Archiv für Islamismus

Im Herz der Islamisten

Veröffentlicht in Ägypten - Islamisten mit den Tags , , , , , , , , , am 17. Januar 2012 von lehermayr

ÄGYPTEN. Auf Facebook folgt die Scharia. Kommt mit den Wahlsiegern nun der Gottesstaat am Nil? Ein Einblick ins Innere der Islamistenszene.

Ach ja“, sagt der Bärtige beiläufig. Er blickt dabei fast genüsslich aus dem Fenster seines Büros im elften Stock hinab auf den Nil: „Sie finden uns auch auf Facebook und Twitter.“

Bloß Minuten zuvor sprach er noch von den Vorzügen der Vollverschleierung für Frauen. Der Notwendigkeit, Alkohol zu verbieten und seinem Graus vor weiblicher Freizüglichkeit in Form von Bikinis. Kein Widerspruch. Für Mohamed Nour genauso wenig wie für die, die er vertritt – die Salafisten. Deren „Nur“-Partei ist der Überraschungssieger der ersten freien Wahlen in Ägyptens Geschichte. Der Alptraum des Westens und der beste Beweis für dessen Naivität.

Zur „Facebook-Revolution“ kürten die Analysten den Sturz Hosni Mubaraks vor fast einem Jahr. Schrieben voll Euphorie von der liberalen Kraft all der „Twitterer“ und „Facebookler“, die damals den Tahrir-Platz besetzt hielten – und irrten sich gewaltig.

Ungläubig starren sie nun auf die Ergebnisse der gerade zu Ende gegangenen Wahlen. Zwei Drittel aller Stimmen für die Islamisten: mehr als 40 Prozent für die Muslimbrüder und fast 25 für die noch extremeren Salafisten. Das bevölkerungsreichste und wichtigste arabische Land gibt den Ton vor, bestätigt das, was sich schon in Tunesien abzeichnete und von Libyen bis bald auch Syrien seine Fortsetzung finden wird: den Siegeszug der Islamisten.

Doch wer sind sie? Diese Jünger Allahs. Was wollen sie? Den Gottestaat? Den zweiten Iran samt Hand abhacken und Steinigung? Und wohin steuern sie ihre Länder? Die Antwort liegt irgendwo zwischen Taliban und Erdogan – also Afghanistans Gotteskriegern und dem moderat-islamischen türkischen Premier. Der Weg zur Wahrheit hält so manche Überraschung bereit und beginnt dort, wo alles endete.

Der Tahrir-Platz ist an diesem warmen Wintertag gut gefüllt. Es sind Tausende, die nichts zu tun haben mit den Bildern, die wir aus dem Fernsehen kennen. Bärtige in Pluderhosen, in Gewändern, wie sie wohl zu Zeiten des Propheten im 6. Jahrhundert modern waren. Dazwischen ein paar Frauen im Niqab – der schwarzen Vollverschleierung, die in Saudi- Arabien üblich ist, wie sie in Ägypten aber bis weit in die 90er-Jahre kaum jemand trug.

Sie alle blicken auf eine rasch zusammengezimmerte Holztribüne. Auf Männer mit Mikrofonen, die einen Satz stets wiederholen. „Der Koran“, so schallt es über den Platz, „ist die Lösung. Die Scharia unser Gesetz.“ Es sind die Salafisten, die hier aufmarschiert sind. Jünger des Propheten, die sich nach dessen reiner Lehre sehnen, so leben wollen wie er – vor 1.400 Jahren.

Unfreiheit durch Demokratie.

Deshalb auch ihr Name, abgeleitet vom Arabischen „Salaf“, den Vorfahren. Sie sehen sich als die Frömmsten, die Reinsten, die Kompromisslosesten. Predigten im Untergrund, als Mubarak noch herrschte, sandten ihre Botschaften über die TV-Sender, die er ihnen gewährte und verzichteten im Gegenzug auf jegliches politisches Engagement. Auch als die Revolution begann, blieben sie anfangs still. „Wären wir damals aufgetaucht, hätten sie uns sofort eingesperrt und der Westen die Bestätigung dafür gehabt, dass es stimmte, wenn Mubarak vor den Islamisten warnte“, sagt deren Anführer, Emad Abdel-Ghaffour.

Er empfängt uns auf der Holztribüne, legt für uns aus dem Westen sein „Weichspülprogramm“ ein und kann doch nicht verbergen, wonach es ihm und seinen Anhängern dürstet. Denn es macht einen Unterschied, ob die Salafisten mit Journalisten sprechen oder zu ihren Anhängern in den Armenvierteln des Landes. Nur denen gilt die wahre Botschaft, Salafismus pur, die reine Lehre.

Und die lautet dann etwa, dass „Demokratie – also die Herrschaft des Menschen und nicht jene Allahs – eine Sünde“ sei, wie ein Kandidat im Fernsehen ausführte. Ein anderer bat dort darum, zwischen ihm und der unverschleierten Moderatorin eine Trennwand zu errichten, damit er sich in Zaum halte. So wird auch klar, weshalb die jeder Partei vom Staat vorgeschriebene, weibliche Pflichtkandidatin auf den Plakaten der Salafisten nicht mit Foto abgebildet wurde, während ihre bärtigen Brüder von den Hauswänden grinsten.

Beginnend bei den Frauen – denen ein anderer Kandidat die Verhüllung empfahl, „da ihre Gesichter wie Geschlechtsorgane“ seien – offenbart sich ein Bild, das jeden beängstigen muss, der das Land am Nil von früher kennt. Insbesondere aber jene, die die Folgen des Wandels Tag für Tag zu spüren bekommen. Einer von ihnen ist Pater Arsanious.

Bei den Verfolgten.

In seiner schwarzen Kutte wartet er vor der Sankt Marien- Kirche in Kairos Norden. Gläubige küssen unentwegt seine Hand, er lächelt milde und blickt auf die hohen Mauern und die Kameras, die sein Gotteshaus umgeben. „Ach Furcht“, sagt er, während seine Augen Milde ausstrahlen, „seit es uns Christen gibt, werden wir verfolgt. Gewalt gab es und wird es geben. Aber Angst ist ein schlechter Begleiter.“ Der Pater verschweigt lieber, dass erst vor drei Jahren ein Anschlag mit einer Nagelbombe auf seine Kirche verübt wurde. Er spricht auch nicht von der Rolle der Salafisten als Zündler, die aufhetzen und landesweit Gebetshäuser in Brand steckten. Es ist ihm nicht zu verdenken.

Denn hier leben Muslime und koptische Christen Tür an Tür – oft neben, selten miteinander und das Klima am Nil wird dieser Tage rauer.

Aber ist das, was die Salafisten von sich geben, vielleicht nur Getöse? Genauso wie ihr Gerede von den Pyramiden, die man verfallen lassen sollte, da sie Zeugnis einer verkommenen Kultur seien? Ist der Flirt mit der Scharia bloß Vorwand, eine extremistische Spitze?

82 Prozent fürs Steinigen.

Nicht, wenn man einer groß angelegten Umfrage des Pew- Instituts glaubt. Danach befürworten 77 Prozent der Ägypter, Dieben die Hand abzuhacken und gar 82 Prozent fordern, Sittlichkeitsverbrecher künftig zu steinigen. Die Salafisten sind nach diesen Maßstäben weit mehr in der Mitte der Gesellschaft als erwartet und das Land am Nil weit näher an Afghanistan als angenommen.

Und doch macht Frömmigkeit die Mäuler nicht satt – ganz besonders nicht in Ägypten, wo 35 Millionen Menschen gerade ein Euro am Tag zum Überleben bleibt. Liberale hoffen, dass genau diese Tatsache, den Islamisten zum Verhängnis werden könnte: bringen sie das Land wirtschaftlich nicht auf Vordermann, verlieren sie rasch die Unterstützung ihrer Wähler. Aber, wer sich auf die Suche nach den wahren Wahlsiegern begibt, den beschleicht bald eine gegenteilige Erkenntnis.

Erste Station: die Mustafa- Mahmoud-Klinik im feinen Westen Kairos. Umringt von einer stattlichen Moschee, umsorgen die Muslimbrüder hier Arme, schulen deren Kinder im Koran, bieten aber auch kostengünstige Behandlungen und versorgen tausende Familien mit Nahrungsmitteln. Ähnlich wie die Salafisten, die sich derartige Wohltaten von den Golfstaaten sponsern lassen,zählen landesweit hunderte derartiger Einrichtungen zum Erfolgsrezept der Bruderschaft. Sie waren dort, wo der Staat versagte, halfen im Namen Allahs und gerieten dabei nie in den Verdacht, korrupt zu sein. Und nun, nach Jahrzehnten, in denen die Brüder auf derartige Taten beschränkt blieben, können es ihnen die Armen erstmals danken – mit ihren Stimmen.

Wir wollen die noblen Gönner kennen lernen. Mit jenen sprechen, die über 40 Prozent der Stimmen errangen. An der Pforte der Klinik werden wir abgewiesen. „Kommt morgen nach Gizeh“, heißt es, „dort könnt ihr die Führer der Muslimbruderschaft treffen.“

Ein Rat an die Frauen.

Zum Abschied werden uns Folder überreicht – in Englisch, Französisch und auch auf Deutsch. Eine Fibel, die die Fragen aller Frauen beantworten soll, die scheuen, zum Islam überzutreten. Gedruckt im Auftrag der Bruderschaft, für Männer, die etwa eine Christin heiraten wollen. Der Zögerlichen, die Angst vor häuslicher Gewalt beschleicht, wird darin beschieden, „dass das Schlagen nicht zu heftig“ ausfällt und „das Gesicht zu vermeiden ist.“ Mitgeliefert wird das passende Koran-Zitat: „Wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, vermahnt sie, dann meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“

Nun aber Gizeh, ganz nah an den Pyramiden, die zweite Station. Das „Hilton“ haben sie sich ausgesucht, die Herren der Bruderschaft. „Gott ist unser Ziel. Der Prophet unser Führer. Der Koran unsere Verfassung. Der heilige Krieg unser Weg. Der Tod für Gott unser nobelster Wunsch.“ Derart radikal trat die 1928 gegründete Muslimbrüderschaft einst auf – auch der Nachfolger Osama Bin Ladens als Al Kaida-Führer, Aiman al-Zawahiri, entstammt ihren Rängen.

Die heutigen Vertreter haben der Gewalt abgeschworen, kommen in Anzug und Krawatte und lassen ihr Parteiprogramm verteilen. Unter dem Punkt „Minderheiten“ finden sich darin deren Positionen zu „Frauen“ und „Kopten“. Dem Westen wird vorgeworfen, „zwar materiell, aber nicht moralisch fortgeschritten“ zu sein. Für den Tourismus werden „Einschränkungen“ gefordert, „die die Moral und Werte unserer Gesellschaft berücksichtigen und Besuchern vorab mitzuteilen sind.“

Das ist also die Partei, die künftig am Nil das Sagen hat. Und die unmittelbar nachdem sie ihren Wahlsieg eingefahren hatte, das Friedensabkommen mit Israel in Frage stellte – wenngleich sie ein solches Vorhaben im Wahlkampf stets bestritt. Der „Weichspüler“ ist ausgeschaltet, Ägypten aufgewacht. Und der Westen?

Erschienen in NEWS 02/2012

Hier gibt es das Video zur Reportage aus Kairo

Die gestohlene Revolution

Veröffentlicht in Ägypten - Revolution, Teil 2, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Dezember 2011 von lehermayr

MITTEN IM KAIRO-CHAOS. Gewalt, Tränengas, Tote. Die Revolte gegen die Macht der Militärs. Und die Wahrheit über die Profiteure im Ägypten von Morgen: die Islamisten.

Für Hasan steht alles auf dem Spiel. Sein Augenlicht, sein Leben, seine Zukunft. Kehrt er zurück, wird es so sein wie damals, Anfang des Jahres: junge Menschen, enthusiastisch, mutig, tapfer, zu allem bereit. Ein gemeinsamer Feind, ein Ziel, eine alles verbindende Hoffnung: das freie, das bessere Ägypten.

Hasan weiß aber auch, wie die Wirklichkeit auf dem Tahrir- Platz aussieht. Er erinnert sich an die Freunde, die sterben. An die Tränengasgranaten, die neben ihm einschlagen. Den bläulichen Rauch, den sie freisetzen. Der ihn husten, spucken, würgen lässt. Ihn zum Taumeln bringt, ihm die Kraft raubt. Er kennt die prügelnden Polizisten, die Schlagstöcke, die Gewalt. Weiß, was es heißt, wenn ein Regime, um sein Überleben kämpft. Er braucht nur in den Spiegel zu blicken, um zu sehen, was es angerichtet hat.

Verbündete und Feinde.

Hasan ist 23 Jahre alt, ausgebildeter Arzt und auf einem Auge erblindet. „Ein Gummigeschoß der Polizei, in den ersten Tagen der Revolution“, erklärt er, während er Mullbinden und Verbandszeug herrichtet.

Es ist früher Nachmittag am Tahrir-Platz, jenem zentralen Ort Kairos, wo schon einmal Geschichte geschrieben wurde. Dort, wo im Februar Hunderttausende den Langzeitherrscher Hosni Mubarak stürzten, hängen erneut Tränengasschwaden in der Luft. Wieder wird scharf geschossen, gibt es Hunderte Verletzte und bereits Dutzende Tote.

„Ich zögerte keinen Moment, hierher zurückzukehren“, sagt Hasan nun, „immerhin gilt es, das zu vollenden, was wir schon abgeschlossen glaubten. Jene zu stürzen, von denen wir annahmen, sie seien Vergangenheit.“

Er will weitererzählen, von der Hoffnung, die sie damals hatten, als Mubarak zurücktrat. Davon, dass sie es anfangs nicht fassen konnten, tatsächlich gesiegt zu haben. Und auch eingestehen, als wie naiv sich diese Annahme letztlich erweisen sollte. Doch ständig tragen Männer neue Verletzte heran. Vom Tränengas bewusstlos Gewordene. Von Gummigeschoßen Getroffene. Von scharfer Munition Verletzte. Blutende. Brüllende. Leidende. Opfer „der unvollendeten Revolution“, wie Hasan jene nennt, die er nun in inmitten des Tahrir- Platzes notdürftig verarztet.

Rund um ihn wächst längst kein Gras mehr. Pflastersteine wurden herausgerissen, zu Wurfgeschoßen umfunktioniert. Im ungleichen Kampf der jungen Demonstranten gegen eine gut gerüstete Polizei. Seit vergangenem Samstag wiederholt sich die Geschichte.

Nun ist aber nicht der Diktator der Gegner, sondern das Diktat des Militärs. Jene Männer in Uniform, die versprochen hatten, dem Volk zu Demokratie und Freiheit zu verhelfen, sind zu Feinden geworden. Vergessen sind die Fotos der jungen Revolutionäre, die Soldaten auf ihren Panzern umarmen, sie küssen und ihnen Dankesgaben bereiten. Die Demonstranten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die wahren Pläne der Generäle zu spät durchschaut zu haben.

Die Taktik der Militärs.

„Ja, wir waren da schon ein wenig blauäugig“, gesteht Mabrook al-Asch im Gespräch mit NEWS ein. Er ist ein stämmiger, kräftiger Mann in Camouflage- Hosen. Ein Blogger, einer der führenden Figuren aus der Generation Facebook, der mit der Jugendbewegung des 6. April damals ganz vorne stand im Kampf gegen das Regime Mubarak.

Nun berichtet er von „13.000 Menschen, die seit Februar vor Militärtribunale gestellt wurden“, von inhaftierten Bloggern und gefolterten Aktivisten. Er schildert, wie das Militär den Übergang zur Demokratie verschleppte, Zeit gewann, ehemalige Mubarak-Getreue schützte und zuließ, dass diese bei den am kommenden Montag beginnenden, sich insgesamt fast drei Monate lang hinziehenden Parlamentswahlen kandidieren.

„Es hat sich nichts geändert: Das Militär will sich auch in Zukunft Sonderrechte sichern, über der Verfassung stehen, keinen Einblick in sein Budget zulassen und die Macht nicht abgeben. Es ist wie damals bei Mubarak.“

All das verwundert wenig angesichts der Geschichte von Ägyptens Armee, welche mit fast einer halben Million Soldaten die zehntgrößte Streitmacht der Welt stellt. Seit der von den „freien Offizieren“ um Nasser angeführten Revolution im Jahr 1952 ist sie zu einem Staat im Staate geworden.

Die Rolle der Amerikaner.

Alle bisherigen Präsidenten entstammten ihren Reihen, und sie kontrolliert mit eigenen Betrieben, Immobilien, Restaurantketten und Tankstellen weite Teile der Wirtschaft. Offiziere verfügen über Privilegien, von denen die breite, verarmte Masse der Ägypter nicht einmal zu träumen wagt.

Hinter hohen Mauern entlang Kairos Nilpromenade verbergen sich ebenso exklusive Militärspitäler wie noble Rückzugsresidenzen für die Generalität. Der für gewöhnlich gut informierte militärische Fachverlag Jane’s schätzt das jährliche Gesamtbudget der Armee auf 4,5 Milliarden Dollar – wobei ein Viertel davon direkt von den USA an den Verbündeten am Nil überwiesen wird, das dort wiederum sogleich in Waffen amerikanischer Herkunft reinvestiert wird.

Die Armee kann kein Interesse daran haben, ihre Sonderstellung allzu schnell und freiwillig aufzugeben. Und auch die USA setzen darauf, lieber ihre alten Vertrauten als letzte Instanz installiert zu sehen, als sich künftig mit den wahren Profiteuren der Revolution herumschlagen zu müssen.

Die Revolution wurde gekapert – abgewürgt und ausgebremst von nicht weichen wollenden Militärs und ausgenützt von Islamisten, welche sich noch im Frühling augenscheinlich im Hintergrund hielten. Mabrook al-Asch, der Revolutionär der ersten Stunde, sitzt nun mit seinen Getreuen ganz am Rande des Tahrir. Es ist Freitag, der 18. November, 24 Stunden später werden bereits die ersten Schüsse fallen.

Die Macht der Islamisten.

„Sie haben uns in Verruf gebracht“, klagt er, „behauptet, wir wären vom Ausland finanziert, verantwortlich für die Zunahme der Kriminalität und die steigenden Preise. Aber das ist nun vorbei, die Militärs haben den Bogen überspannt. Wir sind zurück am Tahrir, und wir werden nicht weichen.“ Da ist er wieder, der revolutionäre Eifer, der Glaube, ja, die Hoffnung, den Stillstand am Nil endlich überwinden zu können, den Anschluss zu finden an eine moderne Welt.

Doch der Blogger sieht auch, was sich seit jenen revolutionären Tagen des „arabischen Frühlings“ verändert hat. Er braucht nur über den Platz zu blicken, der einst der ihre war, um zu erkennen, wie ein „islamischer Herbst“ aussieht. Dort, mitten auf dem Tahrir, stehen eilig errichtete Holzbühnen, von denen bärtige Männer in Kaftanen und Kutten in Megafone brüllen. Längst haben sie den Platz mit Hunderttausenden von Anhängern unter ihre Kontrolle gebracht.

Das Trugbild des Westens.

Die Revolutionäre, die auf Facebook und Twitter setzen, stehen abgedrängt am Rand, fortan verurteilt zur bloßen Beobachterrolle. „Ägypten ist eben ein frommes Land“, meint Blogger al-Asch schulterzuckend, „und wir müssen die Islamisten wohl akzeptieren, wenn wir Demokratie wollen.“

„Der Islam ist die Lösung“, dröhnt es von der einen Bühne, „der Koran ist unsere Verfassung“ von einer anderen. All jene westlichen Beobachter, die vom direkten Übergang der Diktatur in einen säkularen Staat am Nil träumten und in ihren Analysen nicht aufhörten, den Einfluss der Islamisten auf Ägyptens Zukunft herunterzuspielen, werden hier Lügen gestraft. Kairo gleicht an diesem Freitag, bloß Stunden von der Gewaltexplosion entfernt, mehr einem Kalifat als einer Bastion des Wandels hin zu Freiheitsund Menschenrechten.

Voll verschleierte Frauen tragen Plakate vor sich her, auf denen die Freilassung von Scheich Rahman gefordert wird. Dabei handelt es sich um einen Kleriker ägyptischer Herkunft, der in Verbindung mit den ersten Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 1993 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dessen militante radikalislamische „al-Dschama’a al-islamiyya“ verübte etwa 1997 den Terrorakt im ägyptischen Luxor, bei dem 62 Touristen starben. In der EU und den USA wird sie als Terrororganisation geführt – und hier in Ägypten gründete sie gerade eine eigene Partei, die nun zu den Wahlen antritt.

Deren Sieger – sofern sie angesichts der Gewaltwelle überhaupt stattfinden – steht ohnedies bereits fest. Es sind die islamistischen Muslimbrüder beziehungsweise deren „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“.

Das Netz der Bruderschaft.

Sie waren dort, wo der Staat scheiterte, überzogen das Land, mit Spitälern, Armenausspeisungen und an Moscheen angeschlossene Sozialeinrichtungen. Wenn das Regime Mubarak sie verfolgen ließ, sie in den Kerker steckte und als potenzielle Terroristen brandmarkte, wirkten sie weiter aus dem Untergrund heraus. Es ist eine – gerade im Westen – von Mythen umrankte Verbindung, die 600.000 Mitglieder zählt und schon jetzt zu den Gewinnern im neuen Ägypten zählt. Es sind oft Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Lehrer, die ihr Rückgrat bilden, schon da waren, als sich keiner kümmerte, und nun die Ernte einfahren.

Essam el-Erian ist einer ihrer Anführer, ein Kinderarzt, der zum moderaten Flügel der Bruderschaft gezählt wird. Während auf dem Tahrir bereits Steine fliegen und die Polizei auf Anweisung der Militärs mit scharfer Munition antwortet, gewährt er NEWS eines seiner äußerst raren Interviews (siehe links). Ein Wolf im Schafspelz? Einer, der es gelernt hat, abzuwiegeln und abzuwarten? Für Ägypten steht in diesen Tagen wieder einmal alles auf dem Spiel.

Erschienen in NEWS 47/2011

Das Video zur Reportage

“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.