Archiv für Osteuropa

In der ,Gulasch-Diktatur’

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Ungarn - Orbánisierung? mit den Tags , , , , , , , am 7. Februar 2012 von lehermayr

Puszta-Putin oder Blödsinn? Was sich bei den Nachbarn tatsächlich abspielt und wieso das auch uns betrifft. Ungarn als Versuchslabor für Europa.

Ein „Puszta-Putin“ sei er. Ein Möchtegern- Diktator im Machtrausch. Einer, der Ungarn nicht nur gemäß seiner Pläne in bester Machiavelli-Manier umbaut, sondern dabei auch gleich in den Staatsbankrott steuert. Aus Brüssel trudeln böse Briefe ein, in denen ihm beschieden wird, „die Prinzipien einer freien Demokratie“ zu beschädigen. Und US-Außenministerin Hillary Clinton wirft ihm in einer Eildepesche gar vor, ein autoritäres System zu errichten.

Mitgehangen, mitgefangen. Für Viktor Orban, 49, ist es eng geworden. Vergessen die Tage seines Wahlsieges 2010, als ihm 53 Prozent der Stimmen dank der Wahlarithmetik eine 2/3-Mehrheit bescherten. Der konservative Nationalist sah darin den Auftrag, ein neues Ungarn zu formen. Nun steht er vor dessen Trümmern und Europa fragt sich, was donauabwärts wirklich vor sich geht.

Gerade in Österreich ist die Besorgnis groß. Unser Land verlor auch wegen seiner engen Verflechtung zu Ungarn soeben seine Top-Bonität. Heimische Banken halten beim Nachbarn Außenstände von 32 Milliarden Euro und an die 2.000 österreichische Firmen sind mit Niederlassungen im Orban-Land aktiv. Stürzt Ungarn, droht es auch Österreich mit in den Abgrund zu reißen. Wie groß ist die Gefahr und wie nah Ungarn am Untergang? Eine Fahrt durch Budapest. Ein Weg durch die „Donau-Diktatur“?

Morgens: Im Hungerstreik.

Ein in dicke Decken eingehüllter Mann. Eine zum Clown geschminkte Frau. Ein paar fröstelnde Mitstreiter. Und ein Zelt. Das Bild, das sich im Budapester Norden bietet, wirkt bizarr. Vor dem modernen Glasbau des Staats-TV kauern sie in der Kälte – 36 Tage schon. Balazs Nagy war der erste, dem es reichte. Ein kräftiger Kerl, Journalist und Gewerkschafter, viel rumgekommen in der Welt und schockiert von dem, was sich daheim abspielte.

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt er, „der politsche Einfluss war bei uns im Sender immer zu spüren. Unter den Sozialisten sah man Demonstrationen gegen die Regierung auch nicht gern, schummelte bei der Zahl der Teilnehmer oder wählte den Bildausschnitt so, dass die Masse zur kleinen Menge wurde. Das war normal. Aber seit Orban übernommen hat und den Sender umfärbte, erreichte die Manipulation eine neue Qualität.“

Nagy berichtet von Anti-Orban- Demos, zu denen erst gar kein Kamerateam hingeschickt wurde. Oder von Zehntausenden, die gegen den „Viktator“, wie sie ihn schon nennen, auf die Straße gingen, und einem Live-Einstieg des Staats-TV-Reporters, einsam auf einer leergefegten Straße stehend. „Es gibt auch Listen von Personen, die im TV nicht mehr vorkommen dürfen. Huschte einer von ihnen doch durchs Bild, musste er verpixelt werden.“

Als es erste Kündigungen für Verweigerer hagelte, zog Nagy die Reißleine. Er ging in den Hungerstreik, errichtete ein Protestzelt vor dem Sender und fand Mitstreiter für die Pressefreiheit. Gemeinsam wollen sie ausharren, bis Entlassungen aufgehoben und Verantwortliche abgesetzt werden.

Mittags: Im Feindes-Äther.

„Wir wären eigentlich das Feigenblatt. Uns könnte man Hillary Clinton zeigen. Ihr sagen, sieh her, du täuschst dich, so schlimm ist es nicht“, sagt Andras Arato. „Aber dafür hassen sie uns zu sehr. Uns zu vernichten, ist verlockender.“ Arato geht einen Stock tiefer ins Studio. Gerade beginnt die beliebteste Sendung von „Klubrádió´“. Ein Geschasster sitzt hinter dem Mikrofon – György Bolgar. Leute rufen an, es geht um Politik – wie meist bei ihm. Hier herrscht noch das freie Wort. Es wird geschimpft, geklagt, gestritten. Eine Meinung vertreten. Eine halbe Million Ungarn hört zu, wenn Bolgar on air geht – einst auf der Staatswelle und nun im „Klubrádió“. Der Sender setzt statt Ohrwürmern auf Opposition und das schickt ihn ins Off.

Wie, das ist leicht erklärt und doch kompliziert. „Sie schrieben Lizenzen neu aus, forderten mehr Musik, weniger Wort und wenn, dann maximal lokale Nachrichten“, erklärt Arato, der Senderboss. Schließlich ging eine Frequenz verloren und die andere läuft im Februar aus. „Widerspruch ist unerwünscht – und der neue Besitzer unserer alten Frequenz ein Strohmann der Regierung mit 3.000 Euro Kapital. Dümmer geht‘s wohl nicht“, empört sich Arato, der sein Ende vor Augen sieht, aber hofft, jenes für Orban käme früher.

Dann: Die Vierte Republik.

Dieses herbeizuführen ist auch Antrieb für Panni und Andras, zwei Studenten als Sinnbild einer Generation, die langsam genug hat. „Krise? Die haben wir seit fünf Jahren. Kürzungen, Einsparungen. Es wäre falsch, zu sagen, allein Orban sei schuld, dass wir fast pleite sind“, gesteht selbst Andras ein, „die Sozialisten haben acht Jahre lang einiges dazu beigetragen.“ Die beiden wissen, dass die Linke diskreditiert ist, auf Jahre hinweg wohl fern der Macht bleiben wird. „Wir wollen aber unsere Forint nicht ins Ausland schaffen, unserem Land den Rücken kehren, wie es so viele derzeit tun.“

Andras und Panni fühlen sich als Teil einer neuen Bewegung, einer Alternative: 4K, die vierte Republik, lautet der Name und ist Schlachtruf der neuen Linkspartei. Die Demo am 2. Jänner haben sie mitorganisiert und mit 70.000 Orban- Gegnern ein Zeichen gesetzt.

Dessen konservatives Lager sieht die lauter werdende Kritik am autoritären Abdriften Ungarns hingegen als vom Ausland orchestriert an. Der stellvertretende Staatssekretär im Außenministerium, Gergely Pröhle, vermutet im NEWS-Interview gar eine durch Österreichs Banken gesteuerte Berichterstattung. Und doch muss er zugeben, dass manch rasch durch gepeitschtes Gesetz, das die Gewaltenteilung in Frage stellt, keine gute Optik abgibt.

Abends: Auf der Straße.

„Krízis“ steht auf dem blauen Minibus, der durch ein Budapest in der Dämmerung fährt. In der einst Stau geplagten Donaumetropole hat der Verkehr sichtlich abgenommen. Zu teuer das Benzin, zu schlecht das Gehalt, zu hoch die Steuern.

An Häusern, an halb fertigen Bauruinen und an Geschäften hängen die immer gleichen Schilder. „Eladó“, zu verkaufen. Auch wenn es schon längst keine Interessierten mehr gibt. Der Bus hält. Zwei Männer steigen aus. Einer streift sich Gummihandschuhe über, der andere holt einen Becher hervor. Sie nähern sich einer zitternden Gestalt, die in einem Hauseingang hockt. Fragen, wie es ihr geht, reichen Tee und müssen dann doch weiterfahren. Wohin auch mitnehmen? Mehr als 10.000 Obdachlose gibt es allein in Budapest und nicht einmal halb so viele Plätze in Unterkünften. Im vorigen Jahr erfroren an die 400 in der Kälte – und nun will man all das Elend nicht mehr sehen.

Ein neues Gesetz. Ein Verbot. 150 Euro Strafe für Obdachlose, die auf der Straße aufgegriffen werden. Wer nicht zahlt, landet bald im Gefängnis. Oder lieber im Wald, wohin uns die zwei Männer von der Hilfsorganisation „Zuflucht“ in ihrem blauen Bus fahren. Noch mitten in Budapest, nah an der Donau, haben sich ein paar von ihnen Bretterbuden gezimmert. Arpad, der Ältere, hat einen Gasofen, Attila nicht einmal das. „Lieber hier unentdeckt frieren, als im Knast krepieren“, sagen sie. Wie Aussätzige hausen Hunderte am Rand einer Gesellschaft, die selbst nichts so sehr fürchtet, als das selbe Schicksal zu erleiden – in einem Staat, der an seine Grenzen gelangt ist.

Tags darauf: Paramilitärs.

Angst kriecht in die Ungarn. Ganz langsam, ganz unbemerkt, aber mit verheerenden Folgen. Zuerst probierten sie es mit den Sozialisten, bekamen Korruption und Misswirtschaft. Dann also Orban. Ein nationalistischer Verführer, der mit viel Pathos das Magyarenherz eroberte, seine hochtrabenden Pläne aber mit der düsteren Wirtschaftslage begraben musste. Entweder pokert er nun hoch und riskiert damit den Bankrott oder er macht Zugeständnisse, kappt autoritäre Anwandlungen, um sich die Rettung durch EU und IWF zu erkaufen.

Die Profiteure seines Versagens marschieren gerade in Buda auf. Paramilitärs in Phantasieuniformen. Martialisch, gefährlich, rassistisch. Deren Anführer sehen Ungarn in „Geiselhaft der Finanzjuden“ und verbrennen die EU-Flagge. Es ist Jobbik, die „Partei der Besseren“, der extremen Rechten. 20 Prozent und mehr geben ihnen die Umfragen in einem Land, das zum Versuchslabor Europas für den Verfall geworden ist.

Erschienen in NEWS 03/2012

Plus: Das Video von der Recherche in Budapest

 

Der Ruf des Diktators

Veröffentlicht in Belarus - Wahlen 2010, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , , am 6. Februar 2011 von lehermayr

WEISSRUSSLAND. Zwischen Zuschlagen und Zustimmung. NEWS im “Paradies” von Europas letztem Diktator. Der Report aus einer Zeitkapsel.

Es ist kurz vor Weihnachten, Wahltag und der Diktator schwitzt. Immer wieder greift Alexander Lukaschenko zum Tuch, wischt sich die Stirn ab. Ahnt er bereits zu Mittag, was an diesem Tag, in dieser Nacht noch folgen wird? Kennt er, der seit 16 Jahren eisern über Weißrussland herrscht, schon jetzt das wahre Wahlergebnis? „Keiner wird auf den Platz kommen“, raunt er Reportern nun zu, „niemand wird demonstrieren.“

Acht Stunden später ist Minsk, seine so pompöse Hauptstadt, nicht wiederzuerkennen. Vor den hell erleuchteten Stalin-Bauten schwenken Menschen die verbotene, alte Landesfahne. Marschieren Zehntausende in Richtung des ehemaligen Lenin-Platzes, schreien „Schande“ und „Raus mit ihm“ in die Nacht. Der Verkehr gerät ins Stocken, ein Boulevard, mehrere Kilometer lang, ist voller Protestierender. Keine Miliz, die eingreift, nur ein paar überforderte Verkehrspolizisten, die die Massen gewähren lassen. Die Angst ist verschwunden. Es riecht nach Revolution.

Kolchosen und Kommunismus. Soeben gab es die erste Hochrechnung: 79 Prozent für den Amtsinhaber. 2,6 Prozent für den bestplatzierten oppositionellen Herausforderer. In einem Dorf, weit vor Minsk, verwundern solche Zahlen niemanden. Auch nicht Vera Lenonidowna, die im einzigen Geschäft des Ortes, einem staatlichen Gemischtwarenladen, arbeitet. „16 Jahre schon“, sagt sie, „ so lange wie er regiert.“ Und alles sei seither besser geworden, „die Löhne im Schnitt auf 400 Euro gestiegen, die Auswahl gewachsen und die Chancen für die Jungen so gut wie nie.“ Im Laden hat sie ein Plansoll zu erfüllen, verkauft sie mehr, erhält sie einen Bonus. Der Sozialismus, andernorts längst vom Raubtierkapitalismus abgelöst, lebt in Weißrussland weiter. Im Land – einst Sowjetrepublik, seit 1991 unabhängig – gibt es Kolchosen, so als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Dort dampft es. Wiederkäuende Kühe liegen auf dem Boden. Deren Absonderungen fallen auf Förderbänder, die sich durch den Stall ziehen. „Kommen Sie lieber erst gar nicht rein“, sagt Valentina Yevtukh, „unsere Kolchose ist noch nicht modernisiert.“ Andernorts hätte der „Papa“, wie Landesvater Lukaschenko gern genannt wird, bereits Geld locker gemacht, neue Traktoren anschaffen und Absauganlagen installieren lassen. „Aber wir waren noch nicht dran“, meint die Magd, die sonst keinen Grund zur Klage kennt: „Batka hat selbst einmal eine Kolchose geleitet: der weiß, was gut für uns ist.“ Und tatsächlich, während in anderen Agrarstaaten wie der Ukraine die Produktion Jahr für Jahr zurückgeht, haben sich die Exporte aus Weißrussland im vergangenen Jahrzehnt versechsfacht. Auch die Wirtschaft wuchs seit 2005 um ein Drittel, die meisten Betriebe sind weiter staatlich, die Arbeitslosigkeit liegt unter zwei Prozent und gebaut wird so viel, wie sonst nirgends im postsowjetischen Raum. Des Väterchens 10-Millionen-Einwohner-Reich – ein Paradies?

Tauwetter bei Eiseskälte. Abends, auf dem Platz, interessiert das niemanden. Es ist kurz vor neun, minus 20 Grad, Schneefall und Minsk schreit. Junge, Alte, Zehntausende, die sich vor der Lenin-Statue versammelt haben. Oppositionskandidaten rufen „Neuwahlen“ in Mikrofone und wissen doch nicht recht, was die Nacht bringen soll. Sicher, der Diktator hat ihnen erstmals so etwas wie Wahlkampf erlaubt, sie im Fernsehen gegeneinander antreten lassen und es selbst vorgezogen, nicht dabei zu sein. Europa begann zu hoffen, sah „Tauwetter“ an seiner Außengrenze, stellte drei Milliarden Euro für demokratische Wahlen in Aussicht und begann, eine Zukunft mit dem geläuterten Diktator zu planen.

„Aber ein Diktator lässt sich nicht durch Wahlen ablösen“, meinte ein frustrierter Oppositioneller am Tag zuvor, nachdem er seinem Kandidaten, Andrej Sannikow, zugehört hat: „Sie faseln da etwas von Stichwahlen und füllen hier nicht einmal einen Saal mit 400 Leuten“, hält er dem ewig grinsenden Kandidaten entgegen, „wir brauchen eine Revolution, einen Che Guevara und keine gefälschten Wahlen.“ Und nun, 24 Stunden später, als die ersten Fensterscheiben brechen, als sich eine kleine Gruppe mit Gewalt Zugang zum Parlament verschaffen will, wird sich dieser Andrej Sannikow an die Worte seines Wählers vom Vortag erinnert haben. Es geht los.

Die Sardine und der Hai. Wer, wie der Musiker Ljawon Wolsky, zuhause geblieben ist, wird sich nun wundern. Das staatliche Fernsehen berichtet von 3.000 Demonstranten und bringt so enge Bilder, die nichts von den Massen erahnen lassen. Wolsky ist der populärste Musiker im Land. Über all anders würde der 45-Jährige wohl ganze Arenen füllen, in Weißrussland spielte er meist in Hinterhöfen für wenige Wagemutige. Seine Band, N.R.M., die „Unabhängige Republik der Träume“ ist so etwas wie ein Gegenkonzept, ein Zufluchtsort vor der Unterdrückung im Reich des „Batka“. Wolsky gab sich lange rotzfrech, besang das Gefühl der Sardine, die raus aus der Dose, zurück ins Meer will und sprach damit einer ganzen Generation aus dem Herzen, denen der „Batka“ zwar Brot, aber zu wenig Spiele bot. „Wer nur die Dose kennt, dem ist egal, ob im Meer dann der Hai lauert, er will es einfach spüren“, meint die blonde Anja, die zu Wolskys Punk die Hüften kreisen lässt. Und Wolsky selbst, der nach langem Verbot nun wieder in großen Sälen spielen darf? „Es bringt doch alles nichts“, sagt er, „die Leute sind verängstigt,” und willl das Interview rasch beenden. Auch er ein Eingeschüchterter? Oder einer, der nach Jahren der Auflehnung aufgegeben hat?

„Revolutionen“, entgegnete Präsidentschaftskandidat Sannikow seinem wirschen Wähler in Anlehnung an Bismarck, „werden von Romantikern erdacht, von Helden umgesetzt und von Banditen ausgenützt.“ Vielleicht denkt er auch daran, als die kleine Gruppe ihn zum Zuschauer degradiert, der wenige Meter entfernt beobachten muss, wie sie das Parlament zu stürmen versucht. Vielleicht denkt er daran, als es nur Minuten dauert, bis Lukaschenko den Ball aufnimmt. Den Einsatzbefehl gibt. Zurückschlagen lässt. Härter, als alle angenommen hätten.

Die schwärzeste Nacht. Hunderte Männer stürmen den Platz. Sonderpolizisten – schwarz, vermummt, hemmungslos. Sie prügeln auf alles ein: Alte, deren Kinder, deren Enkel. Sie hämmern auf ihre Metallschilder, treiben die Menge auseinander, verfrachten Hunderte in Lkw zum Abtransport in die Gefängnisse. NEWS-Fotograf Heinz Tesarek brechen sie den rechten Zeigefinger, Präsidentschaftskandidat Sannikow liegt blutend im Schnee. Das Handynetz wird heruntergefahren, die Internetverbindungen gekappt, eine Hetzjagd setzt ein. Nicht der Platz ist länger ihr Austragungsort, sondern ganz Minsk. Überall Spezialpolizei, die jeden jagt, der noch draußen ist. Mitten auf einer Kreuzung steht ein Auto. Es ist von den Männern in Schwarz umringt. Sie versuchen, die Fahrerin herauszuzerren. Die Frau schreit. Laut. Gellend. Ein Taxi hält, der Fahrer hämmert aus Protest auf die Hupe. Die Polizisten dreschen mit Schlagstöcken auf seine Windschutzscheibe ein. Die wenigen, die die Szene beobachten, ziehen den Kopf ein, huschen rasch durch den Schnee weiter. Die Frau, auch sie landet im Arrestantenwagen.

Die Bilanz der Nacht: 600 Verhaftungen, sechs von neun Präsidentenanwärter in KGB-Gewahrsam, ein weiterer verletzt aus dem Spital entführt. Zertrümmerte Oppositionsbüros, festgenommene Journalisten und Politiker, denen 15 Jahre Haft drohen. Lukaschenko spricht tags darauf von „Banditen“ und dass es nun vorbei sei „mit der sinnlosen Demokratie.“ Österreichs Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach willl als OSZE-Wahlbeobachter hingegen “höchstes demokratisches Niveau” vorgefunden haben. In seiner Zweitkarriere als Consulter bietet er “Geschäfte und Gegengeschäfte jeglicher Art” an. Diese Geschäfte scheinen auch der EU eine gemeinsame Linie zu erschweren, denn nach einem kurzen Aufschrei, schweigt auch Brüssel. Über Weihnachten treffen dafür „Glückwünsche“ aus Moskau ein: die ins Wanken geratene Freundschaft scheint gerettet, billiges Gas und Öl gesichert und der Meisterstratege im Präsidentenamt kann zufrieden mit sich sein. Es ist nach Neujahr. Schnee fällt. Minsk ist still, schweigend. Wie ein Stummfilm. Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko ist seinem Ruf gerecht geworden.

Erschienen in NEWS 01/11

Allein gegen die Epidemie

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Ukraine - AIDS mit den Tags , , , , , , , am 18. Juli 2010 von lehermayr

AIDS-HOCHBURG UKRAINE. Eine halbe Million Infizierte und alle acht Minuten ein weiterer. Wieso vor den Toren der EU das Virus wütet und wie ein Mann heldenhaft dagegen ankämpft.

Der Satz schlägt ein wie eine Bombe, weil er so unwirklich erscheint in dieser Umgebung. Er fällt ganz am Anfang, beim Kennenlernen, in einem eleganten Café im Zentrum von Odessa: weiße Lederbänke, teure Cocktails, Mädchen in kurzen Röcken und Männer mit dicken Brieftaschen. Sie plaudern, sie lachen, sie genießen den Sommer in der Millionenstadt am Schwarzen Meer, zwei Flugstunden hinter Wien. „Und auch sie sind infiziert“, sagt Sergej Kostin leise und lässt seinen Blick kreisen, „nicht alle natürlich, aber selbst hier, im feinen Café, sind zehn Mal so viele Menschen HIV-positiv als in jeder anderen Stadt Europas.“

AIDS – ist das nicht Afrika? Ist das nicht Armut? Ist das nicht ein Thema, das weit weg ist? In Österreich, wo sich 12.000 Menschen mit HIV infiziert haben und sich jährlich 500 neu anstecken, scheint die Angst vor Aids zu schwinden. Die Schockkampagnen von einst? Fast vergessen. Die Immunschwächekrankheit selbst? Angeblich harmloser als angenommen. Gerade der „Life Ball“ vermag noch ein bisschen Betroffenheit zu wecken.

Am Samstag wird dort ein Mann die Bühne erklimmen, der auf den ersten Blick so gar nicht zu dem schrillen Event bedanken, wenn ihm Belinda Stronach den Preis überreicht, wohl ein wenig von seiner Arbeit berichten und unter Applaus abtreten. Und keiner wird ahnen, aus welcher Welt dieser Sergej Kostin gekommen ist. Eine Welt, die hart und brutal ist, in der Aids Alltag und Ohnmacht zugleich ist. Eine Welt, die vor unserer Haustür beginnt, gleich hinter der Schengen-Grenze, in der Ukraine. Eine Welt, die von Wien weniger weit weg ist als Bregenz.

In der Aids-Hochburg. In ihr grassiert Aids als Epidemie, als Virus, der das Land im Würgegriff hält. Konservativ geschätzt haben sich bereits mehr als eine halbe Million Ukrainer angesteckt und jeden Tag kommen 180 weitere hinzu. Die Neuinfektionsrate ist so hoch wie nirgendwo sonst auf der Welt und alle Versuche, die Epidemie, einzudämmen, sind bislang gescheitert.

Es ist Sergej Kostins Welt. Der stämmig wirkende 52-Jährige leitet „Way Home“. Einen Verein, ohne den die Hafenstadt Odessa, die Aids-Hochburg der Ukraine, wohl vollends verloren wäre.

Im grünen Unterleibchen und mit kurzen Hosen sitzt Kostin im Fond eines alten Kleinbusses, der über das Kopfsteinpflaster der Stadt rumpelt. „Sozialpatrouille“ nennen sie diese tägliche Fahrten durch die Stadt und deren Elend. „Lass uns mal an der Puschkin-Straße halten“, meint Roman, der vorne sitzt. Doch soweit kommen sie gar nicht, denn schon an der nächsten Kreuzung werden die Männer fündig. Drei Burschen kauern dort in der Hitze. Ihre Körper ausgemergelt, ihre Mienen ausdruckslos, ihre Zukunft aussichtslos. Aljoscha, Sergej und Sascha leben seit Jahren auf der Straße. Drei von etwa zehntausend. So ungewiss ihre genaue Zahl ist, so unklar ist auch, wie viele bereits mit HIV und der damit meist einhergehenden Tuberkulose infiziert sind.

Roman, der Sozialarbeiter, steigt aus, holt Säckchen mit Lebensmitteln, Seife, Zahnpasta und Zahnbürsten aus dem Kofferraum. Er kennt die Burschen und ihre Geschichten, die jenen des Landes so sehr gleichen. Sie handeln von Eltern, die entweder längst vom Aids weggerafft wurden oder dem Suff verfallen sind. Von Eltern, die mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem folgenden Turbokapitalismus ins Trudeln gerieten. Ihre Kinder liegen nun wie ausgespuckt vor den glitzernden Einkaufspalästen der Stadt und betteln. „Wollt ihr nicht doch mit uns kommen“, fragt Roman die drei schließlich, aber die winken nur ab – die Straße ist stärker. Sie nimmt den Kindern den Glauben ans Morgen und die Hoffnung auf ein besseres Leben.

„Nun also zur Puschkin- Straße“, wiederholt Roman und breitet einen Stadtplan aus. 64 Stellen haben er und seine Leute darauf markiert – es sind Abbruchhäuser, Fabrikskelette oder einfach Kanalschächte – allesamt verlassene Orte, an denen Straßenkinder hausen. Roman weiß, wovon er spricht, denn er war selbst jahrelang einer von ihnen. „Ich wäre dort wohl krepiert“, meint er, „wenn es Way Home nicht gegeben hätte.“ Wie Hunderte andere hat ihn Sergej Kostin von der Straße geholt, ihn im Heim des Vereins untergebracht, zur Schule geschickt und so eine Zukunft gegeben.

Im Kindergarten der Hölle. Es ist später Nachmittag, als der Bus an der Puschkin-Straße hält: Ein graues Abbruchhaus, die Fenster eingeschlagen, die Eingänge verbarrikadiert, die Fassade abgebröckelt. Roman klettert hinein, steigt über Spritzen, die in all dem Schutt neben einer schmutzigen Puppe am Boden liegen, hinauf in den ersten Stock der Baracke. „Ist hier jemand von euch“, ruft er. Bloß Belag bröselt von der Decke, sonst herrscht Stille. Er will kehrtmachen, als auf einmal ein Wimmern zu vernehmen ist. Roman folgt dem Geräusch, meint noch, es könnte von einem Tier stammen, balanciert über morsche Holzplanken und blickt plötzlich direkt in die Hölle.

In einem Zimmer liegen vier Burschen und zwei Mädchen am Boden. Es ist stickig und heiß. Wie Roboter verrichten die Kinder ihre Tätigkeiten – der Kleinste, Anatolij, zieht eine Spritze nach der anderen auf, füllt sie mit dem selbst gemachten Teufelszeug, das sie „Boltuschka“, „den Dreher“, nennen. Es sind Hustentabletten, zerstampft und mit einer Mischung aus Essig, Wasser und ein wenig Alkohol verflüssigt. Die Droge stillt den Hunger, macht gleichgültig und auch ein wenig euphorisch. Sie ist ein kurzer Trip ins Jenseits, der gerade einmal einen Euro kostet und Schuss für Schuss das zentrale Nervensystem ein Stück weiter lahmlegt. Anatolij reicht die vollen Spritzen an Sveta und Natascha. Diese klopfen nervös die Arme der Burschen ab, suchen an den hervortretenden Venen nach Einstichstellen. Und dann, dann gleiten sie ab aus dem Alptraum der ihr Leben ist, hinein in eine bessere Welt.

„Die Drogen waren der Anfang“, wird Sergej Kostin später erklären, „damals in den 90er-Jahren, als hier alles vor die Hunde ging, überschwemmten sie das Land. Auch ich nahm sie. Die Nadeln wurden weitergereicht und so begann HIV, vom dem wir alle keine Ahnung hatten, um sich zu greifen.“ Kostin, der gelernte Geologe, stieg aus, als er noch konnte, gründete den Verein und begann fortan, nach Menschen statt Steinen zu graben. Nach Menschen, die das neue System wie Strandgut anschwemmte.

Die verlorene Unschuld. Kostins „Way Home“ wuchs von einer One-Man-Show zum respektablen Verein, der mit nunmehr 100 Mitarbeitern zwar weiter ständig ums Überleben kämpft, sich aber nicht nur noch um Straßenkinder kümmert, sondern auch Jugendliche aus Problemfamilien betreut, Tageszentren errichtet, Spritzen verteilt und alles tut, um die Ausbreitung von Aids zu stoppen.

Denn auch wenn die Mehrheit im Land weiter von der „Krankheit der Junkies und Nutten“ spricht, so ist das Virus längst auch bei ihr angekommen. Bei Frauen wie Alonja und Olja etwa, die jung und hübsch sind, Babies haben und mit ihnen meist einen gemeinsamen Status teilen – und der ist positiv.

„Die Männer haben uns angesteckt“, berichten sie nun, „entweder weil sie selbst nicht wussten, dass sie das Virus haben oder uns dies einfach verschwiegen.“ Während ihre Kinder schlafen, schildern die Frauen ein System, das der Epidemie scheitert. Ein System, das notwendige Untersuchungen nicht zulässt oder unbezahlbar werden lässt, in einem Land, das seinen hunderttausenden HIV-Infizierten gerade einmal 7.657 Plätze für die so notwendige antiretrovirale Therapie und ganze 40 Klinikbetten bieten kann.

„Du musst warten, bis der nächste Patient stirbt, dann kommst Du an die Reihe, hat ein Arzt zu mir gesagt“, erinnert sich Olja, die seit fünf Jahren mit dem Virus lebt. Warten, leiden und irgendwann sterben – so sieht die Zukunft für viele Ukrainer aus, wenn nichts geschieht.

Am nächsten Tag wird klar, dass in der Puschkin-Straße etwas geschehen ist. „Die Miliz war da“, sagt Kostin, „sie hat die Kinder in die Klinik gebracht, doch der Primar hat sie sofort wieder rausgeschmissen, da sie alle angeblich gesund wären…“ Kostin ärgert sich über so viel Ignoranz, er telefoniert nun, will die Kinder retten, will weiter für sie kämpfen – wieder einmal.

Erschienen in NEWS 28/10

Ein aufrüttelndes Video und berührende Bilder aus Odessa

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