Archiv für Kapitalismus

Leaving Las Vegas

Veröffentlicht in REPORTAGEN, USA - Las Vegas mit den Tags , , , , am 11. November 2011 von lehermayr

ENDSTATION TUNNEL. Die “Stadt der Sünde” als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der “American Dream” ausgeträumt ist.

Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.

Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.

Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.

Im Epizentrum der Rezession.

Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.

Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?

„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.

Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.

Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.

Skelette im Wüstensand

Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.

Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.

„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“

Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.

„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.

,Da läuft etwas gehörig falsch‘

Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.

Prämien und Prügel

Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“

Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“

Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“

Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.

,Silver Mining‘ am Strip

Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“

Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas….“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.

Erschienen in NEWS 43/2011

Plus: Das Video aus Vegas

“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

Bei den Bankrotteuren

Veröffentlicht in Griechenland - Staatsbankrott, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Juli 2011 von lehermayr

AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen.

Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst.

„Ihr müsst die Augen mit Wasser ausspülen. Euch ans Feuer stellen, das hilft gegen das Gas.“ Wir erkennen ein Pärchen. Ihn im rosa farbenen Hawaii-Hemd, sie im fliedernen Strickpulli. Andreas und Dina, ein Anwalt und eine Krankenschwester, die Rat erteilen als seien sie Berufsdemonstranten. „Nein, nein“, versichert er, „mit den Chaoten, die sich mit der Polizei Scharmützel liefern, haben wir nichts zu tun. Dafür ist die Lage viel zu ernst.“

Ernst – selbst das kommt einer maßlosen Untertreibung gleich angesichts des Ausnahmezustands in Athen. Es sind Zehnttausende, die wie Andreas und Dina auf den Syntagma- Platz kommen, dem Tränengas trotzen. Junge und Alte, Ausgebildete und Arbeitslose, Studenten und deren Professoren – ein ganzes Volk, angetreten, um zu verhindern, was ihm viele im Rest Europas am liebsten ohnedies vorenthalten würden. Sie protestieren gegen noch mehr Milliarden, noch höhere Kredite, einen weiteren Rettungsschirm, ein zusätzliches Paket, das verhindern soll, was wie ein Damoklesschwert über Griechenland schwebt: der Staatsbankrott, fällig in zwei Wochen.

Sie crashen, wir cashen. Ein Jahr ist vergangen seit der (einmaligen) 110 Milliarden-Euro- Spritze, die Griechenlands Leiden lösen sollte. Ein Jahr der Entbehrungen am Peloponnes, der bitteren Sparprogramme und steigenden Steuern. Ein Jahr, in dem die Griechen litten und die Politiker im Rest Europas ihre Versprechen brachen. Denn nun, im Juni 2011, wird klar, dass die griechischen Kassen weiter klamm sind, die Schulden auch jetzt nicht über den Markt finanzierbar seien und deshalb die anderen Mitglieder der Euro-Zone ein zweites Mal in die eigenen Taschen greifen werden müssen, um die Griechen vor dem finanziellen Fallout zu retten.

„Uns?“, Andreas, der Anwalt, gibt sich empört, als er das hört. „Glaubt ihr Österreicher wirklich, ihr helft mit eurem Geld dem lieben, armen Griechen, den ihr noch aus dem letzten Urlaub kennt?“ Fast vorwurfsvoll erklärt er, „dass das Geld aus euren Taschen direkt zu den ausländischen Banken wandert, die zuvor mit unseren Staatsanleihen ein gutes Geschäft gemacht haben.“ Und ihnen, den drangsalierten Griechen, längst befreit von der Sirtaki-Beschaulichkeit, drohe weiteres Ungemach samt Ausverkauf des Tafelsilbers. „Wir wollen euer Geld nicht! Darum sind wir hier.“

Der Anwalt und die Krankenschwester, das Paar, das gut verdiente, vereint im Kampf gegen etwas Größeres, etwas, das bislang bloß ein paar Utopisten stürzen sehen wollten: den Kapitalismus, unser aller Wirtschaftssystem.

In Athen sind sie nicht die Ausnahme, sondern bald die Mehrheit. Unverdächtige Bürger wie der Kellner Janis, die berichten, dass sie in der Garage zwar noch ein Auto stehen haben, mit diesem aber seit Monaten nicht mehr fahren können. „80 Euro für einmal Volltanken – unmöglich. Und Käufer finde ich für die Kiste auch keinen, da niemand mehr Geld hat.“ So kommt es, dass er sich Abend für Abend vor dem Parlament die Wut aus dem Bauch schreit, die Politiker des Landes „Lügner“ und „Diebe“ schimpft und sich später, unten am Syntagma-Platz nach Fortschritten erkundet.

Dort, bei den Zelten, die zwischen Palmen und Pinien vor drei Wochen in den Boden geschlagen wurden. Von Menschen, denen es reicht, die all die Klüngeleien, die ihr Land so tief stürzen ließen, satt haben. Die von einer anderen Gesellschaft träumen, einer neuen Demokratie, in der sich die Arbeitslosigkeit nicht der 20-Prozent- Schwelle nähert, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ständig wächst und Junge trotz Uni mit unbezahlten Praktika abgespeist werden.

Bei den ,Empörten‘. Sie nennen sich „die Empörten“, haben keine Führung, keine Symbole, dafür viel Sympathie für ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich. Basisdemokratisch wollen sie an der Welt von morgen basteln und bis tief in die Nacht über jeden einzelnen Vorschlag abstimmen. „Klar, das klingt utopisch“, gesteht Student Panos ein, während er die leer geschossenen Tränengasbomben der Polizei zusammenklaubt, „aber wir wollen nicht länger schweigen, mitmachen bei einem System, das nur noch Krisen schafft und faktisch bereits tot ist.“ Der sich vermeintlich in den letzten Zügen befindliche Kapitalismus gibt jedoch ein paar hundert Meter weiter ein mehr als starkes Lebenszeichen von sich. Oben, über der Verkehrshölle am Omonia-Platz, spielen sich im zweiten Stock eines kargen Bürogebäudes Tag für Tag wahre Dramen ab. Dimitrios, grobschlächtiges Gesicht und Goldkette, schildert sie so: „Es kommen Leute zu mir, die ihre Jobs verloren haben, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, die einfach an der Kippe stehen und dringend Geld brauchen.“ Dimitrios hilft, nicht uneigennützig, aber immerhin. Er ist Pfandleiher, in zweiter Generation und seit 20 Jahren. „Uhren, Ohrringe, Armreifen – aus Gold muss es sein, dann nehme ich es.“

Doch auch er klagt. Über zu wenig Geschäft, und das obwohl 30 Prozent der Athener Haushalte mit der Stromrechnung in Rückstand sind. Sein Gewerbe sollte doch gerade in der Krise florieren? „Fehlanzeige, seit einem Jahr schießen die Pfandleiher wie Pilze hervor. Allein hier am Platz sind es vier. Völlig unseriös, alle miteinander, oft nur Zettel mit einem Namen und einer Handynummer. Aber die Leute sind verzweifelt und laufen zu ihnen.“

Schuften für die Schulden. Ein Gang, der Stella noch erspart geblieben ist, wenngleich auch das Leben der adretten Rothaarigen in ungeahnte Tiefen stürzte: ihr eigenes Geschäft – geschlossen, ihr Sohn – arbeitslos, ihre Tochter – bald im Ausland, ihr Mann – über den steigenden Kreditzinsen krank geworden. „4.500 Euro Einkommen hatten wir vor einem Jahr noch“, erinnert sie sich, „und jetzt schufte ich von früh bis spät, bloß um den Kredit abbezahlen zu können.“

Stellas Schicksal – es ist das ihres Landes. Schuften für die Schulden und den Hohn der Gläubiger gibt es gratis dazu: „Faul seien wir, sagt diese Merkel, habe ich gehört. So eine Unverschämtheit von den Deutschen.“

Es sind die alten Klischees, die nun, wo alles zu kippen beginnt, ihre volle Wirkung entfalten. Der faule Grieche, der den Bogen überspannt hat, der so lang er überhaupt arbeitete 16 Monatsgehälter kassierte und sich mit 55 in die Pension verabschiedete. Es gibt ihn – immer noch, auf Ämtern und Behörden, bei denen 900.000 der elf Millionen Griechen beschäftigt sind. Aber es gibt auch die Stellas und Efis, Janis und Andreas – tatkräftige Griechen, die arbeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit und die dann, wenn sie in der überfüllten U-Bahn heimgondeln, ein sonderbares Gefühl beschleicht: „Dass der Staat sich nur an uns saniert und er die wirklich Reichen im Land wieder einmal ungeschoren davonkommen lässt.“

Also doch nicht der Kapitalismus? Die Weltverschwörung? Während das Ausland die Unzulänglichkeiten der Griechen längst erkannt haben will, fällt hier erst spät der erste Satz, mit dem die Mitschuld an der Misere auch an der Ägäis gesucht wird.

Fündig werden ließe sich vielleicht in Flisvos – Athens mondänstem Yachthafen. An die 300 Boote liegen dort vor Anker. Mehrstöckig, 50, 60, manche gar 70 Meter lang und hunderte Millionen Euro wert. Yachten, die „Smile“ oder „La bonne vie“ (das süße Leben) heißen, das Edelholz fein poliert, das Deck säuberlich geschrubbt, die Crew, meist untertänige Philippiner, in ständiger Bereitschaft, falls es ihren Herrschaften nach einem schnellen Trip auf die nahen Inseln gelüstet. Nur eines wirkt beim Spazieren zwischen all den Yachten nach einer Weile sonderbar: auf kaum einer flattert die blau-weiße Flagge.

Stattdessen bedruckter Stoff aus der Karibik – Antigua, Barbados, Cayman Islands – Steuerparadiese, wie geschaffen, um neben dem Firmengeflecht auch gleich noch die Luxusyacht kostensparend anzumelden. Der reiche Grieche, der Onassis der Gegenwart, seine Yacht mag hier noch vor Anker liegen, sein Geld hingegen parkt bereits in Übersee.

Reiches Land, armer Staat. „Alle Reichen, die ich kenne, haben ihr Vermögen längst dorthin geschafft“, erzählt einer, der mit den Wohlbetuchten ein vertrautes Verhältnis pflegt – Theodore Orphanos, Manager, Kapitän, Kosmopolit. Er bittet uns, an Bord zu kommen, lässt an Deck auf edlem weißen Leder Platz nehmen, offeriert Getränke und seine Version des Scheiterns: „Wir Griechen sind Grenzgänger. Unser Staat ist in den letzten 200 Jahren fünf Mal Bankrott gegangen – und das sechste Mal steht unmittelbar bevor. Theodore hält nicht viel von den Beschwichtigungen, die Premier Papandreou in Brüssel verbreitet und auch die Kapitalismuskritik der Demonstranten ist ihm fremd: „Der Staat ist verfault, korrupt, leistet nichts – und dann wundert man sich, dass jene die Geld haben, keine Steuern zahlen?“

Er schildert Anekdoten, die jeder im Land kennt – sie handeln von Lehrern, die müde in der Schule sitzen, weil sie privat bis spät in die Nacht Nachhilfe geben; von Ärzten, die ohne Bestechung, keinen OP betreten und Bauern, die Tomaten anbauen, aber nie ernten, bloß weil die EU das gerade gut fördert. „Und jetzt sollen wir auf Druck der EU von Griechen zu Deutschen werden? Das kann doch nicht klappen.“ Zum Abschied hält er eine düstere Prognose bereit: „Hier wird noch Blut fließen und ihr werdet euer Geld nie mehr wieder sehen.“

Erschienen in NEWS 25/2011

Weiter zum Video-Report aus Athen

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.