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In der ,Gulasch-Diktatur’

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Ungarn - Orbánisierung? mit den Tags , , , , , , , am 7. Februar 2012 von lehermayr

Puszta-Putin oder Blödsinn? Was sich bei den Nachbarn tatsächlich abspielt und wieso das auch uns betrifft. Ungarn als Versuchslabor für Europa.

Ein „Puszta-Putin“ sei er. Ein Möchtegern- Diktator im Machtrausch. Einer, der Ungarn nicht nur gemäß seiner Pläne in bester Machiavelli-Manier umbaut, sondern dabei auch gleich in den Staatsbankrott steuert. Aus Brüssel trudeln böse Briefe ein, in denen ihm beschieden wird, „die Prinzipien einer freien Demokratie“ zu beschädigen. Und US-Außenministerin Hillary Clinton wirft ihm in einer Eildepesche gar vor, ein autoritäres System zu errichten.

Mitgehangen, mitgefangen. Für Viktor Orban, 49, ist es eng geworden. Vergessen die Tage seines Wahlsieges 2010, als ihm 53 Prozent der Stimmen dank der Wahlarithmetik eine 2/3-Mehrheit bescherten. Der konservative Nationalist sah darin den Auftrag, ein neues Ungarn zu formen. Nun steht er vor dessen Trümmern und Europa fragt sich, was donauabwärts wirklich vor sich geht.

Gerade in Österreich ist die Besorgnis groß. Unser Land verlor auch wegen seiner engen Verflechtung zu Ungarn soeben seine Top-Bonität. Heimische Banken halten beim Nachbarn Außenstände von 32 Milliarden Euro und an die 2.000 österreichische Firmen sind mit Niederlassungen im Orban-Land aktiv. Stürzt Ungarn, droht es auch Österreich mit in den Abgrund zu reißen. Wie groß ist die Gefahr und wie nah Ungarn am Untergang? Eine Fahrt durch Budapest. Ein Weg durch die „Donau-Diktatur“?

Morgens: Im Hungerstreik.

Ein in dicke Decken eingehüllter Mann. Eine zum Clown geschminkte Frau. Ein paar fröstelnde Mitstreiter. Und ein Zelt. Das Bild, das sich im Budapester Norden bietet, wirkt bizarr. Vor dem modernen Glasbau des Staats-TV kauern sie in der Kälte – 36 Tage schon. Balazs Nagy war der erste, dem es reichte. Ein kräftiger Kerl, Journalist und Gewerkschafter, viel rumgekommen in der Welt und schockiert von dem, was sich daheim abspielte.

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt er, „der politsche Einfluss war bei uns im Sender immer zu spüren. Unter den Sozialisten sah man Demonstrationen gegen die Regierung auch nicht gern, schummelte bei der Zahl der Teilnehmer oder wählte den Bildausschnitt so, dass die Masse zur kleinen Menge wurde. Das war normal. Aber seit Orban übernommen hat und den Sender umfärbte, erreichte die Manipulation eine neue Qualität.“

Nagy berichtet von Anti-Orban- Demos, zu denen erst gar kein Kamerateam hingeschickt wurde. Oder von Zehntausenden, die gegen den „Viktator“, wie sie ihn schon nennen, auf die Straße gingen, und einem Live-Einstieg des Staats-TV-Reporters, einsam auf einer leergefegten Straße stehend. „Es gibt auch Listen von Personen, die im TV nicht mehr vorkommen dürfen. Huschte einer von ihnen doch durchs Bild, musste er verpixelt werden.“

Als es erste Kündigungen für Verweigerer hagelte, zog Nagy die Reißleine. Er ging in den Hungerstreik, errichtete ein Protestzelt vor dem Sender und fand Mitstreiter für die Pressefreiheit. Gemeinsam wollen sie ausharren, bis Entlassungen aufgehoben und Verantwortliche abgesetzt werden.

Mittags: Im Feindes-Äther.

„Wir wären eigentlich das Feigenblatt. Uns könnte man Hillary Clinton zeigen. Ihr sagen, sieh her, du täuschst dich, so schlimm ist es nicht“, sagt Andras Arato. „Aber dafür hassen sie uns zu sehr. Uns zu vernichten, ist verlockender.“ Arato geht einen Stock tiefer ins Studio. Gerade beginnt die beliebteste Sendung von „Klubrádió´“. Ein Geschasster sitzt hinter dem Mikrofon – György Bolgar. Leute rufen an, es geht um Politik – wie meist bei ihm. Hier herrscht noch das freie Wort. Es wird geschimpft, geklagt, gestritten. Eine Meinung vertreten. Eine halbe Million Ungarn hört zu, wenn Bolgar on air geht – einst auf der Staatswelle und nun im „Klubrádió“. Der Sender setzt statt Ohrwürmern auf Opposition und das schickt ihn ins Off.

Wie, das ist leicht erklärt und doch kompliziert. „Sie schrieben Lizenzen neu aus, forderten mehr Musik, weniger Wort und wenn, dann maximal lokale Nachrichten“, erklärt Arato, der Senderboss. Schließlich ging eine Frequenz verloren und die andere läuft im Februar aus. „Widerspruch ist unerwünscht – und der neue Besitzer unserer alten Frequenz ein Strohmann der Regierung mit 3.000 Euro Kapital. Dümmer geht‘s wohl nicht“, empört sich Arato, der sein Ende vor Augen sieht, aber hofft, jenes für Orban käme früher.

Dann: Die Vierte Republik.

Dieses herbeizuführen ist auch Antrieb für Panni und Andras, zwei Studenten als Sinnbild einer Generation, die langsam genug hat. „Krise? Die haben wir seit fünf Jahren. Kürzungen, Einsparungen. Es wäre falsch, zu sagen, allein Orban sei schuld, dass wir fast pleite sind“, gesteht selbst Andras ein, „die Sozialisten haben acht Jahre lang einiges dazu beigetragen.“ Die beiden wissen, dass die Linke diskreditiert ist, auf Jahre hinweg wohl fern der Macht bleiben wird. „Wir wollen aber unsere Forint nicht ins Ausland schaffen, unserem Land den Rücken kehren, wie es so viele derzeit tun.“

Andras und Panni fühlen sich als Teil einer neuen Bewegung, einer Alternative: 4K, die vierte Republik, lautet der Name und ist Schlachtruf der neuen Linkspartei. Die Demo am 2. Jänner haben sie mitorganisiert und mit 70.000 Orban- Gegnern ein Zeichen gesetzt.

Dessen konservatives Lager sieht die lauter werdende Kritik am autoritären Abdriften Ungarns hingegen als vom Ausland orchestriert an. Der stellvertretende Staatssekretär im Außenministerium, Gergely Pröhle, vermutet im NEWS-Interview gar eine durch Österreichs Banken gesteuerte Berichterstattung. Und doch muss er zugeben, dass manch rasch durch gepeitschtes Gesetz, das die Gewaltenteilung in Frage stellt, keine gute Optik abgibt.

Abends: Auf der Straße.

„Krízis“ steht auf dem blauen Minibus, der durch ein Budapest in der Dämmerung fährt. In der einst Stau geplagten Donaumetropole hat der Verkehr sichtlich abgenommen. Zu teuer das Benzin, zu schlecht das Gehalt, zu hoch die Steuern.

An Häusern, an halb fertigen Bauruinen und an Geschäften hängen die immer gleichen Schilder. „Eladó“, zu verkaufen. Auch wenn es schon längst keine Interessierten mehr gibt. Der Bus hält. Zwei Männer steigen aus. Einer streift sich Gummihandschuhe über, der andere holt einen Becher hervor. Sie nähern sich einer zitternden Gestalt, die in einem Hauseingang hockt. Fragen, wie es ihr geht, reichen Tee und müssen dann doch weiterfahren. Wohin auch mitnehmen? Mehr als 10.000 Obdachlose gibt es allein in Budapest und nicht einmal halb so viele Plätze in Unterkünften. Im vorigen Jahr erfroren an die 400 in der Kälte – und nun will man all das Elend nicht mehr sehen.

Ein neues Gesetz. Ein Verbot. 150 Euro Strafe für Obdachlose, die auf der Straße aufgegriffen werden. Wer nicht zahlt, landet bald im Gefängnis. Oder lieber im Wald, wohin uns die zwei Männer von der Hilfsorganisation „Zuflucht“ in ihrem blauen Bus fahren. Noch mitten in Budapest, nah an der Donau, haben sich ein paar von ihnen Bretterbuden gezimmert. Arpad, der Ältere, hat einen Gasofen, Attila nicht einmal das. „Lieber hier unentdeckt frieren, als im Knast krepieren“, sagen sie. Wie Aussätzige hausen Hunderte am Rand einer Gesellschaft, die selbst nichts so sehr fürchtet, als das selbe Schicksal zu erleiden – in einem Staat, der an seine Grenzen gelangt ist.

Tags darauf: Paramilitärs.

Angst kriecht in die Ungarn. Ganz langsam, ganz unbemerkt, aber mit verheerenden Folgen. Zuerst probierten sie es mit den Sozialisten, bekamen Korruption und Misswirtschaft. Dann also Orban. Ein nationalistischer Verführer, der mit viel Pathos das Magyarenherz eroberte, seine hochtrabenden Pläne aber mit der düsteren Wirtschaftslage begraben musste. Entweder pokert er nun hoch und riskiert damit den Bankrott oder er macht Zugeständnisse, kappt autoritäre Anwandlungen, um sich die Rettung durch EU und IWF zu erkaufen.

Die Profiteure seines Versagens marschieren gerade in Buda auf. Paramilitärs in Phantasieuniformen. Martialisch, gefährlich, rassistisch. Deren Anführer sehen Ungarn in „Geiselhaft der Finanzjuden“ und verbrennen die EU-Flagge. Es ist Jobbik, die „Partei der Besseren“, der extremen Rechten. 20 Prozent und mehr geben ihnen die Umfragen in einem Land, das zum Versuchslabor Europas für den Verfall geworden ist.

Erschienen in NEWS 03/2012

Plus: Das Video von der Recherche in Budapest

 

An der Flüchtlingsfront

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Serbien mit den Tags , , , , , , , am 25. September 2011 von lehermayr

DER ANSTURM. Tausende Kilometer Flucht, eine letzte Grenze und ein Ziel: Österreich. NEWS fand das Versteck der Vergessenen.

DER EINSATZ. Aufgriffe, Mafia, Ausnahmezustand. Was soll Österreichs Polizei an Ungarns löchriger Schengen-Grenze ausrichten?

Der Kaffee ist kräftig, die Nacht noch lang und die Lage derweil ruhig. Auf dem Bildschirm sieht Tamás Rehe in den Wald huschen, Hasen über Felder hoppeln. Und wenn er Glück hat, kann er zur Abwechslung auch mal einen Betrunkenen dabei beobachten, wie der aus dem Dorfwirtshaus über einen Feldweg langsam heimtorkelt.

Mit einem Joystick bewegt Tamás die Kamera, die hoch über der Grenzstation von Röszke im äußersten Süden Ungarns montiert ist. Bis weit hinein ins benachbarte Serbien kann er sich dank ihr mit nur einem Schwenk zoomen.

Trotz schwärzester Nacht wirft sie ihm gestochen scharfe, grau gefärbte Bilder auf den Schirm. Kurz vor halb zwölf tauchen dort, wo gerade noch Schafe grasten, Menschen auf: Vier Gestalten, die an einer Lichtung entlangwandern. Grenzschützer Tamás wendet seinen Blick nun nicht mehr von ihnen ab, sieht sie über einen Zaun klettern und kann live mitverfolgen, wie sie zu Gesetzesbrechern werden.

„Und jetzt“, sagt er plötzlich, „jetzt haben sie ungarisches Staatsgebiet betreten.“

Er greift zum Funkgerät, gibt einer Patrouille draußen Koordinaten durch und stellt wenig später zufrieden fest, dass deren Fahrzeug auf seinem Schirm auftaucht. Was folgt, ist Flüchtlingsjagd wie im Computerspiel – zumindest hier drinnen, vor der Wärmebildkamera. Ein Spiel mit ungleichen Karten, in dem sich die vier Männer verstecken, als sie das Auto kommen hören und doch keine Chance haben, da Tamás seinen Kollegen trotz Dunkelheit zum Zugriff verhilft.

Das Schengen-Märchen. Eine halbe Stunde später kehren die Polizisten mit ihrem „Fang“ zurück: Zwei Inder und ein Afghane, bloß der vierte sei ihnen im letzten Moment noch entwischt und zurück nach Serbien gerannt.

Ein weiterer Erfolg, ein weiterer Aufgriff – fast 2.000 waren es schon in den ersten acht Monaten dieses Jahres entlang des 62 Kilometer langen Grenzabschnitts des Komitats Csongrád zu Serbien – und damit 15 Prozent mehr als im gesamten Jahr zuvor. Im Nachbarkomitat konnten noch mal so viele Illegale aufgegriffen werden. Mehr als 4.000 Personen also, die die Ungarn von der Schengen- Zone fernhielten. Ein schöner Erfolg?

Mitnichten, heißt es nun aus Österreich. Ein paar Schwerpunktkontrollen auf der A4 der Ostautobahn reichten aus, um das Märchen von den sicheren und undurchlässigen Schengen- Grenzen zum Einsturz zu bringen. Menschen, die wie Sardinen bei 35 Grad Hitze in Kastenwägen gepfercht waren oder sich im doppelten Boden eines Reisebusses versteckt hielten, kamen zum Vorschein. Schlepper, die ihre „zahlenden Passagiere“ in Ungarn dort hinein verfrachtet hatten und keine weiteren Kontrollen befürchten mussten.

Mehr als 200 Aufgegriffene binnen weniger Tage lassen fragen, wie viel Hunderte sich wohl in Wochen ohne Fahndungsdruck den Weg nach Österreich bahnen.

Sind die Ungarn also faul, nachlässig und zu sorglos bei der Überwachung der gemeinsamen Grenzen? Innenministerin Mikl-Leitner plant noch nächste Woche zwischen 20 und 30 heimische Beamte zur Unterstützung zu entsenden. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Eine PR-Aktion zur Beruhigung? „Nein, so würde ich das nicht sehen“, entgegnet Gábor Eberhardt, Leiter der 300 Mann starken Grenzpolizei in Röszke, „wir tun unser Möglichstes, aber auch die Österreicher werden erkennen, dass sich eine Grenze nicht Meter für Meter überwachen lässt – weder mit Kameras noch mit Patrouillen.“

In der Zelle der Tränen. Dherru, dem eben fest genommenen Inder, und seinen zwei Gefährten wurde sie dennoch zum Verhängnis. Beißender Gestank durchdringt die Arrestantenzelle in Röszke, in der die drei nun kauern. Seit drei Monaten seien sie unterwegs, schon Tage hätten sie weder gegessen, noch die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen, berichten sie. Und plötzlich kullern Tränen über Dherrus Wangen: „Meine Eltern sind arm, sie haben all ihren Besitz verpfändet und verkauft, um die Schlepper zu bezahlen – 6.000 Dollar! Und ich sollte arbeiten, hier bei euch in Europa, Geld heimschicken, fortan für die Familie sorgen.“ Daraus wird nichts. Die Ungarn stellen fest, dass er schon am Tag zuvor im Nachbarkomitat erwischt worden war und damit wohl erst einmal ins Gefängnis wandert. Und danach? „Zurück nach Serbien“, sagt Kommandant Eberhardt, wohin seine beiden Gefährten bereits am nächsten Tag gebracht werden. Zurück an den Start also, im Spiel um das weitere Leben, das sie längst verloren haben.

Im Dschungelcamp. Serbien, Subotica: die erste Stadt gleich nach der Grenze. Maria Theresiopolis hieß sie einst in der Monarchie. Heute gilt sie als Sammelpunkt für Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden. Seit Griechenland, de facto bankrott und dem Abgrund nahe, aufgehört hat, dem Flüchtlingsansturm an seinen Grenzen noch irgendetwas entgegenzusetzen, brechen auch hier in Serbiens Norden die letzten Dämme. Die Ungarn vermuten „Tausende Flüchtlinge“ im Dickicht der Wälder und der Abgeschiedenheit billiger Pensionen – je nachdem, wer wie viel an die Mafia für seine Schleppung bezahlt.

In Prozivka, im Süden der Stadt, liegt eine Gruppe von Männern im Schatten der Bäume in einer Wiese. Sie haben Feuer entfacht, grillen Maiskolben vom nahen Feld. Libyer, Tunesier, Syrer – die Kinder der Revolution in der arabischen Welt an den Toren zum Abendland. „Zukunft? Bei uns?“, fragt Abu, der Libyen vor zwei Monaten verlassen hat: „Vielleicht in zwei Generationen.“ Von Gaddafis Sturz hat er gehört, besonders zu kümmern scheint er ihn nicht.

Auch die anderen Araber, die hier auf ihre Chance namens Europa hoffen, können „dem Gerede von Freiheit und Demokratie“ in ihren Heimatländern nicht viel abgewinnen: „Versteht ihr nicht“, meint Muhammed, „wir wollen so leben wie ihr: Autos, Frauen, Job, Geld. Deswegen sind wir hier und deswegen werden wir auch nicht weichen.“

Der Traum Europa, der Traum vom leichten Leben – dass er längst ausgeträumt zu sein scheint, will hier keiner glauben. Auch nicht ein paar Meter weiter, am Ufer eines braunen Rinnsals, im Dickicht des meterhohen Gebüschs.

Dort haben Inder, Pakistaner und Afghanen Quartier bezogen. Sich aus Baumstämmen und Sträuchern behelfsmäßige Unterschläge gezimmert, die sie vor dem Regen schützen sollen. Sie schildern ihre monatelangen Odysseen in Richtung Europa, berichten von Polizisten, die sie schlugen und Grenzern, die ihnen ihr letztes Hab und Gut abknöpften. Sie erzählen vom Hunger, von Schmerzen, von Krankheiten – und vom unbändigen Willen, dennoch nicht aufzugeben. Manche haben schon mehrmals versucht, die Grenze nach Ungarn zu überqueren. Einige hätten es geschafft, wären angekommen an ihrem Ziel, der Verheißung, dem Glück – „und egal, wie beschwerlich das Leben dort auch sein mag“, sagt Ali, der 17-jährige Afghane aus Kandahar, dessen Vater Lehrer war und dem Bombardement der Amerikaner zum Opfer gefallen ist, „es wird immer noch besser sein als bei uns zuhause.“

,Wie ist dieses Österreich?‘ Teils sind es Kinder, die oben, nahe am Friedhof, ihre Pappkartons aufgeschlagen haben. Einer von ihnen hat einen Kalender aus einem Abfallkontainer gefischt. „Alpenkalender 1999“, zwölf Impressionen aus Österreich. Die Runde blickt staunend auf die Bergpanoramen, auf das gleißende Licht der Sonne, die grünen Täler und den weißen Schnee. „Ja, Ungarn ist nichts für uns“, verrät Ali dann, „das sagen alle. Österreich ist das erste gute Land. Dorthin wollen wir. Aber wie ist dieses Österreich eigentlich?“

Erschienen in NEWS 37/2011

Das Video zur Reportage

“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

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