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Die gestohlene Revolution

Veröffentlicht in Ägypten - Revolution, Teil 2, REPORTAGEN mit den Tags , , , , , , am 4. Dezember 2011 von lehermayr

MITTEN IM KAIRO-CHAOS. Gewalt, Tränengas, Tote. Die Revolte gegen die Macht der Militärs. Und die Wahrheit über die Profiteure im Ägypten von Morgen: die Islamisten.

Für Hasan steht alles auf dem Spiel. Sein Augenlicht, sein Leben, seine Zukunft. Kehrt er zurück, wird es so sein wie damals, Anfang des Jahres: junge Menschen, enthusiastisch, mutig, tapfer, zu allem bereit. Ein gemeinsamer Feind, ein Ziel, eine alles verbindende Hoffnung: das freie, das bessere Ägypten.

Hasan weiß aber auch, wie die Wirklichkeit auf dem Tahrir- Platz aussieht. Er erinnert sich an die Freunde, die sterben. An die Tränengasgranaten, die neben ihm einschlagen. Den bläulichen Rauch, den sie freisetzen. Der ihn husten, spucken, würgen lässt. Ihn zum Taumeln bringt, ihm die Kraft raubt. Er kennt die prügelnden Polizisten, die Schlagstöcke, die Gewalt. Weiß, was es heißt, wenn ein Regime, um sein Überleben kämpft. Er braucht nur in den Spiegel zu blicken, um zu sehen, was es angerichtet hat.

Verbündete und Feinde.

Hasan ist 23 Jahre alt, ausgebildeter Arzt und auf einem Auge erblindet. „Ein Gummigeschoß der Polizei, in den ersten Tagen der Revolution“, erklärt er, während er Mullbinden und Verbandszeug herrichtet.

Es ist früher Nachmittag am Tahrir-Platz, jenem zentralen Ort Kairos, wo schon einmal Geschichte geschrieben wurde. Dort, wo im Februar Hunderttausende den Langzeitherrscher Hosni Mubarak stürzten, hängen erneut Tränengasschwaden in der Luft. Wieder wird scharf geschossen, gibt es Hunderte Verletzte und bereits Dutzende Tote.

„Ich zögerte keinen Moment, hierher zurückzukehren“, sagt Hasan nun, „immerhin gilt es, das zu vollenden, was wir schon abgeschlossen glaubten. Jene zu stürzen, von denen wir annahmen, sie seien Vergangenheit.“

Er will weitererzählen, von der Hoffnung, die sie damals hatten, als Mubarak zurücktrat. Davon, dass sie es anfangs nicht fassen konnten, tatsächlich gesiegt zu haben. Und auch eingestehen, als wie naiv sich diese Annahme letztlich erweisen sollte. Doch ständig tragen Männer neue Verletzte heran. Vom Tränengas bewusstlos Gewordene. Von Gummigeschoßen Getroffene. Von scharfer Munition Verletzte. Blutende. Brüllende. Leidende. Opfer „der unvollendeten Revolution“, wie Hasan jene nennt, die er nun in inmitten des Tahrir- Platzes notdürftig verarztet.

Rund um ihn wächst längst kein Gras mehr. Pflastersteine wurden herausgerissen, zu Wurfgeschoßen umfunktioniert. Im ungleichen Kampf der jungen Demonstranten gegen eine gut gerüstete Polizei. Seit vergangenem Samstag wiederholt sich die Geschichte.

Nun ist aber nicht der Diktator der Gegner, sondern das Diktat des Militärs. Jene Männer in Uniform, die versprochen hatten, dem Volk zu Demokratie und Freiheit zu verhelfen, sind zu Feinden geworden. Vergessen sind die Fotos der jungen Revolutionäre, die Soldaten auf ihren Panzern umarmen, sie küssen und ihnen Dankesgaben bereiten. Die Demonstranten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die wahren Pläne der Generäle zu spät durchschaut zu haben.

Die Taktik der Militärs.

„Ja, wir waren da schon ein wenig blauäugig“, gesteht Mabrook al-Asch im Gespräch mit NEWS ein. Er ist ein stämmiger, kräftiger Mann in Camouflage- Hosen. Ein Blogger, einer der führenden Figuren aus der Generation Facebook, der mit der Jugendbewegung des 6. April damals ganz vorne stand im Kampf gegen das Regime Mubarak.

Nun berichtet er von „13.000 Menschen, die seit Februar vor Militärtribunale gestellt wurden“, von inhaftierten Bloggern und gefolterten Aktivisten. Er schildert, wie das Militär den Übergang zur Demokratie verschleppte, Zeit gewann, ehemalige Mubarak-Getreue schützte und zuließ, dass diese bei den am kommenden Montag beginnenden, sich insgesamt fast drei Monate lang hinziehenden Parlamentswahlen kandidieren.

„Es hat sich nichts geändert: Das Militär will sich auch in Zukunft Sonderrechte sichern, über der Verfassung stehen, keinen Einblick in sein Budget zulassen und die Macht nicht abgeben. Es ist wie damals bei Mubarak.“

All das verwundert wenig angesichts der Geschichte von Ägyptens Armee, welche mit fast einer halben Million Soldaten die zehntgrößte Streitmacht der Welt stellt. Seit der von den „freien Offizieren“ um Nasser angeführten Revolution im Jahr 1952 ist sie zu einem Staat im Staate geworden.

Die Rolle der Amerikaner.

Alle bisherigen Präsidenten entstammten ihren Reihen, und sie kontrolliert mit eigenen Betrieben, Immobilien, Restaurantketten und Tankstellen weite Teile der Wirtschaft. Offiziere verfügen über Privilegien, von denen die breite, verarmte Masse der Ägypter nicht einmal zu träumen wagt.

Hinter hohen Mauern entlang Kairos Nilpromenade verbergen sich ebenso exklusive Militärspitäler wie noble Rückzugsresidenzen für die Generalität. Der für gewöhnlich gut informierte militärische Fachverlag Jane’s schätzt das jährliche Gesamtbudget der Armee auf 4,5 Milliarden Dollar – wobei ein Viertel davon direkt von den USA an den Verbündeten am Nil überwiesen wird, das dort wiederum sogleich in Waffen amerikanischer Herkunft reinvestiert wird.

Die Armee kann kein Interesse daran haben, ihre Sonderstellung allzu schnell und freiwillig aufzugeben. Und auch die USA setzen darauf, lieber ihre alten Vertrauten als letzte Instanz installiert zu sehen, als sich künftig mit den wahren Profiteuren der Revolution herumschlagen zu müssen.

Die Revolution wurde gekapert – abgewürgt und ausgebremst von nicht weichen wollenden Militärs und ausgenützt von Islamisten, welche sich noch im Frühling augenscheinlich im Hintergrund hielten. Mabrook al-Asch, der Revolutionär der ersten Stunde, sitzt nun mit seinen Getreuen ganz am Rande des Tahrir. Es ist Freitag, der 18. November, 24 Stunden später werden bereits die ersten Schüsse fallen.

Die Macht der Islamisten.

„Sie haben uns in Verruf gebracht“, klagt er, „behauptet, wir wären vom Ausland finanziert, verantwortlich für die Zunahme der Kriminalität und die steigenden Preise. Aber das ist nun vorbei, die Militärs haben den Bogen überspannt. Wir sind zurück am Tahrir, und wir werden nicht weichen.“ Da ist er wieder, der revolutionäre Eifer, der Glaube, ja, die Hoffnung, den Stillstand am Nil endlich überwinden zu können, den Anschluss zu finden an eine moderne Welt.

Doch der Blogger sieht auch, was sich seit jenen revolutionären Tagen des „arabischen Frühlings“ verändert hat. Er braucht nur über den Platz zu blicken, der einst der ihre war, um zu erkennen, wie ein „islamischer Herbst“ aussieht. Dort, mitten auf dem Tahrir, stehen eilig errichtete Holzbühnen, von denen bärtige Männer in Kaftanen und Kutten in Megafone brüllen. Längst haben sie den Platz mit Hunderttausenden von Anhängern unter ihre Kontrolle gebracht.

Das Trugbild des Westens.

Die Revolutionäre, die auf Facebook und Twitter setzen, stehen abgedrängt am Rand, fortan verurteilt zur bloßen Beobachterrolle. „Ägypten ist eben ein frommes Land“, meint Blogger al-Asch schulterzuckend, „und wir müssen die Islamisten wohl akzeptieren, wenn wir Demokratie wollen.“

„Der Islam ist die Lösung“, dröhnt es von der einen Bühne, „der Koran ist unsere Verfassung“ von einer anderen. All jene westlichen Beobachter, die vom direkten Übergang der Diktatur in einen säkularen Staat am Nil träumten und in ihren Analysen nicht aufhörten, den Einfluss der Islamisten auf Ägyptens Zukunft herunterzuspielen, werden hier Lügen gestraft. Kairo gleicht an diesem Freitag, bloß Stunden von der Gewaltexplosion entfernt, mehr einem Kalifat als einer Bastion des Wandels hin zu Freiheitsund Menschenrechten.

Voll verschleierte Frauen tragen Plakate vor sich her, auf denen die Freilassung von Scheich Rahman gefordert wird. Dabei handelt es sich um einen Kleriker ägyptischer Herkunft, der in Verbindung mit den ersten Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 1993 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dessen militante radikalislamische „al-Dschama’a al-islamiyya“ verübte etwa 1997 den Terrorakt im ägyptischen Luxor, bei dem 62 Touristen starben. In der EU und den USA wird sie als Terrororganisation geführt – und hier in Ägypten gründete sie gerade eine eigene Partei, die nun zu den Wahlen antritt.

Deren Sieger – sofern sie angesichts der Gewaltwelle überhaupt stattfinden – steht ohnedies bereits fest. Es sind die islamistischen Muslimbrüder beziehungsweise deren „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“.

Das Netz der Bruderschaft.

Sie waren dort, wo der Staat scheiterte, überzogen das Land, mit Spitälern, Armenausspeisungen und an Moscheen angeschlossene Sozialeinrichtungen. Wenn das Regime Mubarak sie verfolgen ließ, sie in den Kerker steckte und als potenzielle Terroristen brandmarkte, wirkten sie weiter aus dem Untergrund heraus. Es ist eine – gerade im Westen – von Mythen umrankte Verbindung, die 600.000 Mitglieder zählt und schon jetzt zu den Gewinnern im neuen Ägypten zählt. Es sind oft Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte oder Lehrer, die ihr Rückgrat bilden, schon da waren, als sich keiner kümmerte, und nun die Ernte einfahren.

Essam el-Erian ist einer ihrer Anführer, ein Kinderarzt, der zum moderaten Flügel der Bruderschaft gezählt wird. Während auf dem Tahrir bereits Steine fliegen und die Polizei auf Anweisung der Militärs mit scharfer Munition antwortet, gewährt er NEWS eines seiner äußerst raren Interviews (siehe links). Ein Wolf im Schafspelz? Einer, der es gelernt hat, abzuwiegeln und abzuwarten? Für Ägypten steht in diesen Tagen wieder einmal alles auf dem Spiel.

Erschienen in NEWS 47/2011

Das Video zur Reportage

Gaddafis Gestrandete

Veröffentlicht in REPORTAGEN, Tunesien mit den Tags , , , , , am 24. März 2011 von lehermayr

FLÜCHTLINGE. Ausgebeutet, beraubt, verjagt. Zehntausende “Arbeitssklaven” entkamen dem libyschen Horror, eine Million sitzt weiter fest. Bei den “Ausgespuckten” von Ras Ajdir.

Zelt reiht sich an Zelt. Kilometerlang, bis hoch zum Horizont, wo die Sonne über Libyen aufgeht. Für Abdellah Goz bricht der zweite Tag in seinem dritten Leben an. Er ist 19, kriecht gerade aus dem weißen Zelt, schüttet ein wenig Wasser in seine Hände und beträufelt sein Gesicht damit. Morgendusche. Rechts und links tun es ihm Hunderte Männer gleich. Im ganzen Lager sind es Tausende, die nun Schlange stehen, Essen ausfassen. Sie alle fragen sich, was aus ihnen werden soll.

Militär gegen Massenmord? Hier sind sie nun gestrandet. In Tunesien. In Sicherheit. In Ras Ajdir, einer gemeinsam von UNO, Rotem Kreuz und Armee eilig errichteten Zeltstadt, gleich hinter der Grenze zu Libyen. Nur wenige Kilometer weiter, die schnurgerade Straße durch die Halbwüste entlang, liegt das Land, das immer mehr ins Chaos abgleitet. Wo Aufständische Städte einnehmen, ein ins Wanken geratener Diktator wie ein angeschossener Löwe zurückschlägt und Amerikaner wie Europäer angesichts des Mordens selbst einen Militäreinsatz nicht mehr ausschließen. Von dort drüben, wo bereits mehr als tausend Menschen bei den Kämpfen starben, während Muammar al-Gaddafi weiter um seine Macht ringt, sind sie zu Zehntausenden gekommen – die „Ausgespuckten“ von Ras Ajdir.

Europa – ein ferner Traum. „Heute muss ein guter Tag werden, denn gestern war er schlecht und vorgestern noch schlechter“, sagt Abdellah, der sehnige Schwarze, der so lange in Jahren rechnete, bis er begriff, dass ihm nur noch Tage blieben. Sein erstes Leben begann in Ghana an der Küste Westafrikas, wo er in einer Autowerkstätte, ein wenig außerhalb der Hauptstadt, arbeitete. Als Gehilfe bekam er, so wie es dort üblich ist, bloß eine warme Mahlzeit am Tag als Lohn. „Ich war 17, als ich mich aufmachte, ein besseres Leben zu finden“, erzählt er, während er nun mit ein paar seiner Landsmänner auf der Suche nach Brennholz durch das Lager streift. „Mein Ziel war Europa. Wie für jeden, der bei uns weg will.“ Aber Europa blieb ein ferner Traum. Zu teuer wegen der Schlepper. Zu gefährlich wegen der See, die es zu überwinden gilt. Abdellah schaffte es immerhin nach Libyen, in die an Öl reiche, aber an Arbeitskräften scheinbar arme Diktatur des Muammar al- Gaddafi.

Als Illegaler startete er in sein zweites Leben, in diesem für ihn so sonderbaren Land. „Ich merkte bald, dass die Araber uns Schwarze hassen. Wir waren wie vogelfrei, rechtlos, immer in der Angst, von der Polizei angehalten, bestohlen oder geschlagen zu werden. Also arbeiteten wir so viel es ging und sperrten uns, sobald es dunkel wurde, in den Unterkünften ein.“ 500 Euro zahlten ihm die Italiener, auf deren Baustellen Abdellah anfangs schuftete. Als sie ihn nicht mehr brauchten, kam er als Schweißer bei einer libyschen Firma unter und erhielt die Hälfte an Lohn. „Was ich nicht heimschickte, sparte ich und träumte davon, in einigen Jahren damit nach Ghana zurückzukehren, um eine eigene Werkstatt aufzumachen.“

Eine Stadt unter Waffen. Aber dann waren da diese Bilder, die Abdellah nicht verstand. Abends, wenn er schmutzig von der Baustelle heimkam, liefen sie im Fernsehen. Aufstände, Proteste, Schüsse, Anarchie. Es sollte bloß Tage dauern, bis das Flimmern aus der Ferne vor Abdellahs Tür stand. „Ganz Tripolis hatte plötzlich Waffen: Macheten, Pistolen, Gewehre. Banden zogen von Haus zu Haus, rafften an sich, was sie kriegen konnten.“ Abdellah wollte nur noch eins: weg! Aber wie? Italiener, Briten, Deutsche, Österreicher – die Europäer waren von ihren Regierungen längst ausgeflogen worden.

Doch darauf brauchten geschätzte 1,2 Millionen Afrikaner und Asiaten, die in der Hackordnung der „globalisierten Gastarbeiter“ viel weiter unten stehen, nicht hoffen. Sie mussten entscheiden: bleiben und hoffen oder flüchten und sich fürchten. 200.000 Menschen riskierten es, schlugen sich bis nach Tunesien oder Ägypten durch, doch eine Million Gastarbeiter sitzt weiter in Libyen fest. 120 Kilometer sind es von Tripolis bis zur rettenden tunesischen Grenze. Eine Fahrt entlang der Küste, durch einen Landstrich, der weitgehend von Gaddafi-treuen Truppen kontrolliert wird – fast zwei Tage sollte Abdellah für die Reise in sein drittes Leben benötigen und dabei nie sicher sein, ob er jemals dort ankommen würde. „Alle paar Kilometer gab es Checkpoints, insgesamt sicher 70“, berichtet er, „teils war Armee dort, teils einfach Banditen.“ Mal für Mal blickte er in den Lauf der Gewehre, und Mal für Mal fanden die Bewaffneten mehr von den 3.000 Dollar an Ersparnissen, die Abdellah, über den ganzen Körper verteilt, versteckt hielt.

Am Ende blieb ihm nicht mehr als seine schwarze Hose, das grüne T-Shirt und der schwarze Kapuzensweater. So steht er vor dem Zelt. Seine Träume, seine Hoffnungen, all das, wofür er zwei Jahre gearbeitet hatte, landeten in den Taschen von Gaddafis Schergen. Und trotzdem: Abdellah und die Tausenden anderen in Ras Ajdir, hinter denen ähnliche Erlebnisse liegen, klagen kaum. „Verwende Geld, um dein Leben zu retten, und nicht das Leben, um dein Geld zu retten“, ist der Satz, der von Abdellah hängen bleibt.

Keiner weiß, wie viele Tausende Menschen hinter der Grenze noch warten. Die UNO zeigt sich besorgt, dass der Strom von Flüchtlingen nun von Tag zu Tag schwächer wird, während sich Anarchie und Bürgerkrieg ausbreiten. Sie fürchtet, dass die Flüchtenden bereits im Hinterland zurückgehalten werden und sich die wahre humanitäre Katastrophe gerade erst anbahnt.

An der Grenze kommt ein Bus voll geschockter Tunesier zum Stehen. Ihnen wurden selbst die Handys abgenommen, aus Angst, das damit gefilmte Grauen könnte seinen Weg nach draußen finden. Nur hie und da quert auch ein Wagen mit libyschem Kennzeichen die Grenze. Es sind Schmuggler und Schieber, die in alten Limousinen seit Jahren nach Tunesien kommen, dringend Benötigtes einkaufen, um es ein paar Stunden später in Gaddafis bröckelnden Bastionen teuer zu verkaufen. Sie halten nur kurz, tun so, als herrsche drüben Alltag. Die Tunesier beäugen sie kritisch, hoffen sie doch nach ihrer eigenen Revolution auch auf den Diktatorensturz beim Nachbarn.

Bei den Ungewollten. Im Lager von Ras Ajdir hat sich rasch dieselbe Hackordnung gezeigt, die zuvor schon auf Libyens Baustellen galt. Die Ägypter, von denen über 70.000 nach Tunesien geflüchtet waren, sind schon verschwunden. Ihre Regierung hat sie zurückgeholt, die deutsche Marine stellte Schiffe zur Verfügung, die Amerikaner richteten eine Luftbrücke ein. Auch die Chinesen sind weg, und selbst die Vietnamesen besteigen nun Busse, die sie zum Flughafen bringen. Wer bleibt, stammt entweder aus Ländern, die sich die Heimholung ihrer Bürger nicht leisten können und auf internationale Hilfe angewiesen sind, oder aus Staaten, die als solche kaum noch existieren: Es sind Somalier, Sudanesen, Westafrikaner, Bangladescher – 30.000 Menschen insgesamt.

Und so nimmt, als die Sonne längst hoch am Himmel steht, eine bizarre Lotterie ihren Anfang. Hunderte Bangladescher harren seit Stunden aus. Im Schatten der wenigen Eukalyptusbäume haben sie inmitten der wachsenden Müllberge einen Kreis gebildet. Ihre fast wertlos gewordenen Reisepässe liegen in einem geflochtenen Korb. Der Mann mit dem Megafon in der Hand spielt die „Glücksfee“, greift wahllos in den Korb und zieht nun einen Pass nach dem anderen heraus. Namen werden verlesen. Deren Träger schnallen sich hastig die wenigen Habseligkeiten, die ihnen geblieben sind, auf den Rücken und eilen zu einem Bus mit laufendem Motor, so als ob ihnen jederzeit noch jemand ihr „Ticket zurück“ abspenstig machen könnte. Ein paar Hundert sollen nun Tag für Tag mit UN-Geld ausgeflogen werden.

Schuften und schlafen. Shohag Sajjad war bislang nicht dabei. Reis kochend kauert der 22-Jährige mit seinen einstigen Arbeitskollegen im Zelt, berichtet von der Familie zuhause in Bangladesch, der Armut, den vielen Geschwistern und den steigenden Preisen. „Als ich 17 war, sagte mein Vater, ich müsse ins Ausland: arbeiten, Geld heimschicken.“ So landete Shohag zuerst auf Baustellen im Sudan und schließlich in Libyen. Schuften, schlafen, schuften, dazwischen ein wenig mit der Heimat skypen und das Verdiente dorthin schicken. „Ein Jahr noch Libyen, dann zurück und ein kleines Geschäft eröffnen – das war mein Plan“, sagt Sajjad, dem auf der Flucht aus Gaddafis Reich auch alles Wertvolle geraubt wurde.

Es dämmert. Keiner weiß, was kommt. Sicher, irgendwann werden die meisten von ihnen wohl heimgeflogen werden. Doch, was dann? Abdellah und Abertausende andere kehren mittellos in die Not zurück. Europa bleibt ihr Traum. Doch, womit finanzieren? Wie die Schlepper bezahlen? Und wer wartet dort schon auf sie? Zelt reiht sich an Zelt, bis hoch zum Horizont, wo sich die Sonne über Tunesien senkt. Dahinter liegt Libyen. Längst in Dunkelheit.

Erschienen in NEWS 10/11

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