Leaving Las Vegas

Veröffentlicht in REPORTAGEN, USA - Las Vegas mit den Tags , , , , am 11. November 2011 von lehermayr

ENDSTATION TUNNEL. Die “Stadt der Sünde” als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der “American Dream” ausgeträumt ist.

Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.

Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.

Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.

Im Epizentrum der Rezession.

Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.

Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?

„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.

Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.

Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.

Skelette im Wüstensand

Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.

Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.

„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“

Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.

„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.

,Da läuft etwas gehörig falsch‘

Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.

Prämien und Prügel

Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“

Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“

Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“

Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.

,Silver Mining‘ am Strip

Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“

Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas….“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.

Erschienen in NEWS 43/2011

Plus: Das Video aus Vegas

Die Gier nach Gold

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Rumänien mit den Tags , , , , , am 21. Oktober 2011 von lehermayr

RUMÄNIEN. Gold, Gift und Gusi.:Wie ein kleines Dorf gegen einen Goldkonzern kämpft. Eine Globalisierungsgeschichte.

Stummelzähne, eine schmutzige Jogginghose und verdreckte Stiefel. Eugen David sieht so aus, wie ein Kleinbauer im hintersten Winkel Rumäniens eben aussieht. Bloß dass so einer mit seinen acht Kühen, den paar Schweinen und Hühnern eher selten das Interesse von Filmstars, Magnaten oder gar einem Thronfolger weckt.

David gegen Gabriel. Breitbeinig und trotzig steht David da, ein Kämpfer wie aus dem Bilderbuch. Sein Goliath heißt Gabriel, ist ein kanadischer Bergbaukonzern, börsennotiert, milliardenschwer und seit mehr als zehn Jahren aus auf die 50 Hektar Land, die David gehören. Er braucht sie, um hier im transsylvanischen Bergdörfchen Rosia Montana nach Gold schürfen zu können.

Gold, das in rauen Mengen unter den sich langsam  herbstlich färbenden Hügeln liegt. Würden sie abgetragen, Tonne für Tonne, das Gestein mit dem hochgiftigen Zyanid zersetzt, entstünde eine Mondlandschaft – und Europas größte Goldmine. Bis zu 250 Tonnen des Edelmetalls lagern unter Rosia Montana, ein Milliardengeschäft für den Konzern – und der Hauch einer Perspektive für den zweitärmsten Staat der EU, der erst 2009 mit 27 Milliarden Dollar von Weltbank und IWF vor dem Bankrott bewahrt wurde.

„Doch ich weiche nicht“, sagt David, „egal wie viel Geld sie mir bieten.“ Einst hätte ein Widerständler wie er keine Chance gehabt gegen einen globalen Konzern wie Gabriel und seinen 20-Prozent-Partner, den rumänischen Staat.

Aber willkommen im Internetzeitalter, bei Facebook und Twitter, inmitten der Anti-Globalisierungs- Bewegung, die schon vor Jahren auf den Kampf des sturen David aufmerksam geworden war. Damals, Anfang des Jahrtausends, als sich ein paar Hundert Kilometer weiter gerade Europas größte Umweltkatastrophe nach Tschernobyl Bahn brach. Tonnenweise Gift aus der Goldmine von Baia Mare die Flüsse verseuchte, die Fische tötete und für 2,5 Millionen Menschen das Trinkwasser gefährdete. Das waren die Zeiten, als eine Schauspielerin wie Vanessa Redgrave, ein Magnat wie George Soros oder auch Prinz Charles vom Widerstand des kleinen rumänischen Bergdorfes gegen die Allmacht des Goldkonzerns erfuhren.

„Ganz Rosia Montana war damals gegen die Kanadier, keiner wollte ihnen die Häuser verkaufen und unsere Lebensgrundlage riskieren“, erinnert sich David. Der internationale Protest und die prominente Unterstützung trugen Früchte, der Druck auf Rumänien wuchs, die Bergbaupläne schienen begraben, der Kampf ein für alle Mal entschieden.

Gusenbauer und das Gold. Doch seither trübte sich die Erinnerung an die Zyanid-Katastrophe – dafür glänzt Gold so stark wie nie zuvor in seiner Geschichte. Es ist viel passiert in diesen Jahren: Krisen, Crashs, Banken gingen pleite und Staaten fast bankrott. Gold ist viermal so teuer wie vor zehn Jahren. Ein Zeichen dafür, dass der Finanzkapitalismus aus den Fugen geraten ist und bloß noch das Edelmetall ein Hort der Zuflucht in Zeiten der Angst ist.

Das Bizarre: Von den Auflösungserscheinungen des Systems profitiert gerade ein Konzern, der prototypisch für ebendieses System steht – Gabriel.

Längst zählen Investoren aus Steuerparadiesen und Hedgefonds zu dessen Eigentümern – registriert ist er auf Barbados –, und in der Führungsriege hat als einer der Direktoren Österreichs Ex- Bundeskanzler Alfred Gusenbauer Platz genommen.

Der Konzern blieb all die Jahre nicht untätig, hat die Zelte in Rumänien nie abgebrochen, sondern ließ die Zeit für sich arbeiten. „Anfangs waren die meisten gegen uns, haben gesagt, sie würden nie verkaufen“, gibt selbst Catalin Hosu zu,„doch dann sind manche in der Nacht zu uns gekommen, um handelseins zu werden.“ Hosu ist der Sprecher des Konzerns vor Ort, ein Meister seines Faches, ein „Golden Boy“, wie ihn die Minengegner spöttisch nennen.

Der „Golden Boy“ legt los. Wer Stunden mit dem PR-Profi verbringt, mit ihm im Geländewagen über Bergstraßen kurvt, kann die Segnungen, mit denen der Konzern die Bevölkerung versieht, am Ende kaum noch fassen. Die 4.000 Bewohner? „Fast alle für uns.“ Deren Zukunft? „Gesichert. In neuen, schönen Häusern, die wir ihnen bauen. Mit einer Perspektive, die wir ihnen geben.“ Die Umwelt? „Geschützt. Konserviert. Dank neuester Techniken, höchster Standards, größter Vorsichtsmaßnahmen.“ Der rumänische Staat? „Der Profiteur schlechthin. Ein Milliardengewinner. Einer, der nichts riskiert und viel bekommt.“ Und das Zyanid, die Chemikalie, die zum Auswaschen des Gesteins verwendet wird und tonnenweise hinter einem 185 Meter hohen Damm lagern soll, dort, wo heute noch der halbe Ort steht? „Ja, ein Risiko. Aber kalkulierbar. Letztlich ist überall Zyanid drinnen. Selbst im Kaffee, den Sie gerade getrunken haben.“

Na dann. Warum noch protestieren? Wieso noch dagegen sein? Kappt den Berg, sprengt 500.000 Tonnen Gestein pro Woche weg, und schickt jeden Tag 1.000 Lastwagen durchs enge Tal.

David lacht laut los, als er all die Argumente hört, und er weiß doch, dass seine Position weit schwächer ist als noch vor Jahren: „Sie haben mit ihrem Geld den Ort gespalten. Die Leute gekauft.“ Letztlich vertraut er auf einen harten Kern von 70 Mitstreitern, die im Traum nicht daran denken, wegzuziehen.

Und eine weitere Waffe hat der Bauer, der mit Frau und Tochter auf seinem Hof ausharren will, noch: die der Mobilisierung über Ländergrenzen hinweg, die Unterstützung von Menschen, die zuvor noch nie von Rosia Montana gehört hatten und plötzlich zu Hunderten gekommen sind, um in Zelten hoch über dem Dorf zu campieren. Die Plakate malen, auf der Straße protestieren, Reden schwingen und von ähnlichen Abwehrkämpfen aus ihren eigenen Ländern berichten.

Aber auch Gabriel verfügt noch über eine letzte Waffe, um den Kampf nach einem Jahrzehnt für sich zu entscheiden und den Milliardenschatz bergen zu können. Ein neues Gesetz, das „ganz zufällig“, wie Hosu sagt, privaten Bergbaufirmen erlauben soll, Widerspenstige – wie es sonst nur der Staat darf – einfach zu enteignen. Hosu und sein Consulter Rahmi beobachten belustigt die Demonstration. „Lauter Fremde“, sagen sie im Glauben, gewonnen zu haben. Nur einer denkt schon daran, sich dann, „wenn der Konzern seine letzte Maske fallen lässt“, mit Frau und Kind an seiner Scheune anzuketten: David.

Erschienen in: NEWS 41/2011

Das Video zur Reportage gibt es hier

An der Flüchtlingsfront

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Serbien mit den Tags , , , , , , , am 25. September 2011 von lehermayr

DER ANSTURM. Tausende Kilometer Flucht, eine letzte Grenze und ein Ziel: Österreich. NEWS fand das Versteck der Vergessenen.

DER EINSATZ. Aufgriffe, Mafia, Ausnahmezustand. Was soll Österreichs Polizei an Ungarns löchriger Schengen-Grenze ausrichten?

Der Kaffee ist kräftig, die Nacht noch lang und die Lage derweil ruhig. Auf dem Bildschirm sieht Tamás Rehe in den Wald huschen, Hasen über Felder hoppeln. Und wenn er Glück hat, kann er zur Abwechslung auch mal einen Betrunkenen dabei beobachten, wie der aus dem Dorfwirtshaus über einen Feldweg langsam heimtorkelt.

Mit einem Joystick bewegt Tamás die Kamera, die hoch über der Grenzstation von Röszke im äußersten Süden Ungarns montiert ist. Bis weit hinein ins benachbarte Serbien kann er sich dank ihr mit nur einem Schwenk zoomen.

Trotz schwärzester Nacht wirft sie ihm gestochen scharfe, grau gefärbte Bilder auf den Schirm. Kurz vor halb zwölf tauchen dort, wo gerade noch Schafe grasten, Menschen auf: Vier Gestalten, die an einer Lichtung entlangwandern. Grenzschützer Tamás wendet seinen Blick nun nicht mehr von ihnen ab, sieht sie über einen Zaun klettern und kann live mitverfolgen, wie sie zu Gesetzesbrechern werden.

„Und jetzt“, sagt er plötzlich, „jetzt haben sie ungarisches Staatsgebiet betreten.“

Er greift zum Funkgerät, gibt einer Patrouille draußen Koordinaten durch und stellt wenig später zufrieden fest, dass deren Fahrzeug auf seinem Schirm auftaucht. Was folgt, ist Flüchtlingsjagd wie im Computerspiel – zumindest hier drinnen, vor der Wärmebildkamera. Ein Spiel mit ungleichen Karten, in dem sich die vier Männer verstecken, als sie das Auto kommen hören und doch keine Chance haben, da Tamás seinen Kollegen trotz Dunkelheit zum Zugriff verhilft.

Das Schengen-Märchen. Eine halbe Stunde später kehren die Polizisten mit ihrem „Fang“ zurück: Zwei Inder und ein Afghane, bloß der vierte sei ihnen im letzten Moment noch entwischt und zurück nach Serbien gerannt.

Ein weiterer Erfolg, ein weiterer Aufgriff – fast 2.000 waren es schon in den ersten acht Monaten dieses Jahres entlang des 62 Kilometer langen Grenzabschnitts des Komitats Csongrád zu Serbien – und damit 15 Prozent mehr als im gesamten Jahr zuvor. Im Nachbarkomitat konnten noch mal so viele Illegale aufgegriffen werden. Mehr als 4.000 Personen also, die die Ungarn von der Schengen- Zone fernhielten. Ein schöner Erfolg?

Mitnichten, heißt es nun aus Österreich. Ein paar Schwerpunktkontrollen auf der A4 der Ostautobahn reichten aus, um das Märchen von den sicheren und undurchlässigen Schengen- Grenzen zum Einsturz zu bringen. Menschen, die wie Sardinen bei 35 Grad Hitze in Kastenwägen gepfercht waren oder sich im doppelten Boden eines Reisebusses versteckt hielten, kamen zum Vorschein. Schlepper, die ihre „zahlenden Passagiere“ in Ungarn dort hinein verfrachtet hatten und keine weiteren Kontrollen befürchten mussten.

Mehr als 200 Aufgegriffene binnen weniger Tage lassen fragen, wie viel Hunderte sich wohl in Wochen ohne Fahndungsdruck den Weg nach Österreich bahnen.

Sind die Ungarn also faul, nachlässig und zu sorglos bei der Überwachung der gemeinsamen Grenzen? Innenministerin Mikl-Leitner plant noch nächste Woche zwischen 20 und 30 heimische Beamte zur Unterstützung zu entsenden. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Eine PR-Aktion zur Beruhigung? „Nein, so würde ich das nicht sehen“, entgegnet Gábor Eberhardt, Leiter der 300 Mann starken Grenzpolizei in Röszke, „wir tun unser Möglichstes, aber auch die Österreicher werden erkennen, dass sich eine Grenze nicht Meter für Meter überwachen lässt – weder mit Kameras noch mit Patrouillen.“

In der Zelle der Tränen. Dherru, dem eben fest genommenen Inder, und seinen zwei Gefährten wurde sie dennoch zum Verhängnis. Beißender Gestank durchdringt die Arrestantenzelle in Röszke, in der die drei nun kauern. Seit drei Monaten seien sie unterwegs, schon Tage hätten sie weder gegessen, noch die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen, berichten sie. Und plötzlich kullern Tränen über Dherrus Wangen: „Meine Eltern sind arm, sie haben all ihren Besitz verpfändet und verkauft, um die Schlepper zu bezahlen – 6.000 Dollar! Und ich sollte arbeiten, hier bei euch in Europa, Geld heimschicken, fortan für die Familie sorgen.“ Daraus wird nichts. Die Ungarn stellen fest, dass er schon am Tag zuvor im Nachbarkomitat erwischt worden war und damit wohl erst einmal ins Gefängnis wandert. Und danach? „Zurück nach Serbien“, sagt Kommandant Eberhardt, wohin seine beiden Gefährten bereits am nächsten Tag gebracht werden. Zurück an den Start also, im Spiel um das weitere Leben, das sie längst verloren haben.

Im Dschungelcamp. Serbien, Subotica: die erste Stadt gleich nach der Grenze. Maria Theresiopolis hieß sie einst in der Monarchie. Heute gilt sie als Sammelpunkt für Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden. Seit Griechenland, de facto bankrott und dem Abgrund nahe, aufgehört hat, dem Flüchtlingsansturm an seinen Grenzen noch irgendetwas entgegenzusetzen, brechen auch hier in Serbiens Norden die letzten Dämme. Die Ungarn vermuten „Tausende Flüchtlinge“ im Dickicht der Wälder und der Abgeschiedenheit billiger Pensionen – je nachdem, wer wie viel an die Mafia für seine Schleppung bezahlt.

In Prozivka, im Süden der Stadt, liegt eine Gruppe von Männern im Schatten der Bäume in einer Wiese. Sie haben Feuer entfacht, grillen Maiskolben vom nahen Feld. Libyer, Tunesier, Syrer – die Kinder der Revolution in der arabischen Welt an den Toren zum Abendland. „Zukunft? Bei uns?“, fragt Abu, der Libyen vor zwei Monaten verlassen hat: „Vielleicht in zwei Generationen.“ Von Gaddafis Sturz hat er gehört, besonders zu kümmern scheint er ihn nicht.

Auch die anderen Araber, die hier auf ihre Chance namens Europa hoffen, können „dem Gerede von Freiheit und Demokratie“ in ihren Heimatländern nicht viel abgewinnen: „Versteht ihr nicht“, meint Muhammed, „wir wollen so leben wie ihr: Autos, Frauen, Job, Geld. Deswegen sind wir hier und deswegen werden wir auch nicht weichen.“

Der Traum Europa, der Traum vom leichten Leben – dass er längst ausgeträumt zu sein scheint, will hier keiner glauben. Auch nicht ein paar Meter weiter, am Ufer eines braunen Rinnsals, im Dickicht des meterhohen Gebüschs.

Dort haben Inder, Pakistaner und Afghanen Quartier bezogen. Sich aus Baumstämmen und Sträuchern behelfsmäßige Unterschläge gezimmert, die sie vor dem Regen schützen sollen. Sie schildern ihre monatelangen Odysseen in Richtung Europa, berichten von Polizisten, die sie schlugen und Grenzern, die ihnen ihr letztes Hab und Gut abknöpften. Sie erzählen vom Hunger, von Schmerzen, von Krankheiten – und vom unbändigen Willen, dennoch nicht aufzugeben. Manche haben schon mehrmals versucht, die Grenze nach Ungarn zu überqueren. Einige hätten es geschafft, wären angekommen an ihrem Ziel, der Verheißung, dem Glück – „und egal, wie beschwerlich das Leben dort auch sein mag“, sagt Ali, der 17-jährige Afghane aus Kandahar, dessen Vater Lehrer war und dem Bombardement der Amerikaner zum Opfer gefallen ist, „es wird immer noch besser sein als bei uns zuhause.“

,Wie ist dieses Österreich?‘ Teils sind es Kinder, die oben, nahe am Friedhof, ihre Pappkartons aufgeschlagen haben. Einer von ihnen hat einen Kalender aus einem Abfallkontainer gefischt. „Alpenkalender 1999“, zwölf Impressionen aus Österreich. Die Runde blickt staunend auf die Bergpanoramen, auf das gleißende Licht der Sonne, die grünen Täler und den weißen Schnee. „Ja, Ungarn ist nichts für uns“, verrät Ali dann, „das sagen alle. Österreich ist das erste gute Land. Dorthin wollen wir. Aber wie ist dieses Österreich eigentlich?“

Erschienen in NEWS 37/2011

Das Video zur Reportage

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