Vom Türlsteher zum Premierminister

BULGARIEN. Türsteher, Bodyguard, Karatekämpfer und bald Premier. Die unglaubliche Karriere des Bojko Borissow. Wie der Mann mit den Unterweltkontakten das ärmste EU-Land von der Korruption befreien will.Bulgariens neuer Premier Bojko Borissow

Anzug, Krawatte, Siegerlächeln. Einstudiert für die Kameras, für die Bilder, die abends über den Fernseher flimmern und am nächsten Tag in der Zeitung prangen. Die Ehefrau im feinen Kostüm an der Seite, die braven Kinder im Sonntagsanzug im Schlepptau. Politiker bei der Stimmabgabe liefern Bilder, die sich wohl weltweit gleichen.

Nicht so in Sofia, wo vergangenen Sonntag ein Mann im Trainingsanzug in Richtung Urne humpelte. „Eine Verletzung, vom Fußballspielen“, wirft der bullige Typ mit der Stoppelglatze dem verdutzt dreinblickenden Wahlhelfer entgegen.

Arm und korrupt? Wenige Stunden später ist alles entschieden. Er, Bojko Borissow, hat aus dem Stand weg 40 Prozent der Stimmen erorbert, die Sozialisten vernichtend geschlagen und ist auf dem besten Weg, Bulgariens nächster Premierminister zu werden. „Um zu beweisen“, wie er selbst sagt, „dass wir nicht länger der ärmste und korrupteste Staat in der gesamten EU sind.“

Bojko Borissow – sein rasanter Aufstieg ist Sinnbild für all das, was in Bulgarien in den vergangenen zwei Jahrzehnten falsch gelaufen ist und seine eigene Biographie ist der beste Beleg dafür. Er, der gelernte Feuerwehrmann, der im tiefsten Kommunismus der späten 80er-Jahre erste Kontakte ins Innenministerium knüpfte. Dort Menschen kennen lernte, die er später wieder treffen würde und die sich für ihn als nützlich erweisen sollten. Später, das ist nach der Wende, die in Bulgarien nie zu einer solchen wurde, da sich die einstigen Kommunisten nun bloß Sozialisten nannten, aber dort blieben, wo sie schon immer waren – an den Schalthebeln der Macht.

Borissow, als Karatekämpfer gut trainiert und bald in Besitz des schwarzen Gürtels, wechselte hingegen die Seiten und gründete Anfang der Neunzigerjahre eine Sicherheitsfirma. In einer Zeit, wo auf den Straßen blutige Verteiligungskämpfe ausgetragen wurden, bot Borissow Schutz – auch dem Ex-Staatschef und Langzeitdiktator Todor Schiwkow. Das Geschäft blühte, auf einen Polizisten kommen in Bulgarien zwei private Securities – in Österreich sind es 0,2.

Nach der Jahrtausendwende kehrte der ehemalige König als gewählter Premier nach Bulgarien zurück. Borissow schützte fortan auch ihn und wurde bald belohnt. „Batman“, wie er wegen seines langen schwarzen Ledermantels genannt wird, wechselte zurück ins Innenministerium – und zwar als oberster Anti-Mafia-Jäger.

„Konkurrenten ermordet?“ Als solcher fiel Borissow erstmals mit markigen Sprüchen im Fernsehen auf, gab sich als hemdsärmliger Typ, der dem Bösen gewachsen ist und Kriminelle zur Strecke bringt. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, behaupten hingegen US-Kriminalisten in einer geheimen Studie, aus der das renommierte Magazin „Congressional Weekly“ kürzlich zitierte: „Während Borissows Tätigkeit wurden bloß kleine Fische verhaftet, während das Geschäft seiner einstigen Geschäftspartner florierte und deren Konkurrenten systematisch ermordet wurden.“

Zu mehr als 150 solcher Auftragsmorde soll es gekommen sein – und in keinem einzigen Fall zu einer Verurteilung, wie EU-Prüfer 2006 besorgt nach Brüssel meldeten. Erweitert wurde ein Jahr später trotzdem – „ein Fehler“, wie Erhard Busek, bis vor kurzem Sonderkoordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa, offen sagt: „Doch der überhastete Beitritt wurde von den Staatschefs auf den Druck des damaligen französischen Präsidenten Chirac durchgewunken.“

Welche Folgen dies haben sollte, wurde klar, als Millionen an EU-Geldern im bulgarischen Korruptionssumpf verschwanden und Brüssel die Auszahlungen blockieren musste. Borissow war zu diesem Zeitpunkt bereits Bürgermeister von Sofia und trug weiter eine weiße Weste. „Während die Leute sahen, wie die Politiker, die sie einst gewählt hatten, zuhauf der Korruption überführt wurden, hörten sie gegen Borissow bloß Anschuldigungen und Gerüchte, die sich nie verdichteten“, erklärt Ruslan Stefanow vom Institut für Demokratiestudien in Sofia im Gespräch mit NEWS: „und nun, nachdem die Sozialisten abgewirtschaftet haben, ist er deren letzte Hoffnung.“

Oder, wie es ein Fan am Wahlabend formulierte: „Er sieht so aus wie wir, spricht so wie wir – er ist eben ein echter Kerl und deshalb wählen wir ihn…“

(Erschienen in NEWS 28/09)

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