Archiv für Globalisierung

Die Gier nach Gold

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Rumänien mit den Tags , , , , , am 21. Oktober 2011 von lehermayr

RUMÄNIEN. Gold, Gift und Gusi.:Wie ein kleines Dorf gegen einen Goldkonzern kämpft. Eine Globalisierungsgeschichte.

Stummelzähne, eine schmutzige Jogginghose und verdreckte Stiefel. Eugen David sieht so aus, wie ein Kleinbauer im hintersten Winkel Rumäniens eben aussieht. Bloß dass so einer mit seinen acht Kühen, den paar Schweinen und Hühnern eher selten das Interesse von Filmstars, Magnaten oder gar einem Thronfolger weckt.

David gegen Gabriel. Breitbeinig und trotzig steht David da, ein Kämpfer wie aus dem Bilderbuch. Sein Goliath heißt Gabriel, ist ein kanadischer Bergbaukonzern, börsennotiert, milliardenschwer und seit mehr als zehn Jahren aus auf die 50 Hektar Land, die David gehören. Er braucht sie, um hier im transsylvanischen Bergdörfchen Rosia Montana nach Gold schürfen zu können.

Gold, das in rauen Mengen unter den sich langsam  herbstlich färbenden Hügeln liegt. Würden sie abgetragen, Tonne für Tonne, das Gestein mit dem hochgiftigen Zyanid zersetzt, entstünde eine Mondlandschaft – und Europas größte Goldmine. Bis zu 250 Tonnen des Edelmetalls lagern unter Rosia Montana, ein Milliardengeschäft für den Konzern – und der Hauch einer Perspektive für den zweitärmsten Staat der EU, der erst 2009 mit 27 Milliarden Dollar von Weltbank und IWF vor dem Bankrott bewahrt wurde.

„Doch ich weiche nicht“, sagt David, „egal wie viel Geld sie mir bieten.“ Einst hätte ein Widerständler wie er keine Chance gehabt gegen einen globalen Konzern wie Gabriel und seinen 20-Prozent-Partner, den rumänischen Staat.

Aber willkommen im Internetzeitalter, bei Facebook und Twitter, inmitten der Anti-Globalisierungs- Bewegung, die schon vor Jahren auf den Kampf des sturen David aufmerksam geworden war. Damals, Anfang des Jahrtausends, als sich ein paar Hundert Kilometer weiter gerade Europas größte Umweltkatastrophe nach Tschernobyl Bahn brach. Tonnenweise Gift aus der Goldmine von Baia Mare die Flüsse verseuchte, die Fische tötete und für 2,5 Millionen Menschen das Trinkwasser gefährdete. Das waren die Zeiten, als eine Schauspielerin wie Vanessa Redgrave, ein Magnat wie George Soros oder auch Prinz Charles vom Widerstand des kleinen rumänischen Bergdorfes gegen die Allmacht des Goldkonzerns erfuhren.

„Ganz Rosia Montana war damals gegen die Kanadier, keiner wollte ihnen die Häuser verkaufen und unsere Lebensgrundlage riskieren“, erinnert sich David. Der internationale Protest und die prominente Unterstützung trugen Früchte, der Druck auf Rumänien wuchs, die Bergbaupläne schienen begraben, der Kampf ein für alle Mal entschieden.

Gusenbauer und das Gold. Doch seither trübte sich die Erinnerung an die Zyanid-Katastrophe – dafür glänzt Gold so stark wie nie zuvor in seiner Geschichte. Es ist viel passiert in diesen Jahren: Krisen, Crashs, Banken gingen pleite und Staaten fast bankrott. Gold ist viermal so teuer wie vor zehn Jahren. Ein Zeichen dafür, dass der Finanzkapitalismus aus den Fugen geraten ist und bloß noch das Edelmetall ein Hort der Zuflucht in Zeiten der Angst ist.

Das Bizarre: Von den Auflösungserscheinungen des Systems profitiert gerade ein Konzern, der prototypisch für ebendieses System steht – Gabriel.

Längst zählen Investoren aus Steuerparadiesen und Hedgefonds zu dessen Eigentümern – registriert ist er auf Barbados –, und in der Führungsriege hat als einer der Direktoren Österreichs Ex- Bundeskanzler Alfred Gusenbauer Platz genommen.

Der Konzern blieb all die Jahre nicht untätig, hat die Zelte in Rumänien nie abgebrochen, sondern ließ die Zeit für sich arbeiten. „Anfangs waren die meisten gegen uns, haben gesagt, sie würden nie verkaufen“, gibt selbst Catalin Hosu zu,„doch dann sind manche in der Nacht zu uns gekommen, um handelseins zu werden.“ Hosu ist der Sprecher des Konzerns vor Ort, ein Meister seines Faches, ein „Golden Boy“, wie ihn die Minengegner spöttisch nennen.

Der „Golden Boy“ legt los. Wer Stunden mit dem PR-Profi verbringt, mit ihm im Geländewagen über Bergstraßen kurvt, kann die Segnungen, mit denen der Konzern die Bevölkerung versieht, am Ende kaum noch fassen. Die 4.000 Bewohner? „Fast alle für uns.“ Deren Zukunft? „Gesichert. In neuen, schönen Häusern, die wir ihnen bauen. Mit einer Perspektive, die wir ihnen geben.“ Die Umwelt? „Geschützt. Konserviert. Dank neuester Techniken, höchster Standards, größter Vorsichtsmaßnahmen.“ Der rumänische Staat? „Der Profiteur schlechthin. Ein Milliardengewinner. Einer, der nichts riskiert und viel bekommt.“ Und das Zyanid, die Chemikalie, die zum Auswaschen des Gesteins verwendet wird und tonnenweise hinter einem 185 Meter hohen Damm lagern soll, dort, wo heute noch der halbe Ort steht? „Ja, ein Risiko. Aber kalkulierbar. Letztlich ist überall Zyanid drinnen. Selbst im Kaffee, den Sie gerade getrunken haben.“

Na dann. Warum noch protestieren? Wieso noch dagegen sein? Kappt den Berg, sprengt 500.000 Tonnen Gestein pro Woche weg, und schickt jeden Tag 1.000 Lastwagen durchs enge Tal.

David lacht laut los, als er all die Argumente hört, und er weiß doch, dass seine Position weit schwächer ist als noch vor Jahren: „Sie haben mit ihrem Geld den Ort gespalten. Die Leute gekauft.“ Letztlich vertraut er auf einen harten Kern von 70 Mitstreitern, die im Traum nicht daran denken, wegzuziehen.

Und eine weitere Waffe hat der Bauer, der mit Frau und Tochter auf seinem Hof ausharren will, noch: die der Mobilisierung über Ländergrenzen hinweg, die Unterstützung von Menschen, die zuvor noch nie von Rosia Montana gehört hatten und plötzlich zu Hunderten gekommen sind, um in Zelten hoch über dem Dorf zu campieren. Die Plakate malen, auf der Straße protestieren, Reden schwingen und von ähnlichen Abwehrkämpfen aus ihren eigenen Ländern berichten.

Aber auch Gabriel verfügt noch über eine letzte Waffe, um den Kampf nach einem Jahrzehnt für sich zu entscheiden und den Milliardenschatz bergen zu können. Ein neues Gesetz, das „ganz zufällig“, wie Hosu sagt, privaten Bergbaufirmen erlauben soll, Widerspenstige – wie es sonst nur der Staat darf – einfach zu enteignen. Hosu und sein Consulter Rahmi beobachten belustigt die Demonstration. „Lauter Fremde“, sagen sie im Glauben, gewonnen zu haben. Nur einer denkt schon daran, sich dann, „wenn der Konzern seine letzte Maske fallen lässt“, mit Frau und Kind an seiner Scheune anzuketten: David.

Erschienen in: NEWS 41/2011

Das Video zur Reportage gibt es hier

Bei den illegalen Kohle-Jägern

Veröffentlicht in Polen, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , am 23. Februar 2010 von lehermayr

IM ARMENSCHACHT. Unter Lebensgefahr graben in Polen Tausende Arme nach Kohle. Wir fanden sie 400 Kilometer hinter Wien und stiegen mit in den Schacht.

Sie müssen uns wohl gehört haben. Unser Keuchen in der Kälte. Das Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Die paar Worte, die in dieser Nacht mitten im Wald gefallen sind. Als wir die Lichtung erreichen, liegt sie verlassen im Mondschein. Die Männer, wie viele es auch immer waren, haben die Flucht ergriffen. Aus Angst?

Wir folgen ihren Spuren, stapfen durch knietiefen Schnee, finden darin kleine Kohlebrocken, gehen weiter und stehen plötzlich vor einem Loch. Mit kaum zwei mal zwei Metern Durchmesser ragt es in den Boden. Wie tief? Wir werden es erfahren, sobald wir mehr Glück haben und uns die Männer, die dort hinabsteigen, nicht mehr entwischen.

Abstieg einer Stadt. Walbrzych ist ein Ort, der von der Welt vergessen ist. Gerade einmal 400 Kilometer von Wien entfernt, braucht es dennoch acht Stunden, um hierher zu gelangen. Waldenburg nannten die Deutschen einst diese Stadt, welche nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde und in der heute 130.000 Menschen leben. Wer kurz vor Mitternacht eintrifft, glaubt sich verloren. Niemand ist auf der Straße, kein Auto, kein Mensch. Das „Sudety“ soll einmal das feinste Hotel Niederschlesiens gewesen sein. Doch auch wenn die Telefonnummer des Hauses bis heute im Internet steht, blieb in Wirklichkeit nur noch dessen Fassade. „Ausgebrannt“, „irgendwann in den 90er-Jahren“, sagen die Waldenburger, „und seither nie wieder eröffnet.“

Schlaglöcher pflastern den weiteren Weg – vorbei an den vom Russ geschwärzten Häusern, von denen der Verputz längst abgebröckelt ist. Was bleibt, ist der unverhüllte Blick in die Armut. „Stolz waren wir einst, von hier zu stammen, Achtung und Respekt zollte man uns“, erklärt der hagere Roman am nächsten Tag, „und jetzt rümpft der Rest Polens die Nase, sobald er Walbrzych hört.“ Roman ist 49, ausgemergelt und Teil des Verfalls seiner Stadt. Zehn Jahre lang schuftete er als Bergarbeiter in einer der etlichen Minen des Ortes. Noch in den 80er-Jahren zählte Niederschlesien zu den größten Steinkohlerevieren Europas, doch auf die Wende folgte der Abstieg.

Schlagartig schlossen die Zechen, 15.000 Kumpel verloren nach und nach ihre Arbeit – die ersten von ihnen erhielten stattliche Abfertigungen, die letzten bloß noch einen warmen Händedruck. „Unsere Stadt verkam, Alkohol, Gewalt und Verbrechen regierten“, erinnert sich Roman, der sich all die Jahre mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Und nun, 2010, ist die Krise schlimmer als jemals zuvor. Die wenigen Firmen, die mit Steuervergünstigungen hierher gelockt wurden, geraten ins Rutschen und kündigen erneut Tausende. Offiziell ist jeder Fünfte arbeitslos, in Wirklichkeit liegt aber bereits eine ganze Stadt in Lethargie – und besinnt sich auf das Einzige, was ihr noch geblieben ist: die Kohle.

„Kommt mir nach!“ Es ist erneut Nacht und Roman wandert über ein vom Schnee bedecktes Feld. Er will zeigen, dass sich Walbrzychs wahres Leben längst nur noch unter der Erde finden lässt. Vor einem Hügel hält er, schiebt ein paar Bretter zur Seite, kehrt den Schnee ab und gibt den Blick auf ein Loch frei. Ein Fuchsbau? Eine Höhle? Nein, ein Armenschacht – und davon gibt es allein in Walbrzych Hunderte. Darin wird illegal Kohle abgebaut. Wie – das werden wir gleich sehen.

Roman streift sich Handschuhe über, zieht eine Taschenlampe hervor. Schon zwängt er sich auf allen Vieren in das dunkle Loch, das gerade einmal 60 Zentimeter hoch ist. Nur Sekunden vergehen und Roman ist nicht mehr zu erkennen. „Kommt mir nach!“, ertönt aus dem Dunklen seine Stimme. Zögern. Schweigen. „Kommt schon!“ Wir warten, rutschen dann aber mit den Füßen voran in das dunkle Loch hinein. Enge! Es geht abwärts. Auf dem Rücken liegend, stoße ich mit den Beinen ständig irgendwo an. Das Herz schlägt bis zum Hals. Wir sind erst wenige Meter vorgedrungen, doch nichts ist mehr zu sehen, selbst Romans Stimme klingt plötzlich sonderbar fern. Wie weit ist er weg? Ich drehe mich auf den Bauch, liege nun flach auf dem kalten und feuchten Erdboden, atme tief. Der Blitz des Fotoapparates hellt den Schacht kurz auf und bringt ein bizarres Bild auf das Display der Kamera: Balken und Pfeiler, vielleicht einen halben Meter hoch. Sie stützen die Grubendecke ab – und sie sind morsch!

„Keine Angst, es ist sicher“, meint Roman, der sich nun mit der Taschenlampe nähert. In der Hand hält er eine Spitzhacke, die er in der Grube verstaut hielt. „Diese Schächte haben noch die Deutschen errichtet, sie sind oft mehrere hundert Meter lang, verzweigen sich und dienten schon damals dem Kohleabbau.“ Und nun, wo die Armut größer und die Lage für viele auswegloser wird, kehren die Menschen hierher zurück. Gruben wie diese, am nächsten Tag werden wir sie im Museum sehen: auf gemalten Bildern vom Kohlebergbau im 17. Jahrhundert.

Gejagt von der Polizei. Wir tasten uns vorsichtig voran, robben, auf dem Bauch liegend, langsam aus dem Schacht. Noch ahnen wir nicht, dass uns bald ein noch viel tieferer erwarten wird. Die Nacht vergeht, der nächste Tag bricht an. Wir wollen wissen, wo in Walbrzych überall gegraben wird und begeben uns auf die Suche. „Es wird schwierig“, warnt Roman, der zwar jeden Schacht kennt, aber auch weiß, dass die Schürfer vorsichtig sind. „Denn die Angst vor der Polizei ist groß – wer erwischt wird, der wandert wegen Diebstahls und Hehlerei ins Gefängnis.“ Es ist bizarr: während Banker und Spekulanten, die diese Krise überhaupt erst verursacht haben, ungeschoren davonkommen, müssen sich nun jene fürchten, die ganz am Ende der Kette stehen – als Unschuldige, als Opfer von etwas, das sie nicht einmal im Ansatz verstehen.

Tief im Wald treffen wir kurz vor der Dämmerung erstmals auf diese Menschen. Vier Männer – ihre Gesichter sind kohlrabenschwarz, ihre Jacken schmutzig, ihre Mienen aber freundlich. Sie stecken sich Zigaretten an, berichten von früher, als sie noch legal in der Zeche arbeiteten, gut bezahlt wurden und ihnen ein bescheidenes Leben möglich war. Und sie berichten vom Jetzt – von der Arbeit, der Anstrengung, der Angst und der Ausweglosigkeit.

„420 Zloty, gerade einmal 100 Euro, Arbeitslose krieg ich“, sagt Leszek, „wie soll ich davon eine Frau und zwei Kinder ernähren?“ „Klar,“ wirft Grzegorz ein, „ich könnte zu euch nach Österreich kommen, dort irgendeine alte Oma überfallen – doch bevor ich das tue, grab‘ ich lieber weiter nach Kohle, selbst wenn die Polizei sagt, ich bin kriminell.“ Die Männer sprechen so hastig wie sie rauchen, denn bevor es völlig dunkel wird, müssen sie noch einmal runter in den Schacht. „Und, kommt ihr mit?“ Nach dem Erdloch am Vortag, geht es nun vertikal in die Tiefe. Acht, neun, zehn oder zwölf Meter? Keiner von ihnen kennt die Antwort.

Sturz in den Tod. Über eine Art Sprossenleiter aus Holzpfählen steigen wir hinab. Sie sind rutschig und feucht. Ein Fehltritt und man stürzt ab – in den sicheren Tod. Angst? „Ja, klar ist die vorhanden“, gesteht Grzegorz, „in den letzten Jahren sind hier acht Menschen in den Gruben gestorben, der letzte erst vor einem Jahr. Aber was sollen wir machen? Hungern?“

Noch gefährlicher als ein Absturz ist aber ein plötzlicher Erdrutsch, dem die Schürfenden schutzlos ausgesetzt sind. „Ein wenig Erde kommt ständig runter“, sagt Daniel, der nun mit der Spitzhacke große Kohlebrocken aus dem Felsen stemmt, die Grzegorz in einen Kübel verfrachtet, der an einem Seil nach oben gezogen wird. Diesen nimmt Leszek am Grubenrand in Empfang und übergibt ihn an den zweiten Grzegorz, der die Kohle mit einem Sieb zerkleinert.

„In einen Sack gehen 50 Kilo Kohle“, erklärt dieser, „und wenn wir uns anstrengen und von früh bis spät durcharbeiten, schaffen wir 20 Säcke am Tag.“ Der Vierer-Brigade gelingt es so, eine Tonne Kohle täglich aus ihrem Mini-Bergwerk zu holen – und das an sechs Tagen die Woche. „Nur Sonntag ist Pause, da gehen wir mit unseren Familien in die Kirche und beten.“

Abnehmer für die Kohle, die die Männer um knapp 10 Euro je Sack, und damit der Hälfte des normalen Preises, liefern, finden sich in Polens Armenhaus reichlich. „So manch alte Oma wüsste bei so einem strengen Winter wie wir ihn heuer haben, längst nicht mehr, wie sie sich das Heizen leisten sollte, wenn es uns nicht gäbe“, sagt Grzegorz und schaufelt unter Schweiß den nächsten Sack voll.

Wie viele Menschen tun es der Brigade gleich und graben in all den Gruben der Stadt? Die Männer müssen nicht lang überlegen, als sie diese Frage hören – „denn halb Walbrzych gräbt“, meint Leszek, „aber glaubt ihr wirklich, wir tun das freiwillig? Glaubt ihr wirklich, wir würden das tun, wenn wir eine Wahl hätten?“ Es ist die Armut, welche all die Männer hierher in den Schacht gebracht hat. Es ist die Armut, die sie zum Äußersten treibt, sie Gefahren ignorieren und ihr Leben riskieren lässt – Tag für Tag und Nacht für Nacht aufs Neue.

Erschienen in NEWS 07/10

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Dieser Mann rockt Italien

Veröffentlicht in Italien, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , am 20. Oktober 2009 von lehermayr

BERLUSCONIS ALPTRAUM. Wenn er ruft, kommen Millionen. Starkomiker Beppe Grillo mischt Politik und Mächtige auf.Grillo im Teatro Smeraldo (Foto: Luca Faccio)

Es ist Parteitag und alle lachen, johlen und jubeln frenetisch. Der Parteichef, ein dicker bärtiger Bär von einem Mann, läuft auf der Bühne auf und ab, fuchtelt, gestikuliert und lechzt nach Luft. Er hat sich in Rage geredet. Wieder einmal. „Einer von acht Parlamentariern in Rom ist ein verurteilter Krimineller“, brüllt er ins Auditorium hinein und macht eine kurze Pause, damit sich das Gehörte setzen kann: „Einer von acht ein Ganove! Selbst in den dunkelsten Vierteln von Neapel, dort, wo die Mafia das Sagen hat, ist nur einer von 15 kriminell!“

Italiens Michael Moore. Bitteres Lachen. Lachen, das im Hals stecken bleibt. So wie es bei Beppe Grillos Späßen oft der Fall ist. Der Mann ist Italiens erfolgreichster Komiker, ein Star, eine lebende Legende, einer der den Finger in die blutenden Wunden des Landes legt und dafür vom Volk geliebt wird. Auch, weil er unparteiisch ist, und das in Italien, wo selbst die leichtbekleideten Tänzerinnen aus dem TV entweder für Berlusconi oder seine Gegner steppen.

Grillo, heute 61, flog schon früh vom Schirm, erhielt Auftrittsverbot in der RAI und zog fortan mit seinen Shows quer durchs Land, füllte ganze Arenen mit Menschen, die hören wollten, was er im Fernsehen längst nicht mehr sagen durfte. Über die unverfrorenen Politiker, die sich schamlos bedienen, sich selbst und den Mafia- Bossen passgenaue Gesetze zimmern, Giftmüll vor der Küste versenken und darüber Brücken ins Nirgendwo bauen.

Er wurde zu Italiens Antwort auf Michael Moore, zu einem, der anprangert, was im Land alles falsch läuft und da es davon reichlich gibt, wurde bald die Forderung lauter, er solle selbst zeigen, was er könne. „Nein, nein, ich bleibe lieber der Clown“, wehrte Grillo lange ab. Doch nun soll sich das in Mailand ändern – Grillo gründet seine Bewegung. Er wird betätschelt und umringt, als er sich dem Theater Smeraldo nähert. Schulterklopfen, zugehauchte Küsse und erstaunte Blicke ob der Wahrhaftigkeit des Witzekönigs. Grillos Popularität liegt irgendwo zwischen Hoffnungsträger und Heiligem.

Der Millionen-Blog. Ein Heiliger mit höchst irdischer Internetpräsenz wohlgemerkt: Sein Blog http://beppegrillo.it verzeichnet mehr als eine Million Aufrufe pro Woche und zählt damit zu den zehn erfolgreichsten Seiten weltweit. Und im Netz liegt auch Grillos Kraft. Dort veröffentlichte er die Namen korrupter Politiker oder rief seine Fans schon mal dazu auf, böse Konzerne mit Tausenden von E-Mails zu bombardieren. Doch dabei blieb es nicht.

Die virtuelle Welt wurde real, als Grillo vor zwei Jahren 1,5 Millionen Menschen mobilisierte, um auf den Plätzen Italiens für ein „sauberes Parlament“ zu protestieren. Eine Bewegung war geboren, so genannte Meet-Ups entstanden, in denen sich binnen weniger Monate fast 80.000 Menschen organisierten, um auf lokaler Ebene über anstehende Probleme zu debattieren und Druck auf die örtlichen Politiker auszuüben.

Bloß Italiens Medien schwiegen, belächelten Grillos Bewegung und „brauchten selbst Jahre, um am Ende zehn Fragen zu formulieren, die sich mit Berlusconis ‚pipino‘ befassen, während seelenruhig Steueramnestien erlassen werden, mit denen die Mafia Milliarden legalisiert“, wie Grillo in Mailand nun anprangert.

Angriff auf den ,Cavaliere‘. Mailand, das ist Silvio Berlusconis Stadt, hier haben seine Fernsehsender ihren Sitz, hier laufen die Fäden seines Imperiums zusammen, das ihn laut dem Magazin Forbes mit knapp zehn Milliarden Dollar zum reichsten Mann Italiens gemacht hat. Von Mailand aus will Grillo den Angriff auf den Mann starten, den er selbst nur noch „den Pädo- Psychozwerg“ nennt und der für ihn bloß die jüngste Ausgeburt eines „hochgradig korrupten und verfilzten Systems“ darstellt (siehe Interview).

Nachdem die Verfassungsrichter in der Vorwoche Berlusconis Immunitätsgesetz kippten, muss sich der „Cavaliere“ bald erneut dem Richter stellen. Die Liste der Anklagepunkt ist lang und reicht von Korruption über Steuerhinterziehung und Bilanzfälschung, bis hin zu illegaler Parteienfinanzierung und Meineid. Es ist all das, wogegen Grillo und seine Mitstreiter kämpfen. „Das, und vieles, von dem wir glauben, dass es unsere Welt besser macht, sie aber am Ende ruiniert – oder brauchen wir wirklich immer mehr Autobahnen, um immer schneller, immer mehr Kühe aus Holland zum Schlachten nach Sizilien zu karren und wieder retour?“

Grillo schnauft, Grillo schreit, Grillo schwitzt. Messiasgleich steht er im weißen Hemd unter dem Scheinwerfer, ist längst nicht mehr Kabarettist, aber auch noch lang kein Politiker. Er verliest das Parteiprogramm – verfasst von Experten für Umwelt und Ökonomie, für Bildung und Gesundheit. Grillos Erläuterungen dazu liefern alle paar Minuten einen Lacherfolg, der jeden anderen Parteiführer neidisch machen würde. Aber ist er ein solcher überhaupt? „Führer?“, prustet Grillo los, als er die Frage hört, „nein, nein, den Führer überlass‘ ich dann lieber euch Österreichern!“

(Erschienen in NEWS 41/09)

Die ganze Grillo-Story als PDF

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