Der Sohn des Schahs

REZA PAHLAVI: Über das Mullah-Regime, dessen Atombombe, die Thronfolge und sein Österreich-Bild.Reza Pahlavi

Das Regime in Teheran hat erreicht, was es wollte. Der Iran ist fast vollkommen aus den Schlagzeilen verschwunden: keine Menschenmassen mehr auf den Straßen, die die Autorität der Ayatollahs infrage stellen könnten, bloß noch Schauprozesse, in denen Regimegegner für ihr Verhalten abgeurteilt werden sollen. Und erneut Meldungen, wonach einer der ärgsten Alpträume des Westens immer wahrscheinlicher wird: eine Atombombe in der Hand der Mullahs. Bis nach Weihnachten soll es so weit sein.

Reza Pahlavi beobachtet genau, was in seiner Heimat vor sich geht. Hätte es die Geschichte anders gewollt, säße er heute auf dem Pfauenthron und wäre der Schah von Persien. In einem seiner seltenen Interviews erklärt der Monarch exklusiv in NEWS, warum die „Revolution“ dennoch weitergeht, wieso die Zeit gegen die Mullahs ist und wie er sich seine eigene Rolle im Iran der Zukunft vorstellt.

NEWS: Sie waren 18 Jahre alt, als Ihr Vater, der an Krebs erkrankte Schah, den Iran im Jahr 1979 fluchtartig verlassen hat. Wie gestalten sich Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Reza Pahlavi: Für meine Familie und mich waren dies äußerst schwierige und fordernde Monate, gerade bis zum Tod meines Vaters, ein Jahr später, in Ägypten. Aber in Gedanken waren wir bei unserem Volks, das bereits die ersten Konsequenzen des Revolutionsregimes unter Khomeini zu ertragen hatte.

NEWS: Doch auch die Bilanz Ihres Vaters fällt gespalten aus. Es wird ihm zwar zugestanden, den Iran wirtschaftlich und gesellschaftlich modernisiert zu haben. Kritiker werfen aber ein, dass er mit fortdauernder Regentschaft den Kontakt zum Volk vollkommen verloren hat.

Pahlavi: Ich überlasse es der Geschichte und den Historikern, die Herrschaft meines Vaters zu bewerten. Und vor allem all jenen Iranern, die über eine Perspektive verfügen und so auch in der Lage sind, Dinge zu vergleichen.

NEWS: 30 Jahre sind vergangen, die Mullahs hatten ihre Herrschaft stabilisiert, bis im Juni, nach der Wiederwahl Ahmadinejads, Massenproteste ausbrachen. Wie überraschend kamen diese für Sie?

Pahlavi: Nicht besonders überraschend. Neu waren die Ausmaße des Protests, nicht aber die Frustration, die ihn gespeist haben, denn diese gibt es schon lange. Das Regime ist bekannt für Wahlbetrug, zudem für die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und die Verfolgung, Folter und Ermordung seiner Gegner. Vielleicht haben manche den Wahlbetrug nicht kommen sehen, aber jeder, der sich mit dem Iran beschäftigt, ahnte, dass sich der Frust der Bürger irgendwann freisetzt.

NEWS: Aber was brachte der Protest? Letztlich wurden die Demonstrationen brutal niedergeschlagen, Gegner massenweise verhaftet und gefoltert…

Pahlavi: Für die internationale Gemeinschaft ist es wichtig, zu verstehen, dass es unrealistisch wäre, ständig andauernde Demos und öffentlichen Protest zu erwarten. Dies war bloß die erste und wichtigste Phase eines langen Weges. Die Menschen im Iran sahen so, wie viel Macht sie besitzen. Zudem machte es die Welt auf die wahren Verhältnisse im Land aufmerksam und erschütterte das Vertrauen des Regimes in sich selbst.

NEWS: Aber was soll nun folgen? Wie wird es weitergehen?

Pahlavi: Es wird weiter Widerstand geben, Streiks, zivilen Ungehorsam, Versuche, das Regime zu lähmen. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist vom Grad der Unterstützung im In- und Ausland abhängig.

NEWS: Wie kann das Ausland die Opposition stärken?

Pahlavi: Ich spreche gerne von „smarten Sanktionen“ und meine damit wirtschaftliche und diplomatische Schritte, die dem Regime dort schaden, wo es wirklich weh tut.

NEWS: Geschah das bislang denn? Gerade US-Präsident Obama, aber auch etliche EU-Staatschefs blieben in ihren Aussagen recht vage…

Pahlavi: Noch vor den Wahlen sprach Präsident Obama davon, einen vorbehaltlosen Dialog mit dem Regime führen zu wollen. Doch dann kamen die Wahlen und Millionen von Iranern gingen auf die Straße und trauten sich, dieses Regime öffentlich als illegitim zu verurteilen. Darauf müssen nun die Politiker international reagieren.

NEWS: Aber wie? Fordern Sie einen völligen Gesprächsabbruch mit der iranischen Führung?

Pahlavi: Nein, aber warum versucht man nicht auch, einen Dialog mit der Opposition zu etablieren. Drei Jahrzehnte hat dieses Regime ein ganzes Land vereinnahmt und die Kommunikation nach außen monopolisiert. Das muss nun vorbei sein. Erinnern wir uns doch daran, dass der Eiserne Vorhang wohl auch nicht ohne die stille Unterstützung der freien Welt gefallen wäre. Die Iraner verdienen nun die selbe Art von Hilfe.

NEWS: Aber wollten all die Millionen, die anfangs demonstrierten, nicht bloß ihren Kandidaten, Mir Moussawi, unterstützen? Dieser ist ein Teil der Islamischen Republik.

Pahlavi: Das ist richtig. Aber wir sprechen vom Iran, einem geschlossenen politischen System, und nicht etwa von Österreich, wo Meinungsfreiheit herrscht. Die Iraner streben letztendlich genauso nach Freiheit und Demokratie, aber diese Forderungen im Iran öffentlich zu stellen wäre lebensbedrohlich, deshalb werden Umwege gesucht, und als solcher diente der Protest nach dem Wahlbetrug, um den Führern, aber auch der Welt zu zeigen, was im Land wirklich vor sich geht.

NEWS: Sie sind also überzeugt, dass sich die Massen ultimativ den Sturz des derzeitigen Regimes im Iran wünschen?

Pahlavi: Ja, in der Tat, das bin ich. Denn täuschen Sie sich nicht: Die Iraner riskieren nicht ihr Leben für einen Kandidaten, sondern für den Traum von Menschenrechten, Freiheit, Demokratie und letztlich einem besseren Leben. Wie bei allen großen Bewegungen geht es um Ideen, und deshalb lautete der aussagekräftigste Slogan auch: „Wir wollen nicht unsere Stimmen zurück, wir wollen unser Land zurück!“

NEWS: Nun spreche ich mit Ihnen, dem Sohn des letzten Königs von Persien, des Schahs. Gäbe es die Monarchie noch, säßen Sie heute auf dem Thron. Wollen Sie dorthin zurück?

Pahlavi: Meine derzeitige Mission ist es, meinen Landsleuten zu helfen, sich von diesem Regime zu befreien und unbeeinflusst zu den Urnen zu gehen, um über die eigene Zukunft entscheiden zu können. Ist dieser Tag einer Abstimmung erst einmal gekommen, werde ich danach bereit sein, meinem Land zu dienen, falls nach mir verlangt wird.

News: Aber will die Mehrheit der Iraner denn wirklich eine Rückkehr der Monarchie?

Pahlavi: Das ist schwer zu sagen. Da es ja keine Art von freier, öffentlicher Debatte gibt, existieren auch keine Umfragen. Aber genau dorthin müssen wir gelangen. Was wir jetzt im Iran vorfinden, ist eine religiöse Diktatur. Ich schlage stattdessen eine säkulare parlamentarische Demokratie vor, in welcher es eine klare Trennung von Staat und Religion geben soll. Ob das letztendlich aber eine parlamentarische Republik wäre, sollte erst ganz am Ende des Weges, in Form einer Volksabstimmung entschieden werden.

NEWS: Bis es aber so weit ist, muss sich die Welt damit beschäftigen, dass laut britischen Geheimdienstinformationen das Mullah-Regime bis Jahresende genug Uran angereichert haben soll, um eine Atombombe bauen zu können. Halten Sie dies für realistisch?

Pahlavi: Nach Jahren der Undurchsichtigkeit, der Lügen und des Betrügens ist die Welt müde geworden und misstraut dem Regime zu Recht. Doch dieses spielt geschickt mit der nationalistischen Karte und pocht auf sein Recht auf Nuklearenergie. Doch niemand auf der Welt hat dem Iran das Recht auf Nuklearenergie abgesprochen. Alle haben vielmehr Transparenz eingefordert, um den Verdacht einer nicht friedlichen Nutzung dieser Technologie auszuräumen. Und genau diese Transparenz lässt das Regime vermissen.

NEWS: Wie langen glauben Sie, können sich die Kleriker noch an der Macht halten?

Pahlavi: Es ist schwer, über genaue Zeitpläne zu sprechen. Aber klar ist, dass die Unterdrückung und die fundamentalistischen, archaischen Visionen dieses Regimes in direktem Konflikt zu den nach vorne gerichteten Wünschen der Iraner stehen. Das werden wir nicht länger dulden. Die Zeit steht auf unserer Seite und nicht auf jener des Regimes.

NEWS: Lassen Sie uns auch über Privates sprechen. Wie geht es Ihrer Mutter, Farah Diba, die in Österreich bis heute von vielen Menschen geschätzt wird?

Pahlavi: Sie hat mir oft von ihren Reisen nach Österreich berichtet, und ich weiß, dass sie bis heute mit vielen Menschen dort in Kontakt ist. Meine Mutter ist nun 70 Jahre alt. Sie ist immer noch eine enorm unterstützende Mutter und eine gütige Großmutter. Zudem ist sie weiterhin für Hilfsorganisationentätig, die sich im Iran engagieren.

NEWS: Ihre Eltern waren einst häufig in Österreich. Wie ist Ihr Verhältnis zu unserem Land?

Pahlavi: Ich war 1975 das erste Mal mit meinen Geschwistern und meiner Großmutter in Österreich. Salzburg ist bis heute in meiner Erinnerung lebendig. Erst vor zwei Jahren war ich erneut in Österreich, und zwar auf einem Kongress in Tirol. Ich hoffe nun, auch einmal meiner Frau und meinen drei Töchtern dieses schöne Land zeigen zu können, das sie bloß aus „Sound of Music“ kennen, einem Film, den sie bereits Dutzende Male gesehen haben. Meine Töchter spielen noch dazu Klavier und sind so mit dem reichen kulturellen Erbe Ihres Landes vertraut, das sie selbst gerne kennen lernen möchten.

(Erschienen in NEWS 38/09)

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