Archiv für Krise

Leaving Las Vegas

Veröffentlicht in REPORTAGEN, USA - Las Vegas mit den Tags , , , , am 11. November 2011 von lehermayr

ENDSTATION TUNNEL. Die “Stadt der Sünde” als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der “American Dream” ausgeträumt ist.

Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.

Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.

Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.

Im Epizentrum der Rezession.

Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.

Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?

„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.

Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.

Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.

Skelette im Wüstensand

Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.

Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.

„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“

Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.

„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.

,Da läuft etwas gehörig falsch‘

Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.

Prämien und Prügel

Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“

Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“

Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“

Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.

,Silver Mining‘ am Strip

Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“

Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas….“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.

Erschienen in NEWS 43/2011

Plus: Das Video aus Vegas

Wir Spekulanten

Veröffentlicht in Großbritannien, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , am 8. Juni 2010 von lehermayr

DIE ZOCKER. Wer sie sind, wie sie leben und welche Schuld sie tragen. Wir fanden sie.

Als der Privatjet auf Ibiza aufsetzte, war Geraint Anderson längst zugedröhnt und zittrig. Das viele Koks und der Champagner hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Weder bei Anderson, noch bei seinen reichen Kunden, die mit an Bord waren. Auf dem Rollfeld wartete auf die fünf Männer bereits eine schwarze Stretch-Limousine. Auf deren Rückbank – fünf Mädchen: jung, nackt und bezahlt. Einer der Banker setzte sogleich zum Trinkspruch an: „Auf schnelle Autos, billige Huren und die Steuerfreiheit!“

Die Mädchen kicherten, die Limousine nahm Fahrt auf, steuerte eine Finca am Meer an. Vor ihr stand in der brütenden Hitze ein englischer Butler, der den Herren auf einem Silbertablett den „Proviant“ für die folgenden sechs Tage offerierte: 20 Gramm reinstes kolumbianisches Kokain, dazu reichlich Ecstasy und genügend Viagra- Tabletten für jeden. Der „Business- Trip“ konnte beginnen.

Pakt mit dem Teufel.

„Ja“, sagt Geraint Anderson heute, „so sah sie auch aus, die schöne neue Welt der Trader und Broker.“ Der 38-jährige Brite war zwölf Jahre ein Teil dieser Welt, ja mehr noch, er war einer ihrer Stars. Dreimal wurde er zum „Aktienexperte des Jahres“ gewählt, kassierte zuletzt Hunderttausende Euro an Gehalt pro Jahr und als Draufgabe nochmals mehr als eine halbe Million an Boni. Er wurde zum „Cityboy“, der wie ein Teenager über die Strenge schlug, dessen Taschengeld aber nicht Papa, sondern die Bank bezahlte, für die er arbeitete. So lange, bis ihn das schlechte Gewissen immer mehr marterte, er genug Geld hatte, um auszusteigen und den Schweige-Kodex seiner Zunft zu brechen. Ein Heuchler?

Anderson sitzt in seinem schicken Reihenhaus im Londoner Stadtteil Shepherd‘s Bush, gibt sich reuig und berichtet NEWS von seinem „Pakt mit dem Teufel“, der ihn, den einstigen Hippie, überhaupt erst in die Londoner City brachte. „Einen Ort, an dem Geld alles und Moral nichts ist. An dem die größten Komplexler nun Porsche fahren, Maßanzug tragen, um es all jenen richtig zu zeigen, von denen sie früher an der Schule gedemütigt worden sind. Einen Ort ohne Regeln, den es so eigentlich nicht geben dürfte.“ Doch es gibt ihn. Nach wie vor.

Und am vergangen Freitag scheint es fast so, als gäbe es gerade dort keine Krise. In der City ist sie zumindest nicht sichtbar. Und das obwohl der nächste Angriff der Spekulanten das britische Pfund anvisiert. Die Abhängigkeit vom ausschweifend feiernden Finanzsektor könnte Englands größtes Problem werden. „In den nächsten Monaten laufen dort alte Schulden aus, die verlängert werden müssen. Die neue Regierung wird viel Geld in die Hand nehmen müssen. Bekommt der Kapitalmarkt Zweifel daran, dass England die Schulden zurückzahlen kann, dann laufen die Wetten und die Briten könnten sich schnell in der Euro-Zone wiederfinden“, erklärt der Chefhändler und Stratege der Close Brothers Seydler Bank am Frankfurter Börsenparkett, Oliver Roth.

Models and Bottles.

Doch von dem aufziehenden Unheil ist in Londons Bankenviertel noch nichts zu spüren. Anderswo mögen vielleicht der sinkende Euro-Kurs, die steigende Milliarden- Verschuldung und der drohende Job-Verlust zu Sorgenfalten führen, aber nicht vor „The Gherkin“. Es ist 17 Uhr, kurz nach Dienstschluss bei den benachbarten Banken. Norman Fosters 180-Meter- Hochhaus wirft tiefe Schatten und davor knallen die ersten Korken. Die Stimmung ist heiter, fast ausgelassen. Die „Cityboys“ starten mit ordentlich viel Alkohol und umringt von Frauen in kurzen Kostümen ins Wochenende. „Trauer tragen sieht wohl anders aus“, meint Barbara Stcherbatcheff, die vor kurzem selbst hier noch ihre Kollegen traf. Die 28-Jährige kam mit dem „Wunsch nach dem großen Geld“ als eine von wenigen Frauen in die City, erlebte die dort herrschende Macho-Kultur hautnah mit und sah, wie die Trader hart arbeiteten, aber auch umso härter feierten: „Geld spielte nie eine Rolle. Das Ego eines jeden wuchs mit der Höhe seiner Boni und letztlich ging es immer nur darum, sich selbst und den anderen zu beweisen, dass man einfach der Größte ist.“

Sie alle wollten wohl ein wenig so sein wie Gordon Gekko, jener von Michael Douglas genial verkörperte Banker- Fiesling aus dem Film „Wallstreet“: „Oliver Stone und ich haben uns immer gefragt, wie es sein kann, dass ein Inside- Trader, der Menschen und Firmen vernichtete, zu einem Idol einer ganzen Generation von Wirtschaftsstudenten werden konnte“, meint Douglas, der beim Filmfestival in Cannes gerade die Fortsetzung des Klassikers vorstellte, nun im NEWS-Interview „Citygirl“ Stcherbatcheff begegnete einigen real gewordenen Gordon Gekkos und erinnert sich an Abende, an denen das Monatsgehalt eines Lehrers verprasst wurde.

Sie denkt an Ausschweifungen, die mit Champagner beim Edel- Italiener begannen und in teuren Strip-Schuppen endeten. „Das alles war und ist möglich“, sagt sie, die nun als Finanzjournalistin bei CNBC arbeitet, „weil es keine Regeln gab. Die Politiker ließen sich zuerst von den Bankern beraten und sie dann gewähren. Und nun rufen genau diese Politiker aus Verlegenheit zur Jagd auf Spekulanten auf – ein wenig verlogen, oder?“ Doch was tun, um das Treiben zu stoppen? Was unternehmen, um Spekulanten in die Schranken zu weisen und weitere teure Blasen  zu verhindern?

Ein Abendessen in Manhattan.

Die EU schlug erst vergangene Woche härtere Töne gegenüber Hedgefonds an. Gerade um diese ranken sich viele Legenden und Mythen. Ende Februar sorgte ein Abendessen im kleinen Rahmen in einer Manhattaner Privatwohnung für Aufregung. Das „Who is Who“ der Szene war gekommen: Eine Handvoll Menschen, die zum Teil zweistellige Milliardenbeträge verwalten. An einem Februartag wurde die „weltweite Attacke gegen den Euro“ gestartet, wie es Jean- Claude Juncker, Euro-Gruppen- Chef und luxemburgischer Premier, formulierte. So will es zumindest die Legende. Innerhalb von drei Minuten soll die Hedgefonds-Elite diskutiert haben, dass Griechenland nur das erste Opfer der rasanten Euro-Abwertung sei und weitere Länder wie Dominosteine fallen werden. Mit wenigen Worten wurde bei Wein und Käse die weitere Vorgehensweise abgestimmt: Gegen den Euro und die Rettungsversuche der europäischen Politiker wetten und einen Haufen Geld damit verdienen.

Dass jenes Treffen überhaupt öffentlich geworden ist, scheint einen wollenden Auslöser gehabt zu haben. Jemand musste die Infos lanciert haben. Börsianer Roth mutmaßt, dass sowohl Politiker als auch die Hedgefonds einen großen Nutzen aus der Veröffentli-chung ziehen konnten. „Die Hedgefonds wissen, dass zwei Drittel des Markts Psychologie sind und große Anleger wie Pensionsfonds bald auf die Wette gegen den Euro aufspringen würden. So macht man aus einem Stein eine Lawine. Aber auch die Politiker können von der hohen Verschuldung und der prekären Finanzlage ablenken und die Hedgefonds-Manager zu Sündenböcken stilisieren, die allein an der Euro-Krise schuld sind. Doch hier werden Ursache und Wirkung miteinander vertauscht.“

Politischer Aktionismus.

Aber die Politiker in der Euro-Zone spüren die ohnmächtige Wut in der Bevölkerung und schaffen mit der Hetzjagd auf Hedgefonds ein Ventil für den indifferenten Zorn. Also versuchten Staatenlenker aller Couleur in den vergangenen Tagen das Monster Finanzmarkt durch Reglementierungen zu zähmen. Doch wie schwer es fällt, den deregulierten Markt in die Schranken zu weisen, davon weiß Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann ein Lied zu singen.

Die Finanztransaktionssteuer, hastig beschlossene Verbote von ungedeckten Leerverkäufen und CDS (Kreditausfallversicherungen) und neue Transparenz-Regeln für die Hedgefonds sind Balsam in den Ohren der gebeutelten Bevölkerung,  die erst für die Bankenrettung, dann für die Griechen und den EU-Rettungsschirm das Börserl öffnen musste.

Doch die flexible Finanzwelt zeigt sich von den Versuchen der Regulierer wenig beeindruckt. Gerade bei europäischen Alleingängen droht das Kapital sich zu verabschieden. Weitestgehend unregulierte Finanzplätze in der Schweiz, Amerika oder Asien warten mit offenen Armen.

Umverteilung.

„Noch nie haben so viele durch so wenige einen so großen Schaden erlitten“, sagt Susanne Schmidt. Die studierte Ökonomin und Tochter des legendären deutschen Ex- Bundeskanzlers arbeitete 30 Jahre in Londons City, sah dort die einst legendären Bowler- Hüte verschwinden und gierige, junge Banker kommen. „Und nun wird die junge Generation wohl die erste nach dem Zweiten Weltkrieg sein, die nicht unbedingt damit rechnen kann, dass es ihr besser als den Eltern gehen wird.“ Schmidt zeigt sich schockiert darüber, dass „die Finanzelite weiterhin ungehindert russisches Roulette auf einem Markt ohne Moral spielt“ und fordert einschneidende internationale Regeln.

Ein Wiener an der Themse.

Solche erachtet auch einer für bitter nötig, der selbst bei einer großen Investmentbank tätig ist. Der Österreicher Peter Stegler* kam vor neun Jahren nach London und entspricht so gar nicht dem Klischee des Spekulanten, das von „Cityboy“ Anderson strapaziert wird: statt Porsche fährt der 39-Jährige Fahrrad und statt im Loft, lebt er in einer kleinen Wohnung. Umso mehr ärgert ihn, „dass sich die Politik nicht eingesteht, in der Vergangenheit Fehler begangen und in der Euro-Zone die selbst aufgestellten Regeln, wie die Maastricht- Kriterien und den Stabilitätspakt, mehrmals gebrochen zu haben. Letztlich ist es logisch, dass Spekulanten eine solche Schieflage auffällt und sie diese auch ausnützen.“

Doch sich jetzt einzig auf die Hedgefonds einzuschießen, geht an der Sache vorbei. Die haarsträubende fiskalische Politik der Regierungen der vergangenen Jahrzehnte rächt sich nun – nicht nur in Pleitestaaten wie Griechenland.

Sündenbock Hedgefonds?

„Das Problem sind nicht die Hedgefonds, die schauen sich die Zahlen der Länder genau an und zeigen die Schwächen auf. Wenn man einen Täter hat, dann braucht man nicht mehr suchen. Die Wahrheit ist, dass die Politik die Banken beschneiden muss. Die Banken brauchen global eine höhere Eigenkapitalquote. Jetzt scheint es darum zu gehen von der immensen Verschuldung der Staaten abzulenken. Viele Länder haben fundamentale Probleme. Auch die USA steuert auf ein gewaltiges Verschuldungsproblem zu. Dort gibt es jetzt schon eine Blase, die in keinem Maße den europäischen Problemen entgegensteht“, so Börsianer Roth.

Der Markt für Kreditversicherungen, deren Handel sympthomatisch für die Euro-Krise angeführt wird, umfasst laut der US-Datensammelstelle Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) einen Kapitalwert von 22 Billionen US-Dollar. Mit 19,2 Billionen davon jongl ieren nicht Hedgefonds, sondern rund ein Dutzend Investmentbanken wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank. Drei Billionen sind auf Hedgefonds und Unternehmen zurückzuführen.

„Und doch“, wundert sich der Österreicher Stegler, „werden erneut die falschen Lehren gezogen: anstatt die ungerechte Vermögensverteilung in der Bevölkerung anzusprechen und Steueroasen endlich auszutrocknen, wird Einkommen weiterhin hoch, Kapital hingegen niedrig besteuert. Lügt sich die Politik über ihre Versäumnisse in der Vergangenheit weiter hinweg und ändert nichts an den Spielregeln auf den internationalen Finanzmärkten, dann kann das Euro-Rettungspaket nicht funktionieren und die nächste Krise ist bereits programmiert.“

Vermasselt die Politik das erneut“, so sieht der geläuterte Cityboy Anderson schwarz, „dann fließt entweder Blut oder es wird wie in der ,schönen neuen Welt‘ des Schriftstellers Huxley: superreiche „Alphas“ leben in abgeschottenen Villenvierteln, während die „Epsilons“ deren Toiletten putzen.“

(Veröffentlicht in NEWS 21/10)

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