Archiv für Flüchtlingslager

An der Flüchtlingsfront

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Serbien mit den Tags , , , , , , , am 25. September 2011 von lehermayr

DER ANSTURM. Tausende Kilometer Flucht, eine letzte Grenze und ein Ziel: Österreich. NEWS fand das Versteck der Vergessenen.

DER EINSATZ. Aufgriffe, Mafia, Ausnahmezustand. Was soll Österreichs Polizei an Ungarns löchriger Schengen-Grenze ausrichten?

Der Kaffee ist kräftig, die Nacht noch lang und die Lage derweil ruhig. Auf dem Bildschirm sieht Tamás Rehe in den Wald huschen, Hasen über Felder hoppeln. Und wenn er Glück hat, kann er zur Abwechslung auch mal einen Betrunkenen dabei beobachten, wie der aus dem Dorfwirtshaus über einen Feldweg langsam heimtorkelt.

Mit einem Joystick bewegt Tamás die Kamera, die hoch über der Grenzstation von Röszke im äußersten Süden Ungarns montiert ist. Bis weit hinein ins benachbarte Serbien kann er sich dank ihr mit nur einem Schwenk zoomen.

Trotz schwärzester Nacht wirft sie ihm gestochen scharfe, grau gefärbte Bilder auf den Schirm. Kurz vor halb zwölf tauchen dort, wo gerade noch Schafe grasten, Menschen auf: Vier Gestalten, die an einer Lichtung entlangwandern. Grenzschützer Tamás wendet seinen Blick nun nicht mehr von ihnen ab, sieht sie über einen Zaun klettern und kann live mitverfolgen, wie sie zu Gesetzesbrechern werden.

„Und jetzt“, sagt er plötzlich, „jetzt haben sie ungarisches Staatsgebiet betreten.“

Er greift zum Funkgerät, gibt einer Patrouille draußen Koordinaten durch und stellt wenig später zufrieden fest, dass deren Fahrzeug auf seinem Schirm auftaucht. Was folgt, ist Flüchtlingsjagd wie im Computerspiel – zumindest hier drinnen, vor der Wärmebildkamera. Ein Spiel mit ungleichen Karten, in dem sich die vier Männer verstecken, als sie das Auto kommen hören und doch keine Chance haben, da Tamás seinen Kollegen trotz Dunkelheit zum Zugriff verhilft.

Das Schengen-Märchen. Eine halbe Stunde später kehren die Polizisten mit ihrem „Fang“ zurück: Zwei Inder und ein Afghane, bloß der vierte sei ihnen im letzten Moment noch entwischt und zurück nach Serbien gerannt.

Ein weiterer Erfolg, ein weiterer Aufgriff – fast 2.000 waren es schon in den ersten acht Monaten dieses Jahres entlang des 62 Kilometer langen Grenzabschnitts des Komitats Csongrád zu Serbien – und damit 15 Prozent mehr als im gesamten Jahr zuvor. Im Nachbarkomitat konnten noch mal so viele Illegale aufgegriffen werden. Mehr als 4.000 Personen also, die die Ungarn von der Schengen- Zone fernhielten. Ein schöner Erfolg?

Mitnichten, heißt es nun aus Österreich. Ein paar Schwerpunktkontrollen auf der A4 der Ostautobahn reichten aus, um das Märchen von den sicheren und undurchlässigen Schengen- Grenzen zum Einsturz zu bringen. Menschen, die wie Sardinen bei 35 Grad Hitze in Kastenwägen gepfercht waren oder sich im doppelten Boden eines Reisebusses versteckt hielten, kamen zum Vorschein. Schlepper, die ihre „zahlenden Passagiere“ in Ungarn dort hinein verfrachtet hatten und keine weiteren Kontrollen befürchten mussten.

Mehr als 200 Aufgegriffene binnen weniger Tage lassen fragen, wie viel Hunderte sich wohl in Wochen ohne Fahndungsdruck den Weg nach Österreich bahnen.

Sind die Ungarn also faul, nachlässig und zu sorglos bei der Überwachung der gemeinsamen Grenzen? Innenministerin Mikl-Leitner plant noch nächste Woche zwischen 20 und 30 heimische Beamte zur Unterstützung zu entsenden. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Eine PR-Aktion zur Beruhigung? „Nein, so würde ich das nicht sehen“, entgegnet Gábor Eberhardt, Leiter der 300 Mann starken Grenzpolizei in Röszke, „wir tun unser Möglichstes, aber auch die Österreicher werden erkennen, dass sich eine Grenze nicht Meter für Meter überwachen lässt – weder mit Kameras noch mit Patrouillen.“

In der Zelle der Tränen. Dherru, dem eben fest genommenen Inder, und seinen zwei Gefährten wurde sie dennoch zum Verhängnis. Beißender Gestank durchdringt die Arrestantenzelle in Röszke, in der die drei nun kauern. Seit drei Monaten seien sie unterwegs, schon Tage hätten sie weder gegessen, noch die Möglichkeit gehabt, sich zu waschen, berichten sie. Und plötzlich kullern Tränen über Dherrus Wangen: „Meine Eltern sind arm, sie haben all ihren Besitz verpfändet und verkauft, um die Schlepper zu bezahlen – 6.000 Dollar! Und ich sollte arbeiten, hier bei euch in Europa, Geld heimschicken, fortan für die Familie sorgen.“ Daraus wird nichts. Die Ungarn stellen fest, dass er schon am Tag zuvor im Nachbarkomitat erwischt worden war und damit wohl erst einmal ins Gefängnis wandert. Und danach? „Zurück nach Serbien“, sagt Kommandant Eberhardt, wohin seine beiden Gefährten bereits am nächsten Tag gebracht werden. Zurück an den Start also, im Spiel um das weitere Leben, das sie längst verloren haben.

Im Dschungelcamp. Serbien, Subotica: die erste Stadt gleich nach der Grenze. Maria Theresiopolis hieß sie einst in der Monarchie. Heute gilt sie als Sammelpunkt für Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden. Seit Griechenland, de facto bankrott und dem Abgrund nahe, aufgehört hat, dem Flüchtlingsansturm an seinen Grenzen noch irgendetwas entgegenzusetzen, brechen auch hier in Serbiens Norden die letzten Dämme. Die Ungarn vermuten „Tausende Flüchtlinge“ im Dickicht der Wälder und der Abgeschiedenheit billiger Pensionen – je nachdem, wer wie viel an die Mafia für seine Schleppung bezahlt.

In Prozivka, im Süden der Stadt, liegt eine Gruppe von Männern im Schatten der Bäume in einer Wiese. Sie haben Feuer entfacht, grillen Maiskolben vom nahen Feld. Libyer, Tunesier, Syrer – die Kinder der Revolution in der arabischen Welt an den Toren zum Abendland. „Zukunft? Bei uns?“, fragt Abu, der Libyen vor zwei Monaten verlassen hat: „Vielleicht in zwei Generationen.“ Von Gaddafis Sturz hat er gehört, besonders zu kümmern scheint er ihn nicht.

Auch die anderen Araber, die hier auf ihre Chance namens Europa hoffen, können „dem Gerede von Freiheit und Demokratie“ in ihren Heimatländern nicht viel abgewinnen: „Versteht ihr nicht“, meint Muhammed, „wir wollen so leben wie ihr: Autos, Frauen, Job, Geld. Deswegen sind wir hier und deswegen werden wir auch nicht weichen.“

Der Traum Europa, der Traum vom leichten Leben – dass er längst ausgeträumt zu sein scheint, will hier keiner glauben. Auch nicht ein paar Meter weiter, am Ufer eines braunen Rinnsals, im Dickicht des meterhohen Gebüschs.

Dort haben Inder, Pakistaner und Afghanen Quartier bezogen. Sich aus Baumstämmen und Sträuchern behelfsmäßige Unterschläge gezimmert, die sie vor dem Regen schützen sollen. Sie schildern ihre monatelangen Odysseen in Richtung Europa, berichten von Polizisten, die sie schlugen und Grenzern, die ihnen ihr letztes Hab und Gut abknöpften. Sie erzählen vom Hunger, von Schmerzen, von Krankheiten – und vom unbändigen Willen, dennoch nicht aufzugeben. Manche haben schon mehrmals versucht, die Grenze nach Ungarn zu überqueren. Einige hätten es geschafft, wären angekommen an ihrem Ziel, der Verheißung, dem Glück – „und egal, wie beschwerlich das Leben dort auch sein mag“, sagt Ali, der 17-jährige Afghane aus Kandahar, dessen Vater Lehrer war und dem Bombardement der Amerikaner zum Opfer gefallen ist, „es wird immer noch besser sein als bei uns zuhause.“

,Wie ist dieses Österreich?‘ Teils sind es Kinder, die oben, nahe am Friedhof, ihre Pappkartons aufgeschlagen haben. Einer von ihnen hat einen Kalender aus einem Abfallkontainer gefischt. „Alpenkalender 1999“, zwölf Impressionen aus Österreich. Die Runde blickt staunend auf die Bergpanoramen, auf das gleißende Licht der Sonne, die grünen Täler und den weißen Schnee. „Ja, Ungarn ist nichts für uns“, verrät Ali dann, „das sagen alle. Österreich ist das erste gute Land. Dorthin wollen wir. Aber wie ist dieses Österreich eigentlich?“

Erschienen in NEWS 37/2011

Das Video zur Reportage

Gaddafis Gestrandete

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Tunesien mit den Tags , , , , , am 24. März 2011 von lehermayr

FLÜCHTLINGE. Ausgebeutet, beraubt, verjagt. Zehntausende “Arbeitssklaven” entkamen dem libyschen Horror, eine Million sitzt weiter fest. Bei den “Ausgespuckten” von Ras Ajdir.

Zelt reiht sich an Zelt. Kilometerlang, bis hoch zum Horizont, wo die Sonne über Libyen aufgeht. Für Abdellah Goz bricht der zweite Tag in seinem dritten Leben an. Er ist 19, kriecht gerade aus dem weißen Zelt, schüttet ein wenig Wasser in seine Hände und beträufelt sein Gesicht damit. Morgendusche. Rechts und links tun es ihm Hunderte Männer gleich. Im ganzen Lager sind es Tausende, die nun Schlange stehen, Essen ausfassen. Sie alle fragen sich, was aus ihnen werden soll.

Militär gegen Massenmord? Hier sind sie nun gestrandet. In Tunesien. In Sicherheit. In Ras Ajdir, einer gemeinsam von UNO, Rotem Kreuz und Armee eilig errichteten Zeltstadt, gleich hinter der Grenze zu Libyen. Nur wenige Kilometer weiter, die schnurgerade Straße durch die Halbwüste entlang, liegt das Land, das immer mehr ins Chaos abgleitet. Wo Aufständische Städte einnehmen, ein ins Wanken geratener Diktator wie ein angeschossener Löwe zurückschlägt und Amerikaner wie Europäer angesichts des Mordens selbst einen Militäreinsatz nicht mehr ausschließen. Von dort drüben, wo bereits mehr als tausend Menschen bei den Kämpfen starben, während Muammar al-Gaddafi weiter um seine Macht ringt, sind sie zu Zehntausenden gekommen – die „Ausgespuckten“ von Ras Ajdir.

Europa – ein ferner Traum. „Heute muss ein guter Tag werden, denn gestern war er schlecht und vorgestern noch schlechter“, sagt Abdellah, der sehnige Schwarze, der so lange in Jahren rechnete, bis er begriff, dass ihm nur noch Tage blieben. Sein erstes Leben begann in Ghana an der Küste Westafrikas, wo er in einer Autowerkstätte, ein wenig außerhalb der Hauptstadt, arbeitete. Als Gehilfe bekam er, so wie es dort üblich ist, bloß eine warme Mahlzeit am Tag als Lohn. „Ich war 17, als ich mich aufmachte, ein besseres Leben zu finden“, erzählt er, während er nun mit ein paar seiner Landsmänner auf der Suche nach Brennholz durch das Lager streift. „Mein Ziel war Europa. Wie für jeden, der bei uns weg will.“ Aber Europa blieb ein ferner Traum. Zu teuer wegen der Schlepper. Zu gefährlich wegen der See, die es zu überwinden gilt. Abdellah schaffte es immerhin nach Libyen, in die an Öl reiche, aber an Arbeitskräften scheinbar arme Diktatur des Muammar al- Gaddafi.

Als Illegaler startete er in sein zweites Leben, in diesem für ihn so sonderbaren Land. „Ich merkte bald, dass die Araber uns Schwarze hassen. Wir waren wie vogelfrei, rechtlos, immer in der Angst, von der Polizei angehalten, bestohlen oder geschlagen zu werden. Also arbeiteten wir so viel es ging und sperrten uns, sobald es dunkel wurde, in den Unterkünften ein.“ 500 Euro zahlten ihm die Italiener, auf deren Baustellen Abdellah anfangs schuftete. Als sie ihn nicht mehr brauchten, kam er als Schweißer bei einer libyschen Firma unter und erhielt die Hälfte an Lohn. „Was ich nicht heimschickte, sparte ich und träumte davon, in einigen Jahren damit nach Ghana zurückzukehren, um eine eigene Werkstatt aufzumachen.“

Eine Stadt unter Waffen. Aber dann waren da diese Bilder, die Abdellah nicht verstand. Abends, wenn er schmutzig von der Baustelle heimkam, liefen sie im Fernsehen. Aufstände, Proteste, Schüsse, Anarchie. Es sollte bloß Tage dauern, bis das Flimmern aus der Ferne vor Abdellahs Tür stand. „Ganz Tripolis hatte plötzlich Waffen: Macheten, Pistolen, Gewehre. Banden zogen von Haus zu Haus, rafften an sich, was sie kriegen konnten.“ Abdellah wollte nur noch eins: weg! Aber wie? Italiener, Briten, Deutsche, Österreicher – die Europäer waren von ihren Regierungen längst ausgeflogen worden.

Doch darauf brauchten geschätzte 1,2 Millionen Afrikaner und Asiaten, die in der Hackordnung der „globalisierten Gastarbeiter“ viel weiter unten stehen, nicht hoffen. Sie mussten entscheiden: bleiben und hoffen oder flüchten und sich fürchten. 200.000 Menschen riskierten es, schlugen sich bis nach Tunesien oder Ägypten durch, doch eine Million Gastarbeiter sitzt weiter in Libyen fest. 120 Kilometer sind es von Tripolis bis zur rettenden tunesischen Grenze. Eine Fahrt entlang der Küste, durch einen Landstrich, der weitgehend von Gaddafi-treuen Truppen kontrolliert wird – fast zwei Tage sollte Abdellah für die Reise in sein drittes Leben benötigen und dabei nie sicher sein, ob er jemals dort ankommen würde. „Alle paar Kilometer gab es Checkpoints, insgesamt sicher 70“, berichtet er, „teils war Armee dort, teils einfach Banditen.“ Mal für Mal blickte er in den Lauf der Gewehre, und Mal für Mal fanden die Bewaffneten mehr von den 3.000 Dollar an Ersparnissen, die Abdellah, über den ganzen Körper verteilt, versteckt hielt.

Am Ende blieb ihm nicht mehr als seine schwarze Hose, das grüne T-Shirt und der schwarze Kapuzensweater. So steht er vor dem Zelt. Seine Träume, seine Hoffnungen, all das, wofür er zwei Jahre gearbeitet hatte, landeten in den Taschen von Gaddafis Schergen. Und trotzdem: Abdellah und die Tausenden anderen in Ras Ajdir, hinter denen ähnliche Erlebnisse liegen, klagen kaum. „Verwende Geld, um dein Leben zu retten, und nicht das Leben, um dein Geld zu retten“, ist der Satz, der von Abdellah hängen bleibt.

Keiner weiß, wie viele Tausende Menschen hinter der Grenze noch warten. Die UNO zeigt sich besorgt, dass der Strom von Flüchtlingen nun von Tag zu Tag schwächer wird, während sich Anarchie und Bürgerkrieg ausbreiten. Sie fürchtet, dass die Flüchtenden bereits im Hinterland zurückgehalten werden und sich die wahre humanitäre Katastrophe gerade erst anbahnt.

An der Grenze kommt ein Bus voll geschockter Tunesier zum Stehen. Ihnen wurden selbst die Handys abgenommen, aus Angst, das damit gefilmte Grauen könnte seinen Weg nach draußen finden. Nur hie und da quert auch ein Wagen mit libyschem Kennzeichen die Grenze. Es sind Schmuggler und Schieber, die in alten Limousinen seit Jahren nach Tunesien kommen, dringend Benötigtes einkaufen, um es ein paar Stunden später in Gaddafis bröckelnden Bastionen teuer zu verkaufen. Sie halten nur kurz, tun so, als herrsche drüben Alltag. Die Tunesier beäugen sie kritisch, hoffen sie doch nach ihrer eigenen Revolution auch auf den Diktatorensturz beim Nachbarn.

Bei den Ungewollten. Im Lager von Ras Ajdir hat sich rasch dieselbe Hackordnung gezeigt, die zuvor schon auf Libyens Baustellen galt. Die Ägypter, von denen über 70.000 nach Tunesien geflüchtet waren, sind schon verschwunden. Ihre Regierung hat sie zurückgeholt, die deutsche Marine stellte Schiffe zur Verfügung, die Amerikaner richteten eine Luftbrücke ein. Auch die Chinesen sind weg, und selbst die Vietnamesen besteigen nun Busse, die sie zum Flughafen bringen. Wer bleibt, stammt entweder aus Ländern, die sich die Heimholung ihrer Bürger nicht leisten können und auf internationale Hilfe angewiesen sind, oder aus Staaten, die als solche kaum noch existieren: Es sind Somalier, Sudanesen, Westafrikaner, Bangladescher – 30.000 Menschen insgesamt.

Und so nimmt, als die Sonne längst hoch am Himmel steht, eine bizarre Lotterie ihren Anfang. Hunderte Bangladescher harren seit Stunden aus. Im Schatten der wenigen Eukalyptusbäume haben sie inmitten der wachsenden Müllberge einen Kreis gebildet. Ihre fast wertlos gewordenen Reisepässe liegen in einem geflochtenen Korb. Der Mann mit dem Megafon in der Hand spielt die „Glücksfee“, greift wahllos in den Korb und zieht nun einen Pass nach dem anderen heraus. Namen werden verlesen. Deren Träger schnallen sich hastig die wenigen Habseligkeiten, die ihnen geblieben sind, auf den Rücken und eilen zu einem Bus mit laufendem Motor, so als ob ihnen jederzeit noch jemand ihr „Ticket zurück“ abspenstig machen könnte. Ein paar Hundert sollen nun Tag für Tag mit UN-Geld ausgeflogen werden.

Schuften und schlafen. Shohag Sajjad war bislang nicht dabei. Reis kochend kauert der 22-Jährige mit seinen einstigen Arbeitskollegen im Zelt, berichtet von der Familie zuhause in Bangladesch, der Armut, den vielen Geschwistern und den steigenden Preisen. „Als ich 17 war, sagte mein Vater, ich müsse ins Ausland: arbeiten, Geld heimschicken.“ So landete Shohag zuerst auf Baustellen im Sudan und schließlich in Libyen. Schuften, schlafen, schuften, dazwischen ein wenig mit der Heimat skypen und das Verdiente dorthin schicken. „Ein Jahr noch Libyen, dann zurück und ein kleines Geschäft eröffnen – das war mein Plan“, sagt Sajjad, dem auf der Flucht aus Gaddafis Reich auch alles Wertvolle geraubt wurde.

Es dämmert. Keiner weiß, was kommt. Sicher, irgendwann werden die meisten von ihnen wohl heimgeflogen werden. Doch, was dann? Abdellah und Abertausende andere kehren mittellos in die Not zurück. Europa bleibt ihr Traum. Doch, womit finanzieren? Wie die Schlepper bezahlen? Und wer wartet dort schon auf sie? Zelt reiht sich an Zelt, bis hoch zum Horizont, wo sich die Sonne über Tunesien senkt. Dahinter liegt Libyen. Längst in Dunkelheit.

Erschienen in NEWS 10/11

Endstation Europa

Veröffentlicht in Griechenland - EU-Grenze, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , , am 18. November 2010 von lehermayr

GRIECHENLAND. Europas letztes Einfallstor. Wie ein Land vor dem Flüchtlingsansturm kapituliert. Und wieso heimische Polizisten in Hellas aushelfen. Der schockierende Report.

Als alles zu kippen begann, bezeichneten dies Experten und Politiker als „dramatisch“, ja „verheerend“ oder gar „ausweglos“. Starke Worte. Selten gehört. Doch selbst sie scheinen schwach angesichts der Bilder vom Rand der Europäischen Union.

Das erste entsteht früh am Morgen, als es bitterkalt ist, Nebel liegt und ein junger Mann im hintersten Winkel Griechenlands auf einer Steinmauer hockt. Blut fließt über seine Fersen. Die Hand ist zerschürft, die Hose ganz nass und schmutzig. Es ist Ismin, ein Ankömmling. Einer, der es geschafft hat, die Grenze zur EU zu überwinden. Später, bei der Polizei, wird er sagen, er stamme aus Palästina. Vielleicht glaubt man es ihm auch.

Als Blut floss. Jetzt erzählt er jedenfalls auf Französisch, wie er aufgebrochen ist – in der Nacht, in der Türkei: „Wir waren zu fünft, kämpften uns durchs Dickicht bis zum Evros vor.“ Der trennt, mal gemächlich, mal reißend, auf 200 Kilometern die Türkei von Griechenland und bildet somit auch die Außengrenze der EU. „Aufgehalten hat uns keiner, aber es war dunkel und ich hab‘ die anderen verloren.“ Allein watete er durch den Fluss, irrte umher, stürzte in einen Stacheldrahtzaun.

Erst als im Morgengrauen die ersten Häuser auftauchten, war er am Ziel. Nun streift er die nasse Hose ab, raucht hastig Zigaretten und wartet. Zuerst auf die griechische Polizei und dann, wie er sagt, „auf ein besseres Leben.“

Wie dieses aussehen soll, flimmert als Illusion tagtäglich millionenfach über die Bildschirme bis in die entlegensten Winkel der Welt. Es ist eine Verheißung, glühend heiß und anziehend wie ein Magnet: der Traum vom Job, vom Haus, vom Auto. Genau dieser Traum, durchkreuzt vom Krieg und Elend daheim, bringt sie hierher – die Afghanen, die Pakistani, die Iraner und Iraker, die Somalier oder eben die Männer aus dem Maghreb, wie Ismin einer sein dürfte. Ein Traum, der sie Tausende von Euro an Schlepper zahlen lässt, der sie laufen, alles riskieren und gar sterben lässt. Ein Traum.

In drei Tagen Traiskirchen. 400 Flüchtlinge hat die griechische Polizei hier zuletzt jeden Tag aufgegriffen. 400 mal Elend und Hoffnung zugleich. Ein Ausmaß, das Österreichs größtes Flüchtlingslager in Traiskirchen schon nach drei Tagen platzen ließe. 400 Flüchtlinge am Tag, macht 2.800 in der Woche und 12.000 im Monat – und das sind nur die Aufgegriffenen, wie viele insgesamt kommen, kann keiner sagen. Es sind schier unvorstellbare Zahlen, die die Evros-Region zu dem machen, was vor kurzem noch die Kanaren, Lampedusa oder Malta waren: das Einfallstor nach Europa und die vermeintlich letzte Hürde zur Verwirklichung des Traums.

Wie dieser weitergeht, zeigt sich ein paar Stunden später und ein paar Kilometer weiter. Dort, entlang einer Schnellstraße, gleich hinter der Provinzhauptstadt Orestiada, wartet eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, ganz so als ob gleich der Bus käme. Es ist eine komplette Familie: Großvater, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – gemeinsam geflohen aus Afghanistan, geschleust durch Länder, in denen die Armut kaum kleiner war, gekommen, um politisches Asyl zu beantragen. „Soldaten? Polizei?“, fragt Abdullah, der als einziger Englisch spricht, „wir sind niemandem begegnet. Aus Istanbul haben sie uns im Bus bis zur Grenze gebracht. Dann hieß es aussteigen und nach einer Stunde Marschieren waren wir hier.“

Endstation Griechenland: ein Staat, der selbst an der Kippe steht, halb bankrott und hoch verschuldet. Längst hat er aufgehört, dem Flüchtlingsansturm, dessen Dimensionen wohl auch jedes andere europäische Land ins Wanken brächten, noch irgendetwas entgegenzusetzen.

Es ist nur noch eine Zwangsverwaltung der eigenen Unzulänglichkeit, wenn nun tatsächlich ein Bus die Afghanen-Familie in ein Flüchtlingslager bringt, das mehr einem Gefängnis gleicht: Fylakio – von Stacheldrahtzaun umringt, streng bewacht, vollkommen überfüllt und von Willkür geprägt.

Im härtesten Lager. An der Rückseite des gelb getünchten Lagers ertönen Rufe: es sind Männer, eingepfercht wie Vieh, die ihre Arme durch Gitterstäbe zwängen, schreien, wüten, toben. Eine Kakophonie voller Anschuldigungen: kein Ausgang, keine Ärzte, kein Anwalt, keiner, der ihnen auch nur sagen würde, wie lange all das noch dauern soll. „Contentration Camp of Adulf Hitler“ (sic!) hat einer auf einen Kanton gekritzelt, „das ist nicht Europa, deswegen sind wir nicht gekommen“, brüllt ein anderer. Manche behaupten, bereits Monate festgehalten zu werden, andere wiederum dürften nach ein paar Tagen gehen. Der Grund dafür ist, dass Syrer, Iraner und Iraker nach einem halben Jahr in die Türkei abgeschoben werden, der EU-Beitrittswerber aber Flüchtlinge aus anderen Staaten nicht zurücknimmt.

Da jedoch die Lager entlang des Evros längst bersten, werden viele der Insassen binnen kürzester Zeit vor die Tür gesetzt. In der Hand, ein Schreiben der Grenzpolizei, in dem sie aufgefordert werden, das Land doch bitte entweder innerhalb von 30 Tagen freiwillig zu verlassen, oder um Asyl anzusuchen. Letztlich nichts mehr als ein Laufzettel ins Leere, denn die Anerkennungsquote liegt in Griechenland unter einem Prozent und bei 52.000 offenen Verfahren hat der Staat irgendwann aufgegeben.

Der Staat als Schlepper. Was folgt, ist eine Offerte, die sich pragmatisch oder einfach nur zynisch nennen lässt. Denn direkt vor dem Lager parken Busse, die die Flüchtlinge, sofern sie über 60 Euro verfügen, nonstop nach Athen kutschieren. Dorthin, wo das Gros der geschätzten zwei Millionen „Illegalen“ im Land vermutet wird, wo schon ganze Stadtviertel verwahrlosen und der Zorn der Einheimischen von Tag zu Tag wächst. In Wahrheit ist dies nichts anderes als ein Pendel- Service direkt zu den Schleppern, zur nächsten Zwischenstation auf dem Weg nach Mitteleuropa und damit auch nach Österreich. Anbieter des praktischen Liniendienstes de luxe: der griechische Staat.

Dessen Versagen ist so evident, dass sich die Berichte darüber so lesen als würde über Guantanamo anstatt Griechenland geschrieben. „Ich habe selbst erlebt, dass die Inhaftierten in überfüllte, schmutzige Zellen gesperrt werden, in denen die Luft schlecht und das Licht düster ist. Ins Freie lässt man sie nie“, hält der aus Österreich stammende UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak nach einem Besuch einiger Lager fest. Zwei Anwältinnen, die im Auftrag der Menschenrechtsorganisation ProAsyl ebenfalls dort waren, konnten mitansehen, dass selbst Kinder ohne ihre Eltern eingesperrt würden und Inhaftierte aus Mangel an Betten auf dem Boden neben den Toiletten schlafen müssen.

Und dann der Hilferuf. Das Eingeständnis der eigenen Überforderung. Vor zwei Wochen bat Griechenland die EU um Unterstützung, forderte dass die europäische Grenzschutzagentur Frontex seine „schnelle Eingreiftruppe“ (Rabit) schickt. 175 Beamte aus 25 Mitgliedsstaaten, davon 17 aus Österreich, sind mitsamt ihrer Gerätschaft inzwischen an der Grenze eingetroffen. Ihre Mission? Präsenz zeigen, patrouillieren, aber auch besänftigen. Denn Europas Öffentlichkeit fürchtet nicht zu unrecht, dass die Odyssee der Flüchtlinge in einem griechischen Drama vor der eigenen Haustür enden könnte.

Der EU-Masterplan. Also setzt die Inszenierung ein. Die Zahl der Kameraleute, die beruhigende Bilder in die warmen Wohnzimmer liefert, ist größer als die der zu filmenden Polizisten. Und selbst der Chef von Frontex, der Finne Ilkka Laitinen, meint im Gespräch mit NEWS, „dass es nie gelingen kann, die Grenze völlig dicht zu machen.“ Letztlich hegt die EU längst Pläne, was geschehen soll, wenn Frontex wieder abzieht – und das wird schon im Jänner der Fall sein – nämlich der Weg hin zu einer Aufteilung der Asylsuchenden auf die EU-Mitgliedsstaaten. Doch was das an den geplatzen Träumen vom Evros ändern soll, scheint auch Brüssel noch nicht zu wissen.

Erschienen in NEWS 45/10

Hier geht’s zum Video von der EU-Außengrenze

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