Das griechische Drama

Flammen vor Athen, moderne Sklaven auf den Feldern und eine halbe Million Illegale im Land. Weshalb die Lage in Griechenland völlig eskaliert und wieso das auch uns betrifft.

Flüchtlinge in einer aufgelassenen Fabrikshalle (Foto: Heinz Tesarek)Im Hafen von Patras dämmert es bereits, als die Taue der „Endeavor“ gelöst werden. Mit Dutzenden LKW im Bauch nimmt die Fähre Fahrt in Richtung Italien auf. 16 Stunden später wird sie in Brindisi anlegen – doch Zachariah wird dort auch diesmal nicht von Bord gehen.

In sicherer Entfernung kauert der schmächtige Afghane auf der Kaimauer, beobachtet das Schiff beim Auslaufen. „Ich habe heute erst gar nicht versucht, mich auf einen LKW zu schmuggeln“, sagt der 23-Jährige, „zum Glück, denn die, die es probierten, wurden erwischt und von den Wachen arg verprügelt.“ Dabei will Zachariah nur eins – endlich weg von hier, weg aus Griechenland – und das schon seit drei Jahren. Er ist jung, gebildet und diszipliniert – all das, was Europa angeblich sucht. Er könnte es schaffen in diesem Europa und hat doch keine Chance.

Europa ist der Traum, dem sie hier alle nachhängen, der sie zu Hunderttausenden erst hierher gebracht hat, weg von Hunger, Elend und Zerstörung zuhause. Ein Traum, der längst zum Alptraum geworden ist. Griechenland ist das neue Einfallstor in dieses Europa; das, was die Kanarischen Inseln und Lampedusa noch bis vor kurzem in die Schlagzeilen brachte: der Nummer 1 Flüchtlingshotspot des Kontintents.

Im Schlauchboot nach Samos. Zachariah und all die anderen, die nun in Patras auf ihre Chance warten, betraten das Land dort, wo viele Österreicher Urlaub machen. Chios, Samos, Lesbos, Kos – kleine, idyllische Inseln in der Ägäis, mit einigen unschätzbaren Vorteilen für Schlepper: die Türkei ist nah, das Wasser warm und ein Schlauchboot billig. Laut griechischen Geheimdienstinformationen sollen an die 100.000 Verzweifelte aus den Kriegsund Krisengebieten dieser Welt entlang der türkischen Küste ausharren und auf ihre Überfahrt warten. Multipliziert man diese Zahl mit den 2.000 Euro, die dafür fällig sind, lässt sich erahnen, wie lukrativ das Geschäft der Schlepper-Mafia ist.

Nacht für Nacht schleust sie Hunderte über die Meerenge, an der nur ein paar Kilometer die Türkei von Griechenland trennen. Trotzdem ertranken dort allein im Vorjahr über 200 Flüchtlinge. Die Ankommenden werden hingegen rasch in Internierungslager auf den Inseln gesteckt, damit bloß die Touristen nichts von den Schattenseiten inmitten des Sonnenparadieses bemerken. „Die Lager sind der Horror, 40, 50 Betten in einem Raum, eine Toilette, keine Ärzte, völlig überforderte Wächter“, schildert Micky van Gerven, Griechenland-Koordinatorin von „Ärzte ohne Grenzen“, die NEWS in Athen traf.

Die griechische Hauptstadt, die nun von einem Feuer bedroht wird, steht aber noch vor ganz anderen Problemen. Und diese beginnen in Sichtweite der Akropolis, am Omonia- Platz. Dort, wo vor einigen Jahren noch gern Einhemische flanierten, ist heute eine Parallelwelt entstanden, in der bloß noch Polizisten mit Gewehren patrouillieren. Drogen und Prostitution, statt Sirtaki und Tsatsiki. „Nach dem Lager auf Lesbos, kam auch ich dorthin“, erinnert sich Zachariah, „sah aber, was auf mich gewartet hätte und zog weiter.“

Viele jedoch blieben, in der Hauptstadt eines Landes, dem das Flüchtlingsproblem längst vollkommen entglitten ist. Ein Land, das 900 Wohnplätze für Asylanten anbietet, aber allein im Vorjahr 115.000 Illegale aufgegriffen hat. Die meisten von ihnen stellen gar keinen Asylantrag mehr, da die Anerkennungsquote bei unter einem Prozent liegt. Sie wollen weiter nach Italien und von dort in den Rest Europas.

Schlafen in einer Schachtel. Und deshalb Patras – der Fährhafen, die tuckernden Schiffe und mit ihnen die Hoffnung, die jeden Tag ein dutzend Mal die Stadt verlässt. Frühmorgens, als die Sonne aufgeht und erneut ein drückend heißer Tag droht, lohnt ein Spaziergang durch Griechenlands drittgrößte Stadt. Im Norden liegen entlang des Meeres die Afghanen am staubigen Strand, im Süden schlafen die Afrikaner auf einem verwucherten Gelände, wo irgendwann der neue Hafen entstehen soll.

Bloß Zachariah, der als 18-Jähriger vor dem Krieg in Afghanistan floh, im Iran Englisch lernte und IT-Techniker wurde, das Land aber verlassen musste und weiter westwärts zog, schläft abseits – vollkommen angekleidet, in einem Verpackungskarton. „Es ist schwer, sich seine Würde in einer solchen Umgebung zu bewahren“, erklärt er später, „aber ich versuche es zumindest.“

Das erste Schiff läuft aus. Der Hafen ist hermetisch abgeriegelt, der drei Meter hohe Stahlzaun zusätzlich mit messerscharfem Stacheldraht gesichert. Dahinter patrouillieren Polizisten in blitzblanken weißen Uniformen und private Securities. „Noch vor einiger Zeit war das anders“, weiß Zachariah, „da konnten Flüchtlinge über den Zaun klettern, auf die langsam fahrenden LKW aufspringen und so auf die Schiffe gelangen – ich habe es einmal probiert und bin gescheitert.“ Einer seiner Landsleute, ein stämmiger Mann, der von allen mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht bloß der „Commander“ genannt wird, weil er einst den Taliban gedient hat, war da erfolgreicher. „Ja, ich hab‘s auf eine Fähre nach Venedig geschafft, aber dort haben mich die verdammten Polizisten geschnappt und wegen der Fingerabdrücke zurückgeschickt.“ Die Fingerabdrücke, sie sind Teil des Dublin- II-Abkommens der EU, welches vorsieht, dass Asylverfahren im Erstankunftsland abzuwickeln sind. Noch.

Denn Länder wie Griechenland oder Spanien plädieren in Brüssel für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Staaten. Bislang wehren sich Binnenstaaten wie Österreich oder auch Deutschland, aber bricht der Widerstand, könnte der „Commander“ etwa in Österreich, einem seiner erklärten Wunschziele, landen, während Zachariah weiterhin in Patras in der Falle sitzt. Gerechtigkeit sieht anders aus. Und eine Lösung des Asylproblems auch.

Apokalypse als Alltag. Dass manch Grieche von der gegenwärtigen Situation durchaus profitiert, zeigt sich nachts, 100 Kilometer östlich von Patras. Eine Fabrikshalle, ausgebombt oder auseinandergebrochen, zerborsten oder zerstört – egal, von ihr ist nicht mehr übrig als ein paar Wände, ein bloßes Gerüst, das schemenhaft ausloten lässt, was sich einst darin befand. Ein Scheinwerferkegel in absoluter Dunkelheit – erst er lässt erkennen, was keiner sehen soll: Menschen, die genötigt sind, hier zu verharren. Inmitten des Mülls, der Verwahrlosung, der Verzweiflung. An die 100 Schwarze, die nichts haben als das, was sie am Körper tragen. Ein paar Fetzen Kleidung, die sie tunlichst sauber halten, um sich inmitten der Apokalypse, die ihr Alltag ist, zumindest den Anschein eines normalen Lebens zu bewahren. Notdürftig haben sie sich aus Plastikplanen eine Behausung gemacht, einen Ort, an dem sie schlafen, essen, leben, überleben können. Irgendwie.

In der Ferne rauscht die Autobahn, eine der Adern der Globalisierung, über die ein LKW nach dem anderen in Richtung Patras donnert. Voll gefüllt mit Zitrusfrüchten, die heute noch auf den Fähren landen und morgen bereits in unseren Supermärkten stehen. Am Rand der Autobahn, die Fabrikshalle und etliche weitere solcher wilder Siedlungen. In ihnen die billigsten, willigsten und entrechtetsten Arbeiter von ganz Griechenland. Erst am nächsten Tag wird das wahre Ausmaß der Ausbeutung klar. Die Hänge der Peloponnes sind voller Plantagen – Oliven und Orangen, Mandarinen und Zitronen – alles gedeiht hier prächtig. „Doch zu tun gibt es nichts“, sagt Jimmy, einer der Bewohner der „Fabrik“, „erst in zwei Wochen wieder, wenn die Weinlese beginnt.“ Dann, so schildert er, gibt es 30 Euro für zehn Stunden Schuften, „aber manchmal zahlt der ,Master‘ auch nur 20 Euro.“ Bis es soweit ist, heißt es warten – Stunde für Stunde, Ausharren auf dem Dorfplatz, skeptisch beäugt von den Griechen, aber vielleicht hat ja einer von ihnen heute doch noch Bedarf an einer billigen Arbeitskraft.

„Fackle meine Hand ab“ Jimmy, flüchtete vor drei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Darfur, wollte auch nach Europa, hat unzählige Male versucht, in Patras auf ein Schiff zu gelangen und irgendwann aufgegeben. „Sie haben meine Fingerabdrücke, ich kann nirgends mehr hin“, sagt er, „aber mittlerweile bin ich so weit, dass ich bald meine Hand abfackle, um die Fingerabdrücke loszuwerden und ein neues Leben zu starten – irgendwo, wo es besser ist, denn das hier ist nicht Europa.“ An eine Rückkehr denkt er nicht – „wohin auch, es gibt keinen Platz mehr, an dem ich willkommen wäre.“

Genau so sieht es, zurück in Patras, auch Zachariah, „in Afghanistan wird es noch lange Krieg geben – und ich will weder zu den Taliban, noch mich von den Amerikanern erschießen lassen, also bleibe ich.“ Die „Endeavor“, was übersetzt „Anstrengung“ bedeutet, liegt jedenfalls erneut vor Anker. Vielleicht ist der „Commander“ bereits an Bord, Zachariah würde darin wohl keine Ungerechtigkeit erkennen und weiter auf seine Chance warten – auch wenn sie nie mehr kommen wird.

(Erschienen in NEWS 35/09)

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