Archiv für Neoliberalismus

“Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!”

Veröffentlicht in INTERVIEWS, Marine Le Pen mit den Tags , , , , , , , , , am 14. Juli 2011 von lehermayr

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011

Bei den Bankrotteuren

Veröffentlicht in Griechenland - Staatsbankrott, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Juli 2011 von lehermayr

AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen.

Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst.

„Ihr müsst die Augen mit Wasser ausspülen. Euch ans Feuer stellen, das hilft gegen das Gas.“ Wir erkennen ein Pärchen. Ihn im rosa farbenen Hawaii-Hemd, sie im fliedernen Strickpulli. Andreas und Dina, ein Anwalt und eine Krankenschwester, die Rat erteilen als seien sie Berufsdemonstranten. „Nein, nein“, versichert er, „mit den Chaoten, die sich mit der Polizei Scharmützel liefern, haben wir nichts zu tun. Dafür ist die Lage viel zu ernst.“

Ernst – selbst das kommt einer maßlosen Untertreibung gleich angesichts des Ausnahmezustands in Athen. Es sind Zehnttausende, die wie Andreas und Dina auf den Syntagma- Platz kommen, dem Tränengas trotzen. Junge und Alte, Ausgebildete und Arbeitslose, Studenten und deren Professoren – ein ganzes Volk, angetreten, um zu verhindern, was ihm viele im Rest Europas am liebsten ohnedies vorenthalten würden. Sie protestieren gegen noch mehr Milliarden, noch höhere Kredite, einen weiteren Rettungsschirm, ein zusätzliches Paket, das verhindern soll, was wie ein Damoklesschwert über Griechenland schwebt: der Staatsbankrott, fällig in zwei Wochen.

Sie crashen, wir cashen. Ein Jahr ist vergangen seit der (einmaligen) 110 Milliarden-Euro- Spritze, die Griechenlands Leiden lösen sollte. Ein Jahr der Entbehrungen am Peloponnes, der bitteren Sparprogramme und steigenden Steuern. Ein Jahr, in dem die Griechen litten und die Politiker im Rest Europas ihre Versprechen brachen. Denn nun, im Juni 2011, wird klar, dass die griechischen Kassen weiter klamm sind, die Schulden auch jetzt nicht über den Markt finanzierbar seien und deshalb die anderen Mitglieder der Euro-Zone ein zweites Mal in die eigenen Taschen greifen werden müssen, um die Griechen vor dem finanziellen Fallout zu retten.

„Uns?“, Andreas, der Anwalt, gibt sich empört, als er das hört. „Glaubt ihr Österreicher wirklich, ihr helft mit eurem Geld dem lieben, armen Griechen, den ihr noch aus dem letzten Urlaub kennt?“ Fast vorwurfsvoll erklärt er, „dass das Geld aus euren Taschen direkt zu den ausländischen Banken wandert, die zuvor mit unseren Staatsanleihen ein gutes Geschäft gemacht haben.“ Und ihnen, den drangsalierten Griechen, längst befreit von der Sirtaki-Beschaulichkeit, drohe weiteres Ungemach samt Ausverkauf des Tafelsilbers. „Wir wollen euer Geld nicht! Darum sind wir hier.“

Der Anwalt und die Krankenschwester, das Paar, das gut verdiente, vereint im Kampf gegen etwas Größeres, etwas, das bislang bloß ein paar Utopisten stürzen sehen wollten: den Kapitalismus, unser aller Wirtschaftssystem.

In Athen sind sie nicht die Ausnahme, sondern bald die Mehrheit. Unverdächtige Bürger wie der Kellner Janis, die berichten, dass sie in der Garage zwar noch ein Auto stehen haben, mit diesem aber seit Monaten nicht mehr fahren können. „80 Euro für einmal Volltanken – unmöglich. Und Käufer finde ich für die Kiste auch keinen, da niemand mehr Geld hat.“ So kommt es, dass er sich Abend für Abend vor dem Parlament die Wut aus dem Bauch schreit, die Politiker des Landes „Lügner“ und „Diebe“ schimpft und sich später, unten am Syntagma-Platz nach Fortschritten erkundet.

Dort, bei den Zelten, die zwischen Palmen und Pinien vor drei Wochen in den Boden geschlagen wurden. Von Menschen, denen es reicht, die all die Klüngeleien, die ihr Land so tief stürzen ließen, satt haben. Die von einer anderen Gesellschaft träumen, einer neuen Demokratie, in der sich die Arbeitslosigkeit nicht der 20-Prozent- Schwelle nähert, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ständig wächst und Junge trotz Uni mit unbezahlten Praktika abgespeist werden.

Bei den ,Empörten‘. Sie nennen sich „die Empörten“, haben keine Führung, keine Symbole, dafür viel Sympathie für ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich. Basisdemokratisch wollen sie an der Welt von morgen basteln und bis tief in die Nacht über jeden einzelnen Vorschlag abstimmen. „Klar, das klingt utopisch“, gesteht Student Panos ein, während er die leer geschossenen Tränengasbomben der Polizei zusammenklaubt, „aber wir wollen nicht länger schweigen, mitmachen bei einem System, das nur noch Krisen schafft und faktisch bereits tot ist.“ Der sich vermeintlich in den letzten Zügen befindliche Kapitalismus gibt jedoch ein paar hundert Meter weiter ein mehr als starkes Lebenszeichen von sich. Oben, über der Verkehrshölle am Omonia-Platz, spielen sich im zweiten Stock eines kargen Bürogebäudes Tag für Tag wahre Dramen ab. Dimitrios, grobschlächtiges Gesicht und Goldkette, schildert sie so: „Es kommen Leute zu mir, die ihre Jobs verloren haben, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, die einfach an der Kippe stehen und dringend Geld brauchen.“ Dimitrios hilft, nicht uneigennützig, aber immerhin. Er ist Pfandleiher, in zweiter Generation und seit 20 Jahren. „Uhren, Ohrringe, Armreifen – aus Gold muss es sein, dann nehme ich es.“

Doch auch er klagt. Über zu wenig Geschäft, und das obwohl 30 Prozent der Athener Haushalte mit der Stromrechnung in Rückstand sind. Sein Gewerbe sollte doch gerade in der Krise florieren? „Fehlanzeige, seit einem Jahr schießen die Pfandleiher wie Pilze hervor. Allein hier am Platz sind es vier. Völlig unseriös, alle miteinander, oft nur Zettel mit einem Namen und einer Handynummer. Aber die Leute sind verzweifelt und laufen zu ihnen.“

Schuften für die Schulden. Ein Gang, der Stella noch erspart geblieben ist, wenngleich auch das Leben der adretten Rothaarigen in ungeahnte Tiefen stürzte: ihr eigenes Geschäft – geschlossen, ihr Sohn – arbeitslos, ihre Tochter – bald im Ausland, ihr Mann – über den steigenden Kreditzinsen krank geworden. „4.500 Euro Einkommen hatten wir vor einem Jahr noch“, erinnert sie sich, „und jetzt schufte ich von früh bis spät, bloß um den Kredit abbezahlen zu können.“

Stellas Schicksal – es ist das ihres Landes. Schuften für die Schulden und den Hohn der Gläubiger gibt es gratis dazu: „Faul seien wir, sagt diese Merkel, habe ich gehört. So eine Unverschämtheit von den Deutschen.“

Es sind die alten Klischees, die nun, wo alles zu kippen beginnt, ihre volle Wirkung entfalten. Der faule Grieche, der den Bogen überspannt hat, der so lang er überhaupt arbeitete 16 Monatsgehälter kassierte und sich mit 55 in die Pension verabschiedete. Es gibt ihn – immer noch, auf Ämtern und Behörden, bei denen 900.000 der elf Millionen Griechen beschäftigt sind. Aber es gibt auch die Stellas und Efis, Janis und Andreas – tatkräftige Griechen, die arbeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit und die dann, wenn sie in der überfüllten U-Bahn heimgondeln, ein sonderbares Gefühl beschleicht: „Dass der Staat sich nur an uns saniert und er die wirklich Reichen im Land wieder einmal ungeschoren davonkommen lässt.“

Also doch nicht der Kapitalismus? Die Weltverschwörung? Während das Ausland die Unzulänglichkeiten der Griechen längst erkannt haben will, fällt hier erst spät der erste Satz, mit dem die Mitschuld an der Misere auch an der Ägäis gesucht wird.

Fündig werden ließe sich vielleicht in Flisvos – Athens mondänstem Yachthafen. An die 300 Boote liegen dort vor Anker. Mehrstöckig, 50, 60, manche gar 70 Meter lang und hunderte Millionen Euro wert. Yachten, die „Smile“ oder „La bonne vie“ (das süße Leben) heißen, das Edelholz fein poliert, das Deck säuberlich geschrubbt, die Crew, meist untertänige Philippiner, in ständiger Bereitschaft, falls es ihren Herrschaften nach einem schnellen Trip auf die nahen Inseln gelüstet. Nur eines wirkt beim Spazieren zwischen all den Yachten nach einer Weile sonderbar: auf kaum einer flattert die blau-weiße Flagge.

Stattdessen bedruckter Stoff aus der Karibik – Antigua, Barbados, Cayman Islands – Steuerparadiese, wie geschaffen, um neben dem Firmengeflecht auch gleich noch die Luxusyacht kostensparend anzumelden. Der reiche Grieche, der Onassis der Gegenwart, seine Yacht mag hier noch vor Anker liegen, sein Geld hingegen parkt bereits in Übersee.

Reiches Land, armer Staat. „Alle Reichen, die ich kenne, haben ihr Vermögen längst dorthin geschafft“, erzählt einer, der mit den Wohlbetuchten ein vertrautes Verhältnis pflegt – Theodore Orphanos, Manager, Kapitän, Kosmopolit. Er bittet uns, an Bord zu kommen, lässt an Deck auf edlem weißen Leder Platz nehmen, offeriert Getränke und seine Version des Scheiterns: „Wir Griechen sind Grenzgänger. Unser Staat ist in den letzten 200 Jahren fünf Mal Bankrott gegangen – und das sechste Mal steht unmittelbar bevor. Theodore hält nicht viel von den Beschwichtigungen, die Premier Papandreou in Brüssel verbreitet und auch die Kapitalismuskritik der Demonstranten ist ihm fremd: „Der Staat ist verfault, korrupt, leistet nichts – und dann wundert man sich, dass jene die Geld haben, keine Steuern zahlen?“

Er schildert Anekdoten, die jeder im Land kennt – sie handeln von Lehrern, die müde in der Schule sitzen, weil sie privat bis spät in die Nacht Nachhilfe geben; von Ärzten, die ohne Bestechung, keinen OP betreten und Bauern, die Tomaten anbauen, aber nie ernten, bloß weil die EU das gerade gut fördert. „Und jetzt sollen wir auf Druck der EU von Griechen zu Deutschen werden? Das kann doch nicht klappen.“ Zum Abschied hält er eine düstere Prognose bereit: „Hier wird noch Blut fließen und ihr werdet euer Geld nie mehr wieder sehen.“

Erschienen in NEWS 25/2011

Weiter zum Video-Report aus Athen

Wir Spekulanten

Veröffentlicht in Großbritannien, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , am 8. Juni 2010 von lehermayr

DIE ZOCKER. Wer sie sind, wie sie leben und welche Schuld sie tragen. Wir fanden sie.

Als der Privatjet auf Ibiza aufsetzte, war Geraint Anderson längst zugedröhnt und zittrig. Das viele Koks und der Champagner hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Weder bei Anderson, noch bei seinen reichen Kunden, die mit an Bord waren. Auf dem Rollfeld wartete auf die fünf Männer bereits eine schwarze Stretch-Limousine. Auf deren Rückbank – fünf Mädchen: jung, nackt und bezahlt. Einer der Banker setzte sogleich zum Trinkspruch an: „Auf schnelle Autos, billige Huren und die Steuerfreiheit!“

Die Mädchen kicherten, die Limousine nahm Fahrt auf, steuerte eine Finca am Meer an. Vor ihr stand in der brütenden Hitze ein englischer Butler, der den Herren auf einem Silbertablett den „Proviant“ für die folgenden sechs Tage offerierte: 20 Gramm reinstes kolumbianisches Kokain, dazu reichlich Ecstasy und genügend Viagra- Tabletten für jeden. Der „Business- Trip“ konnte beginnen.

Pakt mit dem Teufel.

„Ja“, sagt Geraint Anderson heute, „so sah sie auch aus, die schöne neue Welt der Trader und Broker.“ Der 38-jährige Brite war zwölf Jahre ein Teil dieser Welt, ja mehr noch, er war einer ihrer Stars. Dreimal wurde er zum „Aktienexperte des Jahres“ gewählt, kassierte zuletzt Hunderttausende Euro an Gehalt pro Jahr und als Draufgabe nochmals mehr als eine halbe Million an Boni. Er wurde zum „Cityboy“, der wie ein Teenager über die Strenge schlug, dessen Taschengeld aber nicht Papa, sondern die Bank bezahlte, für die er arbeitete. So lange, bis ihn das schlechte Gewissen immer mehr marterte, er genug Geld hatte, um auszusteigen und den Schweige-Kodex seiner Zunft zu brechen. Ein Heuchler?

Anderson sitzt in seinem schicken Reihenhaus im Londoner Stadtteil Shepherd‘s Bush, gibt sich reuig und berichtet NEWS von seinem „Pakt mit dem Teufel“, der ihn, den einstigen Hippie, überhaupt erst in die Londoner City brachte. „Einen Ort, an dem Geld alles und Moral nichts ist. An dem die größten Komplexler nun Porsche fahren, Maßanzug tragen, um es all jenen richtig zu zeigen, von denen sie früher an der Schule gedemütigt worden sind. Einen Ort ohne Regeln, den es so eigentlich nicht geben dürfte.“ Doch es gibt ihn. Nach wie vor.

Und am vergangen Freitag scheint es fast so, als gäbe es gerade dort keine Krise. In der City ist sie zumindest nicht sichtbar. Und das obwohl der nächste Angriff der Spekulanten das britische Pfund anvisiert. Die Abhängigkeit vom ausschweifend feiernden Finanzsektor könnte Englands größtes Problem werden. „In den nächsten Monaten laufen dort alte Schulden aus, die verlängert werden müssen. Die neue Regierung wird viel Geld in die Hand nehmen müssen. Bekommt der Kapitalmarkt Zweifel daran, dass England die Schulden zurückzahlen kann, dann laufen die Wetten und die Briten könnten sich schnell in der Euro-Zone wiederfinden“, erklärt der Chefhändler und Stratege der Close Brothers Seydler Bank am Frankfurter Börsenparkett, Oliver Roth.

Models and Bottles.

Doch von dem aufziehenden Unheil ist in Londons Bankenviertel noch nichts zu spüren. Anderswo mögen vielleicht der sinkende Euro-Kurs, die steigende Milliarden- Verschuldung und der drohende Job-Verlust zu Sorgenfalten führen, aber nicht vor „The Gherkin“. Es ist 17 Uhr, kurz nach Dienstschluss bei den benachbarten Banken. Norman Fosters 180-Meter- Hochhaus wirft tiefe Schatten und davor knallen die ersten Korken. Die Stimmung ist heiter, fast ausgelassen. Die „Cityboys“ starten mit ordentlich viel Alkohol und umringt von Frauen in kurzen Kostümen ins Wochenende. „Trauer tragen sieht wohl anders aus“, meint Barbara Stcherbatcheff, die vor kurzem selbst hier noch ihre Kollegen traf. Die 28-Jährige kam mit dem „Wunsch nach dem großen Geld“ als eine von wenigen Frauen in die City, erlebte die dort herrschende Macho-Kultur hautnah mit und sah, wie die Trader hart arbeiteten, aber auch umso härter feierten: „Geld spielte nie eine Rolle. Das Ego eines jeden wuchs mit der Höhe seiner Boni und letztlich ging es immer nur darum, sich selbst und den anderen zu beweisen, dass man einfach der Größte ist.“

Sie alle wollten wohl ein wenig so sein wie Gordon Gekko, jener von Michael Douglas genial verkörperte Banker- Fiesling aus dem Film „Wallstreet“: „Oliver Stone und ich haben uns immer gefragt, wie es sein kann, dass ein Inside- Trader, der Menschen und Firmen vernichtete, zu einem Idol einer ganzen Generation von Wirtschaftsstudenten werden konnte“, meint Douglas, der beim Filmfestival in Cannes gerade die Fortsetzung des Klassikers vorstellte, nun im NEWS-Interview „Citygirl“ Stcherbatcheff begegnete einigen real gewordenen Gordon Gekkos und erinnert sich an Abende, an denen das Monatsgehalt eines Lehrers verprasst wurde.

Sie denkt an Ausschweifungen, die mit Champagner beim Edel- Italiener begannen und in teuren Strip-Schuppen endeten. „Das alles war und ist möglich“, sagt sie, die nun als Finanzjournalistin bei CNBC arbeitet, „weil es keine Regeln gab. Die Politiker ließen sich zuerst von den Bankern beraten und sie dann gewähren. Und nun rufen genau diese Politiker aus Verlegenheit zur Jagd auf Spekulanten auf – ein wenig verlogen, oder?“ Doch was tun, um das Treiben zu stoppen? Was unternehmen, um Spekulanten in die Schranken zu weisen und weitere teure Blasen  zu verhindern?

Ein Abendessen in Manhattan.

Die EU schlug erst vergangene Woche härtere Töne gegenüber Hedgefonds an. Gerade um diese ranken sich viele Legenden und Mythen. Ende Februar sorgte ein Abendessen im kleinen Rahmen in einer Manhattaner Privatwohnung für Aufregung. Das „Who is Who“ der Szene war gekommen: Eine Handvoll Menschen, die zum Teil zweistellige Milliardenbeträge verwalten. An einem Februartag wurde die „weltweite Attacke gegen den Euro“ gestartet, wie es Jean- Claude Juncker, Euro-Gruppen- Chef und luxemburgischer Premier, formulierte. So will es zumindest die Legende. Innerhalb von drei Minuten soll die Hedgefonds-Elite diskutiert haben, dass Griechenland nur das erste Opfer der rasanten Euro-Abwertung sei und weitere Länder wie Dominosteine fallen werden. Mit wenigen Worten wurde bei Wein und Käse die weitere Vorgehensweise abgestimmt: Gegen den Euro und die Rettungsversuche der europäischen Politiker wetten und einen Haufen Geld damit verdienen.

Dass jenes Treffen überhaupt öffentlich geworden ist, scheint einen wollenden Auslöser gehabt zu haben. Jemand musste die Infos lanciert haben. Börsianer Roth mutmaßt, dass sowohl Politiker als auch die Hedgefonds einen großen Nutzen aus der Veröffentli-chung ziehen konnten. „Die Hedgefonds wissen, dass zwei Drittel des Markts Psychologie sind und große Anleger wie Pensionsfonds bald auf die Wette gegen den Euro aufspringen würden. So macht man aus einem Stein eine Lawine. Aber auch die Politiker können von der hohen Verschuldung und der prekären Finanzlage ablenken und die Hedgefonds-Manager zu Sündenböcken stilisieren, die allein an der Euro-Krise schuld sind. Doch hier werden Ursache und Wirkung miteinander vertauscht.“

Politischer Aktionismus.

Aber die Politiker in der Euro-Zone spüren die ohnmächtige Wut in der Bevölkerung und schaffen mit der Hetzjagd auf Hedgefonds ein Ventil für den indifferenten Zorn. Also versuchten Staatenlenker aller Couleur in den vergangenen Tagen das Monster Finanzmarkt durch Reglementierungen zu zähmen. Doch wie schwer es fällt, den deregulierten Markt in die Schranken zu weisen, davon weiß Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann ein Lied zu singen.

Die Finanztransaktionssteuer, hastig beschlossene Verbote von ungedeckten Leerverkäufen und CDS (Kreditausfallversicherungen) und neue Transparenz-Regeln für die Hedgefonds sind Balsam in den Ohren der gebeutelten Bevölkerung,  die erst für die Bankenrettung, dann für die Griechen und den EU-Rettungsschirm das Börserl öffnen musste.

Doch die flexible Finanzwelt zeigt sich von den Versuchen der Regulierer wenig beeindruckt. Gerade bei europäischen Alleingängen droht das Kapital sich zu verabschieden. Weitestgehend unregulierte Finanzplätze in der Schweiz, Amerika oder Asien warten mit offenen Armen.

Umverteilung.

„Noch nie haben so viele durch so wenige einen so großen Schaden erlitten“, sagt Susanne Schmidt. Die studierte Ökonomin und Tochter des legendären deutschen Ex- Bundeskanzlers arbeitete 30 Jahre in Londons City, sah dort die einst legendären Bowler- Hüte verschwinden und gierige, junge Banker kommen. „Und nun wird die junge Generation wohl die erste nach dem Zweiten Weltkrieg sein, die nicht unbedingt damit rechnen kann, dass es ihr besser als den Eltern gehen wird.“ Schmidt zeigt sich schockiert darüber, dass „die Finanzelite weiterhin ungehindert russisches Roulette auf einem Markt ohne Moral spielt“ und fordert einschneidende internationale Regeln.

Ein Wiener an der Themse.

Solche erachtet auch einer für bitter nötig, der selbst bei einer großen Investmentbank tätig ist. Der Österreicher Peter Stegler* kam vor neun Jahren nach London und entspricht so gar nicht dem Klischee des Spekulanten, das von „Cityboy“ Anderson strapaziert wird: statt Porsche fährt der 39-Jährige Fahrrad und statt im Loft, lebt er in einer kleinen Wohnung. Umso mehr ärgert ihn, „dass sich die Politik nicht eingesteht, in der Vergangenheit Fehler begangen und in der Euro-Zone die selbst aufgestellten Regeln, wie die Maastricht- Kriterien und den Stabilitätspakt, mehrmals gebrochen zu haben. Letztlich ist es logisch, dass Spekulanten eine solche Schieflage auffällt und sie diese auch ausnützen.“

Doch sich jetzt einzig auf die Hedgefonds einzuschießen, geht an der Sache vorbei. Die haarsträubende fiskalische Politik der Regierungen der vergangenen Jahrzehnte rächt sich nun – nicht nur in Pleitestaaten wie Griechenland.

Sündenbock Hedgefonds?

„Das Problem sind nicht die Hedgefonds, die schauen sich die Zahlen der Länder genau an und zeigen die Schwächen auf. Wenn man einen Täter hat, dann braucht man nicht mehr suchen. Die Wahrheit ist, dass die Politik die Banken beschneiden muss. Die Banken brauchen global eine höhere Eigenkapitalquote. Jetzt scheint es darum zu gehen von der immensen Verschuldung der Staaten abzulenken. Viele Länder haben fundamentale Probleme. Auch die USA steuert auf ein gewaltiges Verschuldungsproblem zu. Dort gibt es jetzt schon eine Blase, die in keinem Maße den europäischen Problemen entgegensteht“, so Börsianer Roth.

Der Markt für Kreditversicherungen, deren Handel sympthomatisch für die Euro-Krise angeführt wird, umfasst laut der US-Datensammelstelle Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) einen Kapitalwert von 22 Billionen US-Dollar. Mit 19,2 Billionen davon jongl ieren nicht Hedgefonds, sondern rund ein Dutzend Investmentbanken wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank. Drei Billionen sind auf Hedgefonds und Unternehmen zurückzuführen.

„Und doch“, wundert sich der Österreicher Stegler, „werden erneut die falschen Lehren gezogen: anstatt die ungerechte Vermögensverteilung in der Bevölkerung anzusprechen und Steueroasen endlich auszutrocknen, wird Einkommen weiterhin hoch, Kapital hingegen niedrig besteuert. Lügt sich die Politik über ihre Versäumnisse in der Vergangenheit weiter hinweg und ändert nichts an den Spielregeln auf den internationalen Finanzmärkten, dann kann das Euro-Rettungspaket nicht funktionieren und die nächste Krise ist bereits programmiert.“

Vermasselt die Politik das erneut“, so sieht der geläuterte Cityboy Anderson schwarz, „dann fließt entweder Blut oder es wird wie in der ,schönen neuen Welt‘ des Schriftstellers Huxley: superreiche „Alphas“ leben in abgeschottenen Villenvierteln, während die „Epsilons“ deren Toiletten putzen.“

(Veröffentlicht in NEWS 21/10)

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