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		<title>Bei den illegalen Kohle-Jägern</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 20:35:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[IM ARMENSCHACHT. Unter Lebensgefahr graben in Polen Tausende Arme nach Kohle. Wir fanden sie 400 Kilometer hinter Wien und stiegen mit in den Schacht.
Sie müssen uns wohl gehört haben. Unser Keuchen in der Kälte. Das Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Die paar Worte, die in dieser Nacht mitten im Wald gefallen sind. Als wir [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=361&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>IM ARMENSCHACHT. Unter Lebensgefahr graben in Polen Tausende Arme nach Kohle. Wir fanden sie 400 Kilometer hinter Wien und stiegen mit in den Schacht.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/armenschacht.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-362" title="Im Armenschacht (Foto: Heinz S. Tesarek)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/armenschacht.jpg?w=300&#038;h=199" alt="" width="300" height="199" /></a>Sie müssen uns wohl gehört haben. Unser Keuchen in der Kälte. Das Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Die paar Worte, die in dieser Nacht mitten im Wald gefallen sind. Als wir die Lichtung erreichen, liegt sie verlassen im Mondschein. Die Männer, wie viele es auch immer waren, haben die Flucht ergriffen. Aus Angst?</p>
<p>Wir folgen ihren Spuren, stapfen durch knietiefen Schnee, finden darin kleine Kohlebrocken, gehen weiter und stehen plötzlich vor einem Loch. Mit kaum zwei mal zwei Metern Durchmesser ragt es in den Boden. Wie tief? Wir werden es erfahren, sobald wir mehr Glück haben und uns die Männer, die dort hinabsteigen, nicht mehr entwischen.</p>
<p><strong>Abstieg einer Stadt.</strong> Walbrzych ist ein Ort, der von der Welt vergessen ist. Gerade einmal 400 Kilometer von Wien entfernt, braucht es dennoch acht Stunden, um hierher zu gelangen. Waldenburg nannten die Deutschen einst diese Stadt, welche nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde und in der heute 130.000 Menschen leben. Wer kurz vor Mitternacht eintrifft, glaubt sich verloren. Niemand ist auf der Straße, kein Auto, kein Mensch. Das „Sudety“ soll einmal das feinste Hotel Niederschlesiens gewesen sein. Doch auch wenn die Telefonnummer des Hauses bis heute im Internet steht, blieb in Wirklichkeit nur noch dessen Fassade. „Ausgebrannt“, „irgendwann in den 90er-Jahren“, sagen die Waldenburger, „und seither nie wieder eröffnet.“</p>
<p>Schlaglöcher pflastern den weiteren Weg – vorbei an den vom Russ geschwärzten Häusern, von denen der Verputz längst abgebröckelt ist. Was bleibt, ist der unverhüllte Blick in die Armut. „Stolz waren wir einst, von hier zu stammen, Achtung und Respekt zollte man uns“, erklärt der hagere Roman am nächsten Tag, „und jetzt rümpft der Rest Polens die Nase, sobald er Walbrzych hört.“ Roman ist 49, ausgemergelt und Teil des Verfalls seiner Stadt. Zehn Jahre lang schuftete er als Bergarbeiter in einer der etlichen Minen des Ortes. Noch in den 80er-Jahren zählte Niederschlesien zu den größten Steinkohlerevieren Europas, doch auf die Wende folgte der Abstieg.</p>
<p>Schlagartig schlossen die Zechen, 15.000 Kumpel verloren nach und nach ihre Arbeit – die ersten von ihnen erhielten stattliche Abfertigungen, die letzten bloß noch einen warmen Händedruck. „Unsere Stadt verkam, Alkohol, Gewalt und Verbrechen regierten“, erinnert sich Roman, der sich all die Jahre mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Und nun, 2010, ist die Krise schlimmer als jemals zuvor. Die wenigen Firmen, die mit Steuervergünstigungen hierher gelockt wurden, geraten ins Rutschen und kündigen erneut Tausende. Offiziell ist jeder Fünfte arbeitslos, in Wirklichkeit liegt aber bereits eine ganze Stadt in Lethargie – und besinnt sich auf das Einzige, was ihr noch geblieben ist: die Kohle.</p>
<p><strong>„Kommt mir nach!“</strong> Es ist erneut Nacht und Roman wandert über ein vom Schnee bedecktes Feld. Er will zeigen, dass sich Walbrzychs wahres Leben längst nur noch unter der Erde finden lässt. Vor einem Hügel hält er, schiebt ein paar Bretter zur Seite, kehrt den Schnee ab und gibt den Blick auf ein Loch frei. Ein Fuchsbau? Eine Höhle? Nein, ein Armenschacht – und davon gibt es allein in Walbrzych Hunderte. Darin wird illegal Kohle abgebaut. Wie – das werden wir gleich sehen.</p>
<p>Roman streift sich Handschuhe über, zieht eine Taschenlampe hervor. Schon zwängt er sich auf allen Vieren in das dunkle Loch, das gerade einmal 60 Zentimeter hoch ist. Nur Sekunden vergehen und Roman ist nicht mehr zu erkennen. „Kommt mir nach!“, ertönt aus dem Dunklen seine Stimme. Zögern. Schweigen. „Kommt schon!“ Wir warten, rutschen dann aber mit den Füßen voran in das dunkle Loch hinein. Enge! Es geht abwärts. Auf dem Rücken liegend, stoße ich mit den Beinen ständig irgendwo an. Das Herz schlägt bis zum Hals. Wir sind erst wenige Meter vorgedrungen, doch nichts ist mehr zu sehen, selbst Romans Stimme klingt plötzlich sonderbar fern. Wie weit ist er weg? Ich drehe mich auf den Bauch, liege nun flach auf dem kalten und feuchten Erdboden, atme tief. Der Blitz des Fotoapparates hellt den Schacht kurz auf und bringt ein bizarres Bild auf das Display der Kamera: Balken und Pfeiler, vielleicht einen halben Meter hoch. Sie stützen die Grubendecke ab – und sie sind morsch!</p>
<p>„Keine Angst, es ist sicher“, meint Roman, der sich nun mit der Taschenlampe nähert. In der Hand hält er eine Spitzhacke, die er in der Grube verstaut hielt. „Diese Schächte haben noch die Deutschen errichtet, sie sind oft mehrere hundert Meter lang, verzweigen sich und dienten schon damals dem Kohleabbau.“ Und nun, wo die Armut größer und die Lage für viele auswegloser wird, kehren die Menschen hierher zurück. Gruben wie diese, am nächsten Tag werden wir sie im Museum sehen: auf gemalten Bildern vom Kohlebergbau im 17. Jahrhundert.</p>
<p><strong>Gejagt von der Polizei.</strong> Wir tasten uns vorsichtig voran, robben, auf dem Bauch liegend, langsam aus dem Schacht. Noch ahnen wir nicht, dass uns bald ein noch viel tieferer erwarten wird. Die Nacht vergeht, der nächste Tag bricht an. Wir wollen wissen, wo in Walbrzych überall gegraben wird und begeben uns auf die Suche. „Es wird schwierig“, warnt Roman, der zwar jeden Schacht kennt, aber auch weiß, dass die Schürfer vorsichtig sind. „Denn die Angst vor der Polizei ist groß – wer erwischt wird, der wandert wegen Diebstahls und Hehlerei ins Gefängnis.“ Es ist bizarr: während Banker und Spekulanten, die diese Krise überhaupt erst verursacht haben, ungeschoren davonkommen, müssen sich nun jene fürchten, die ganz am Ende der Kette stehen – als Unschuldige, als Opfer von etwas, das sie nicht einmal im Ansatz verstehen.</p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/armenschacht-2.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-363" title="Graben um zu Überleben (Foto: Heinz Tesarek)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/armenschacht-2.jpg?w=300&#038;h=214" alt="" width="300" height="214" /></a>Tief im Wald treffen wir kurz vor der Dämmerung erstmals auf diese Menschen. Vier Männer – ihre Gesichter sind kohlrabenschwarz, ihre Jacken schmutzig, ihre Mienen aber freundlich. Sie stecken sich Zigaretten an, berichten von früher, als sie noch legal in der Zeche arbeiteten, gut bezahlt wurden und ihnen ein bescheidenes Leben möglich war. Und sie berichten vom Jetzt – von der Arbeit, der Anstrengung, der Angst und der Ausweglosigkeit.</p>
<p>„420 Zloty, gerade einmal 100 Euro, Arbeitslose krieg ich“, sagt Leszek, „wie soll ich davon eine Frau und zwei Kinder ernähren?“ „Klar,“ wirft Grzegorz ein, „ich könnte zu euch nach Österreich kommen, dort irgendeine alte Oma überfallen – doch bevor ich das tue, grab‘ ich lieber weiter nach Kohle, selbst wenn die Polizei sagt, ich bin kriminell.“ Die Männer sprechen so hastig wie sie rauchen, denn bevor es völlig dunkel wird, müssen sie noch einmal runter in den Schacht. „Und, kommt ihr mit?“ Nach dem Erdloch am Vortag, geht es nun vertikal in die Tiefe. Acht, neun, zehn oder zwölf Meter? Keiner von ihnen kennt die Antwort.</p>
<p><strong>Sturz in den Tod.</strong> Über eine Art Sprossenleiter aus Holzpfählen steigen wir hinab. Sie sind rutschig und feucht. Ein Fehltritt und man stürzt ab – in den sicheren Tod. Angst? „Ja, klar ist die vorhanden“, gesteht Grzegorz, „in den letzten Jahren sind hier acht Menschen in den Gruben gestorben, der letzte erst vor einem Jahr. Aber was sollen wir machen? Hungern?“</p>
<p>Noch gefährlicher als ein Absturz ist aber ein plötzlicher Erdrutsch, dem die Schürfenden schutzlos ausgesetzt sind. „Ein wenig Erde kommt ständig runter“, sagt Daniel, der nun mit der Spitzhacke große Kohlebrocken aus dem Felsen stemmt, die Grzegorz in einen Kübel verfrachtet, der an einem Seil nach oben gezogen wird. Diesen nimmt Leszek am Grubenrand in Empfang und übergibt ihn an den zweiten Grzegorz, der die Kohle mit einem Sieb zerkleinert.</p>
<p>„In einen Sack gehen 50 Kilo Kohle“, erklärt dieser, „und wenn wir uns anstrengen und von früh bis spät durcharbeiten, schaffen wir 20 Säcke am Tag.“ Der Vierer-Brigade gelingt es so, eine Tonne Kohle täglich aus ihrem Mini-Bergwerk zu holen – und das an sechs Tagen die Woche. „Nur Sonntag ist Pause, da gehen wir mit unseren Familien in die Kirche und beten.“</p>
<p>Abnehmer für die Kohle, die die Männer um knapp 10 Euro je Sack, und damit der Hälfte des normalen Preises, liefern, finden sich in Polens Armenhaus reichlich. „So manch alte Oma wüsste bei so einem strengen Winter wie wir ihn heuer haben, längst nicht mehr, wie sie sich das Heizen leisten sollte, wenn es uns nicht gäbe“, sagt Grzegorz und schaufelt unter Schweiß den nächsten Sack voll.</p>
<p>Wie viele Menschen tun es der Brigade gleich und graben in all den Gruben der Stadt? Die Männer müssen nicht lang überlegen, als sie diese Frage hören – „denn halb Walbrzych gräbt“, meint Leszek, „aber glaubt ihr wirklich, wir tun das freiwillig? Glaubt ihr wirklich, wir würden das tun, wenn wir eine Wahl hätten?“ Es ist die Armut, welche all die Männer hierher in den Schacht gebracht hat. Es ist die Armut, die sie zum Äußersten treibt, sie Gefahren ignorieren und ihr Leben riskieren lässt – Tag für Tag und Nacht für Nacht aufs Neue.</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 07/10</em></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/kohle.pdf">Die Story als PDF downloaden</a></p>
<br />Eingetragen unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/polen/'>Polen</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/361/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/361/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/361/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/361/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/361/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/361/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/361/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/361/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/361/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/361/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=361&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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		<title>Karlsbrücke, Kafka und Kiffen</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Feb 2010 00:15:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[IM NEUEN AMSTERDAM. In Tschechien ist der Konsum von Gras, Koks und Pillen seit kurzem straffrei. Ein Report aus dem &#8220;Kifferparadies&#8221; Prag.
Golden glänzt die Karlsbrücke gegen die schwarze Nacht an. Darüber thront, erhaben wie eh und je, die Prager Burg im Scheinwerferlicht. Es ist ein Postkartenmotiv – Millionen Mal fotografiert und bewundert – das sich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=356&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>IM NEUEN AMSTERDAM. In Tschechien ist der Konsum von Gras, Koks und Pillen seit kurzem straffrei. Ein Report aus dem &#8220;Kifferparadies&#8221; Prag.<a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/prag-screen.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-357" title="Kiffen vor Kulisse (Foto: Heinz Tesarek)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/prag-screen.jpg?w=300&#038;h=200" alt="" width="300" height="200" /></a></strong></p>
<p>Golden glänzt die Karlsbrücke gegen die schwarze Nacht an. Darüber thront, erhaben wie eh und je, die Prager Burg im Scheinwerferlicht. Es ist ein Postkartenmotiv – Millionen Mal fotografiert und bewundert – das sich den Touristen hier abends am Ufer der Moldau bietet. Doch Anna, Katka und Petr haben heute keine Augen für ihre Heimatstadt. „Komm, gib mir mal das Feuerzeug rüber. Meiner brennt noch nicht ordentlich“, meint eines der Mädchen, hantiert herum und bläst wenig später genussvoll die ersten Rauchschwaden in die Luft. „So ein Joint vor dem Fortgehen lässt den ganzen Abend gleich viel entspannter werden“, ist sich das Trio einig&#8230;</p>
<p><strong>Harter House und weiche Drogen.</strong> Ein paar hundert Meter weiter, in einer der engen Gassen der Altstadt, liegt das „Roxy“. Ein Klub, gleich nach der Wende eröffnet, der Freunde von hartem House und weichen Drogen gleichermaßen magisch anzieht. „Gekifft wurde hier schon immer“, erklärt Zybnek, der ein gewisses Glänzen in seinen Augen nur schwer verbergen kann, „aber ab nun ist alles anders.“ Warum, wird er uns später erklären, denn noch ist er zu sehr damit beschäftigt, all seine Aufmerksamkeit dem Gelingen des Joints zu widmen, den er sich seit mittlerweile zehn Minuten dreht.</p>
<p>Prag im Februar 2010. Nicht nur der scheinbar kaum enden wollende Winter hält die tschechische Hauptstadt fest im Griff. Aus manchen, der hier so beliebten Kellerlokale, strömt auch ein süßlich-schwerer Geruch. Für die einen ist es einfach Haschisch, für die anderen der Hauch der Liberalisierung – und wiederum andere orten gleich den Untergang des Abendlandes, angesichts dessen, was sich in Tschechien gerade tut.</p>
<p>Die Tschechen, mit 160 Litern Bierverbrauch pro Jahr und Kopf, weltweit ohnedies unangefochten an erster Stelle liegend, haben sich in einen heftigen Flirt mit bislang nicht ganz so legalen Substanzen gestürzt. Und die Betonung liegt auf bislang. Denn die unter der Ägide des Statistikers Jan Fischer stehende Beamtenregierung, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine fast schon philosophisch anmutende Fragestellung einer Klärung zuzuführen: „Wie groß ist eine mehr als kleine Menge von Drogen?“</p>
<p><strong>Kein Gefängnis für Koks.</strong> „Früher war es so, dass dies örtlich definiert wurde, was dazu führte, dass das, was in Prag vielleicht noch erlaubt war, einen in Brünn schon ins Gefängnis brachte“, erläutert Jakub Frydrych, Chef des Anti-Drogenkommandos der tschechischen Polizei. Und nun, könnte man sagen, bringt einen kaum noch etwas in den Knast. Denn die Regierung setzte die Mengen, ab deren Überschreiten erst eine Strafverfolgung droht, vergleichsweise hoch an &#8211; und das sowohl bei weichen wie auch harten Drogen:  So muss, wer bis zu 15 Gramm Marihuana besitzt, fortan nur noch eine Geldstrafe fürchten.15 Gramm Marihuana, das sind immerhin bis zu 40 Joints und die dreifache Menge dessen, was in den Niederlanden erlaubt ist. Tschechien erhielt so Europas liberalstes Drogengesetz und erntete dafür auch gleich den Unmut seiner rigider agierenden Nachbarstaaten. Diese fürchten „natürlich eine ausstrahlende Wirkung“, wie es Oberösterreichs Sicherheitsdirektor Alois Lißl formuliert.</p>
<p> Chefdrogenfahnder Frydrych kann die Bedenken seines Gegenübers verstehen, sieht für sein Team aber auch die Vorteile: „Wir können nun unsere ganze Kraft auf die großen Fische im Drogenschäft lenken und müssen nicht länger Kranke – und nichts anderes sind Süchtige – kriminalisieren.“ Wobei der hemdsärmelige Chef der Anti-Drogeneinheit zugeben muss, dass ihm das grassierende „Gras“ doch Kopfweh bereitet: „Aber hierzulande wird Marihuana in engem Zusammenhang mit der persönlichen Freiheit gesehen und entsprechend selten meldet uns jemand diesbezügliche Gesetzesverstöße.“ Mit dieser Ausgangslage haben auch Tschechiens Politiker zu kämpfen – und mit der Tatsache, dass 29 Prozent ihrer Bürger zwischen 15 und 24 Jahren im Vorjahr Erfahrungen mit Marihuana machten, was dem höchsten Wert innerhalb der EU entspricht.</p>
<p><strong>Tanzen unter Joints.</strong> „Die Tschechen waren schon immer recht liberal, selbst so manch alte Oma hat bereits im Kommunismus ihre Hanfstaude im Garten gezüchtet – insofern gab es politisch kaum einen Streit über die Gesetzesänderung“, erklärt Jirí Presl, der eine Betreuungseinrichtung für Süchtige leitet. Der Arzt beklagt jedoch auch, „dass wir zwar bei der Behandlung von Drogenkranken recht gut sind, aber leider immer noch viel zu wenig Geld in die Prävention investieren und daran hat sich auch durch das neue Gesetz nichts geändert.“</p>
<p>Doch zurück ins „Roxy“ und zu Zbynek, dessen Joint gelungen und auch schon angezunden ist. Während der Macher des Hanfblattes „Konoptikum“ tief inhaliert, blickt er auf die Tanzenden und die von der Decke der Disco baumelnden, überdimensionierten Joints: „Ob Prag zum neuen Amsterdam wird? Ich weiß es nicht. Coffeeshops wird es keine geben, aber immer genügend Barkeeper mit Gras hinterm Tresen“, ist der 25-Jährige überzeugt, „und wenn nun Touristen nicht mehr bloß wegen der Karlsbrücke und Kafka kommen, wird es wohl keinen hier stören&#8230;“</p>
<p><em>Erschienen in NEWS 06/10</em></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2010/02/drogen.pdf">Die NEWS-Story hier als PDF downloaden</a></p>
<br />Eingetragen unter:<a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/'>REPORTAGEN</a>, <a href='http://lehermayr.com/category/reportagen/tschechien-2/'>Tschechien 2</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/356/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/356/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/356/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/356/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/356/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/356/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/356/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/356/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/356/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/356/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=356&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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		<title>&#8220;Ich bin Osamas Sohn&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 19:33:02 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[ OMAR BIN LADEN, 28: Mein Vater, der Terrorist. Wie er lebt. Was er denkt. Und warum ich weiß, dass er noch am Leben ist.
Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt.
In den mehr als acht Jahren, die seit dem 11. September [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=338&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> <a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/12/cover-screen.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-340" title="NEWS-Coverstory" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/12/cover-screen.jpg?w=224&#038;h=300" alt="" width="224" height="300" /></a>OMAR BIN LADEN, 28: Mein Vater, der Terrorist. Wie er lebt. Was er denkt. Und warum ich weiß, dass er noch am Leben ist.</strong></p>
<p>Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt.</p>
<p>In den mehr als acht Jahren, die seit dem 11. September 2001 vergangen sind, wurde viel über den Urheber dieser Tat und sein Terrornetzwerk geschrieben, Theorien wurden aufgestellt und Vermutungen verbreitet. Doch noch nie zuvor erhoben jene Menschen ihre Stimme, die diesen Mann am besten kennen, mit ihm unter einem Dach gelebt und ein Bett geteilt haben – Menschen aus seinem engsten Umfeld, aus seiner Familie. Sie schwiegen – und sie hatten gute Gründe dafür.</p>
<p><strong>Eine Mail von Bin Laden.</strong> „Ich muss zugeben, dass ich etwas geschockt war, als ich eines Tages eine Mail von jemandem, der sich Omar bin Laden nannte, in meinem Posteingang vorfand“, gesteht Jean Sasson im Gespräch mit NEWS. Sasson ist eine amerikanische Bestsellerautorin, deren Tagebücher saudischer Prinzessinnen für Aufsehen und Verkaufserfolge sorgten. Sasson ist auch eine Lady, die sich auskennt in der arabischen Welt, die aber dennoch zögerte, bevor sie zum Hörer griff und die angegebene Nummer wählte.</p>
<p>Am anderen Ende der Leitung, irgendwo im Orient, antwortete eine angenehme männliche Stimme in sehr ruhigem Tonfall: Es war Omar bin Laden. Sein Vater gilt als Ausgeburt des Bösen, als Ziehvater des Terrors, verantwortlich für den Tod von Tausenden Menschen weltweit – „doch mit seinem Sohn lässt es sich ausgezeichnet plaudern“, verrät Sasson, „denn er ist einfühlsam, gutmütig und sanft, was einem Wunder gleicht, angesichts dessen, was er durchmachen musste“.</p>
<p>Omar vertraute sich Sasson an, sprach stundenlang mit ihr und bat sie schließlich, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu Papier zu bringen. Doch erst als auch seine Mutter Najwa ihre Mitarbeit zusicherte, willigte Sasson ein und begann, „Growing Up bin Laden“ <em>(<a href="http://www.amazon.com/Growing-Up-bin-Laden-Osamas/dp/0312560168" target="_blank">über Amazon bestellbar</a>)</em> zu verfassen. Es ist die Geschichte einer jungen Syrerin, die erst 15 ist, als sie ihren zwei Jahre älteren Cousin Osama heiratet und ihm in dessen saudische Heimat folgt. Es ist eine Geschichte, die in Palästen beginnt und Jahrzehnte später, als Najwa gerade mit ihrem zehnten Kind hochschwanger ist, in einer kalten Steinhütte in den Bergen Afghanistans an ein Ende gelangt.</p>
<p>Es ist auch die Geschichte eines Buben, der nicht aufhört, darauf zu hoffen, dass sein Vater tatsächlich einmal bloß Vater sein wird und nicht der Mann, der Schmerz und Leid über die Welt bringt, indem er einen Heiligen Krieg aus dem Hinterzimmer plant. Es ist die Geschichte von Najwa und Omar – der ersten Frau von Osama bin Laden und ihrem viertältesten Sohn.</p>
<p>Sie beginnt in den 80er-Jahren im saudischen Jeddah, wo die Bin Ladens ein großes Anwesen bewohnen, aus dem kein Lachen ertönt. Unislamisch sei dieses Gelächter, habe Osama den Kindern eingeschärft, schreibt Omar, und jedes Zuwiderhandeln mit Züchtigung geahndet. Während die Cousins im Wohlstand des durch Bautätigkeit reich gewordenen Bin-Laden-Clans schwelgen, dürfen Osamas Kinder nicht einmal Spielzeug besitzen und müssen bei 45 Grad ohne Kühlschrank und Klimaanlage auskommen, da diese Verheißungen der westlichen Zivilisation den islamischen Glauben korrumpieren würden.</p>
<p><strong>Islamische Weltherrschaft.</strong> Der wahre Alptraum setzt aber erst ein, als die Saudis Osama und seine Familie aus dem Land verbannen, nachdem dieser allzu stark gegen das Königshaus agitiert hatte. Im sudanesischen Exil schart der „Prinz“, wie ihn seine Männer nennen, immer mehr Kämpfer um sich und steigert sich immer tiefer in seinen religiösen Wahn. Eines Tages ist ein Affenbaby, das Omar als Spielkamerad diente, tot. Überfahren von einem der Kämpfer des Vaters, weil der „Prinz“ ihm zuvor erklärt habe, Affen seien eigentlich Juden, und Juden gehören getötet. Während Najwa ihrem Mann Jahr für Jahr weitere Söhne gebiert, karrt dieser die Buben zu Ausdauertrainings in die Wüste und setzt sie dort ohne Wasser aus. „Was ihm Spaß bereitete, hassten wir“, erinnert sich Omar nun im Gespräch mit NEWS <em>(siehe Interview).</em></p>
<p>Die Terrororganisation al- Qaida nimmt allmählich Gestalt an, beginnt, einer Zelle gleichend, immer mehr Kämpfer anzuziehen, die vom Vater und seinen Männern trainiert und in den Heiligen Krieg geschickt werden. „Der Jihad ist der einzige Grund, warum Gott mich auf die Welt gesandt hat“, wird Osama seinem Sohn später erklären, „die Muslime sind die geschundensten Menschen auf Erden, und ich bin hier, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Denn es wird der Tag kommen, an dem die Muslime die ganze Welt regieren werden. Das ist Gottes Plan.“ Die Anschläge häufen sich, al-Qaida erhält nun Spenden aus allen Teilen des Orients, doch auch der Druck des Westens auf den Sudan steigt, den Terrorpaten und seine Familie aus dem Land zu schmeißen.</p>
<p><strong>Ein ganzer Berg für Osama.</strong> „Und da saß ich nun“, schreibt Omar, „der Sohn eines reichen Bin Laden, inmitten eines gesetzlosen Landes, nach Luft schnappend in einem kleinen Toyota, umgeben von schwer bewaffneten afghanischen Kämpfern und auf dem Weg, meinem Vater dabei zu helfen, eine Gebirgshütte als Familienunterkunft zu beanspruchen.“</p>
<p>Die Bin Ladens sind dort angekommen, wo der Vater einst die Sowjets besiegen half und wo seither weder Recht noch Gesetze gelten, sondern bloß das Wort der Taliban. Einer von deren Führern hat Osama ein ganzes Gebirgsmassiv, die Berge von Tora Bora, geschenkt, und genau dort, mitten im Hindukusch, bringt er nun seine vier Frauen mitsamt deren Kindern hin. „Ich habe mich nie bei meinem Mann beschwert“, schreibt Najwa, „auch nicht, als ich unser schmutziges Gewand im kalten Wasser eines Metallkübels wusch, Reis auf einem kleinen Gaskocher zubereitete oder unsere Vorräte in Felsklüften hortete. Selbst als mir Osama befahl, fortan eine Burka zu tragen, gehorchte ich.“ Gehorsam, unbedingten Gehorsam, das verlangt Osama von allen, die ihn umgeben.</p>
<p>Und von seinen Söhnen, die er längst in den überall im Land von ihm errichteten Terrorcamps im Umgang mit Kalaschnikows und Bomben ausbilden lässt, verlangt er bald noch mehr, wie Omar schreibt: „Wir saßen zu seinen Füßen, und mein Vater sagte: ,Söhne, an der Wand der Moschee hängt eine Liste. Sie ist für Männer gedacht, die zu Selbstmordattentätern werden wollen. Jene, die ihr Leben für den Islam geben, haben sich dort einzutragen.‘“ Er sieht seine Söhne mit Augen voll der Erwartung an, doch Omar wird wütend: „Endlich wusste ich genau, wo ich stand. Mein Vater hasste seine Feinde mehr, als er seine Söhne liebte. Ich wäre ein Idiot gewesen, noch einen weiteren Augenblick meines Lebens zu verschwenden.“</p>
<p><strong>,Er betet für Krieg, ich für den Frieden.‘</strong> Anfang 2001 häufen sich die Gerüchte, ein großer Anschlag stehe bevor, und für Omar wurde die Ahnung, dass er in Afghanistan nichts mehr verloren hat, rasch zur Gewissheit. „Ich habe mich häufig gefragt, ob mein Vater so oft getötet hat, dass ihm das Töten nunmehr weder Freude noch Schmerz bereitet. Ich bin das Gegenteil meines Vaters – während er für Krieg betet, bete ich für Frieden.“ Omar gelingt es, sich vom Vater loszusagen und nach Saudi-Arabien zurückzukehren. Wenige Tage vor dem 11. September kann schließlich auch Najwa mit ihren jüngsten Kindern Afghanistan für immer verlassen. Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt&#8230;</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 5o/09)</em></p>
<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/12/news950_osama.pdf">Die ganze Story als PDF zum Herunterladen</a></strong></p>
<br />Abgelegt unterREPORTAGEN, Terrorismus  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/338/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/338/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/338/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/338/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/338/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/338/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/338/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/338/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/338/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/338/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=338&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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		<title>&#8220;Mein Vater ist sicher am Leben&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Dec 2009 17:35:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Omar Bin Laden]]></category>
		<category><![CDATA[11. September]]></category>
		<category><![CDATA[9/11]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Terror]]></category>
		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>
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		<description><![CDATA[BIN LADEN INSIDE. Sein Vater, der Terrorist und Massenmörder. Jetzt spricht Omar Bin Laden, 28.
Seine Stimme klingt sanft, sein Gemüt wirkt ruhig, doch schon das bloße Aussprechen seines Namens reicht aus, um zu erschaudern: Omar bin Laden, Sohn des meistgesuchten Mannes der Welt. Noch nie wurden Details aus dem Familienleben des Terrorpaten bekannt, keiner konnte [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=333&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>BIN LADEN INSIDE. Sein Vater, der Terrorist und Massenmörder. Jetzt spricht Omar Bin Laden, 28.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/12/bin-laden-interview.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-334" title="Bin Laden Interview (Copyright: NEWS)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/12/bin-laden-interview.jpg?w=300&#038;h=200" alt="" width="300" height="200" /></a>Seine Stimme klingt sanft, sein Gemüt wirkt ruhig, doch schon das bloße Aussprechen seines Namens reicht aus, um zu erschaudern: Omar bin Laden, Sohn des meistgesuchten Mannes der Welt. Noch nie wurden Details aus dem Familienleben des Terrorpaten bekannt, keiner konnte bislang auch nur erahnen, wie es bei den Bin Ladens zuhause zuging. Der 28-jährige Omar bricht nun das Schweigen. Im Exklusivinterview mit NEWS erzählt er von seiner bizarren Kindheit, dem Aufwachsen zwischen Gotteskriegern und Kalaschnikows. Osamas Sohn gibt Einblick in den Hass seines Vaters und erinnert sich an sein eigenes Erwachen am Tag nach dem 11. September …</p>
<p><strong>News : Sie sind Osamas viertältester Sohns, wuchsen mit einer Vielzahl von Geschwistern auf. Wie erzog Sie Ihr Vater?</strong></p>
<p><strong>Omar bin Laden:</strong> Er war sehr streng. Eine meiner ersten Erinnerungen geht zurück zu der Zeit, als er in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfte. Er kehrte oft monatelang nicht heim, und als er endlich da war, saß er im Wohnzimmer über ausgebreiteten Karten. Ich war damals ein kleiner Bub, der nichts mehr wollte als die Aufmerksamkeit seines Vaters, also lief ich vor ihm herum, hoffte, dass er mich beachten würde. Plötzlich stand er auf und sagte, ich solle meine Brüder holen.</p>
<p><strong>News: Was geschah danach?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ich freute mich, dachte, er würde nun mit uns allen spielen. Doch wir mussten uns in einer Reihe aufstellen, und er begann mit seinem Spazierstock auf uns einzuschlagen. Danach lief ich weinend zu meinen Pferden. Es war die erste von vielen Prügeln, die noch folgen sollten. News: Überlebenstrainings in der Wüste zählten auch zur Erziehung. Wie lief das ab? Bin Laden: Seine Söhne sollten so werden wie er – stärker, gestählter und ausdauernder als alle anderen Männer. Wir liefen stunden-, ja tagelang ohne Wasser durch die Wüste, bis wir unsere Beine nicht mehr spürten. Unsere Kehlen waren so trocken, dass das Atmen weh tat. Mein Vater genoss es, an seine Grenzen zu gehen, und erwartete dasselbe von uns, doch wir hassten, was er tat.</p>
<p><strong>News: Sie sind ein Zeuge des Entstehens von al-Qaida, waren selbst in den Terrorcamps Ihres Vaters und lernten seine Gotteskrieger kennen. Wer sind diese Männer?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Es sind Männer, die getrieben sind von Hass, von Hass auf den Westen, von Hass auf die Juden und insbesondere auf Amerika. Diese Männer sind überzeugt davon, dass es ihre Pflicht als Muslime ist, im Heiligen Krieg, dem Jihad, zu kämpfen und so dem Islam zu dienen. Gerade bei den jüngeren Kämpfern in den Ausbildungscamps hatte ich den Eindruck, dass sie vor etwas in ihrer Vergangenheit davonliefen.</p>
<p><strong>News: Sie wuchsen inmitten all dieses Hasses auf. Wie gelang es Ihnen, der Gehirnwäsche zu entgehen und von diesem Hass nicht infiziert zu werden?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ich weiß es selbst nicht genau. Nach einem versuchten Anschlag auf ihn nahm mich mein Vater aus Sicherheitsgründen im Alter von zwölf von der Schule. Fortan erhielt ich nur noch religiösen Unterricht zuhause. Irgendwann begann mir mein Herz aber zu sagen, dass das Leben, welches mein Vater gewählt hatte, nicht zu meinem werden durfte. Schon immer litt ich, wenn ich andere Menschen oder auch Tiere leiden sah. Vielleicht schenkte Gott mir das, was wir als Empathie bezeichnen. Ich könnte nie etwas tun, was anderen Menschen Schmerz zufügt – egal ob physisch oder mental.</p>
<p><strong>News : Das Leben an der Seite von Osama bin Laden glich einer Odyssee, die Sie und Ihre Familie schließlich nach Afghanistan führte. Sie waren 19 Jahre alt, als Sie im Frühling des Jahres 2001, wenige Monate vor dem 11. September, das Land verließen. Ließ Sie Ihr Vater so einfach ziehen?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ich kannte bis dahin nur ein Leben – und das war jenes in einer Großfamilie, mit vielen Geschwistern und Tanten, unter der Herrschaft meines Vaters. Entsprechend schwer war es, mir ein anderes, ein normales Leben überhaupt nur vorzustellen, denn es bedeutete auch, meine Familie zurückzulassen.</p>
<p><strong>News: Was wäre die Alternative gewesen?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Das Leben, das mein Vater für seine Söhne auserkoren hatte – ein Leben als Kämpfer im Heiligen Krieg. Über Jahre quälte mich diese Entscheidung, da sie auch bedeutete, meine Mutter und meine unschuldigen Geschwister, die mich brauchten, zurückzulassen. Es gibt keine Entscheidung in meinem Leben, die mir schwerer fiel. Keine einzige. Aber die Spannungen mit meinem Vater wuchsen ins Unermessliche, es wurde unmöglich, noch länger an seiner Seite zu bleiben, also ging ich und betete für meine Geschwister.</p>
<p><strong>News: Wie erfuhren Sie schließlich vom 11. September?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ich war im Haus meiner Großmutter in Jeddah in Saudi-Arabien und schlief, als mein Onkel plötzlich ins Zimmer stürmte und rief: „Schau, was dein Vater angerichtet hat!“ Als ich dann die einstürzenden Twin Towers sah, konnte ich nicht glauben, dass mein Vater für all das verantwortlich sein sollte, ich betete dafür, dass es nicht stimmte, und weigerte mich noch Monate, auch nur anzunehmen, mein Vater könnte hinter all dem stecken.</p>
<p><strong>News : Wann begannen Sie zu realisieren, dass Sie sich irrten? </strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Als ich die Stimme meines Vaters hörte, als ich ihn sagen hörte, dass er dafür verantwortlich ist, erst dann konnte ich es glauben.</p>
<p><strong>News: Wie gehen Sie nun mit diesem Wissen um?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Es quält mich jeden Tag, es macht mich traurig, und ich fühle mich schlecht wegen jedes einzelnen Opfers.</p>
<p><strong>News: Es gibt Gerüchte, die CIA hätte Sie kontaktiert mit der Bitte, die Agenten bei der Jagd nach Ihrem Vater zu unterstützen. Stimmt das?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ich bin mir nicht sicher, ob es die CIA war, aber als ich mich in Spanien befand, kamen Leute aus dem Weißen Haus, um mich zu befragen. Sie waren höflich, legten mir eine Landkarte vor und baten mich, ihnen darauf zu zeigen, wo sich mein Vater aufhält. News: Und, taten Sie es? Bin Laden: Ich weiß nicht, wo er ist. Seit ich Mitte 2001 Afghanistan verlassen habe, hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich habe diesen Männern also gesagt, dass ich nicht zum inneren Kreis um meinen Vater zähle und er deshalb keinen Grund hat, mir mitzuteilen, wo er sich aufhält.</p>
<p><strong>News : Osama bin Laden ist der meistgejagte Mann der Welt. Wundert es Sie nicht, dass er bislang unentdeckt blieb?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Nein, das wundert mich überhaupt nicht. Sie hätten ein Leben lang an meiner Seite sein sollen und hätten gesehen, wie körperlich stark und ausdauernd mein Vater ist. Seine Kondition ist besser als die eines halb so alten Mannes. Manchmal weckte er mich nachts auf, um von Afghanistan über die Berge nach Pakistan zu ziehen – aber nicht im Jeep, nicht mit dem Pferd, zu Fuß, im Dunkeln. Er kennt die Berge von Tora Bora wie andere nur ihren eigenen Garten, so als ob er selbst jeden einzelnen Stein mit der Hand dort hingelegt hätte.</p>
<p><strong>News: Lebt Ihr Vater noch?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Ja, denn ich erkenne seine Stimme auf den Audio- Botschaften, und er spricht darin über aktuelle Ereignisse, also muss er am Leben sein.</p>
<p><strong>News: Und glauben Sie, ihn noch jemals wiederzusehen?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Das ist eine sehr schwierige Frage, die nur Gott beantworten kann.</p>
<p><strong>News: Was würden Sie ihm sagen, sollten Sie noch einmal auf ihn treffen?</strong></p>
<p><strong>Bin Laden:</strong> Das Gleiche, was ich ihm schon bei unserem letzten Zusammentreffen sagte: dass er mit der Gewalt aufhören soll, umkehren soll, dass Krieg nicht die Antwort ist. Er wäre vermutlich erneut außer sich darüber, dass sein Sohn seine Visionen nicht teilt. Aber natürlich, er ist auch mein Vater, und Gott hat gewollt, dass Söhne ihre Väter immer lieben werden, also würde ich ihn schließlich auch fragen, wie es ihm denn geht.</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 50/09)</em></p>
<br />Abgelegt unterINTERVIEWS, Omar Bin Laden  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/333/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/333/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/333/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/333/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/333/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/333/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/333/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/333/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/333/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/333/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=333&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Die neue Mauer</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 20:02:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[AN DER TOLERANZGRENZE. In Osteuropa wachsen wieder Mauern. Dort, wo Zusammenleben scheitert, Vorurteile wahr werden und Lösungen Mangelware sind.
Es gibt Tage, an denen es Miroslav Blíchar vor der Fahrt zu seiner Mutter graut. Besonders zur Monatsmitte hin befällt den kräftigen 57-Jährigen meist eine Mischung aus banger Befürchtung und Zorn, sobald er in den Wagen steigt [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=320&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>AN DER TOLERANZGRENZE. In Osteuropa wachsen wieder Mauern. Dort, wo Zusammenleben scheitert, Vorurteile wahr werden und Lösungen Mangelware sind.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/11/roma-screen.jpg"></a><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/11/roma-screen2.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-325" title="Diesseits und jenseits der Mauer von Ostrovany (Foto: Stephan Kochevnikqualia)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/11/roma-screen2.jpg?w=300&#038;h=190" alt="Diesseits und jenseits der Mauer von Ostrovany (Foto: Stephan Kochevnikqualia)" width="300" height="190" /></a>Es gibt Tage, an denen es Miroslav Blíchar vor der Fahrt zu seiner Mutter graut. Besonders zur Monatsmitte hin befällt den kräftigen 57-Jährigen meist eine Mischung aus banger Befürchtung und Zorn, sobald er in den Wagen steigt und die paar Kilometer zur alten Frau zurücklegt. „Sie haben dann schon die Sozialhilfe erhalten, bereits Alkohol, vielleicht auch Drogen zum Schnüffeln gekauft und wieder weiß Gott was angestellt“, erzählt Blíchar, als er das Auto vor dem kleinen, leicht rosa getünchten Haus der Mutter abstellt: „Aber heute ist zum Glück erst der 6., heute ist es noch ruhig hier.“</p>
<p>Hier, das ist Ostrovany, ein 1.700 Einwohner-Dorf im Osten der Slowakei, knapp 400 Kilometer hinter Wien. Und „sie“, sie sind „die Zigeuner“, wie Blíchar sagt, „die Zigeuner, unsere Nachbarn.“ Der gelernte Maurer zieht die weißen Gardinen zur Seite und deutet aus dem Fenster in den Garten: „Bitte, das ist unser Ausblick.“ Einige dutzend Meter entfernt, in einer leichten Senke gelegen, stehen etliche Holzverschläge. An die zwanzig Hütten, zusammengezimmert aus ein paar Brettern und Lehm, aus denen dichter Rauch weht. Es ist wie ein Blick zurück ins Mittelalter, unwirklich und doch so real.</p>
<p><strong>„Die weiße Minderheit“</strong> Der Blick fällt auch auf Betonblöcke: Weiß, massiv und übereinandergelagert, ergeben sie eine mehr als zwei Meter hohe und 200 Meter lange Barriere, eine Absperrung, eine Mauer – die Mauer von Ostrovany. Während sich dieser Tage tausend Kilometer entfernt Berlin darauf vorbereitete, dem Fall der Mauer vor 20 Jahren zu gedenken, fuhren in Ostrovany Bagger auf, um eine neue zu errichten. Was einst Ost und West trennte, soll hier, die zur Minderheit gewordenen „Weißen“ vor den, die Mehrheit stellenden „Schwarzen“, schützen.</p>
<p>Schwarz und weiß – in einer Gegend, wo der Ausdruck „Humanist aus dem Westen“ meist ein schlimmeres Schimpfwort darstellt als „Zigeuner“, sind dies auf beiden Seiten gebräuchliche Begriffe und noch das geringste Problem. Die wahren Probleme lassen sich zuerst in Zahlen ausdrücken. Im Osten Europas leben geschätzte acht Millionen Roma – allein in der Slowakei sind es mehr als 400.000. Die meisten von ihnen sind arm, arbeitslos und am Rand der Gesellschaft.</p>
<p>Doch die Zahlen geben kein Gefühl für die wahren Probleme. Aus ihnen lässt sich kein Zusammenhang ziehen zwischen Bettlerbanden auf Österreichs Einkaufsstraßen und dem, was Menschen wie Miroslav Blíchar in Ostrovany und anderswo berichten. „Rassisten schimpfen sie uns jetzt“, klagt er, „die feinen Herrn Minister aus Bratislava, die herkommen, vom Brücken bauen statt Mauern errichten sprechen und dann rasch wieder einsteigen in ihre abgedunkelten Dienstlimousinen, zurückkehren in ihre Villen hoch über der Hauptstadt.“</p>
<p>Blíchar ist sauer, steht trotzig hinter dem Haus der Mutter im Garten und deutet über die Mauer nach drüben: „Jahr für Jahr haben sie uns die Ernte gestohlen – Äpfel, Kartoffel, Tomaten, alles. Auch den Zaun haben sie abmontiert und beim Schrotthändler zu Geld gemacht – in drei Etappen, damit ich sie nicht anzeigen kann, denn alles unter 50 Euro gilt als Bagatelldelikt und wird von der Polizei nicht verfolgt.“ Was banal klingt, wird in Gegenden, wo eine Verkäuferin 300 Euro im Monat verdient und daher froh über die Ernte aus dem eigenen Garten ist, rasch zum Massenärgernis.</p>
<p><strong> Aufmarsch der Glatzen.</strong> Stille Wut über die wachsende Kleinkriminalität paart sich mit dem dumpfen Gefühl, von der großen Politik dafür bloß belächelt zu werden: Egal, ob in Tschechien, Ungarn oder eben der Slowakei – halb vermummte Männer in faschistisch anmutenden Uniformen wissen dergleichen gut für sich zu nützen. Als im Frühjahr ein jugendlicher Rom im Nachbardorf von Ostrovany eine Verkäuferin erstach und zwei andere einen Pensionisten halb tottraten, rief die rechtsextreme „Slowakische Gemeinschaft“ zum „Marsch gegen den Zigeunerterror“.</p>
<p>400 Glatzen kamen, freuten sich über reichlich Zuspruch der Bewohner und konnten nur durch ein massives Polizeiaufgebot daran gehindert werden, die Roma- Siedlung zu stürmen. Diese Siedlungen, sie sind eigentümliche Orte, versteckt, verstohlen, an den Rand gedrängt. Orte mit eigenen Regeln, Riten und Rythmen, fast unsichtbar, undurchschaubar und doch existieren in der Slowakei mehr als 800 davon.</p>
<p>Der Weg dorthin führt über matschige Pfade, schmutzige Wege, Trassen, gesäumt mit Müll. Abstieg in das Herz von Ostrovany, dorthin, wo zwei Drittel seiner Bewohner hausen. Der Regen wird nun stärker, das Gebell der Hunde lauter, der Rauch aus den Hütten dichter. Kleine Kinder, oft bloß Lumpen am Leib tragend, laufen umher. Sie lachen. Sie lachen inmitten der Apokalypse, spielen inmitten von Müllbergen, an einem Ort, der auf uns wie ein Vorhof zur Hölle wirkt. Aus den Bretterverschlägen dröhnt Musik, durch die Fenster schimmern Fernsehschirme. Der Strom, der sie betreibt, wird abgezweigt. Fließend Wasser gibt es erst weiter hinten, wo die Häuser gemauert sind und jene Alten leben, die im Kommunismus noch arbeiteten.</p>
<p>Einst zogen sie als Musikanten, Hufschmiede und Erntehelfer durchs Land, galten als „Kinder des Windes“, waren mal hier, mal dort. „Doch das ist Jahrzehnte her“, sagt Roman Conka, der eine monatliche Roma-Zeitung leitet, „mittlerweile haben ganze Generationen die Hoffnung auf Arbeit aufgegeben und sich an den Bezug der Sozialhilfe gewöhnt.“ Es sind unangenehme Wahrheiten, die er ausspricht und die jeder sehen kann, der aufhört, die Lage in den Roma- Slums zu idealisieren.</p>
<p>Wer die Augen öffnet, sieht Kinder, die bloß Lumpen tragen, während die Eltern in der Hütte teils vor Plasmafernsehern lungern. Er sieht Kinder, die kaum zur Schule geschickt werden, damit der „Vajda“, der Patriarch einer Sippe, später nicht die Macht über sie verliert. Und er sieht auch Paläste inmitten des Elends, gelb verputzt, mit einem BMW in der Auffahrt – das Domizil des „Wucherers“, jenes Menschen also, der Geld zu horrenden Konditionen verleiht und die Schuldner dann zum Betteln und Stehlen in die Hauptstädte Westeuropas karren lässt. Von „Rassismus“, „Diskriminierung“ und einer „neuen Berliner Mauer“ sprechen die Menschen hier und geben dem Bürgermeister die Schuld daran.</p>
<p>Der sitzt vor ausgebreiteten Plänen im Gemeindeamt und berichtet von seinem Scheitern. Von der „Aktivierungsarbeit“, mit der sich die Roma die Sozialhilfe aufbessern können, wenn sie dafür etwa ihre Siedlung säubern. Der Schmutz blieb, das Geld floss trotzdem – „denn ich habe auch ein Herz.“ Als Cyril Revák nach der Wende gewählt wurde, lebten 500 Roma in Ostrovany. „Heute sind es 1.200 und fast alle sind arbeitslos – wo soll das nur enden?“</p>
<p>Die Mauer ist sein Sieg und seine Niederlage zugleich. Er ließ sie errichten, „um die Diebstähle zu stoppen“ und wohl auch um jene Mitbürger zu besänftigen, „die mir jeden Tag vorrechnen, dass ein Rom mit sechs Kindern allein durch Sozialhilfe doppelt so viel ,verdient‘ wie ein gewöhnlicher Arbeiter.“ „So manches Vorurteil stimmt“, gesteht Journalist Conka ein, „aber dennoch sind Rassismus und Diskriminierung weit verbreitet. Die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen sind derart angespannt, dass mittlerweile ein Tropfen reicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen – und dann hilft auch keine Mauer mehr&#8230;“</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 46/09)</em></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/11/roma-slowakei.pdf">Die ganze Story als PDF zum Download</a></p>
<br />Abgelegt unterREPORTAGEN, Slowakei  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/320/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/320/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/320/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/320/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/320/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/320/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/320/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/320/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/320/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/320/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=320&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Diesseits und jenseits der Mauer von Ostrovany (Foto: Stephan Kochevnikqualia)</media:title>
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		<title>,In Italien machen sich die Gauner selbst die Gesetze&#8217;</title>
		<link>http://lehermayr.com/2009/10/20/grillo-interview/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 19:31:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Beppe Grillo]]></category>
		<category><![CDATA[INTERVIEWS]]></category>
		<category><![CDATA[AKW]]></category>
		<category><![CDATA[Mafia]]></category>
		<category><![CDATA[Mochovce]]></category>
		<category><![CDATA[Silvio Berlusconi]]></category>

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		<description><![CDATA[
Beppe Grillo über Mafia &#38; leichte Mädchen und warum er nach Wien kommen will.
News: Seit Sie vor 61 Jahren geboren wurden, gab es in Italien auch 61 Regierungen. Sind die Italiener unregierbar?
Beppe Grillo: Dazu müsste es erst einmal Italiener geben. Aber wir sind Genuesen, Mailänder, Toskaner, Römer&#8230; – uns fehlt die gemeinsame Identität. Aber solltet ihr [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=288&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/grillo-interview.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-289" title="Grillo will gegen Mochovce kämpfen (Foto: Luca Faccio)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/grillo-interview.jpg?w=192&#038;h=143" alt="Grillo will gegen Mochovce kämpfen (Foto: Luca Faccio)" width="192" height="143" /></a></strong></p>
<p><strong>Beppe Grillo über Mafia &amp; leichte Mädchen und warum er nach Wien kommen will.</strong></p>
<p><strong>News:</strong> <strong>Seit Sie vor 61 Jahren geboren wurden, gab es in Italien auch 61 Regierungen. Sind die Italiener unregierbar?</strong></p>
<p><strong>Beppe Grillo:</strong> Dazu müsste es erst einmal Italiener geben. Aber wir sind Genuesen, Mailänder, Toskaner, Römer&#8230; – uns fehlt die gemeinsame Identität. Aber solltet ihr Österreicher euch irgendwann Triest zurückholen wollen, wäre ich der erste, der freiwillig dorthin auswandert.</p>
<p><strong>News:</strong> <strong>Das bringt uns zu Berlusconi. Ganz Europa fragt sich mittlerweile, was die Italiener an diesem Mann noch finden, wieso sie ihn nun schon drei Mal zum Premier wählten? </strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Warum kauft jemand ein Produkt, das die Umwelt verschmutzt? Berlusconi ist kein Mensch, sondern eine Werbebotschaft, die alles verspricht und nichts hält. Berlusconi ist einer, der am Vormittag im Parlament Gesetze beschließt und abends zu einer Nutte geht. Das ist einer, der direkt vom Besuch bei Mafia-Größen zu den Erdbebenopfern von L‘Aquila fährt.</p>
<p><strong>News: Aber dennoch haben ihm bislang scheinbar weder Sexskandale noch Betrugsvorwürfe geschadet. </strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Das würden sie Ihnen auch nicht, wenn Ihnen sieben Fernsehsender und drei große Zeitungen gehörten.</p>
<p><strong>News: Erst kürzlich gingen in Rom ja 300.000 Menschen auf die Straße, um für die Pressefreiheit zu demonstrieren.</strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Ja, jetzt protestieren die Journalisten, lange schwiegen sie. Das ist so, wie eine Prostituierte, die demonstriert, um wieder Jungfrau zu werden.</p>
<p><strong>News: Und nun wollen Sie, der Jahrzehnte über Politiker witzelte, selbst einer werden?</strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Halt, halt, ganz so ist es nicht. Ich gründe eine Bewegung, die engagierten Leuten eine Plattform bietet und die nun auch bei den Regionalwahlen im Frühjahr erstmals antreten wird. Alles begann damit, dass ich das Internet für mich entdeckte: Nehmen Sie meine Bekanntheit, mein Gesicht und diese neue Technologie und was herauskommt, ist eine Atombombe. Das ist eine digitale Revolution, die die Art, wie Politik gemacht wird, vollkommen verändert, eine Bewegung von unten, mit der sich die Menschen ihren Staat zurückholen.</p>
<p><strong>News: Aber wie wollen Sie so Berlusconi loswerden?</strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Berlusconi ist doch schon längst tot, nur weiß er es noch nicht, weil er das Internet nicht versteht. Hunderttausende Menschen organisieren sich dort, debattieren Vorschläge, stimmen darüber ab und üben so Druck auf die Politik aus. Nur in Italien machten sich bislang die Gauner selbst die Gesetze.</p>
<p><strong>News: Was sind Ihre Inhalte?</strong></p>
<p>Grillo: Umweltverträgliches Wachstum, Regionalisierung statt Globalisierung und der Kampf gegen die Korruption.</p>
<p><strong>News: Hätte ein Grillo auch in Österreich eine Chance?</strong></p>
<p><strong>Grillo:</strong> Grillos wird es überall dort geben, wo Politiker nicht für das Volk, sondern darüber hinweg regieren. Wenn Ihr wollt, komme ich gern nach Wien, um zu sehen, wie es bei Euch so zugeht. Wichtig wäre, etwas gegen Mochovce zu unternehmen, das mit viel Geld vom italienischen Energiegiganten Enel ausgebaut wird. Auf in den Kampf dagegen!</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 41/09)</em></p>
<br />Abgelegt unterBeppe Grillo, INTERVIEWS  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/288/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=288&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Grillo will gegen Mochovce kämpfen (Foto: Luca Faccio)</media:title>
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		<title>Dieser Mann rockt Italien</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 19:20:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Italien]]></category>
		<category><![CDATA[REPORTAGEN]]></category>
		<category><![CDATA[Beppe Grillo]]></category>
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		<category><![CDATA[Mafia]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
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		<description><![CDATA[BERLUSCONIS ALPTRAUM. Wenn er ruft, kommen Millionen. Starkomiker Beppe Grillo mischt Politik und Mächtige auf.
Es ist Parteitag und alle lachen, johlen und jubeln frenetisch. Der Parteichef, ein dicker bärtiger Bär von einem Mann, läuft auf der Bühne auf und ab, fuchtelt, gestikuliert und lechzt nach Luft. Er hat sich in Rage geredet. Wieder einmal. „Einer [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=282&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>BERLUSCONIS ALPTRAUM. Wenn er ruft, kommen Millionen. Starkomiker Beppe Grillo mischt Politik und Mächtige auf.<a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/grillo-screen3.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-283" title="Grillo im Teatro Smeraldo (Foto: Luca Faccio)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/grillo-screen3.jpg?w=300&#038;h=225" alt="Grillo im Teatro Smeraldo (Foto: Luca Faccio)" width="300" height="225" /></a></strong></p>
<p>Es ist Parteitag und alle lachen, johlen und jubeln frenetisch. Der Parteichef, ein dicker bärtiger Bär von einem Mann, läuft auf der Bühne auf und ab, fuchtelt, gestikuliert und lechzt nach Luft. Er hat sich in Rage geredet. Wieder einmal. „Einer von acht Parlamentariern in Rom ist ein verurteilter Krimineller“, brüllt er ins Auditorium hinein und macht eine kurze Pause, damit sich das Gehörte setzen kann: „Einer von acht ein Ganove! Selbst in den dunkelsten Vierteln von Neapel, dort, wo die Mafia das Sagen hat, ist nur einer von 15 kriminell!“</p>
<p><strong>Italiens Michael Moore.</strong> Bitteres Lachen. Lachen, das im Hals stecken bleibt. So wie es bei Beppe Grillos Späßen oft der Fall ist. Der Mann ist Italiens erfolgreichster Komiker, ein Star, eine lebende Legende, einer der den Finger in die blutenden Wunden des Landes legt und dafür vom Volk geliebt wird. Auch, weil er unparteiisch ist, und das in Italien, wo selbst die leichtbekleideten Tänzerinnen aus dem TV entweder für Berlusconi oder seine Gegner steppen.</p>
<p>Grillo, heute 61, flog schon früh vom Schirm, erhielt Auftrittsverbot in der RAI und zog fortan mit seinen Shows quer durchs Land, füllte ganze Arenen mit Menschen, die hören wollten, was er im Fernsehen längst nicht mehr sagen durfte. Über die unverfrorenen Politiker, die sich schamlos bedienen, sich selbst und den Mafia- Bossen passgenaue Gesetze zimmern, Giftmüll vor der Küste versenken und darüber Brücken ins Nirgendwo bauen.</p>
<p>Er wurde zu Italiens Antwort auf Michael Moore, zu einem, der anprangert, was im Land alles falsch läuft und da es davon reichlich gibt, wurde bald die Forderung lauter, er solle selbst zeigen, was er könne. „Nein, nein, ich bleibe lieber der Clown“, wehrte Grillo lange ab. Doch nun soll sich das in Mailand ändern – Grillo gründet seine Bewegung. Er wird betätschelt und umringt, als er sich dem Theater Smeraldo nähert. Schulterklopfen, zugehauchte Küsse und erstaunte Blicke ob der Wahrhaftigkeit des Witzekönigs. Grillos Popularität liegt irgendwo zwischen Hoffnungsträger und Heiligem.</p>
<p><strong>Der Millionen-Blog.</strong> Ein Heiliger mit höchst irdischer Internetpräsenz wohlgemerkt: Sein Blog <a href="http://beppegrillo.it" target="_blank">http://beppegrillo.it</a> verzeichnet mehr als eine Million Aufrufe pro Woche und zählt damit zu den zehn erfolgreichsten Seiten weltweit. Und im Netz liegt auch Grillos Kraft. Dort veröffentlichte er die Namen korrupter Politiker oder rief seine Fans schon mal dazu auf, böse Konzerne mit Tausenden von E-Mails zu bombardieren. Doch dabei blieb es nicht.</p>
<p>Die virtuelle Welt wurde real, als Grillo vor zwei Jahren 1,5 Millionen Menschen mobilisierte, um auf den Plätzen Italiens für ein „sauberes Parlament“ zu protestieren. Eine Bewegung war geboren, so genannte Meet-Ups entstanden, in denen sich binnen weniger Monate fast 80.000 Menschen organisierten, um auf lokaler Ebene über anstehende Probleme zu debattieren und Druck auf die örtlichen Politiker auszuüben.</p>
<p>Bloß Italiens Medien schwiegen, belächelten Grillos Bewegung und „brauchten selbst Jahre, um am Ende zehn Fragen zu formulieren, die sich mit Berlusconis ‚pipino‘ befassen, während seelenruhig Steueramnestien erlassen werden, mit denen die Mafia Milliarden legalisiert“, wie Grillo in Mailand nun anprangert.</p>
<p><strong>Angriff auf den ,Cavaliere‘.</strong> Mailand, das ist Silvio Berlusconis Stadt, hier haben seine Fernsehsender ihren Sitz, hier laufen die Fäden seines Imperiums zusammen, das ihn laut dem Magazin Forbes mit knapp zehn Milliarden Dollar zum reichsten Mann Italiens gemacht hat. Von Mailand aus will Grillo den Angriff auf den Mann starten, den er selbst nur noch „den Pädo- Psychozwerg“ nennt und der für ihn bloß die jüngste Ausgeburt eines „hochgradig korrupten und verfilzten Systems“ darstellt (siehe Interview).</p>
<p>Nachdem die Verfassungsrichter in der Vorwoche Berlusconis Immunitätsgesetz kippten, muss sich der „Cavaliere“ bald erneut dem Richter stellen. Die Liste der Anklagepunkt ist lang und reicht von Korruption über Steuerhinterziehung und Bilanzfälschung, bis hin zu illegaler Parteienfinanzierung und Meineid. Es ist all das, wogegen Grillo und seine Mitstreiter kämpfen. „Das, und vieles, von dem wir glauben, dass es unsere Welt besser macht, sie aber am Ende ruiniert – oder brauchen wir wirklich immer mehr Autobahnen, um immer schneller, immer mehr Kühe aus Holland zum Schlachten nach Sizilien zu karren und wieder retour?“</p>
<p>Grillo schnauft, Grillo schreit, Grillo schwitzt. Messiasgleich steht er im weißen Hemd unter dem Scheinwerfer, ist längst nicht mehr Kabarettist, aber auch noch lang kein Politiker. Er verliest das Parteiprogramm – verfasst von Experten für Umwelt und Ökonomie, für Bildung und Gesundheit. Grillos Erläuterungen dazu liefern alle paar Minuten einen Lacherfolg, der jeden anderen Parteiführer neidisch machen würde. Aber ist er ein solcher überhaupt? „Führer?“, prustet Grillo los, als er die Frage hört, „nein, nein, den Führer überlass‘ ich dann lieber euch Österreichern!“</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 41/09)</em></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/news0942_apo_italien.pdf">Die ganze Grillo-Story als PDF</a></p>
<br />Abgelegt unterItalien, REPORTAGEN  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/282/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=282&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Grillo im Teatro Smeraldo (Foto: Luca Faccio)</media:title>
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	</item>
		<item>
		<title>Phänomen Angie</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Oct 2009 12:55:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<description><![CDATA[UNTERWEGS MIT ANGELA MERKEL. Am Sonntag wählt Deutschland. NEWS besuchte die alte und vermutlich neue Kanzlerin.
Weite Felder, endlos wirkende Alleen, dazwischen kleine Seen, die im Gelb der Sonne glänzen. Angela Merkel schwebt im Hubschrauber über Deutschland. Es ist Wahlkampf. Zwei Auftritte ringt ihr der Kalender jeden Abend ab. Heute ist Rathenow an der Reihe, eine [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=273&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>UNTERWEGS MIT ANGELA MERKEL. Am Sonntag wählt Deutschland. NEWS besuchte die alte und vermutlich neue Kanzlerin.</strong></p>
<p><img class="size-medium wp-image-274 alignright" title="Klimakanzlerin Merkel" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/merkelaufm.jpg?w=300&#038;h=200" alt="Klimakanzlerin Merkel" width="300" height="200" />Weite Felder, endlos wirkende Alleen, dazwischen kleine Seen, die im Gelb der Sonne glänzen. Angela Merkel schwebt im Hubschrauber über Deutschland. Es ist Wahlkampf. Zwei Auftritte ringt ihr der Kalender jeden Abend ab. Heute ist Rathenow an der Reihe, eine Kleinstadt in Brandenburg, gleich hinter Berlin gelegen. Mehr als eine Stunde warten die Menschen hier nun schon auf „Angie“. Es ist ihr zweiter Bundestagswahlkampf, und er ist so völlig anders als der erste.</p>
<p>Damals, vor vier Jahren, war sie die Herausforderin und Gerhard Schröder der Gegner. Schröder war laut, Merkel leise. Er verhöhnte sie vor laufenden Kameras, sprach ihr jegliches Recht auf die Kanzlerschaft ab, obwohl er selbst trotz Aufholjagd bloß Zweiter geworden war. Sie blieb still und konterte den Affront nicht. Schröder war bald darauf Geschichte, Merkel Kanzlerin. Eine Kanzlerin, wie es sie in Deutschland noch nicht gegeben hat. Die erste Frau, noch dazu aus dem Osten, kinderlos, geschieden, Naturwissenschaftlerin, spröde im Auftritt, unnahbar gegenüber dem Wahlvolk. Und nun Kanzlerin? Wie konnte das gehen?</p>
<p><strong>Freiwillig in den Osten. </strong>Ehrgeiz und der unbedingte Wille zum Erfolg – von früher Kindheit an waren es diese Eigenschaften, die Merkel antrieben. 1954 in Hamburg, und damit in Westdeutschland, zur Welt gekommen, entschied sich der Vater, ein evangelischer Theologe, mit der Frau und dem drei Wochen alten Kind freiwillig dorthinzugehen, von wo zuvor bereits Hunderttausende geflohen waren – in die sowjetisch besetzte Ostzone, in die spätere DDR. Dort sollte Merkel aufwachsen, eine Pfarrerstochter in einem Staat, wo Marx und Lenin als Götter galten. „Natürlich hatte sie es dort schwerer, wurde immer kritisch beäugt und musste mehr leisten als die anderen, um in diesem System eine Chance zu haben“, erläutert NEWS gegenüber ihre Biografin Margaret Heckel („So regiert die Kanzlerin“, Piper, 14,95 Euro). Heimat war ihr diese DDR nie geworden, aber Auflehnung war auch nicht angesagt.</p>
<p>Merkel vergrub sich in der Wissenschaft, studierte Physik, heiratete, promovierte, fand Aufnahme in der Akademie der Wissenschaft und hoffte darauf, irgendwann ins Ausland reisen zu dürfen. Sie war 34, als die Mauer fiel und sich ihr Leben für immer vollkommen verändern sollte. Sie, die Stille, die Analytikerin, wollte nun, nach Jahrzehnten des Wartens, ein Teil des Wandels werden, und wo ging das besser als in der Politik? „In der SPD waren sie ihr zu kumpelhaft, das hat sie nicht gemocht“, schildert Heckel, „also landete sie beim Demokratischen Aufbruch. Dort standen viele neue Computer rum, keiner kannte sich damit aus, also wollte sich Merkel mal nützlich machen.“Der Demokratische Aufbruch wurde bald zur CDU und Merkel zu „Kohls Mädchen“ im Ministerrang.</p>
<p><strong>„Die Männermörderin“.</strong> Gerade im Westen der Republik sorgte der rasche Aufstieg der Frau mit der DDR-Frisur zuerst für Verwunderung, die bald in offene Anfeindung kippte. Kohls Kronprinzen wollten nicht akzeptieren, dass nach jahrelanger Ochsentour diese Frau ohne Vergangenheit an ihnen vorbeizog. „Doch letztlich hat Merkel das getan, was sie immer tut: Dinge aussitzen und Attacken ins Leere laufen lassen“, so Heckel. Nachdem Kohl über die Spendenaffäre gestolpert war, sollte sie 2000 zuerst die Spitze der Partei und fünf Jahre später auch jene des Staates erklimmen. Merkel war angekommen, die Zeit der Schmähungen ein für alle Mal vorbei. Doch was macht sie mit der Macht?</p>
<p>„Zu wenig“, meint Dirk Kurbjuweit, der das Berliner Büro des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ leitet: „In der Klima-Debatte bewies sie zwar anfangs Mut, vernachlässigte das Thema aber, sobald es nicht mehr populär war.“ Und gerade in der Krise vermisst der einflussreiche Journalist Führung: „Merkel hat sich oft versteckt, sie hat es nie riskiert, unbeliebt zu werden. Sie wollte durchkommen, sich eine zweite Kanzlerschaft sichern.&#8221; Ob das die Menschen im kleinen Rathenow auch so sehen? In der einzigen Buchhandlung des Ortes rittern Bildbände über die Geschichte und das Leben in der DDR mit den Ansichten der überzeugten Kommunistin Sarah Wagenknecht zum Finanzcrash um die vorderen Verkaufsränge. Die Krise ist in der brandenburgischen Provinz bereits angekommen, auf Angela Merkel heißt es hingegen noch warten.</p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/img_1002.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-317" title="Wahlkampf im Osten (Foto: Lehermayr)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/img_1002.jpg?w=300&#038;h=168" alt="Wahlkampf im Osten (Foto: Lehermayr)" width="300" height="168" /></a>2.000 Menschen füllen den Vorplatz einer ehemaligen Fabrik. Zu DDR-Zeiten galt der Ort als Hochburg der Optik-Industrie, doch viele der Firmen, in denen einst Brillen vom Fließband liefen, stehen heute leer. Fast jeder Dritte hat die Stadt seit der Wende verlassen, und nun, nach einigen Jahren der Besserung, liegt die Arbeitslosigkeit wieder bei 20 Prozent. Ein Aufschwung sieht anders aus. Petra Zieger hat die Bühne erklommen. Sie ist sehr blond und sehr laut. Eine Rockröhre, eine Schlagersängerin, die einst durch die ganze DDR tingelte und nun wohl auch dank Botox ihre persönliche Wende bewältigt hat. „Superfrau“ heißt das Lied, zu dem Merkel sich ihren Weg nach vorne bahnt. Plötzlich ist sie da, schüttelt ein paar Hände, gibt ein, zwei Autogramme und steht schon neben dem sich artig verbeugenden Schlagersternchen. Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher wohl kaum sein könnten.</p>
<p><strong>Einen Pflaumenkuchen für den Professor.</strong> Zu viel Aufmerksamkeit, der große Auftritt, die riesige Eskorte, all diese Insignien der Macht, die vielleicht einem Berlusconi, einem Sarkozy oder einem Obama insgeheim schmeicheln mögen, für Angela Merkel sind sie bloßes Beiwerk, ein notwendiges Übel. Auch auf das betont lockere Geplaudere vor ihrer Rede würde sie wohl lieber verzichten. Aber da die Wählerschaft zumindest nach ein wenig Privatem von „Angie“ verlangt, muss diese erzählen, dass sie ihrem Mann, dem angesehenen Chemie-Professor Joachim Sauer, „wenn er denn zuhause ist, auch das Frühstück“ macht und ihm am Wochenende, „wenn denn Zeit bleibt, auch mal einen Pflaumenkuchen“ backt.</p>
<p>Nach so viel Küchengeplauder ist die Politik dran, und die Christdemokratin Merkel mutiert Satz für Satz zur Klassenkämpferin: Die Banker hätten „den Staat erpresst“, und es sei „nicht fair, dass die kleinen Leute nun für die Krise bezahlen sollen, während die Schuldigen längst über alle Berge sind“, ist da zu hören. Kein Wort dafür über ihren Gegner, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, dessen SPD laut letzten Umfragen bei gerade einmal 24 Prozent steht, während Merkel, wenn die Meinungsforscher nicht erneut irren, am Sonntag mit 37 Prozent rechnen darf. Aber Auswege, Vorhaben, ja gar eine Vision – alles Fehlanzeige. Merkel bleibt im Vagen verhaftet, und vielleicht ist es ja genau das, wonach Deutschland derzeit verlangt.</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 39/09)</em></p>
<p><em><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/10/angela-merkel.pdf">Der ganze Artikel als PDF</a><br />
</em></p>
<br />Abgelegt unterDeutschland, REPORTAGEN  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/273/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/273/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/273/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/273/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/273/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/273/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/273/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/273/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/273/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/273/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=273&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Klimakanzlerin Merkel</media:title>
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			<media:title type="html">Wahlkampf im Osten (Foto: Lehermayr)</media:title>
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		<title>Der Sohn des Schahs</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 23:32:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[REZA PAHLAVI: Über das Mullah-Regime, dessen Atombombe, die Thronfolge und sein Österreich-Bild.
Das Regime in Teheran hat erreicht, was es wollte. Der Iran ist fast vollkommen aus den Schlagzeilen verschwunden: keine Menschenmassen mehr auf den Straßen, die die Autorität der Ayatollahs infrage stellen könnten, bloß noch Schauprozesse, in denen Regimegegner für ihr Verhalten abgeurteilt werden sollen. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=263&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>REZA PAHLAVI: Über das Mullah-Regime, dessen Atombombe, die Thronfolge und sein Österreich-Bild.<a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/09/schah-sohn-screen.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-266" title="Reza Pahlavi" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/09/schah-sohn-screen.jpg?w=300&#038;h=210" alt="Reza Pahlavi" width="300" height="210" /></a></strong></p>
<p>Das Regime in Teheran hat erreicht, was es wollte. Der Iran ist fast vollkommen aus den Schlagzeilen verschwunden: keine Menschenmassen mehr auf den Straßen, die die Autorität der Ayatollahs infrage stellen könnten, bloß noch Schauprozesse, in denen Regimegegner für ihr Verhalten abgeurteilt werden sollen. Und erneut Meldungen, wonach einer der ärgsten Alpträume des Westens immer wahrscheinlicher wird: eine Atombombe in der Hand der Mullahs. Bis nach Weihnachten soll es so weit sein.</p>
<p>Reza Pahlavi beobachtet genau, was in seiner Heimat vor sich geht. Hätte es die Geschichte anders gewollt, säße er heute auf dem Pfauenthron und wäre der Schah von Persien. In einem seiner seltenen Interviews erklärt der Monarch exklusiv in NEWS, warum die „Revolution“ dennoch weitergeht, wieso die Zeit gegen die Mullahs ist und wie er sich seine eigene Rolle im Iran der Zukunft vorstellt.</p>
<p><strong>NEWS: Sie waren 18 Jahre alt, als Ihr Vater, der an Krebs erkrankte Schah, den Iran im Jahr 1979 fluchtartig verlassen hat. Wie gestalten sich Ihre Erinnerungen an diese Zeit?</strong></p>
<p><strong>Reza Pahlavi:</strong> Für meine Familie und mich waren dies äußerst schwierige und fordernde Monate, gerade bis zum Tod meines Vaters, ein Jahr später, in Ägypten. Aber in Gedanken waren wir bei unserem Volks, das bereits die ersten Konsequenzen des Revolutionsregimes unter Khomeini zu ertragen hatte.</p>
<p><strong>NEWS: Doch auch die Bilanz Ihres Vaters fällt gespalten aus. Es wird ihm zwar zugestanden, den Iran wirtschaftlich und gesellschaftlich modernisiert zu haben. Kritiker werfen aber ein, dass er mit fortdauernder Regentschaft den Kontakt zum Volk vollkommen verloren hat.</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Ich überlasse es der Geschichte und den Historikern, die Herrschaft meines Vaters zu bewerten. Und vor allem all jenen Iranern, die über eine Perspektive verfügen und so auch in der Lage sind, Dinge zu vergleichen.</p>
<p><strong>NEWS: 30 Jahre sind vergangen, die Mullahs hatten ihre Herrschaft stabilisiert, bis im Juni, nach der Wiederwahl Ahmadinejads, Massenproteste ausbrachen. Wie überraschend kamen diese für Sie?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Nicht besonders überraschend. Neu waren die Ausmaße des Protests, nicht aber die Frustration, die ihn gespeist haben, denn diese gibt es schon lange. Das Regime ist bekannt für Wahlbetrug, zudem für die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und die Verfolgung, Folter und Ermordung seiner Gegner. Vielleicht haben manche den Wahlbetrug nicht kommen sehen, aber jeder, der sich mit dem Iran beschäftigt, ahnte, dass sich der Frust der Bürger irgendwann freisetzt.</p>
<p><strong>NEWS: Aber was brachte der Protest? Letztlich wurden die Demonstrationen brutal niedergeschlagen, Gegner massenweise verhaftet und gefoltert…</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Für die internationale Gemeinschaft ist es wichtig, zu verstehen, dass es unrealistisch wäre, ständig andauernde Demos und öffentlichen Protest zu erwarten. Dies war bloß die erste und wichtigste Phase eines langen Weges. Die Menschen im Iran sahen so, wie viel Macht sie besitzen. Zudem machte es die Welt auf die wahren Verhältnisse im Land aufmerksam und erschütterte das Vertrauen des Regimes in sich selbst.</p>
<p><strong>NEWS: Aber was soll nun folgen? Wie wird es weitergehen?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Es wird weiter Widerstand geben, Streiks, zivilen Ungehorsam, Versuche, das Regime zu lähmen. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist vom Grad der Unterstützung im In- und Ausland abhängig.</p>
<p><strong>NEWS: Wie kann das Ausland die Opposition stärken?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Ich spreche gerne von „smarten Sanktionen“ und meine damit wirtschaftliche und diplomatische Schritte, die dem Regime dort schaden, wo es wirklich weh tut.</p>
<p><strong>NEWS: Geschah das bislang denn? Gerade US-Präsident Obama, aber auch etliche EU-Staatschefs blieben in ihren Aussagen recht vage…</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Noch vor den Wahlen sprach Präsident Obama davon, einen vorbehaltlosen Dialog mit dem Regime führen zu wollen. Doch dann kamen die Wahlen und Millionen von Iranern gingen auf die Straße und trauten sich, dieses Regime öffentlich als illegitim zu verurteilen. Darauf müssen nun die Politiker international reagieren.</p>
<p><strong>NEWS: Aber wie? Fordern Sie einen völligen Gesprächsabbruch mit der iranischen Führung?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Nein, aber warum versucht man nicht auch, einen Dialog mit der Opposition zu etablieren. Drei Jahrzehnte hat dieses Regime ein ganzes Land vereinnahmt und die Kommunikation nach außen monopolisiert. Das muss nun vorbei sein. Erinnern wir uns doch daran, dass der Eiserne Vorhang wohl auch nicht ohne die stille Unterstützung der freien Welt gefallen wäre. Die Iraner verdienen nun die selbe Art von Hilfe.</p>
<p><strong>NEWS: Aber wollten all die Millionen, die anfangs demonstrierten, nicht bloß ihren Kandidaten, Mir Moussawi, unterstützen? Dieser ist ein Teil der Islamischen Republik.</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Das ist richtig. Aber wir sprechen vom Iran, einem geschlossenen politischen System, und nicht etwa von Österreich, wo Meinungsfreiheit herrscht. Die Iraner streben letztendlich genauso nach Freiheit und Demokratie, aber diese Forderungen im Iran öffentlich zu stellen wäre lebensbedrohlich, deshalb werden Umwege gesucht, und als solcher diente der Protest nach dem Wahlbetrug, um den Führern, aber auch der Welt zu zeigen, was im Land wirklich vor sich geht.</p>
<p><strong>NEWS: Sie sind also überzeugt, dass sich die Massen ultimativ den Sturz des derzeitigen Regimes im Iran wünschen?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Ja, in der Tat, das bin ich. Denn täuschen Sie sich nicht: Die Iraner riskieren nicht ihr Leben für einen Kandidaten, sondern für den Traum von Menschenrechten, Freiheit, Demokratie und letztlich einem besseren Leben. Wie bei allen großen Bewegungen geht es um Ideen, und deshalb lautete der aussagekräftigste Slogan auch: „Wir wollen nicht unsere Stimmen zurück, wir wollen unser Land zurück!“</p>
<p><strong>NEWS: Nun spreche ich mit Ihnen, dem Sohn des letzten Königs von Persien, des Schahs. Gäbe es die Monarchie noch, säßen Sie heute auf dem Thron. Wollen Sie dorthin zurück?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Meine derzeitige Mission ist es, meinen Landsleuten zu helfen, sich von diesem Regime zu befreien und unbeeinflusst zu den Urnen zu gehen, um über die eigene Zukunft entscheiden zu können. Ist dieser Tag einer Abstimmung erst einmal gekommen, werde ich danach bereit sein, meinem Land zu dienen, falls nach mir verlangt wird.</p>
<p><strong>News: Aber will die Mehrheit der Iraner denn wirklich eine Rückkehr der Monarchie?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Das ist schwer zu sagen. Da es ja keine Art von freier, öffentlicher Debatte gibt, existieren auch keine Umfragen. Aber genau dorthin müssen wir gelangen. Was wir jetzt im Iran vorfinden, ist eine religiöse Diktatur. Ich schlage stattdessen eine säkulare parlamentarische Demokratie vor, in welcher es eine klare Trennung von Staat und Religion geben soll. Ob das letztendlich aber eine parlamentarische Republik wäre, sollte erst ganz am Ende des Weges, in Form einer Volksabstimmung entschieden werden.</p>
<p><strong>NEWS: Bis es aber so weit ist, muss sich die Welt damit beschäftigen, dass laut britischen Geheimdienstinformationen das Mullah-Regime bis Jahresende genug Uran angereichert haben soll, um eine Atombombe bauen zu können. Halten Sie dies für realistisch?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Nach Jahren der Undurchsichtigkeit, der Lügen und des Betrügens ist die Welt müde geworden und misstraut dem Regime zu Recht. Doch dieses spielt geschickt mit der nationalistischen Karte und pocht auf sein Recht auf Nuklearenergie. Doch niemand auf der Welt hat dem Iran das Recht auf Nuklearenergie abgesprochen. Alle haben vielmehr Transparenz eingefordert, um den Verdacht einer nicht friedlichen Nutzung dieser Technologie auszuräumen. Und genau diese Transparenz lässt das Regime vermissen.</p>
<p><strong>NEWS: Wie langen glauben Sie, können sich die Kleriker noch an der Macht halten?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi:</strong> Es ist schwer, über genaue Zeitpläne zu sprechen. Aber klar ist, dass die Unterdrückung und die fundamentalistischen, archaischen Visionen dieses Regimes in direktem Konflikt zu den nach vorne gerichteten Wünschen der Iraner stehen. Das werden wir nicht länger dulden. Die Zeit steht auf unserer Seite und nicht auf jener des Regimes.</p>
<p><strong>NEWS: Lassen Sie uns auch über Privates sprechen. Wie geht es Ihrer Mutter, Farah Diba, die in Österreich bis heute von vielen Menschen geschätzt wird?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi: </strong>Sie hat mir oft von ihren Reisen nach Österreich berichtet, und ich weiß, dass sie bis heute mit vielen Menschen dort in Kontakt ist. Meine Mutter ist nun 70 Jahre alt. Sie ist immer noch eine enorm unterstützende Mutter und eine gütige Großmutter. Zudem ist sie weiterhin für Hilfsorganisationentätig, die sich im Iran engagieren.</p>
<p><strong>NEWS: Ihre Eltern waren einst häufig in Österreich. Wie ist Ihr Verhältnis zu unserem Land?</strong></p>
<p><strong>Pahlavi: </strong>Ich war 1975 das erste Mal mit meinen Geschwistern und meiner Großmutter in Österreich. Salzburg ist bis heute in meiner Erinnerung lebendig. Erst vor zwei Jahren war ich erneut in Österreich, und zwar auf einem Kongress in Tirol. Ich hoffe nun, auch einmal meiner Frau und meinen drei Töchtern dieses schöne Land zeigen zu können, das sie bloß aus „Sound of Music“ kennen, einem Film, den sie bereits Dutzende Male gesehen haben. Meine Töchter spielen noch dazu Klavier und sind so mit dem reichen kulturellen Erbe Ihres Landes vertraut, das sie selbst gerne kennen lernen möchten.</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 38/09)</em></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/09/news0938_apo_persien.pdf">Das Interview als PDF</a></p>
<br />Abgelegt unterINTERVIEWS, Reza Pahlavi  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/lehermayr.wordpress.com/263/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/lehermayr.wordpress.com/263/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/lehermayr.wordpress.com/263/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/lehermayr.wordpress.com/263/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/lehermayr.wordpress.com/263/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/lehermayr.wordpress.com/263/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/lehermayr.wordpress.com/263/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/lehermayr.wordpress.com/263/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/lehermayr.wordpress.com/263/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/lehermayr.wordpress.com/263/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=263&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></content:encoded>
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		<title>Das griechische Drama</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:11:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lehermayr</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Flammen vor Athen, moderne Sklaven auf den Feldern und eine halbe Million Illegale im Land. Weshalb die Lage in Griechenland völlig eskaliert und wieso das auch uns betrifft.
Im Hafen von Patras dämmert es bereits, als die Taue der „Endeavor“ gelöst werden. Mit Dutzenden LKW im Bauch nimmt die Fähre Fahrt in Richtung Italien auf. 16 [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=lehermayr.com&blog=7247359&post=241&subd=lehermayr&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Flammen vor Athen, moderne Sklaven auf den Feldern und eine halbe Million Illegale im Land. Weshalb die Lage in Griechenland völlig eskaliert und wieso das auch uns betrifft.</strong></p>
<p><a href="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/08/griechenland-screen1.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-244" title="Flüchtlinge in einer aufgelassenen Fabrikshalle (Foto: Heinz Tesarek)" src="http://lehermayr.files.wordpress.com/2009/08/griechenland-screen1.jpg?w=300&#038;h=174" alt="Flüchtlinge in einer aufgelassenen Fabrikshalle (Foto: Heinz Tesarek)" width="300" height="174" /></a>Im Hafen von Patras dämmert es bereits, als die Taue der „Endeavor“ gelöst werden. Mit Dutzenden LKW im Bauch nimmt die Fähre Fahrt in Richtung Italien auf. 16 Stunden später wird sie in Brindisi anlegen – doch Zachariah wird dort auch diesmal nicht von Bord gehen.</p>
<p>In sicherer Entfernung kauert der schmächtige Afghane auf der Kaimauer, beobachtet das Schiff beim Auslaufen. „Ich habe heute erst gar nicht versucht, mich auf einen LKW zu schmuggeln“, sagt der 23-Jährige, „zum Glück, denn die, die es probierten, wurden erwischt und von den Wachen arg verprügelt.“ Dabei will Zachariah nur eins – endlich weg von hier, weg aus Griechenland – und das schon seit drei Jahren. Er ist jung, gebildet und diszipliniert – all das, was Europa angeblich sucht. Er könnte es schaffen in diesem Europa und hat doch keine Chance.</p>
<p>Europa ist der Traum, dem sie hier alle nachhängen, der sie zu Hunderttausenden erst hierher gebracht hat, weg von Hunger, Elend und Zerstörung zuhause. Ein Traum, der längst zum Alptraum geworden ist. Griechenland ist das neue Einfallstor in dieses Europa; das, was die Kanarischen Inseln und Lampedusa noch bis vor kurzem in die Schlagzeilen brachte: der Nummer 1 Flüchtlingshotspot des Kontintents.</p>
<p><strong>Im Schlauchboot nach Samos.</strong> Zachariah und all die anderen, die nun in Patras auf ihre Chance warten, betraten das Land dort, wo viele Österreicher Urlaub machen. Chios, Samos, Lesbos, Kos – kleine, idyllische Inseln in der Ägäis, mit einigen unschätzbaren Vorteilen für Schlepper: die Türkei ist nah, das Wasser warm und ein Schlauchboot billig. Laut griechischen Geheimdienstinformationen sollen an die 100.000 Verzweifelte aus den Kriegsund Krisengebieten dieser Welt entlang der türkischen Küste ausharren und auf ihre Überfahrt warten. Multipliziert man diese Zahl mit den 2.000 Euro, die dafür fällig sind, lässt sich erahnen, wie lukrativ das Geschäft der Schlepper-Mafia ist.</p>
<p>Nacht für Nacht schleust sie Hunderte über die Meerenge, an der nur ein paar Kilometer die Türkei von Griechenland trennen. Trotzdem ertranken dort allein im Vorjahr über 200 Flüchtlinge. Die Ankommenden werden hingegen rasch in Internierungslager auf den Inseln gesteckt, damit bloß die Touristen nichts von den Schattenseiten inmitten des Sonnenparadieses bemerken. „Die Lager sind der Horror, 40, 50 Betten in einem Raum, eine Toilette, keine Ärzte, völlig überforderte Wächter“, schildert Micky van Gerven, Griechenland-Koordinatorin von „Ärzte ohne Grenzen“, die NEWS in Athen traf.</p>
<p>Die griechische Hauptstadt, die nun von einem Feuer bedroht wird, steht aber noch vor ganz anderen Problemen. Und diese beginnen in Sichtweite der Akropolis, am Omonia- Platz. Dort, wo vor einigen Jahren noch gern Einhemische flanierten, ist heute eine Parallelwelt entstanden, in der bloß noch Polizisten mit Gewehren patrouillieren. Drogen und Prostitution, statt Sirtaki und Tsatsiki. „Nach dem Lager auf Lesbos, kam auch ich dorthin“, erinnert sich Zachariah, „sah aber, was auf mich gewartet hätte und zog weiter.“</p>
<p>Viele jedoch blieben, in der Hauptstadt eines Landes, dem das Flüchtlingsproblem längst vollkommen entglitten ist. Ein Land, das 900 Wohnplätze für Asylanten anbietet, aber allein im Vorjahr 115.000 Illegale aufgegriffen hat. Die meisten von ihnen stellen gar keinen Asylantrag mehr, da die Anerkennungsquote bei unter einem Prozent liegt. Sie wollen weiter nach Italien und von dort in den Rest Europas.</p>
<p><strong>Schlafen in einer Schachtel.</strong> Und deshalb Patras – der Fährhafen, die tuckernden Schiffe und mit ihnen die Hoffnung, die jeden Tag ein dutzend Mal die Stadt verlässt. Frühmorgens, als die Sonne aufgeht und erneut ein drückend heißer Tag droht, lohnt ein Spaziergang durch Griechenlands drittgrößte Stadt. Im Norden liegen entlang des Meeres die Afghanen am staubigen Strand, im Süden schlafen die Afrikaner auf einem verwucherten Gelände, wo irgendwann der neue Hafen entstehen soll.</p>
<p>Bloß Zachariah, der als 18-Jähriger vor dem Krieg in Afghanistan floh, im Iran Englisch lernte und IT-Techniker wurde, das Land aber verlassen musste und weiter westwärts zog, schläft abseits – vollkommen angekleidet, in einem Verpackungskarton. „Es ist schwer, sich seine Würde in einer solchen Umgebung zu bewahren“, erklärt er später, „aber ich versuche es zumindest.“</p>
<p>Das erste Schiff läuft aus. Der Hafen ist hermetisch abgeriegelt, der drei Meter hohe Stahlzaun zusätzlich mit messerscharfem Stacheldraht gesichert. Dahinter patrouillieren Polizisten in blitzblanken weißen Uniformen und private Securities. „Noch vor einiger Zeit war das anders“, weiß Zachariah, „da konnten Flüchtlinge über den Zaun klettern, auf die langsam fahrenden LKW aufspringen und so auf die Schiffe gelangen – ich habe es einmal probiert und bin gescheitert.“ Einer seiner Landsleute, ein stämmiger Mann, der von allen mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht bloß der „Commander“ genannt wird, weil er einst den Taliban gedient hat, war da erfolgreicher. „Ja, ich hab‘s auf eine Fähre nach Venedig geschafft, aber dort haben mich die verdammten Polizisten geschnappt und wegen der Fingerabdrücke zurückgeschickt.“ Die Fingerabdrücke, sie sind Teil des Dublin- II-Abkommens der EU, welches vorsieht, dass Asylverfahren im Erstankunftsland abzuwickeln sind. Noch.</p>
<p>Denn Länder wie Griechenland oder Spanien plädieren in Brüssel für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Staaten. Bislang wehren sich Binnenstaaten wie Österreich oder auch Deutschland, aber bricht der Widerstand, könnte der „Commander“ etwa in Österreich, einem seiner erklärten Wunschziele, landen, während Zachariah weiterhin in Patras in der Falle sitzt. Gerechtigkeit sieht anders aus. Und eine Lösung des Asylproblems auch.</p>
<p><strong>Apokalypse als Alltag.</strong> Dass manch Grieche von der gegenwärtigen Situation durchaus profitiert, zeigt sich nachts, 100 Kilometer östlich von Patras. Eine Fabrikshalle, ausgebombt oder auseinandergebrochen, zerborsten oder zerstört – egal, von ihr ist nicht mehr übrig als ein paar Wände, ein bloßes Gerüst, das schemenhaft ausloten lässt, was sich einst darin befand. Ein Scheinwerferkegel in absoluter Dunkelheit – erst er lässt erkennen, was keiner sehen soll: Menschen, die genötigt sind, hier zu verharren. Inmitten des Mülls, der Verwahrlosung, der Verzweiflung. An die 100 Schwarze, die nichts haben als das, was sie am Körper tragen. Ein paar Fetzen Kleidung, die sie tunlichst sauber halten, um sich inmitten der Apokalypse, die ihr Alltag ist, zumindest den Anschein eines normalen Lebens zu bewahren. Notdürftig haben sie sich aus Plastikplanen eine Behausung gemacht, einen Ort, an dem sie schlafen, essen, leben, überleben können. Irgendwie.</p>
<p>In der Ferne rauscht die Autobahn, eine der Adern der Globalisierung, über die ein LKW nach dem anderen in Richtung Patras donnert. Voll gefüllt mit Zitrusfrüchten, die heute noch auf den Fähren landen und morgen bereits in unseren Supermärkten stehen. Am Rand der Autobahn, die Fabrikshalle und etliche weitere solcher wilder Siedlungen. In ihnen die billigsten, willigsten und entrechtetsten Arbeiter von ganz Griechenland. Erst am nächsten Tag wird das wahre Ausmaß der Ausbeutung klar. Die Hänge der Peloponnes sind voller Plantagen – Oliven und Orangen, Mandarinen und Zitronen – alles gedeiht hier prächtig. „Doch zu tun gibt es nichts“, sagt Jimmy, einer der Bewohner der „Fabrik“, „erst in zwei Wochen wieder, wenn die Weinlese beginnt.“ Dann, so schildert er, gibt es 30 Euro für zehn Stunden Schuften, „aber manchmal zahlt der ,Master‘ auch nur 20 Euro.“ Bis es soweit ist, heißt es warten – Stunde für Stunde, Ausharren auf dem Dorfplatz, skeptisch beäugt von den Griechen, aber vielleicht hat ja einer von ihnen heute doch noch Bedarf an einer billigen Arbeitskraft.</p>
<p><strong>„Fackle meine Hand ab“</strong> Jimmy, flüchtete vor drei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Darfur, wollte auch nach Europa, hat unzählige Male versucht, in Patras auf ein Schiff zu gelangen und irgendwann aufgegeben. „Sie haben meine Fingerabdrücke, ich kann nirgends mehr hin“, sagt er, „aber mittlerweile bin ich so weit, dass ich bald meine Hand abfackle, um die Fingerabdrücke loszuwerden und ein neues Leben zu starten – irgendwo, wo es besser ist, denn das hier ist nicht Europa.“ An eine Rückkehr denkt er nicht – „wohin auch, es gibt keinen Platz mehr, an dem ich willkommen wäre.“</p>
<p>Genau so sieht es, zurück in Patras, auch Zachariah, „in Afghanistan wird es noch lange Krieg geben – und ich will weder zu den Taliban, noch mich von den Amerikanern erschießen lassen, also bleibe ich.“ Die „Endeavor“, was übersetzt „Anstrengung“ bedeutet, liegt jedenfalls erneut vor Anker. Vielleicht ist der „Commander“ bereits an Bord, Zachariah würde darin wohl keine Ungerechtigkeit erkennen und weiter auf seine Chance warten – auch wenn sie nie mehr kommen wird.</p>
<p><em>(Erschienen in NEWS 35/09)</em></p>
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