Türkei lang vom Rest der islamischen Welt unterschied und deren Einbindung in den Westen rechtfertigte.</p>
<p>Wer die Schreckensvision aller Aufgeklärten erfüllt sehen will, der fährt über das Goldene Horn in ein Viertel wie Carsamba. Die Ankunft, einen Hügel hinter der von Touristen überrannten Blauen Moschee, mutet wie ein Kurztrip nach Pakistan an. Die Frauen tragen Carsaf – übersetzt: Betttuch –, die türkische Form der Vollverschleierung, bei der gerade mal ein kleiner Schlitz zum Sehen bleibt. In bedächtigem Abstand folgen sie ihren Männern, die sich in Pluderhosen kleiden und den Bart nicht stutzen. Ihr Leben ist vom Rhythmus der Moscheen geprägt, ihre Frömmelei in der Türkei keine Ausnahme mehr: nur ein Viertel der Türkinnen arbeitet, einer der geringsten Werte weltweit und seit 2005 rückläufig.</p>
<p>Dafür stieg die Zahl der „Ehrenmorde“, und es vergeht kaum eine Woche ohne Meldungen über grausame Verbrechen an jungen Frauen. Erst kürzlich war eine 16-Jährige in Ostanatolien von ihrem Vater lebendig begraben worden, weil sie „Kontakt mit Männern“ gehabt haben soll. Ein anderes Mädchen wurde von ihren Brüdern aus dem Fenster geworfen, weil sie „Schande über die Familie“ brachte.</p>
<p><strong>Der Häuserkampf.</strong> Im AKP-Hauptquartier auf der asiatischen Seite Istanbuls wiegelt man ab, spricht von Programmen, all dies zu bekämpfen und keinem „Zwang zum Kopftuch, sondern der Gleichberechtigung für Frauen, die sich entscheiden, es zu tragen“, wie Fatih Sayan sagt. Der 34-Jährige hat im Ausland studiert, ist gebildet und verkörpert den Nachwuchs der AKP. „Das Kopftuchthema spaltet – bei dieser Wahl trägt noch keine unserer Kandidatinnen eines.“</p>
<p>Viel lieber spricht Sayan, der zu den Beratern Erdogans zählt, über die Visionen seines Chefs, die mehr nach Moderne klingen – Hochgeschwindigkeitszüge etwa, einen zweiten Bosporus-Kanal, eine dritte Brücke über die Meerenge. All das, was die Türkei nach vorne bringen soll. Denn Kapitalismus und Islam, das hat Erdogan längst begriffen, stehen nicht im Widerspruch. So gewann das „grüne“, also islamische, Kapital an Einfluss und die alten, im Erbe Atatürks stehenden Eliten, die eng mit dem Militär verbunden sind, gerieten ins Hintertreffen.</p>
<p><strong>Schüsse auf Unliebsame.</strong> „Klar, die Gesellschaft ist konservativer geworden, aber die Konservativen einfach auch sichtbarer, da Erdogan nun Macht über die Medien hat und so vieles, was noch vor Jahren vielleicht als extrem galt, Mainstream wurde“, erklärt Sedat Yilmaz, ein Regisseur, der es nicht scheut, den Finger in die offenen Wunden seines Landes zu legen. Im Dunkeln seines Studios drückt er auf Play – sein Film beginnt zu laufen, in dem bald der erste Journalist erschossen wird, eine Redaktion von der Angst gefangen und die Jagd auf deren verbliebene Mitglieder eröffnet ist.</p>
<p>„Press“ zeigt das Schicksal einer kurdischen Zeitung in den 90er-Jahren und ist doch aktueller denn je: „Heute werden Journalisten nicht mehr Österreic h und retour. Saime Silahcioglu (l.) und Sinem Doganay gingen für die OMV nach Istanbul.  erschossen, sondern eingesperrt“, so Yilmaz‘ bitterer Befund. 57 von ihnen sitzen derzeit in Haft, Anklagen blieben meist aus, die Anschuldigungen sind ominös, die Kritik aus der EU verhallt. Und überhaupt, Europa. „Für Erdogan dienen die Beitrittsverhandlungen doch bloß als trojanisches Pferd, um die Rolle der Armee weiter zu schwächen“, teilt Yilmaz den Chor der Kritiker, „alle hier wissen das, und niemand glaubt noch an einen Beitritt.“ Auch im Wahlkampf spielt die EU keine Rolle, und einer jungen Dame, bei der man es am wenigsten annehmen würde, ist das gar nicht so unrecht.</p>
<p>Burcu Cetinkaya trägt schwarze High Heels, langes offenes Haar und zeigt Bein. Es ist Abend, am Bosporus kommt Wind auf. Sie wartet in Bebek, einem Nobelviertel. Das ganze Wochenende lang fuhr sie Rally, schlug sich gut. Eine Frau als Pilotin – nicht nur in der Türkei ist das ungewöhnlich. Burcu erkämpfte sich diesen Traum, die Eltern hatten anderes für sie vorgesehen gehabt, sie an die besten Schulen geschickt. Doch sie sträubte sich, nahm einen Kredit auf und raste los. „Die EU und wir Türken“, sagt Burcu nun, „das passt nicht zusammen. Die Mentalität, der Glaube, wir sind einfach zu verschieden.“ Eine Einschätzung, die geteilt wird, von Carsamba bis an die Spitze der Trump-Towers. Bloß Brüssel hat sie noch nicht erreicht.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 23/2011</em></p>
<p><a href="http://www.news.at/articles/1123/510/298964/parlamentswahlen-die-tuerkei" target="_blank">Weiter zum Video-Report aus Istanbul</a></p>
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			<media:title type="html">Wohin steuert die Türkei? (Fotos: Ricardo Herrgott)</media:title>
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		<title>,Brennen&#8217; für Europa</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Apr 2011 23:07:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Maghreb - Schlepper]]></category>
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		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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		<description><![CDATA[DER EXODUS. Ein Boot, ein Preis, ein Business. Tausende Araber wollen zu uns. NEWS zeigt erstmals das schmutzige Geschäft hinter der Flucht. Ein staubiger Parkplatz am Mittelmeer. Nichts Liebliches, Smaragdgrünes. Bloß Brandung, Gischt, Verdrießlichkeit. „Verlorene Tage“, wird Fithi, unser Türöffner in eine Welt, vor der sich Europa fürchtet, später sagen. Einen weiteren Schluck aus der [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=471&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>DER EXODUS. Ein Boot, ein Preis, ein Business. Tausende Araber wollen zu uns. NEWS zeigt erstmals das schmutzige Geschäft hinter der Flucht.<a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/04/schlepper.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-472" title="Ein tunesischer Schlepper zählt seine Einnahmen (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/04/schlepper.jpg?w=450&#038;h=302" alt="" width="450" height="302" /></a></strong></p>
<p>Ein staubiger Parkplatz am Mittelmeer. Nichts Liebliches, Smaragdgrünes. Bloß Brandung, Gischt, Verdrießlichkeit. „Verlorene Tage“, wird Fithi, unser Türöffner in eine Welt, vor der sich Europa fürchtet, später sagen. Einen weiteren Schluck aus der Flasche nehmen und ins Leere starren. „Tote Zeit“, wird er nach einer Weile hinzufügen und versprechen, uns mitzunehmen in diese Welt, in der Schlepper und Schurken die Hauptrolle spielen. Doch noch ist es nicht so weit.</p>
<p>Noch gilt es die Nebendarsteller zu beobachten. Wie sie betont lässig dahocken. Wasserpfeife rauchen, am Tee nippen, es langsam dunkel werden lassen. Es sind junge Männer in Lederjacken, die Haare gegelt, die Kleidung sportlich.</p>
<p><strong>Die magischen Wörter.</strong> Sie sitzen in einem Café, das sie hier spaßhalber das „italienische Konsulat“ nennen, schauen Fußball. Juventus müht sich gegen Milan ab. Als die Nachrichten folgen, wollen die Männer schon, dass umgeschaltet wird. Erst als sich im Redeschwall des Moderators, den sie nicht verstehen, das Wörtchen „Lampedusa“ wiederholt, blicken sie auf. Das magische Wort. Da ist es.</p>
<p>Sie sehen nun wackelige Kähne voll mit Menschen, die im Morgengrauen auf der kleinen italienischen Mittelmeerinsel ankommen. Männer, die aussehen wie sie, von Carabinieri eskortiert. Es sind Bilder des Ansturms auf Europa, wie sie auch in Österreich im TV laufen. Tausende, die mit Booten kommen. Der Anfang eines „biblischen Exodus“ aus Nordafrika, wie Italiens Innenminister warnt. Das ganze Café starrt nun gebannt auf den Schirm. Fragt sich, ob der Bruder, der Cousin, der Freund es geschafft haben. Auf der anderen Seite des Meeres mögen sich Menschen angesichts solcher Bilder bedroht fühlen – hier im Süden Tunesiens sehen die Männer in ihnen hingegen bloß eines: ihre eigene Zukunft.</p>
<p>„Wir sind die Nächsten“, sagen die Burschen: „Bereit zur Überfahrt nach Lampedusa. Bereit für die ,Harraga‘.“ Es ist das zweite magische Wort, das immer wieder fallen wird. Ein Wort, das müde Augen sofort lodern lässt. Einen Film in Gang setzt, in dem endlich sie die Hauptdarsteller sind – Geld haben, in Discos tanzen, mit Europäerinnen flirten.</p>
<p>„Harraga“. Auf Arabisch heißt das, „die, die etwas verbrennen“ – gemeint sind die Papiere, derer es sich zu entledigen gilt, bevor sie sich in die kaum noch seetauglichen Boote pferchen. „Harraga“ – das ist mittlerweile alles – die Überfahrt, die Angst, die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.</p>
<p><strong>Ansturm der „Ungewollten“</strong> Lang war sie verbaut durch Herrscher, die Europa erst in ihren letzten Tagen Diktatoren zu nennen begann. Machthaber wie Tunesiens Ben Ali, der sich im Jänner mit anderthalb Tonnen Gold absetzte. Zuvor war er wie Libyens Gaddafi ein gern gesehener Gast in den Staatskanzleien. Für Geld und Ehrerbietung schlossen sie mit den Europäern Abkommen, die die Rücknahme ihrer geflohenen Bürger vorsahen. Europa entledigte sich der „Ungewollten“ und die „Harraga“ blieb ein leerer Traum. Doch nun, wo Ben Ali weg ist und auch Gaddafi wankt, brennen nicht nur die Papiere der Flüchtenden lichterloh, sondern mit ihnen auch das Konzept von der Festung Europa.</p>
<p>Über 22.000 Tunesier haben sich seit Jahresbeginn nach Lampedusa abgesetzt. Und schon treffen dort auch die ersten Boote aus Libyen voll mit Flüchtlingen aus anderen afrikanischen Staaten ein. Auf der gerade einmal 20 Quadratkilometer großen Insel herrscht Ausnahmezustand und Premier Berlusconi laviert zwischen Versprechen und Versagen. Die Migranten lässt er in Lager auf das Festland schaffen, die untätige EU warnt er, Italien könne das Problem auch nach Norden auslagern und den Flüchtlingen „Dokumente zur Weiterreise ausstellen.“ Im grenzenlosen Europa halten daher in Österreich bereits Polizeistreifen Ausschau nach ersten Ankömmlingen.</p>
<p>Wir sind dort, wo ihre Reise begann. In Zarzis, nicht weit vom Urlauberparadies Djerba und nah an Libyen. 80.000 Einwohner in weißgetünchte Häusern, ein wenig Fischfang, ein wenig Tourismus und ein einziger Geschäftszweig, der wirklich floriert: der Handel mit der Hoffnung, mit dem leicht entflammbaren Traum vom besseren Leben.</p>
<p><strong>In der Frontstadt der Flucht.</strong> Drei Monate sind seit der Selbstverbrennung eines tunesischen Obsthändlers vergangen. Ein Fanal für die Freiheit und gegen die Unterdrückung. Der Startschuss der arabischen Revolution, die wie ein Lauffeuer die ganze Region erfasste. Drei Monate ist das her. Zarzis hat sich in dieser Zeit gewandelt. Zur Frontstadt der Flucht. Zum Mekka der Schlepper, deren Spur es zu folgen gilt.</p>
<p>Der Wind weht stark, Wellen peitschen ans Ufer, die Boote liegen im Hafen vertaut. In den Cafés läuft wieder Fußball und auf dem staubigen Parkplatz am Meer, der gleich neben einer Militärgarnison liegt, parkt ein einziges Auto.</p>
<p>Ein BMW: alt, schwarz, mit Wechselkennzeichen. Darin drei Männer, die trinken. Der eine aus Schmerz. Der andere gegen die Anspannung. Und der dritte wohl nur, weil er es längst gewohnt ist. Sie sind um die 50 und warten. Der eine, Faruk, auf seinen Sohn, der niemals zurückkehren wird. Die anderen beiden auf Kunden, die noch kommen könnten. Sie starren aufs Meer, rauchen, trinken.</p>
<p><strong>Der Schmerz des Vaters.</strong> „Irgendwo dort draußen ist mein Sohn“, sagt Faruk nun und bietet einen Schluck vom Fusel an, „tot!“ Es war am 11. Februar, wird er später bei sich zu Hause berichten, während er den Weg in Abdallahs leeres Zimmer weist, Fotos von ihm hervorkramt und weint. „17 war er erst. 17! Er hatte Träume, ein Diplom, fand hier keine anständige Arbeit und wollte weg – so wie alle, die jung sind.“ Also borgte sich Faruk, der Vater, der im Hafen gearbeitet hatte und nun wie so viele arbeitslos ist, Geld. 1.000 Euro – der Standardpreis für die „einfache Fahrt“ nach Lampedusa. In der Dämmerung verabschiedete er den Sohn, zwei Tage später erfuhr er von dessen Tod. Ertrunken. Das mit 120 Personen besetzte Boot war von der tunesischen Küstenwache gerammt worden. Die Leichname sechs junger Männer wurden geborgen, 18 bleiben wohl für immer vermisst.</p>
<p>Es ist dunkel geworden. Der Weg führt zurück zum schwarzen BMW. Die Innenbeleuchtung brennt. „Keine Kunden“, vermeldet Fithi beim Öffnen einer weiteren Bierdose. „Solange wir solch starken Seegang haben, werden auch keine Boote ablegen.“ Nun lacht er verschmitzt, will weder Details preisgeben, noch uns zu den Wartenden führen, die zu Hunderten in Quartieren über ganz Zarzis verteilt sitzen. „Morgen, vielleicht.“ Ein betrunkenes Versprechen? In der Nacht dann ein Anruf. Fithi! Der Anwerber, der Händler der Hoffnung, einer der Profiteure des Übergangs zwischen Diktatur und dem, was das 10-Millionen-Land Tunesien zur Demokratie machen soll. „Kommt vorbei. Sofort!“ Sein weißgewaschenes Haus liegt am Meer, glänzt mit Balustraden und dient einer weit verzweigten Familie als Anwesen. Er selbst hockt im Garten, hat ein Lagerfeuer entfacht.</p>
<p>„Setzt euch zu mir. Ich werde erzählen, was wirklich abläuft.“ Was folgt sind Modellrechnungen, Gewinnspannen, Risikoabschätzungen. Was hängenbleibt, ist ein einfacher Satz: „Wenn alles so läuft, wie es soll, brauchst du mit einem vollen Boot 16, vielleicht 17 Stunden bis Lampedusa. Du hast 120 Mann an Bord und bist nach Abzug der Kosten um 100.000 Euro reicher.“</p>
<p>Gerede im Rausch der Nacht? Summen jedenfalls, von denen die Fischer von Zarzis nur träumen können. „Frühmorgens laufen wir aus“, berichten die Männer am nächsten Tag und reichen Cous Cous mit Fisch, „und abends kehren wir oft mit halb leeren Netzen zurück.“ 250 Euro lassen sich so im Monat verdienen. Das muss reichen.</p>
<p><strong>Die Menschenfischer.</strong> Einst lag in Zarzis die größte Fischflotte Tunesiens vor Anker, heute sind die Gewässer von Europas Profi-Fangflotten leergefischt und viele der Kutter landeten auf Lampedusa – beschlagnahmt von Italiens Küstenwache. Es sind längst „Menschenfischer“, die nun in Zarzis ihre Netze auswerfen, in der Werft ein neues Boot nach dem anderen zusammenzimmern und Geld scheffeln als seien sie im globalen Drogenhandel tätig.</p>
<p>Einer von ihnen wartet in einem Hinterhof nicht weit von der großen Moschee entfernt: Fithi, nüchtern. Er will seine Ankündigungen wahrmachen, uns zu Flüchtenden führen. Es sind an die 50, die wenig später auf Matrazen lungern. Sie stammen aus ganz Tunesien, warten seit Tagen in der illegalen Unterkunft auf die Abfahrt. Der Jüngste ist 16, der Älteste 43. „Harraga“.</p>
<p>Es sind „Söhne des Zorns“, wütend über die Korruption in ihrem Land, über Chancen bloß für jene mit Kontakten, während sie Tagelöhner mit einem Diplom in der Tasche bleiben. Doch waren das nicht genau die Gründe, die die Jungen im Jänner auf die Straße trieben, den Diktator stürzen ließen? Nun ist er weg, Tunesien steht am Tag 0 und sie fliehen? „Weil sich nichts ändern wird“, sagt der 24-jährige Mohammed und die anderen nicken, „vielleicht in einer Generation, aber nicht für uns. All das Leid, das wir in Europa ertragen werden müssen, kann nicht so groß sein wie die Demütigung, die wir hier jeden Tag erleben. Und wenn wir beim Versuch, zu euch nach Europa zu kommen, sterben, so hat es Allah so gewollt. Inschallah.“</p>
<p><strong> ,Wir wollen so leben wie ihr.‘</strong> 1.000 Euro hat jeder von ihnen bezahlt. Die Mütter haben ihren Schmuck verkauft, die Väter das Haus verpfändet, um die Söhne auf die andere Seite des Meeres zu schicken. „Ihr braucht uns doch“, meint Mohammed nun selbstbewusst, „wir sind jung, kräftig und wenn wir einmal dort sind, werden wir auch bleiben. Wir wollen so leben wie ihr&#8230;“</p>
<p>Pathos, für das die Männer im Nebenraum nicht viel übrig haben. Aus Plastiksäcken quillen Geldscheine. Zu dritt sitzen sie am Tisch, sind mit dem Abzählen der Banknoten beschäftigt, tragen Namen in „Passagierlisten“ ein und Beträge für Personen bei Polizei und Küstenwache, die es zu schmieren gilt. Sie erwerben gerade noch seetaugliche Boote, sogenannte Seelenverkäufer, und bereiten sie für die Überfahrt vor. Diese Männer sind die wahren Capos. Bei ihnen laufen all die Fäden zusammen. Ein Foto gelingt, dann werden wir der Kommandozentrale verwiesen. Zurück zu denen, die mit nichts als der Kleidung am Leib und der Wut im Bauch nach Europa aufbrechen. „Harraga“.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 14/11</em></p>
<p><a title="Harraga - das Video" href="http://www.news.at/video/news-chronik/news-report/964,9397;510" target="_blank">Ansturm auf Europa : Hier gibt es das Video.</a></p>
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		<title>Gaddafis Gestrandete</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 20:36:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[FLÜCHTLINGE. Ausgebeutet, beraubt, verjagt. Zehntausende &#8222;Arbeitssklaven&#8220; entkamen dem libyschen Horror, eine Million sitzt weiter fest. Bei den &#8222;Ausgespuckten&#8220; von Ras Ajdir. Zelt reiht sich an Zelt. Kilometerlang, bis hoch zum Horizont, wo die Sonne über Libyen aufgeht. Für Abdellah Goz bricht der zweite Tag in seinem dritten Leben an. Er ist 19, kriecht gerade aus [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&amp;blog=7247359&amp;post=463&amp;subd=lehermayr&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/03/flc3bcchtlinge-tunesien.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-464" title="Flucht und Furcht im Flüchtlingslager (Foto: Ricardo Herrgott)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2011/03/flc3bcchtlinge-tunesien.jpg?w=300&#038;h=237" alt="" width="300" height="237" /></a>FLÜCHTLINGE. Ausgebeutet, beraubt, verjagt. Zehntausende &#8222;Arbeitssklaven&#8220; entkamen dem libyschen Horror, eine Million sitzt weiter fest. Bei den &#8222;Ausgespuckten&#8220; von Ras Ajdir. </strong></p>
<p>Zelt reiht sich an Zelt. Kilometerlang, bis hoch zum Horizont, wo die Sonne über Libyen aufgeht. Für Abdellah Goz bricht der zweite Tag in seinem dritten Leben an. Er ist 19, kriecht gerade aus dem weißen Zelt, schüttet ein wenig Wasser in seine Hände und beträufelt sein Gesicht damit. Morgendusche. Rechts und links tun es ihm Hunderte Männer gleich. Im ganzen Lager sind es Tausende, die nun Schlange stehen, Essen ausfassen. Sie alle fragen sich, was aus ihnen werden soll.</p>
<p><strong>Militär gegen Massenmord?</strong> Hier sind sie nun gestrandet. In Tunesien. In Sicherheit. In Ras Ajdir, einer gemeinsam von UNO, Rotem Kreuz und Armee eilig errichteten Zeltstadt, gleich hinter der Grenze zu Libyen. Nur wenige Kilometer weiter, die schnurgerade Straße durch die Halbwüste entlang, liegt das Land, das immer mehr ins Chaos abgleitet. Wo Aufständische Städte einnehmen, ein ins Wanken geratener Diktator wie ein angeschossener Löwe zurückschlägt und Amerikaner wie Europäer angesichts des Mordens selbst einen Militäreinsatz nicht mehr ausschließen. Von dort drüben, wo bereits mehr als tausend Menschen bei den Kämpfen starben, während Muammar al-Gaddafi weiter um seine Macht ringt, sind sie zu Zehntausenden gekommen – die „Ausgespuckten“ von Ras Ajdir.</p>
<p><strong>Europa – ein ferner Traum.</strong> „Heute muss ein guter Tag werden, denn gestern war er schlecht und vorgestern noch schlechter“, sagt Abdellah, der sehnige Schwarze, der so lange in Jahren rechnete, bis er begriff, dass ihm nur noch Tage blieben. Sein erstes Leben begann in Ghana an der Küste Westafrikas, wo er in einer Autowerkstätte, ein wenig außerhalb der Hauptstadt, arbeitete. Als Gehilfe bekam er, so wie es dort üblich ist, bloß eine warme Mahlzeit am Tag als Lohn. „Ich war 17, als ich mich aufmachte, ein besseres Leben zu finden“, erzählt er, während er nun mit ein paar seiner Landsmänner auf der Suche nach Brennholz durch das Lager streift. „Mein Ziel war Europa. Wie für jeden, der bei uns weg will.“ Aber Europa blieb ein ferner Traum. Zu teuer wegen der Schlepper. Zu gefährlich wegen der See, die es zu überwinden gilt. Abdellah schaffte es immerhin nach Libyen, in die an Öl reiche, aber an Arbeitskräften scheinbar arme Diktatur des Muammar al- Gaddafi.</p>
<p>Als Illegaler startete er in sein zweites Leben, in diesem für ihn so sonderbaren Land. „Ich merkte bald, dass die Araber uns Schwarze hassen. Wir waren wie vogelfrei, rechtlos, immer in der Angst, von der Polizei angehalten, bestohlen oder geschlagen zu werden. Also arbeiteten wir so viel es ging und sperrten uns, sobald es dunkel wurde, in den Unterkünften ein.“ 500 Euro zahlten ihm die Italiener, auf deren Baustellen Abdellah anfangs schuftete. Als sie ihn nicht mehr brauchten, kam er als Schweißer bei einer libyschen Firma unter und erhielt die Hälfte an Lohn. „Was ich nicht heimschickte, sparte ich und träumte davon, in einigen Jahren damit nach Ghana zurückzukehren, um eine eigene Werkstatt aufzumachen.“</p>
<p><strong>Eine Stadt unter Waffen.</strong> Aber dann waren da diese Bilder, die Abdellah nicht verstand. Abends, wenn er schmutzig von der Baustelle heimkam, liefen sie im Fernsehen. Aufstände, Proteste, Schüsse, Anarchie. Es sollte bloß Tage dauern, bis das Flimmern aus der Ferne vor Abdellahs Tür stand. „Ganz Tripolis hatte plötzlich Waffen: Macheten, Pistolen, Gewehre. Banden zogen von Haus zu Haus, rafften an sich, was sie kriegen konnten.“ Abdellah wollte nur noch eins: weg! Aber wie? Italiener, Briten, Deutsche, Österreicher – die Europäer waren von ihren Regierungen längst ausgeflogen worden.</p>
<p>Doch darauf brauchten geschätzte 1,2 Millionen Afrikaner und Asiaten, die in der Hackordnung der „globalisierten Gastarbeiter“ viel weiter unten stehen, nicht hoffen. Sie mussten entscheiden: bleiben und hoffen oder flüchten und sich fürchten. 200.000 Menschen riskierten es, schlugen sich bis nach Tunesien oder Ägypten durch, doch eine Million Gastarbeiter sitzt weiter in Libyen fest. 120 Kilometer sind es von Tripolis bis zur rettenden tunesischen Grenze. Eine Fahrt entlang der Küste, durch einen Landstrich, der weitgehend von Gaddafi-treuen Truppen kontrolliert wird – fast zwei Tage sollte Abdellah für die Reise in sein drittes Leben benötigen und dabei nie sicher sein, ob er jemals dort ankommen würde. „Alle paar Kilometer gab es Checkpoints, insgesamt sicher 70“, berichtet er, „teils war Armee dort, teils einfach Banditen.“ Mal für Mal blickte er in den Lauf der Gewehre, und Mal für Mal fanden die Bewaffneten mehr von den 3.000 Dollar an Ersparnissen, die Abdellah, über den ganzen Körper verteilt, versteckt hielt.</p>
<p>Am Ende blieb ihm nicht mehr als seine schwarze Hose, das grüne T-Shirt und der schwarze Kapuzensweater. So steht er vor dem Zelt. Seine Träume, seine Hoffnungen, all das, wofür er zwei Jahre gearbeitet hatte, landeten in den Taschen von Gaddafis Schergen. Und trotzdem: Abdellah und die Tausenden anderen in Ras Ajdir, hinter denen ähnliche Erlebnisse liegen, klagen kaum. „Verwende Geld, um dein Leben zu retten, und nicht das Leben, um dein Geld zu retten“, ist der Satz, der von Abdellah hängen bleibt.</p>
<p>Keiner weiß, wie viele Tausende Menschen hinter der Grenze noch warten. Die UNO zeigt sich besorgt, dass der Strom von Flüchtlingen nun von Tag zu Tag schwächer wird, während sich Anarchie und Bürgerkrieg ausbreiten. Sie fürchtet, dass die Flüchtenden bereits im Hinterland zurückgehalten werden und sich die wahre humanitäre Katastrophe gerade erst anbahnt.</p>
<p>An der Grenze kommt ein Bus voll geschockter Tunesier zum Stehen. Ihnen wurden selbst die Handys abgenommen, aus Angst, das damit gefilmte Grauen könnte seinen Weg nach draußen finden. Nur hie und da quert auch ein Wagen mit libyschem Kennzeichen die Grenze. Es sind Schmuggler und Schieber, die in alten Limousinen seit Jahren nach Tunesien kommen, dringend Benötigtes einkaufen, um es ein paar Stunden später in Gaddafis bröckelnden Bastionen teuer zu verkaufen. Sie halten nur kurz, tun so, als herrsche drüben Alltag. Die Tunesier beäugen sie kritisch, hoffen sie doch nach ihrer eigenen Revolution auch auf den Diktatorensturz beim Nachbarn.</p>
<p><strong>Bei den Ungewollten.</strong> Im Lager von Ras Ajdir hat sich rasch dieselbe Hackordnung gezeigt, die zuvor schon auf Libyens Baustellen galt. Die Ägypter, von denen über 70.000 nach Tunesien geflüchtet waren, sind schon verschwunden. Ihre Regierung hat sie zurückgeholt, die deutsche Marine stellte Schiffe zur Verfügung, die Amerikaner richteten eine Luftbrücke ein. Auch die Chinesen sind weg, und selbst die Vietnamesen besteigen nun Busse, die sie zum Flughafen bringen. Wer bleibt, stammt entweder aus Ländern, die sich die Heimholung ihrer Bürger nicht leisten können und auf internationale Hilfe angewiesen sind, oder aus Staaten, die als solche kaum noch existieren: Es sind Somalier, Sudanesen, Westafrikaner, Bangladescher – 30.000 Menschen insgesamt.</p>
<p>Und so nimmt, als die Sonne längst hoch am Himmel steht, eine bizarre Lotterie ihren Anfang. Hunderte Bangladescher harren seit Stunden aus. Im Schatten der wenigen Eukalyptusbäume haben sie inmitten der wachsenden Müllberge einen Kreis gebildet. Ihre fast wertlos gewordenen Reisepässe liegen in einem geflochtenen Korb. Der Mann mit dem Megafon in der Hand spielt die „Glücksfee“, greift wahllos in den Korb und zieht nun einen Pass nach dem anderen heraus. Namen werden verlesen. Deren Träger schnallen sich hastig die wenigen Habseligkeiten, die ihnen geblieben sind, auf den Rücken und eilen zu einem Bus mit laufendem Motor, so als ob ihnen jederzeit noch jemand ihr „Ticket zurück“ abspenstig machen könnte. Ein paar Hundert sollen nun Tag für Tag mit UN-Geld ausgeflogen werden.</p>
<p><strong>Schuften und schlafen.</strong> Shohag Sajjad war bislang nicht dabei. Reis kochend kauert der 22-Jährige mit seinen einstigen Arbeitskollegen im Zelt, berichtet von der Familie zuhause in Bangladesch, der Armut, den vielen Geschwistern und den steigenden Preisen. „Als ich 17 war, sagte mein Vater, ich müsse ins Ausland: arbeiten, Geld heimschicken.“ So landete Shohag zuerst auf Baustellen im Sudan und schließlich in Libyen. Schuften, schlafen, schuften, dazwischen ein wenig mit der Heimat skypen und das Verdiente dorthin schicken. „Ein Jahr noch Libyen, dann zurück und ein kleines Geschäft eröffnen – das war mein Plan“, sagt Sajjad, dem auf der Flucht aus Gaddafis Reich auch alles Wertvolle geraubt wurde.</p>
<p><strong>Es dämmert.</strong> Keiner weiß, was kommt. Sicher, irgendwann werden die meisten von ihnen wohl heimgeflogen werden. Doch, was dann? Abdellah und Abertausende andere kehren mittellos in die Not zurück. Europa bleibt ihr Traum. Doch, womit finanzieren? Wie die Schlepper bezahlen? Und wer wartet dort schon auf sie? Zelt reiht sich an Zelt, bis hoch zum Horizont, wo sich die Sonne über Tunesien senkt. Dahinter liegt Libyen. Längst in Dunkelheit.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 10/11</em></p>
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