Archiv für Prag

Karlsbrücke, Kafka und Kiffen

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Tschechien - Drogen mit den Tags , , , , , am 17. Februar 2010 von lehermayr

IM NEUEN AMSTERDAM. In Tschechien ist der Konsum von Gras, Koks und Pillen seit kurzem straffrei. Ein Report aus dem “Kifferparadies” Prag.

Golden glänzt die Karlsbrücke gegen die schwarze Nacht an. Darüber thront, erhaben wie eh und je, die Prager Burg im Scheinwerferlicht. Es ist ein Postkartenmotiv – Millionen Mal fotografiert und bewundert – das sich den Touristen hier abends am Ufer der Moldau bietet. Doch Anna, Katka und Petr haben heute keine Augen für ihre Heimatstadt. „Komm, gib mir mal das Feuerzeug rüber. Meiner brennt noch nicht ordentlich“, meint eines der Mädchen, hantiert herum und bläst wenig später genussvoll die ersten Rauchschwaden in die Luft. „So ein Joint vor dem Fortgehen lässt den ganzen Abend gleich viel entspannter werden“, ist sich das Trio einig…

Harter House und weiche Drogen. Ein paar hundert Meter weiter, in einer der engen Gassen der Altstadt, liegt das „Roxy“. Ein Klub, gleich nach der Wende eröffnet, der Freunde von hartem House und weichen Drogen gleichermaßen magisch anzieht. „Gekifft wurde hier schon immer“, erklärt Zybnek, der ein gewisses Glänzen in seinen Augen nur schwer verbergen kann, „aber ab nun ist alles anders.“ Warum, wird er uns später erklären, denn noch ist er zu sehr damit beschäftigt, all seine Aufmerksamkeit dem Gelingen des Joints zu widmen, den er sich seit mittlerweile zehn Minuten dreht.

Prag im Februar 2010. Nicht nur der scheinbar kaum enden wollende Winter hält die tschechische Hauptstadt fest im Griff. Aus manchen, der hier so beliebten Kellerlokale, strömt auch ein süßlich-schwerer Geruch. Für die einen ist es einfach Haschisch, für die anderen der Hauch der Liberalisierung – und wiederum andere orten gleich den Untergang des Abendlandes, angesichts dessen, was sich in Tschechien gerade tut.

Die Tschechen, mit 160 Litern Bierverbrauch pro Jahr und Kopf, weltweit ohnedies unangefochten an erster Stelle liegend, haben sich in einen heftigen Flirt mit bislang nicht ganz so legalen Substanzen gestürzt. Und die Betonung liegt auf bislang. Denn die unter der Ägide des Statistikers Jan Fischer stehende Beamtenregierung, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine fast schon philosophisch anmutende Fragestellung einer Klärung zuzuführen: „Wie groß ist eine mehr als kleine Menge von Drogen?“

Kein Gefängnis für Koks. „Früher war es so, dass dies örtlich definiert wurde, was dazu führte, dass das, was in Prag vielleicht noch erlaubt war, einen in Brünn schon ins Gefängnis brachte“, erläutert Jakub Frydrych, Chef des Anti-Drogenkommandos der tschechischen Polizei. Und nun, könnte man sagen, bringt einen kaum noch etwas in den Knast. Denn die Regierung setzte die Mengen, ab deren Überschreiten erst eine Strafverfolgung droht, vergleichsweise hoch an – und das sowohl bei weichen wie auch harten Drogen:  So muss, wer bis zu 15 Gramm Marihuana besitzt, fortan nur noch eine Geldstrafe fürchten.15 Gramm Marihuana, das sind immerhin bis zu 40 Joints und die dreifache Menge dessen, was in den Niederlanden erlaubt ist. Tschechien erhielt so Europas liberalstes Drogengesetz und erntete dafür auch gleich den Unmut seiner rigider agierenden Nachbarstaaten. Diese fürchten „natürlich eine ausstrahlende Wirkung“, wie es Oberösterreichs Sicherheitsdirektor Alois Lißl formuliert.

 Chefdrogenfahnder Frydrych kann die Bedenken seines Gegenübers verstehen, sieht für sein Team aber auch die Vorteile: „Wir können nun unsere ganze Kraft auf die großen Fische im Drogenschäft lenken und müssen nicht länger Kranke – und nichts anderes sind Süchtige – kriminalisieren.“ Wobei der hemdsärmelige Chef der Anti-Drogeneinheit zugeben muss, dass ihm das grassierende „Gras“ doch Kopfweh bereitet: „Aber hierzulande wird Marihuana in engem Zusammenhang mit der persönlichen Freiheit gesehen und entsprechend selten meldet uns jemand diesbezügliche Gesetzesverstöße.“ Mit dieser Ausgangslage haben auch Tschechiens Politiker zu kämpfen – und mit der Tatsache, dass 29 Prozent ihrer Bürger zwischen 15 und 24 Jahren im Vorjahr Erfahrungen mit Marihuana machten, was dem höchsten Wert innerhalb der EU entspricht.

Tanzen unter Joints. „Die Tschechen waren schon immer recht liberal, selbst so manch alte Oma hat bereits im Kommunismus ihre Hanfstaude im Garten gezüchtet – insofern gab es politisch kaum einen Streit über die Gesetzesänderung“, erklärt Jirí Presl, der eine Betreuungseinrichtung für Süchtige leitet. Der Arzt beklagt jedoch auch, „dass wir zwar bei der Behandlung von Drogenkranken recht gut sind, aber leider immer noch viel zu wenig Geld in die Prävention investieren und daran hat sich auch durch das neue Gesetz nichts geändert.“

Doch zurück ins „Roxy“ und zu Zbynek, dessen Joint gelungen und auch schon angezunden ist. Während der Macher des Hanfblattes „Konoptikum“ tief inhaliert, blickt er auf die Tanzenden und die von der Decke der Disco baumelnden, überdimensionierten Joints: „Ob Prag zum neuen Amsterdam wird? Ich weiß es nicht. Coffeeshops wird es keine geben, aber immer genügend Barkeeper mit Gras hinterm Tresen“, ist der 25-Jährige überzeugt, „und wenn nun Touristen nicht mehr bloß wegen der Karlsbrücke und Kafka kommen, wird es wohl keinen hier stören…“

Erschienen in NEWS 06/10

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1968 – Das Ende der Freiheit

Veröffentlicht in Prager Frühling, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , , am 17. Juli 2009 von lehermayr

TSCHECHIEN. Vor 40 Jahren walzten sowjetische Panzer den Prager Frühling nieder. Ein Volk kämpte und verlor. Zwei Zeitzeugen aus Österreich erinnern sich.

Prag 1968 ScreenEs ist der Morgen des 29. Juli 1968. Auf sowjetischer Breitspur rollt ein Sonderzug ins Grenzstädtchen Cierná, im Osten der CSSR. Der österreichische Wochenschau- Kameramann Otto Pammer steht inmitten eines Weizenfeldes und filmt bei sengender Hitze die fröstelnd machende Zusammenkunft am Bahnsteig. Versteinerte Mienen tragen die Führer des Politbüros mit Leonid Breschnew an der Spitze, als sie aus den grünen Salonwagen steigen und dem Prager Reformer Alexander Dubcek bloß die Hand reichen – die Zeit der „Bruderküsse“ ist längst vorbei. „Man hat damals bereits geahnt“, erinnert sich der heute 82-jährige Pammer jetzt in NEWS, „dass das Land auf der Kippe steht, und deshalb haben sie mich von Wien durch die ganze Slowakei geschickt, um dieses Ereignis zu filmen.“

Was in den Monaten zuvor geschehen war, hält auch die Österreicher in Atem. Zwölf Jahre nachdem die Sowjets den Ungarn-Aufstand brutal niedergewalzt hatten, setzte nun im nördlichen Nachbarland das Tauwetter ein. Die politische und wirtschaftliche Stagnation in der CSSR hatte zu einer Spaltung der dortigen KP geführt und brachte Anfang ’68 den bislang unbekannten Alexander Dubcek an die Spitze der Partei.

Nervöse Polit-Bonzen. Der Slowake, in dem viele bloß einen weiteren farblosen Apparatschik sahen, überraschte mit dem Mut zu Reformen. Einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wolle er schaffen, sagte er und versprach Reise-, Rede- und Versammlungsfreiheit. „Svoboda“, die Freiheit, sie ist es, die die Menschen fasziniert, sie in ihren Bann zieht und zu Anhängern Dubceks werden lässt. Doch sie ist auch eine gefährliche Verheißung, welche die Führer der kommunistischen „Bruderstaaten“ nervös werden lässt. Zu viel Freiheit beim Nachbarn, das wissen sie, stellt auch ihren eigenen Machtanspruch infrage. Im Örtchen Cierná versuchen sie deshalb, den abtrünnigen Genossen Dubcek auf Linie zu bringen. Was, wie es damals scheint, auch gelingt. Dass die Generäle zur selben Zeit aber bereits über Einmarschplänen brüten, ahnt noch keiner.

Auch nicht ein junger österreichischer Fotograf, der im Auftrag des französischen Magazins „Paris Match“ am 20. August 1968 in Wien ins Auto steigt. Er heißt Franz Goess, ist 39 und hat sich schon beim Ungarn- Aufstand und dem Sechstagekrieg seine Sporen verdient. An diesem Tag soll er nach Bratislava fahren, um die Kinopremiere eines verbotenen Films zu fotografie ren. In der Stadt herrscht ausgelassene Stimmung, die Krise der vergangenen Wochen scheint abgewendet, die Reformen gehen weiter. „Auch ein slowakischer Freund und ich waren in Feierlaune“, erinnert sich Goess, „in der Bar des Hotel Carlton stießen wir gegen elf am Abend gerade an, als ein Bursch hereingelaufen kam und schrie, dass ein Panzer draußen stünde.“ Goess schnappt sich seine Kamera, läuft hinaus und blickt in die Kanone eines sowjetischen T-55, der, wie Goess sagt, „dankenswerterw e ise vor dem Straßenschild ‚Wien: 70 Kilometer‘ parkte.“

Der Einmarsch hatte soeben begonnen. Wie wild fotografiert Goess, so lange, bis ein Russe aus dem Panzer springt und ihn einzufangen versucht: „Ich bin aber zurück ins Hotel, wollte sofort in Wien anrufen, doch die Leitungen dorthin waren bereits gekappt.“

Noch weiß niemand auf der Welt, was hier gerade geschieht. Noch hört niemand das Rollen der 2.000 Panzer und das Stampfen der halben Million Soldaten aus der Sowjetunion, Bulgarien, Polen und Ungarn, die in dieser Nacht beginnen, das im „Prager Frühling“ langsam gewachsene Pflänzchen namens Freiheit niederzuwalzen.

Der erste Tote. „Aus heutiger Sicht hat Österreich die akute Brisanz dieser Tage falsch eingeschätzt“, weiß Stefan Karner vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz, „denn als die Panzer auf Prag und Bratislava zurollten, war die österreichische Staats- und H e e resspitze auf Urlaub und telefonisch nicht erreichbar.“ In der schwül-warmen Nacht zum 21. August 1968 landen auf dem Prager Flughafen Ruzyne im Minutentakt Militärmaschinen. Panzer rollen auf die Hauptstadt zu. Ein Aufruf im Radio, der die Invasion verurteilt, wird unterbrochen, das Sendegebäude von Truppen umstellt. Ta xifahrer rasen mit aufgeblendeten Scheinwerfern durch die Stadt, hupen, schlagen Alarm. Prag erwacht mitten in der Nacht, und der erste Tscheche stirbt für die Freiheit. Eingehüllt in die Nationalflagge bricht er angeschossen vor dem Gebäude des Zentralkomitees unweit des Wenzelsplatzes zusammen. Die Trikolore liegt am Boden, der junge Mann verblutet auf ihr. Es beginnt zu nieseln.

Am nächsten Tag reicht der Fotograf Franz Goess in Bratislava einem Kollegen seine Filme, damit dieser sie nach Wien schmuggelt. Dort erhält zur selben Zeit Wochenschau- Filmer Otto Pammer ein Fax aus den USA. Sein Auftraggeber, Fox News, beordert ihn nach Prag. Sofort. „Ich sprang ins Auto und fuhr los, hatte noch ein gültiges Visum und gelangte so als einer von wenigen ungehindert in die CSSR.“ Schon auf dem Weg in die Stadt rollen an ihm die ersten Panzer vorbei, die nach und nach das gesamte Land besetzen. Dubcek und die anderen Reformer sind längst in Gewahrsam der Sowjets. Deren Soldaten aber glauben, hier zu sein, um ein Land von der Konterrevolution zu befreien. In Wirklichkeit t reffen sie auf einen Staat im Widerstand. Goess knipst in Bratislava, wie sich eine nicht enden wollende Panzerkolonne über die alte Donaubrücke zwängt. „‚Ihr seid hier nicht erwünscht‘, haben Jugendliche geschrien“, erinnert er sich, „und eine Menschenkette gebildet – bis die ersten Schüsse fielen.“

Aus Freunden wurden Feinde. Im 300 Kilometer entfernten Prag filmt Pammer gleichzeitig, wie Studenten die blutgetränkte Trikolore auf den von ihnen gekaperten sowjetischen Panzern schwenken. Die Kamera, sie wird zur Zeugin der Anklage in einem noch nie da gewesenen gewaltfreien Widerstand, der die Welt betroffen macht. Pammer wird zum Fenster des Westens für viele Tschechen. Er pendelt Nacht für Nacht von Prag nach Wien: „Ich habe das Material, das ich tagsüber filmte, geschnitten und verschickt. Da an viel Schlaf nicht zu denken war, legte ich mich höchstens für eine Stunde hin und fuhr zurück nach Prag.“

Dort ist nun auch Franz Goess eingelangt und fotografiert die Verunsicherung in den Gesichtern der Soldaten, die längst nicht mehr wissen, was sie hier tun: „Das waren Buben aus der tiefsten Provinz, denen erzählt wurde, sie würden mit Applaus und Blumen begrüßt.“

Nun versperren ihnen aber Hunderttausende den Weg, geben ihnen keine Auskunft, kein Quartier, kein noch so kleines Stück Brot, keinen einzigen Schluck Wasser. Sie führen sie in die Irre, montieren Straßenschilder ab und lassen Wegweiser verschwinden. Selbst die Namen an den vielen Türglocken sind über Nacht abhanden gekommen, und eine ganze Nation heißt fortan nur noch Dubcek oder Svoboda. In Windeseile tauchen überall in Prag Karikaturen auf. „Iwan, fahr nachhause, Natascha wartet schon“, steht dort auf Russisch geschrieben, oder: „Selbst Hitler ist bei Tageslicht einmarschiert. Nur unsere Freunde überfallen uns in der Nacht.“ Goess fotografiert, wie sich eine Nation gegen den übermächtigen Aggressor stellt, wie sich ein ganzes Volk verzweifelt gegen jene stemmt, die es zu lange für Freunde hielt. Es ist der Kampf Hunderttausender, die Nacht für Nacht „ Proletarier aller Länder, verzieht euch“ auf die Wände kritzeln, in der Hoffnung, dass ihr Traum von der Freiheit überlebt, auch wenn sie selbst dafür sterben müssen.

Der Frühling endet im Sommer. Doch der Traum stirbt schneller. „Beim Ungarn-Aufstand war ich noch euphorisch“, sagt Pammer, „aber als ich in Prag sah, mit welcher Brutalität die Sowjets vorgingen, wusste ich, dass die Tschechen keine Chance haben.“ Aus Angst vor einem Blutbad und unter dem Druck von einer halben Million Soldaten unterzeichnet Dubcek am 26. August in Moskau ein Protokoll, in dem die Reformen zurückgenommen werden.

Der Prager Frühling stirbt im Sommer, und auf ihn folgt ein nicht enden wollender Wi nter. Eine Zeit, euphemistisch als „Normalisierung“ bezeichnet, die alles, wofür die Menschen kämpften, fortan im Keim erstickt. Die Lage ist aussichtslos. So aussichtslos, dass der Student Jan Palach an einem nebligen Jännertag im Jahr ’69 beschließt, dem allem ein Ende zu setzen. Vor dem zerschossenen Nationalmuseum übergießt er sich mit Benzin und läuft als Fanal der Freiheit in Form einer menschlichen Fackel brennend über den Wenzelsplatz. Franz Goess fotografie rt sein Begräbnis, das Tausende protestieren lässt. Doch es nützt nichts mehr. Es ist vorbei.

Goess ist zum Jahrestag der Invasion 1969 ein letztes Mal in der CSSR. „Bis dahin hatte ich an der Grenze nie Probleme bei der Ausreise“, erzählt er, „doch diesmal filzten mich die Zöllner und fanden meine Filme.“ Er w i rd zur Kommandantur gebracht, stundenlang verhört und festgehalten: „Schließlich sagten sie mir: Entweder wir eröffnen ein Verfahren, und du kommst ins Gefängnis, oder du reist sofort freiwillig aus und bekommst die nächsten Monate kein Visum mehr.“ Aus Monaten sollten Jahre werden, und Goess sah, ähnlich wie Pammer, Prag erst wieder, nachdem der lange Winter im November 1989 endlich in der Freiheit endete.

Der NEWS-Artikel vom August 2008 als PDF-Download

(Erschienen in NEWS 34/08)

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