“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

Bei den Bankrotteuren

Veröffentlicht in Griechenland - Staatsbankrott, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Juli 2011 von lehermayr

AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen.

Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst.

„Ihr müsst die Augen mit Wasser ausspülen. Euch ans Feuer stellen, das hilft gegen das Gas.“ Wir erkennen ein Pärchen. Ihn im rosa farbenen Hawaii-Hemd, sie im fliedernen Strickpulli. Andreas und Dina, ein Anwalt und eine Krankenschwester, die Rat erteilen als seien sie Berufsdemonstranten. „Nein, nein“, versichert er, „mit den Chaoten, die sich mit der Polizei Scharmützel liefern, haben wir nichts zu tun. Dafür ist die Lage viel zu ernst.“

Ernst – selbst das kommt einer maßlosen Untertreibung gleich angesichts des Ausnahmezustands in Athen. Es sind Zehnttausende, die wie Andreas und Dina auf den Syntagma- Platz kommen, dem Tränengas trotzen. Junge und Alte, Ausgebildete und Arbeitslose, Studenten und deren Professoren – ein ganzes Volk, angetreten, um zu verhindern, was ihm viele im Rest Europas am liebsten ohnedies vorenthalten würden. Sie protestieren gegen noch mehr Milliarden, noch höhere Kredite, einen weiteren Rettungsschirm, ein zusätzliches Paket, das verhindern soll, was wie ein Damoklesschwert über Griechenland schwebt: der Staatsbankrott, fällig in zwei Wochen.

Sie crashen, wir cashen. Ein Jahr ist vergangen seit der (einmaligen) 110 Milliarden-Euro- Spritze, die Griechenlands Leiden lösen sollte. Ein Jahr der Entbehrungen am Peloponnes, der bitteren Sparprogramme und steigenden Steuern. Ein Jahr, in dem die Griechen litten und die Politiker im Rest Europas ihre Versprechen brachen. Denn nun, im Juni 2011, wird klar, dass die griechischen Kassen weiter klamm sind, die Schulden auch jetzt nicht über den Markt finanzierbar seien und deshalb die anderen Mitglieder der Euro-Zone ein zweites Mal in die eigenen Taschen greifen werden müssen, um die Griechen vor dem finanziellen Fallout zu retten.

„Uns?“, Andreas, der Anwalt, gibt sich empört, als er das hört. „Glaubt ihr Österreicher wirklich, ihr helft mit eurem Geld dem lieben, armen Griechen, den ihr noch aus dem letzten Urlaub kennt?“ Fast vorwurfsvoll erklärt er, „dass das Geld aus euren Taschen direkt zu den ausländischen Banken wandert, die zuvor mit unseren Staatsanleihen ein gutes Geschäft gemacht haben.“ Und ihnen, den drangsalierten Griechen, längst befreit von der Sirtaki-Beschaulichkeit, drohe weiteres Ungemach samt Ausverkauf des Tafelsilbers. „Wir wollen euer Geld nicht! Darum sind wir hier.“

Der Anwalt und die Krankenschwester, das Paar, das gut verdiente, vereint im Kampf gegen etwas Größeres, etwas, das bislang bloß ein paar Utopisten stürzen sehen wollten: den Kapitalismus, unser aller Wirtschaftssystem.

In Athen sind sie nicht die Ausnahme, sondern bald die Mehrheit. Unverdächtige Bürger wie der Kellner Janis, die berichten, dass sie in der Garage zwar noch ein Auto stehen haben, mit diesem aber seit Monaten nicht mehr fahren können. „80 Euro für einmal Volltanken – unmöglich. Und Käufer finde ich für die Kiste auch keinen, da niemand mehr Geld hat.“ So kommt es, dass er sich Abend für Abend vor dem Parlament die Wut aus dem Bauch schreit, die Politiker des Landes „Lügner“ und „Diebe“ schimpft und sich später, unten am Syntagma-Platz nach Fortschritten erkundet.

Dort, bei den Zelten, die zwischen Palmen und Pinien vor drei Wochen in den Boden geschlagen wurden. Von Menschen, denen es reicht, die all die Klüngeleien, die ihr Land so tief stürzen ließen, satt haben. Die von einer anderen Gesellschaft träumen, einer neuen Demokratie, in der sich die Arbeitslosigkeit nicht der 20-Prozent- Schwelle nähert, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ständig wächst und Junge trotz Uni mit unbezahlten Praktika abgespeist werden.

Bei den ,Empörten‘. Sie nennen sich „die Empörten“, haben keine Führung, keine Symbole, dafür viel Sympathie für ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich. Basisdemokratisch wollen sie an der Welt von morgen basteln und bis tief in die Nacht über jeden einzelnen Vorschlag abstimmen. „Klar, das klingt utopisch“, gesteht Student Panos ein, während er die leer geschossenen Tränengasbomben der Polizei zusammenklaubt, „aber wir wollen nicht länger schweigen, mitmachen bei einem System, das nur noch Krisen schafft und faktisch bereits tot ist.“ Der sich vermeintlich in den letzten Zügen befindliche Kapitalismus gibt jedoch ein paar hundert Meter weiter ein mehr als starkes Lebenszeichen von sich. Oben, über der Verkehrshölle am Omonia-Platz, spielen sich im zweiten Stock eines kargen Bürogebäudes Tag für Tag wahre Dramen ab. Dimitrios, grobschlächtiges Gesicht und Goldkette, schildert sie so: „Es kommen Leute zu mir, die ihre Jobs verloren haben, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, die einfach an der Kippe stehen und dringend Geld brauchen.“ Dimitrios hilft, nicht uneigennützig, aber immerhin. Er ist Pfandleiher, in zweiter Generation und seit 20 Jahren. „Uhren, Ohrringe, Armreifen – aus Gold muss es sein, dann nehme ich es.“

Doch auch er klagt. Über zu wenig Geschäft, und das obwohl 30 Prozent der Athener Haushalte mit der Stromrechnung in Rückstand sind. Sein Gewerbe sollte doch gerade in der Krise florieren? „Fehlanzeige, seit einem Jahr schießen die Pfandleiher wie Pilze hervor. Allein hier am Platz sind es vier. Völlig unseriös, alle miteinander, oft nur Zettel mit einem Namen und einer Handynummer. Aber die Leute sind verzweifelt und laufen zu ihnen.“

Schuften für die Schulden. Ein Gang, der Stella noch erspart geblieben ist, wenngleich auch das Leben der adretten Rothaarigen in ungeahnte Tiefen stürzte: ihr eigenes Geschäft – geschlossen, ihr Sohn – arbeitslos, ihre Tochter – bald im Ausland, ihr Mann – über den steigenden Kreditzinsen krank geworden. „4.500 Euro Einkommen hatten wir vor einem Jahr noch“, erinnert sie sich, „und jetzt schufte ich von früh bis spät, bloß um den Kredit abbezahlen zu können.“

Stellas Schicksal – es ist das ihres Landes. Schuften für die Schulden und den Hohn der Gläubiger gibt es gratis dazu: „Faul seien wir, sagt diese Merkel, habe ich gehört. So eine Unverschämtheit von den Deutschen.“

Es sind die alten Klischees, die nun, wo alles zu kippen beginnt, ihre volle Wirkung entfalten. Der faule Grieche, der den Bogen überspannt hat, der so lang er überhaupt arbeitete 16 Monatsgehälter kassierte und sich mit 55 in die Pension verabschiedete. Es gibt ihn – immer noch, auf Ämtern und Behörden, bei denen 900.000 der elf Millionen Griechen beschäftigt sind. Aber es gibt auch die Stellas und Efis, Janis und Andreas – tatkräftige Griechen, die arbeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit und die dann, wenn sie in der überfüllten U-Bahn heimgondeln, ein sonderbares Gefühl beschleicht: „Dass der Staat sich nur an uns saniert und er die wirklich Reichen im Land wieder einmal ungeschoren davonkommen lässt.“

Also doch nicht der Kapitalismus? Die Weltverschwörung? Während das Ausland die Unzulänglichkeiten der Griechen längst erkannt haben will, fällt hier erst spät der erste Satz, mit dem die Mitschuld an der Misere auch an der Ägäis gesucht wird.

Fündig werden ließe sich vielleicht in Flisvos – Athens mondänstem Yachthafen. An die 300 Boote liegen dort vor Anker. Mehrstöckig, 50, 60, manche gar 70 Meter lang und hunderte Millionen Euro wert. Yachten, die „Smile“ oder „La bonne vie“ (das süße Leben) heißen, das Edelholz fein poliert, das Deck säuberlich geschrubbt, die Crew, meist untertänige Philippiner, in ständiger Bereitschaft, falls es ihren Herrschaften nach einem schnellen Trip auf die nahen Inseln gelüstet. Nur eines wirkt beim Spazieren zwischen all den Yachten nach einer Weile sonderbar: auf kaum einer flattert die blau-weiße Flagge.

Stattdessen bedruckter Stoff aus der Karibik – Antigua, Barbados, Cayman Islands – Steuerparadiese, wie geschaffen, um neben dem Firmengeflecht auch gleich noch die Luxusyacht kostensparend anzumelden. Der reiche Grieche, der Onassis der Gegenwart, seine Yacht mag hier noch vor Anker liegen, sein Geld hingegen parkt bereits in Übersee.

Reiches Land, armer Staat. „Alle Reichen, die ich kenne, haben ihr Vermögen längst dorthin geschafft“, erzählt einer, der mit den Wohlbetuchten ein vertrautes Verhältnis pflegt – Theodore Orphanos, Manager, Kapitän, Kosmopolit. Er bittet uns, an Bord zu kommen, lässt an Deck auf edlem weißen Leder Platz nehmen, offeriert Getränke und seine Version des Scheiterns: „Wir Griechen sind Grenzgänger. Unser Staat ist in den letzten 200 Jahren fünf Mal Bankrott gegangen – und das sechste Mal steht unmittelbar bevor. Theodore hält nicht viel von den Beschwichtigungen, die Premier Papandreou in Brüssel verbreitet und auch die Kapitalismuskritik der Demonstranten ist ihm fremd: „Der Staat ist verfault, korrupt, leistet nichts – und dann wundert man sich, dass jene die Geld haben, keine Steuern zahlen?“

Er schildert Anekdoten, die jeder im Land kennt – sie handeln von Lehrern, die müde in der Schule sitzen, weil sie privat bis spät in die Nacht Nachhilfe geben; von Ärzten, die ohne Bestechung, keinen OP betreten und Bauern, die Tomaten anbauen, aber nie ernten, bloß weil die EU das gerade gut fördert. „Und jetzt sollen wir auf Druck der EU von Griechen zu Deutschen werden? Das kann doch nicht klappen.“ Zum Abschied hält er eine düstere Prognose bereit: „Hier wird noch Blut fließen und ihr werdet euer Geld nie mehr wieder sehen.“

Erschienen in NEWS 25/2011

Weiter zum Video-Report aus Athen

Zwischen Tradition und Turbo

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Türkei mit den Tags , , , , , , am 14. Juni 2011 von lehermayr

DIE NEUE TÜRKEI. Business, Boom und Burka. Das Land strotzt vor Stärke und Stolz – und pfeift auf die EU. Die Reportage aus Istanbul – einer Stadt auf Speed.

Die Frau mit dem langen blonden Haar ist angekommen. Ganz oben, in 150 Meter Höhe, steht sie im schwarzen Sommerkleid. Hinter Brigitte Weber huschen die letzten Arbeiter vorbei, hämmern noch an den Holzplanken der Terrasse. „300 Quadratmeter ist sie groß“, sagt Weber, „das dazugehörige Appartement hat noch einmal dieselbe Fläche und ist bereits verkauft – für drei Millionen Dollar.“

In den 38 Etagen darunter sieht es ähnlich aus – Europas erste „Trump Towers“ ragen in Istanbul in den Himmel und sind eine Erfolgsgeschichte. Brigitte Webers Erfolgsgeschichte. Zwillingstürme voll von Luxus, mit Concierge am Eingang und Edel-Weinkeller im Untergrund, gebaut für eine Türkei von morgen, geplant von einer Österreicherin. Vor 16 Jahren zog es die gebürtige Vorarlbergerin nach ihrem Architekturstudium in Wien an den Bosporus.

„Türkisch habe ich auf der Baustelle gelernt, mich von einem Auftrag zum nächsten gehantelt“, erzählt sie und blickt über die Balustrade hinunter – auf eine Stadt, die längst alle Dimensionen sprengt. Von der keiner weiß, ob sie nun 13, 15 oder gar schon 17 Millionen Einwohner hat. Schnellstraßen durchziehen sie wie Arterien, pumpen Kolonnen von Autos in die Metropole. Dazwischen Hochhäuser, Wolkenkratzer, die Skyline eines Shanghai am Schnittpunkt von Europa und Asien. Und dann das Bildnis eines Mannes, das in Überlebensgröße an etlichen Fassaden prangt: Recep Tayyip Erdogan, der Premierminister, der Macher des Erfolges.

Der Fall Plassnik als Symptom. Am kommenden Sonntag steht seine Wiederwahl an. Laut Meinungsforschern könnte sie noch triumphaler ausfallen als die vorherigen beiden und seine Partei, die islamisch-konservative AKP, in die Nähe einer Zweidrittelmehrheit rücken. Weshalb sich also noch mit Wahlterminen aufhalten? „Ziel: 2023“, steht schlicht auf den Plakaten. Es ist das Jahr des 100-jährigen Bestehens der Republik und ein damit einhergehendes Versprechen: die Türkei bis dahin auf Platz 10 der größten Volkswirtschaften der Welt zu pushen.

Die 76 Millionen Türken sind von einem neuen Selbstbewusstsein erfasst. Gespeist aus Wachstumszahlen, von denen Europa bloß noch träumen kann, scheint plötzlich alles möglich. Selbst schärfste Erdogan- Kritiker loben dessen Wirtschaftspolitik und vergessen im Gespräch nicht, süffisant auf Europas unsicher gewordene Zukunft zu verweisen. Während ein EU-Staat nach dem anderen an den Rand der Beinahe-Pleite rückt, ist die Türkei fast unbemerkt zu einer wirtschaftlichen wie politischen Mittelmacht aufgestiegen. Und diese pocht beinhart auf ihre Interessen, legt etwa ungeniert ein Veto gegen Ursula Plassniks ausgemachte Bestellung zur OSZE-Generalsekretärin ein – als Retourkutsche für die Skepsis der damaligen Außenministerin gegenüber den EU-Plänen der Türken.

Doch wo steht diese Türkei nun wirklich? Rückt sie nach Westen, wie es Republiksgründer Atatürk einst vorsah, oder driftet das Land unter Erdogans Führung in Richtung eines islamischen Gottesstaates ab? Verhält es sich wie mit Istanbul, das am Wasser so schön wirkt wie Venedig – fernab davon aber zum Moloch mutiert, brutal, schnell und wie vollgepumpt mit Speed?

Die Weltenwandlerinnen. Brigitte Weber sieht von der Spitze ihrer Türme einen Teil des Wandels. „Eine ganze Skyline, wie es sie vor zehn Jahren noch nicht gab.“ Sie blickt bis hoch nach Maslak, wo in einem anderen Glitzerturm zwei Türkinnen mit österreichischem Pass sitzen.

Die eine, Saime Silahcioglu, besuchte die österreichische Schule in Istanbul, studierte und lebte dann 16 Jahre in Wien und kehrte zurück. Die andere, Sinem Doganay, wuchs in Wien-Favoriten auf und fing nach dem Studium für die OMV zu arbeiten an. Beide sind sie Weltenwandlerinnen, beide sind sie nun für den österreichischen Energiekonzern in Istanbul und beide wären sie nicht hier, stünde die Türkei nicht auf der Überholspur. „Geschmunzelt haben die Österreicher, als ich früher von der Stadt erzählte“, sagt Saime, „sich wohl gedacht, lass sie nur reden, und plötzlich ist es cool, hier zu sein, die Stadt voll mit Leuten aus aller Welt.“ Untertags stauen sich die Touristen vor der Hagia Sophia, doch sobald es dunkel wird, stürmen sie die Bars und Klubs rund um den Taksim-Platz, dem europäischen Herzen der Stadt. Dynamik, Drive, Stimmengewirr, das Vibrieren einer Weltstadt – hier dröhnt es aus jedem Lokal, lässt nicht erahnen, dass wenige Kilometer weiter eine andere Welt beginnt.

Anatolien in Wien und Istanbul. Es sind Bauern, Viehhirten, Arbeitslose aus Anatolien, die zu Tausenden Tag für Tag in diese Stadt strömen und ihr Bild zunehmend prägen. Ihr Drang nach einem besseren Leben verdeutlicht die immense Kluft, die trotz Booms immer noch in der Türkei herrscht. „Es ist schon irgendwie merkwürdig, stellt Sinem, die Favoritnerin, fest: „hier in Istanbul beschweren wir uns über das Kopftuch und so manchen Brauch der Anatolier – ähnlich wie in Wien, wo ja auch die meisten Türken aus Anatolien stammen.“

Das Kopftuch, die Streitfrage – nun ist das Schlüsselwort gefallen, an dem aufgeschlossene Europäer den Grad der Liberalität der Türkei glauben messen zu können. Einst war es verpönt, nicht vorgesehen im Staate Atatürks, der die strikte Trennung von der Religion befahl. Mit Kopftuch an die Uni, gar als Beamtin in den Staatsdienst? Unvorstellbar.

Bei den Fundamentalisten. Und nun? Seit 2003 regiert Erdogans AKP, die mit den Stimmen frommer Muslime, welche im Land der Militärs zuvor nicht viel zu sagen hatten, mächtig geworden war. Frühere Verbote sind aufgeweicht, umgangen: Die Kopftuchquote liegt aktuell bei 60 Prozent. Atatürks Erben fürchten um all das, was die Türkei lang vom Rest der islamischen Welt unterschied und deren Einbindung in den Westen rechtfertigte.

Wer die Schreckensvision aller Aufgeklärten erfüllt sehen will, der fährt über das Goldene Horn in ein Viertel wie Carsamba. Die Ankunft, einen Hügel hinter der von Touristen überrannten Blauen Moschee, mutet wie ein Kurztrip nach Pakistan an. Die Frauen tragen Carsaf – übersetzt: Betttuch –, die türkische Form der Vollverschleierung, bei der gerade mal ein kleiner Schlitz zum Sehen bleibt. In bedächtigem Abstand folgen sie ihren Männern, die sich in Pluderhosen kleiden und den Bart nicht stutzen. Ihr Leben ist vom Rhythmus der Moscheen geprägt, ihre Frömmelei in der Türkei keine Ausnahme mehr: nur ein Viertel der Türkinnen arbeitet, einer der geringsten Werte weltweit und seit 2005 rückläufig.

Dafür stieg die Zahl der „Ehrenmorde“, und es vergeht kaum eine Woche ohne Meldungen über grausame Verbrechen an jungen Frauen. Erst kürzlich war eine 16-Jährige in Ostanatolien von ihrem Vater lebendig begraben worden, weil sie „Kontakt mit Männern“ gehabt haben soll. Ein anderes Mädchen wurde von ihren Brüdern aus dem Fenster geworfen, weil sie „Schande über die Familie“ brachte.

Der Häuserkampf. Im AKP-Hauptquartier auf der asiatischen Seite Istanbuls wiegelt man ab, spricht von Programmen, all dies zu bekämpfen und keinem „Zwang zum Kopftuch, sondern der Gleichberechtigung für Frauen, die sich entscheiden, es zu tragen“, wie Fatih Sayan sagt. Der 34-Jährige hat im Ausland studiert, ist gebildet und verkörpert den Nachwuchs der AKP. „Das Kopftuchthema spaltet – bei dieser Wahl trägt noch keine unserer Kandidatinnen eines.“

Viel lieber spricht Sayan, der zu den Beratern Erdogans zählt, über die Visionen seines Chefs, die mehr nach Moderne klingen – Hochgeschwindigkeitszüge etwa, einen zweiten Bosporus-Kanal, eine dritte Brücke über die Meerenge. All das, was die Türkei nach vorne bringen soll. Denn Kapitalismus und Islam, das hat Erdogan längst begriffen, stehen nicht im Widerspruch. So gewann das „grüne“, also islamische, Kapital an Einfluss und die alten, im Erbe Atatürks stehenden Eliten, die eng mit dem Militär verbunden sind, gerieten ins Hintertreffen.

Schüsse auf Unliebsame. „Klar, die Gesellschaft ist konservativer geworden, aber die Konservativen einfach auch sichtbarer, da Erdogan nun Macht über die Medien hat und so vieles, was noch vor Jahren vielleicht als extrem galt, Mainstream wurde“, erklärt Sedat Yilmaz, ein Regisseur, der es nicht scheut, den Finger in die offenen Wunden seines Landes zu legen. Im Dunkeln seines Studios drückt er auf Play – sein Film beginnt zu laufen, in dem bald der erste Journalist erschossen wird, eine Redaktion von der Angst gefangen und die Jagd auf deren verbliebene Mitglieder eröffnet ist.

„Press“ zeigt das Schicksal einer kurdischen Zeitung in den 90er-Jahren und ist doch aktueller denn je: „Heute werden Journalisten nicht mehr Österreic h und retour. Saime Silahcioglu (l.) und Sinem Doganay gingen für die OMV nach Istanbul.  erschossen, sondern eingesperrt“, so Yilmaz‘ bitterer Befund. 57 von ihnen sitzen derzeit in Haft, Anklagen blieben meist aus, die Anschuldigungen sind ominös, die Kritik aus der EU verhallt. Und überhaupt, Europa. „Für Erdogan dienen die Beitrittsverhandlungen doch bloß als trojanisches Pferd, um die Rolle der Armee weiter zu schwächen“, teilt Yilmaz den Chor der Kritiker, „alle hier wissen das, und niemand glaubt noch an einen Beitritt.“ Auch im Wahlkampf spielt die EU keine Rolle, und einer jungen Dame, bei der man es am wenigsten annehmen würde, ist das gar nicht so unrecht.

Burcu Cetinkaya trägt schwarze High Heels, langes offenes Haar und zeigt Bein. Es ist Abend, am Bosporus kommt Wind auf. Sie wartet in Bebek, einem Nobelviertel. Das ganze Wochenende lang fuhr sie Rally, schlug sich gut. Eine Frau als Pilotin – nicht nur in der Türkei ist das ungewöhnlich. Burcu erkämpfte sich diesen Traum, die Eltern hatten anderes für sie vorgesehen gehabt, sie an die besten Schulen geschickt. Doch sie sträubte sich, nahm einen Kredit auf und raste los. „Die EU und wir Türken“, sagt Burcu nun, „das passt nicht zusammen. Die Mentalität, der Glaube, wir sind einfach zu verschieden.“ Eine Einschätzung, die geteilt wird, von Carsamba bis an die Spitze der Trump-Towers. Bloß Brüssel hat sie noch nicht erreicht.

Erschienen in NEWS 23/2011

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