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Endstation Europa

Veröffentlicht in Griechenland - EU-Grenze, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , , am 18. November 2010 von lehermayr

GRIECHENLAND. Europas letztes Einfallstor. Wie ein Land vor dem Flüchtlingsansturm kapituliert. Und wieso heimische Polizisten in Hellas aushelfen. Der schockierende Report.

Als alles zu kippen begann, bezeichneten dies Experten und Politiker als „dramatisch“, ja „verheerend“ oder gar „ausweglos“. Starke Worte. Selten gehört. Doch selbst sie scheinen schwach angesichts der Bilder vom Rand der Europäischen Union.

Das erste entsteht früh am Morgen, als es bitterkalt ist, Nebel liegt und ein junger Mann im hintersten Winkel Griechenlands auf einer Steinmauer hockt. Blut fließt über seine Fersen. Die Hand ist zerschürft, die Hose ganz nass und schmutzig. Es ist Ismin, ein Ankömmling. Einer, der es geschafft hat, die Grenze zur EU zu überwinden. Später, bei der Polizei, wird er sagen, er stamme aus Palästina. Vielleicht glaubt man es ihm auch.

Als Blut floss. Jetzt erzählt er jedenfalls auf Französisch, wie er aufgebrochen ist – in der Nacht, in der Türkei: „Wir waren zu fünft, kämpften uns durchs Dickicht bis zum Evros vor.“ Der trennt, mal gemächlich, mal reißend, auf 200 Kilometern die Türkei von Griechenland und bildet somit auch die Außengrenze der EU. „Aufgehalten hat uns keiner, aber es war dunkel und ich hab‘ die anderen verloren.“ Allein watete er durch den Fluss, irrte umher, stürzte in einen Stacheldrahtzaun.

Erst als im Morgengrauen die ersten Häuser auftauchten, war er am Ziel. Nun streift er die nasse Hose ab, raucht hastig Zigaretten und wartet. Zuerst auf die griechische Polizei und dann, wie er sagt, „auf ein besseres Leben.“

Wie dieses aussehen soll, flimmert als Illusion tagtäglich millionenfach über die Bildschirme bis in die entlegensten Winkel der Welt. Es ist eine Verheißung, glühend heiß und anziehend wie ein Magnet: der Traum vom Job, vom Haus, vom Auto. Genau dieser Traum, durchkreuzt vom Krieg und Elend daheim, bringt sie hierher – die Afghanen, die Pakistani, die Iraner und Iraker, die Somalier oder eben die Männer aus dem Maghreb, wie Ismin einer sein dürfte. Ein Traum, der sie Tausende von Euro an Schlepper zahlen lässt, der sie laufen, alles riskieren und gar sterben lässt. Ein Traum.

In drei Tagen Traiskirchen. 400 Flüchtlinge hat die griechische Polizei hier zuletzt jeden Tag aufgegriffen. 400 mal Elend und Hoffnung zugleich. Ein Ausmaß, das Österreichs größtes Flüchtlingslager in Traiskirchen schon nach drei Tagen platzen ließe. 400 Flüchtlinge am Tag, macht 2.800 in der Woche und 12.000 im Monat – und das sind nur die Aufgegriffenen, wie viele insgesamt kommen, kann keiner sagen. Es sind schier unvorstellbare Zahlen, die die Evros-Region zu dem machen, was vor kurzem noch die Kanaren, Lampedusa oder Malta waren: das Einfallstor nach Europa und die vermeintlich letzte Hürde zur Verwirklichung des Traums.

Wie dieser weitergeht, zeigt sich ein paar Stunden später und ein paar Kilometer weiter. Dort, entlang einer Schnellstraße, gleich hinter der Provinzhauptstadt Orestiada, wartet eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, ganz so als ob gleich der Bus käme. Es ist eine komplette Familie: Großvater, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – gemeinsam geflohen aus Afghanistan, geschleust durch Länder, in denen die Armut kaum kleiner war, gekommen, um politisches Asyl zu beantragen. „Soldaten? Polizei?“, fragt Abdullah, der als einziger Englisch spricht, „wir sind niemandem begegnet. Aus Istanbul haben sie uns im Bus bis zur Grenze gebracht. Dann hieß es aussteigen und nach einer Stunde Marschieren waren wir hier.“

Endstation Griechenland: ein Staat, der selbst an der Kippe steht, halb bankrott und hoch verschuldet. Längst hat er aufgehört, dem Flüchtlingsansturm, dessen Dimensionen wohl auch jedes andere europäische Land ins Wanken brächten, noch irgendetwas entgegenzusetzen.

Es ist nur noch eine Zwangsverwaltung der eigenen Unzulänglichkeit, wenn nun tatsächlich ein Bus die Afghanen-Familie in ein Flüchtlingslager bringt, das mehr einem Gefängnis gleicht: Fylakio – von Stacheldrahtzaun umringt, streng bewacht, vollkommen überfüllt und von Willkür geprägt.

Im härtesten Lager. An der Rückseite des gelb getünchten Lagers ertönen Rufe: es sind Männer, eingepfercht wie Vieh, die ihre Arme durch Gitterstäbe zwängen, schreien, wüten, toben. Eine Kakophonie voller Anschuldigungen: kein Ausgang, keine Ärzte, kein Anwalt, keiner, der ihnen auch nur sagen würde, wie lange all das noch dauern soll. „Contentration Camp of Adulf Hitler“ (sic!) hat einer auf einen Kanton gekritzelt, „das ist nicht Europa, deswegen sind wir nicht gekommen“, brüllt ein anderer. Manche behaupten, bereits Monate festgehalten zu werden, andere wiederum dürften nach ein paar Tagen gehen. Der Grund dafür ist, dass Syrer, Iraner und Iraker nach einem halben Jahr in die Türkei abgeschoben werden, der EU-Beitrittswerber aber Flüchtlinge aus anderen Staaten nicht zurücknimmt.

Da jedoch die Lager entlang des Evros längst bersten, werden viele der Insassen binnen kürzester Zeit vor die Tür gesetzt. In der Hand, ein Schreiben der Grenzpolizei, in dem sie aufgefordert werden, das Land doch bitte entweder innerhalb von 30 Tagen freiwillig zu verlassen, oder um Asyl anzusuchen. Letztlich nichts mehr als ein Laufzettel ins Leere, denn die Anerkennungsquote liegt in Griechenland unter einem Prozent und bei 52.000 offenen Verfahren hat der Staat irgendwann aufgegeben.

Der Staat als Schlepper. Was folgt, ist eine Offerte, die sich pragmatisch oder einfach nur zynisch nennen lässt. Denn direkt vor dem Lager parken Busse, die die Flüchtlinge, sofern sie über 60 Euro verfügen, nonstop nach Athen kutschieren. Dorthin, wo das Gros der geschätzten zwei Millionen „Illegalen“ im Land vermutet wird, wo schon ganze Stadtviertel verwahrlosen und der Zorn der Einheimischen von Tag zu Tag wächst. In Wahrheit ist dies nichts anderes als ein Pendel- Service direkt zu den Schleppern, zur nächsten Zwischenstation auf dem Weg nach Mitteleuropa und damit auch nach Österreich. Anbieter des praktischen Liniendienstes de luxe: der griechische Staat.

Dessen Versagen ist so evident, dass sich die Berichte darüber so lesen als würde über Guantanamo anstatt Griechenland geschrieben. „Ich habe selbst erlebt, dass die Inhaftierten in überfüllte, schmutzige Zellen gesperrt werden, in denen die Luft schlecht und das Licht düster ist. Ins Freie lässt man sie nie“, hält der aus Österreich stammende UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak nach einem Besuch einiger Lager fest. Zwei Anwältinnen, die im Auftrag der Menschenrechtsorganisation ProAsyl ebenfalls dort waren, konnten mitansehen, dass selbst Kinder ohne ihre Eltern eingesperrt würden und Inhaftierte aus Mangel an Betten auf dem Boden neben den Toiletten schlafen müssen.

Und dann der Hilferuf. Das Eingeständnis der eigenen Überforderung. Vor zwei Wochen bat Griechenland die EU um Unterstützung, forderte dass die europäische Grenzschutzagentur Frontex seine „schnelle Eingreiftruppe“ (Rabit) schickt. 175 Beamte aus 25 Mitgliedsstaaten, davon 17 aus Österreich, sind mitsamt ihrer Gerätschaft inzwischen an der Grenze eingetroffen. Ihre Mission? Präsenz zeigen, patrouillieren, aber auch besänftigen. Denn Europas Öffentlichkeit fürchtet nicht zu unrecht, dass die Odyssee der Flüchtlinge in einem griechischen Drama vor der eigenen Haustür enden könnte.

Der EU-Masterplan. Also setzt die Inszenierung ein. Die Zahl der Kameraleute, die beruhigende Bilder in die warmen Wohnzimmer liefert, ist größer als die der zu filmenden Polizisten. Und selbst der Chef von Frontex, der Finne Ilkka Laitinen, meint im Gespräch mit NEWS, „dass es nie gelingen kann, die Grenze völlig dicht zu machen.“ Letztlich hegt die EU längst Pläne, was geschehen soll, wenn Frontex wieder abzieht – und das wird schon im Jänner der Fall sein – nämlich der Weg hin zu einer Aufteilung der Asylsuchenden auf die EU-Mitgliedsstaaten. Doch was das an den geplatzen Träumen vom Evros ändern soll, scheint auch Brüssel noch nicht zu wissen.

Erschienen in NEWS 45/10

Hier geht’s zum Video von der EU-Außengrenze

Das griechische Drama

Veröffentlicht in Griechenland - Flüchtlinge, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , , , , am 27. August 2009 von lehermayr

Flammen vor Athen, moderne Sklaven auf den Feldern und eine halbe Million Illegale im Land. Weshalb die Lage in Griechenland völlig eskaliert und wieso das auch uns betrifft.

Flüchtlinge in einer aufgelassenen Fabrikshalle (Foto: Heinz Tesarek)Im Hafen von Patras dämmert es bereits, als die Taue der „Endeavor“ gelöst werden. Mit Dutzenden LKW im Bauch nimmt die Fähre Fahrt in Richtung Italien auf. 16 Stunden später wird sie in Brindisi anlegen – doch Zachariah wird dort auch diesmal nicht von Bord gehen.

In sicherer Entfernung kauert der schmächtige Afghane auf der Kaimauer, beobachtet das Schiff beim Auslaufen. „Ich habe heute erst gar nicht versucht, mich auf einen LKW zu schmuggeln“, sagt der 23-Jährige, „zum Glück, denn die, die es probierten, wurden erwischt und von den Wachen arg verprügelt.“ Dabei will Zachariah nur eins – endlich weg von hier, weg aus Griechenland – und das schon seit drei Jahren. Er ist jung, gebildet und diszipliniert – all das, was Europa angeblich sucht. Er könnte es schaffen in diesem Europa und hat doch keine Chance.

Europa ist der Traum, dem sie hier alle nachhängen, der sie zu Hunderttausenden erst hierher gebracht hat, weg von Hunger, Elend und Zerstörung zuhause. Ein Traum, der längst zum Alptraum geworden ist. Griechenland ist das neue Einfallstor in dieses Europa; das, was die Kanarischen Inseln und Lampedusa noch bis vor kurzem in die Schlagzeilen brachte: der Nummer 1 Flüchtlingshotspot des Kontintents.

Im Schlauchboot nach Samos. Zachariah und all die anderen, die nun in Patras auf ihre Chance warten, betraten das Land dort, wo viele Österreicher Urlaub machen. Chios, Samos, Lesbos, Kos – kleine, idyllische Inseln in der Ägäis, mit einigen unschätzbaren Vorteilen für Schlepper: die Türkei ist nah, das Wasser warm und ein Schlauchboot billig. Laut griechischen Geheimdienstinformationen sollen an die 100.000 Verzweifelte aus den Kriegsund Krisengebieten dieser Welt entlang der türkischen Küste ausharren und auf ihre Überfahrt warten. Multipliziert man diese Zahl mit den 2.000 Euro, die dafür fällig sind, lässt sich erahnen, wie lukrativ das Geschäft der Schlepper-Mafia ist.

Nacht für Nacht schleust sie Hunderte über die Meerenge, an der nur ein paar Kilometer die Türkei von Griechenland trennen. Trotzdem ertranken dort allein im Vorjahr über 200 Flüchtlinge. Die Ankommenden werden hingegen rasch in Internierungslager auf den Inseln gesteckt, damit bloß die Touristen nichts von den Schattenseiten inmitten des Sonnenparadieses bemerken. „Die Lager sind der Horror, 40, 50 Betten in einem Raum, eine Toilette, keine Ärzte, völlig überforderte Wächter“, schildert Micky van Gerven, Griechenland-Koordinatorin von „Ärzte ohne Grenzen“, die NEWS in Athen traf.

Die griechische Hauptstadt, die nun von einem Feuer bedroht wird, steht aber noch vor ganz anderen Problemen. Und diese beginnen in Sichtweite der Akropolis, am Omonia- Platz. Dort, wo vor einigen Jahren noch gern Einhemische flanierten, ist heute eine Parallelwelt entstanden, in der bloß noch Polizisten mit Gewehren patrouillieren. Drogen und Prostitution, statt Sirtaki und Tsatsiki. „Nach dem Lager auf Lesbos, kam auch ich dorthin“, erinnert sich Zachariah, „sah aber, was auf mich gewartet hätte und zog weiter.“

Viele jedoch blieben, in der Hauptstadt eines Landes, dem das Flüchtlingsproblem längst vollkommen entglitten ist. Ein Land, das 900 Wohnplätze für Asylanten anbietet, aber allein im Vorjahr 115.000 Illegale aufgegriffen hat. Die meisten von ihnen stellen gar keinen Asylantrag mehr, da die Anerkennungsquote bei unter einem Prozent liegt. Sie wollen weiter nach Italien und von dort in den Rest Europas.

Schlafen in einer Schachtel. Und deshalb Patras – der Fährhafen, die tuckernden Schiffe und mit ihnen die Hoffnung, die jeden Tag ein dutzend Mal die Stadt verlässt. Frühmorgens, als die Sonne aufgeht und erneut ein drückend heißer Tag droht, lohnt ein Spaziergang durch Griechenlands drittgrößte Stadt. Im Norden liegen entlang des Meeres die Afghanen am staubigen Strand, im Süden schlafen die Afrikaner auf einem verwucherten Gelände, wo irgendwann der neue Hafen entstehen soll.

Bloß Zachariah, der als 18-Jähriger vor dem Krieg in Afghanistan floh, im Iran Englisch lernte und IT-Techniker wurde, das Land aber verlassen musste und weiter westwärts zog, schläft abseits – vollkommen angekleidet, in einem Verpackungskarton. „Es ist schwer, sich seine Würde in einer solchen Umgebung zu bewahren“, erklärt er später, „aber ich versuche es zumindest.“

Das erste Schiff läuft aus. Der Hafen ist hermetisch abgeriegelt, der drei Meter hohe Stahlzaun zusätzlich mit messerscharfem Stacheldraht gesichert. Dahinter patrouillieren Polizisten in blitzblanken weißen Uniformen und private Securities. „Noch vor einiger Zeit war das anders“, weiß Zachariah, „da konnten Flüchtlinge über den Zaun klettern, auf die langsam fahrenden LKW aufspringen und so auf die Schiffe gelangen – ich habe es einmal probiert und bin gescheitert.“ Einer seiner Landsleute, ein stämmiger Mann, der von allen mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht bloß der „Commander“ genannt wird, weil er einst den Taliban gedient hat, war da erfolgreicher. „Ja, ich hab‘s auf eine Fähre nach Venedig geschafft, aber dort haben mich die verdammten Polizisten geschnappt und wegen der Fingerabdrücke zurückgeschickt.“ Die Fingerabdrücke, sie sind Teil des Dublin- II-Abkommens der EU, welches vorsieht, dass Asylverfahren im Erstankunftsland abzuwickeln sind. Noch.

Denn Länder wie Griechenland oder Spanien plädieren in Brüssel für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Staaten. Bislang wehren sich Binnenstaaten wie Österreich oder auch Deutschland, aber bricht der Widerstand, könnte der „Commander“ etwa in Österreich, einem seiner erklärten Wunschziele, landen, während Zachariah weiterhin in Patras in der Falle sitzt. Gerechtigkeit sieht anders aus. Und eine Lösung des Asylproblems auch.

Apokalypse als Alltag. Dass manch Grieche von der gegenwärtigen Situation durchaus profitiert, zeigt sich nachts, 100 Kilometer östlich von Patras. Eine Fabrikshalle, ausgebombt oder auseinandergebrochen, zerborsten oder zerstört – egal, von ihr ist nicht mehr übrig als ein paar Wände, ein bloßes Gerüst, das schemenhaft ausloten lässt, was sich einst darin befand. Ein Scheinwerferkegel in absoluter Dunkelheit – erst er lässt erkennen, was keiner sehen soll: Menschen, die genötigt sind, hier zu verharren. Inmitten des Mülls, der Verwahrlosung, der Verzweiflung. An die 100 Schwarze, die nichts haben als das, was sie am Körper tragen. Ein paar Fetzen Kleidung, die sie tunlichst sauber halten, um sich inmitten der Apokalypse, die ihr Alltag ist, zumindest den Anschein eines normalen Lebens zu bewahren. Notdürftig haben sie sich aus Plastikplanen eine Behausung gemacht, einen Ort, an dem sie schlafen, essen, leben, überleben können. Irgendwie.

In der Ferne rauscht die Autobahn, eine der Adern der Globalisierung, über die ein LKW nach dem anderen in Richtung Patras donnert. Voll gefüllt mit Zitrusfrüchten, die heute noch auf den Fähren landen und morgen bereits in unseren Supermärkten stehen. Am Rand der Autobahn, die Fabrikshalle und etliche weitere solcher wilder Siedlungen. In ihnen die billigsten, willigsten und entrechtetsten Arbeiter von ganz Griechenland. Erst am nächsten Tag wird das wahre Ausmaß der Ausbeutung klar. Die Hänge der Peloponnes sind voller Plantagen – Oliven und Orangen, Mandarinen und Zitronen – alles gedeiht hier prächtig. „Doch zu tun gibt es nichts“, sagt Jimmy, einer der Bewohner der „Fabrik“, „erst in zwei Wochen wieder, wenn die Weinlese beginnt.“ Dann, so schildert er, gibt es 30 Euro für zehn Stunden Schuften, „aber manchmal zahlt der ,Master‘ auch nur 20 Euro.“ Bis es soweit ist, heißt es warten – Stunde für Stunde, Ausharren auf dem Dorfplatz, skeptisch beäugt von den Griechen, aber vielleicht hat ja einer von ihnen heute doch noch Bedarf an einer billigen Arbeitskraft.

„Fackle meine Hand ab“ Jimmy, flüchtete vor drei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Darfur, wollte auch nach Europa, hat unzählige Male versucht, in Patras auf ein Schiff zu gelangen und irgendwann aufgegeben. „Sie haben meine Fingerabdrücke, ich kann nirgends mehr hin“, sagt er, „aber mittlerweile bin ich so weit, dass ich bald meine Hand abfackle, um die Fingerabdrücke loszuwerden und ein neues Leben zu starten – irgendwo, wo es besser ist, denn das hier ist nicht Europa.“ An eine Rückkehr denkt er nicht – „wohin auch, es gibt keinen Platz mehr, an dem ich willkommen wäre.“

Genau so sieht es, zurück in Patras, auch Zachariah, „in Afghanistan wird es noch lange Krieg geben – und ich will weder zu den Taliban, noch mich von den Amerikanern erschießen lassen, also bleibe ich.“ Die „Endeavor“, was übersetzt „Anstrengung“ bedeutet, liegt jedenfalls erneut vor Anker. Vielleicht ist der „Commander“ bereits an Bord, Zachariah würde darin wohl keine Ungerechtigkeit erkennen und weiter auf seine Chance warten – auch wenn sie nie mehr kommen wird.

(Erschienen in NEWS 35/09)

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Am Grenzzaun Europas

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Ukraine - Im härtesten Lager mit den Tags , , , , , , am 17. Juli 2009 von lehermayr

EU-AUSSENGRENZE/UKRAINE. Pavshino – eine Reportage aus dem härtesten Flüchtlingslager des Kontinents.

Im Lager Pavshino (Fotos: Heinz Tesarek)Plötzlich ist da dichter Nebel, ein matschiger Pfad, der vor ihm liegt, und Regen, der nicht enden will. Soll Europa so aussehen? Ist er schon in der Slowakei? Jamal Attal weiß es nicht. Als der Afghane knapp drei Stunden davor aus einem klapprigen Lada geklettert ist, konnte er im Dunkel der Nacht kaum seine Hand vor den Augen erkennen. „Just run“, sagte ihm der grobschlächtige Russe am Steuer, der versprochen hatte, ihn für 1.000 Dollar über die Grenze zu bringen. Also lief der kräftige 29-Jährige los, wie so oft zuvor in den fünf Monaten seiner Flucht.

Weg aus der kriegszerstörten Heimat, wo seine Brüder und der Vater bei amerikanischen Bombardements umgekommen waren. Mit Schleppern, denen er 6.000 Dollar zahlte, nach Moskau und von dort bis in die Ukraine. Und nun das Ende, in Form eines Lichtkegels, der langsam auf ihn zukommt. Als die Grenzsoldaten etwas auf Ukrainisch rufen, wird Jamal klar, dass alles vergeblich war und er im Kreis gelaufen ist.

20.000 Verzweifelte. Wie er sind es Hunderte, die täglich daran scheitern, die Ostgrenze der Europäischen Union zu bezwingen. 20.000 Menschen, so schätzen Experten, haben allein im Vorjahr versucht, von der Ukraine nach Ungarn, Polen oder in die Slowakei und von dort aus weiter in den Westen zu gelangen. Afghanen und Afrikaner, Inder und Iraker, Pakistani und Bengalen – junge Männer, aber auch Frauen und Kinder, vereint in der Verzweiflung und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie waten im Sommer durch Flüsse, erklimmen im Winter schneebedeckte Gebirgskämme und kämpfen sich durch dichte Wälder.

„Wie viele von ihnen beim Versuch, die EU zu erreichen, aus Hunger oder vor Erschöpfung entlang der längsten Landgrenze des Kontinents sterben, weiß keiner“, erklärt die Leiterin des UN-Flüchtlingshochkommissariats in Kiew, Simone Wolken. War der Weg nach Westen schon bislang beschwerlich, so rückt die EU für die Flüchtlinge nun in noch weitere Ferne. Denn die Union schottet sich gen Osten ab. Noch vor Weihnachten sollen die neuen EU-Mitgliedsstaaten dem Schengen-Abkommen beitreten. Für Österreich bedeutet dies, dass danach die Grenzkontrollen zu den Nachbarstaaten der Vergangenheit angehören. Streng überwacht wird fortan nur noch an deren eigenen Ostgrenzen – also dort, wo die Union endet und das Heer der illegalen Migranten wartet.

Einfallstor für Einwanderer. 450 Kilometer sind es von Wien bis in jene Region, die lange als eines der Einfallstore für Einwanderer galt. Bregenz ist weiter weg als die künftige Außengrenze der EU. Hier, weit im Osten der Slowakei und nahe an den Karpaten, wo die Arbeitslosigkeit hoch und die Perspektiven gering sind, stand die Jagd nach Illegalen bislang nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste der Politiker. „Es gelang uns zwar auch früher, Jahr für Jahr Tausende illegale Einwanderer aufzugreifen“, erklärt der Leiter der ostslowakischen Grenzpolizei, Miroslav Uchnár, „aber dass die Zahl derer, die wir nicht erwischten, weitaus höher lag, ist uns schon damals bewusst gewesen.“ Was fehlte, war genügend Personal und moderne Technik, „selbst Mobiltelefone für meine Beamten sind bis vor ein paar Jahren Mangelware gewesen“, erinnert sich Uchnár.

So verwundert es wenig, dass in Brüssel bis vor kurzem die Zweifel groß waren, ob es der Slowakei gelingen würde, ihre 98 Kilometer lange Grenze zur Ukraine wirklich dichtzumachen. Scharfe Kritik übte damals auch Österreichs Innenminister Günther Platter, für den klar war, „dass nur die Garantie absoluter Sicherheit eine Schengen-Erweiterung ermöglicht.” Aber jetzt, wenigeWochen bevor die Innenminister der EU-Staaten am 8. November über ihr Okay zu Schengen entscheiden, sitzt Uchnár entspannt in der Polizeizentrale von Sobrance, 15 Kilometer von der Grenze entfernt.

Big Brother für Polizisten. Fasziniert blickt er auf die Flachbildschirme, die seit kurzem an der Wand hängen. Auf ihnen sind gestochen scharfe Aufnahmen zu sehen – von Feldern undWiesen, Büschen und Bäumen, viel Landschaft, mehr nicht, dafür aber aktualisiert im Sekundentakt. „Beruhigend“, sagt Uchnár, sei es, dies zu beobachten, und klickt sich weiter durch die verschiedensten Kameraeinstellungen. Was er und seine Kollegen verfolgen, ist ein Big Brother für Polizisten, denn die Aufnahmen gelangen live von der Grenze in die Zentrale. 40 Kilometer lang ist jener Abschnitt, in dem während der vergangenen Monate 300 Thermo-Kameras installiert wurden. Sie sorgen für die totale Überwachung – bei Tag wie bei Nacht. So viel die vier Operatoren auch an den Geräten zoomen, bietet sich über Stunden hinweg doch bloß der Blick auf Hasen und Rehe, die ein paar Kilometer weiter munter zwischen der Slowakei und der Ukraine umherhüpfen. „Einen wirklichen Grenzzaun“, erläutert Uchnár, „gibt es nämlich nur direkt an den Straßenübergängen, überall anders vertrauen wir auf die Technik.“

Dass diese zuverlässig ist, beweist eine schrille Sirene, die plötzlich Bewegung in die Überwachungszentrale bringt. In Großaufnahme tauchen die Umrisse zweier Personen, die durch das hohe Gras kriechen, auf. „Korsár 309, bitte melden“, funkt der Operator eine der mobilen Einsatzeinheiten an, die sich ständig entlang des Grenzabschnitts bewegen, „zwei verdächtige Personen im Sektor 7/26, die in Richtung Westen unterwegs sind. Sofortige Anhaltung einleiten.“

Sackgasse Ukraine. Fast 900 Beamte, und damit fast dreimal so viele wie noch vor drei Jahren, befehligt Uchnár. Die meisten patrouillieren im gebirgigen Nordabschnitt der Grenze, in welchem keine Kameras installiert werden konnten. Zwei Beamten gelingt an diesem Abend binnen zehn Minuten der Zugriff. Die festgenommenen Moldawier werden später verdutzt zu Protokoll geben, noch nie zuvor von Kameras an der Grenze gehört zu haben. Nur wenige Stunden wird die Einvernahme der illegalen Eindringlinge dauern, dann erfolgt ihre Abschiebung in die Ukraine – in jenes Land, das einst für Flüchtlinge bloß als Durchgangsstation galt, nun aber für eine ständig größer werdende Zahl von ihnen zur Sackgasse auf dem Weg gen Europa wird.

Die vorläufige Endstation aller Aufgegriffenen liegt tief in einem Wald verborgen. Die Baracken, die dort als Internierungslager dienen, fungierten einst in der Sowjetunion als Basis für Raketen, die auf den Klassenfeind im Westen gerichtet waren. Dieser lagert heute freundschaftlich sein ungelöstes Flüchtlingsproblem aus und überlässt der Ukraine dessen Bewältigung. Jamal Attal, der Afghane, dessen Flucht an einem nebligen Morgen im Matsch endete, ist seit 55 Tagen hier – im Internierungslager Pavschino, 60 Kilometer von Major Uchnár und seiner Hightech entfernt. Mit zwölf weiteren Flüchtlingen schläft der Afghane nun in einem winzigen Zimmer, in dem es noch vor ein paar Wochen nachts aufgrund der Hitze kaum auszuhalten war und in dem es ihn nun bereits zu frösteln beginnt, lange bevor der Winter hier sein Gesicht gezeigt hat. Untertags hüllt sich Jamal wie all die anderen in einen grauen Mantel, ein Geschenk der Schweizer Armee, um nicht zu frieren, und doch kriecht die Kälte durch die nackten Füße langsam seinen Körper hoch. In Badeschlapfen kauert er im Nieselregen mit Dutzenden vor einer bröckelnden Baracke und starrt ins Leere, von Mauern und Zäunen umringt und von Soldaten bewacht – das ist seit Wochen sein Alltag.

Im Camp der Illegalen. „Das Lager in Pavschino ist weit davon entfernt, internationale Standards zu erfüllen“, kritisiert Simone Wolken vom UN-Flüchtlingskommissariat in Kiew, weiß aber auch, dass daran die Ukraine selbst nur wenig Schuld trägt. „Was fehlt, ist eine stärkere Unterstützung durch die EU“, sagt Ilja Pirchak von der regionalen Hilfsorganisation NEEKA, die in Kooperation mit der österreichischen Caritas das Nötigste für die Flüchtlinge ins Lager schafft. „Medikamente, Decken, zusätzliche Verpflegung, das können wir bereitstellen“, erzählt Pirchak, „aber daran, dass der Winter kommt, es bloß einen Arzt für mehr als 300 Insassen gibt und jegliche psychologische Betreuung fehlt – daran können auch wir nichts ändern.“

Von der Union im Stich gelassen fühlen sich viele Menschen in der Ukraine. Treten die Nachbarn im Westen erst Schengen bei, brauchen sie künftig ein Visum, um die Grenze überhaupt überqueren zu können. „Dass dieses mehr kostet, als ich mit meinen 150 Euro im Monat verdiene, ist denen in der EU wohl egal“, murrt fast jeder. Dass aber noch mehr Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Westen hier hängen bleiben werden, stellt das ohnedies arme Land vor fast unlösbare Probleme. „Pavschino ist für 210 Personen ausgerichtet“, erläutert Lagerleiter Major Andrej Douganjuk, „nun haben wir 330 hier und bald nochmehr. Wie wir diesen Ansturm bewältigen sollen, weiß ich nicht.“ Unwissen macht sich aber auch bei den Internierten breit. „Wir alle hier ahnen längst, dass es bald schwieriger wird, in die EU zu kommen“, sagt der Afghane Jamal, „aber keiner von uns wird aufhören, es zu versuchen, denn es gibt längst keinen Ort mehr, an den wir zurückkehren könnten.“ Auf Asyl in der Ukraine hofft keiner hier, doch in das Verfahren wollen sie alle dennoch gelangen, „denn dann können wir Pavschino verlassen“, erklärt ein Pakistani, „uns frei bewegen und erneut die Flucht wagen“. Die Schlepper-Mafia hat längst auf den Wandel an der Grenze reagiert und den Preis für „Komplettangebote“ erhöht – 4.000 Euro, so viel kostet derzeit die Schleppung bis nach Österreich.

Die komplette Reportage als PDF-Download

(Erschienen in NEWS 41/07)

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