Wir Spekulanten

DIE ZOCKER. Wer sie sind, wie sie leben und welche Schuld sie tragen. Wir fanden sie.

Als der Privatjet auf Ibiza aufsetzte, war Geraint Anderson längst zugedröhnt und zittrig. Das viele Koks und der Champagner hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Weder bei Anderson, noch bei seinen reichen Kunden, die mit an Bord waren. Auf dem Rollfeld wartete auf die fünf Männer bereits eine schwarze Stretch-Limousine. Auf deren Rückbank – fünf Mädchen: jung, nackt und bezahlt. Einer der Banker setzte sogleich zum Trinkspruch an: „Auf schnelle Autos, billige Huren und die Steuerfreiheit!“

Die Mädchen kicherten, die Limousine nahm Fahrt auf, steuerte eine Finca am Meer an. Vor ihr stand in der brütenden Hitze ein englischer Butler, der den Herren auf einem Silbertablett den „Proviant“ für die folgenden sechs Tage offerierte: 20 Gramm reinstes kolumbianisches Kokain, dazu reichlich Ecstasy und genügend Viagra- Tabletten für jeden. Der „Business- Trip“ konnte beginnen.

Pakt mit dem Teufel.

„Ja“, sagt Geraint Anderson heute, „so sah sie auch aus, die schöne neue Welt der Trader und Broker.“ Der 38-jährige Brite war zwölf Jahre ein Teil dieser Welt, ja mehr noch, er war einer ihrer Stars. Dreimal wurde er zum „Aktienexperte des Jahres“ gewählt, kassierte zuletzt Hunderttausende Euro an Gehalt pro Jahr und als Draufgabe nochmals mehr als eine halbe Million an Boni. Er wurde zum „Cityboy“, der wie ein Teenager über die Strenge schlug, dessen Taschengeld aber nicht Papa, sondern die Bank bezahlte, für die er arbeitete. So lange, bis ihn das schlechte Gewissen immer mehr marterte, er genug Geld hatte, um auszusteigen und den Schweige-Kodex seiner Zunft zu brechen. Ein Heuchler?

Anderson sitzt in seinem schicken Reihenhaus im Londoner Stadtteil Shepherd‘s Bush, gibt sich reuig und berichtet NEWS von seinem „Pakt mit dem Teufel“, der ihn, den einstigen Hippie, überhaupt erst in die Londoner City brachte. „Einen Ort, an dem Geld alles und Moral nichts ist. An dem die größten Komplexler nun Porsche fahren, Maßanzug tragen, um es all jenen richtig zu zeigen, von denen sie früher an der Schule gedemütigt worden sind. Einen Ort ohne Regeln, den es so eigentlich nicht geben dürfte.“ Doch es gibt ihn. Nach wie vor.

Und am vergangen Freitag scheint es fast so, als gäbe es gerade dort keine Krise. In der City ist sie zumindest nicht sichtbar. Und das obwohl der nächste Angriff der Spekulanten das britische Pfund anvisiert. Die Abhängigkeit vom ausschweifend feiernden Finanzsektor könnte Englands größtes Problem werden. „In den nächsten Monaten laufen dort alte Schulden aus, die verlängert werden müssen. Die neue Regierung wird viel Geld in die Hand nehmen müssen. Bekommt der Kapitalmarkt Zweifel daran, dass England die Schulden zurückzahlen kann, dann laufen die Wetten und die Briten könnten sich schnell in der Euro-Zone wiederfinden“, erklärt der Chefhändler und Stratege der Close Brothers Seydler Bank am Frankfurter Börsenparkett, Oliver Roth.

Models and Bottles.

Doch von dem aufziehenden Unheil ist in Londons Bankenviertel noch nichts zu spüren. Anderswo mögen vielleicht der sinkende Euro-Kurs, die steigende Milliarden- Verschuldung und der drohende Job-Verlust zu Sorgenfalten führen, aber nicht vor „The Gherkin“. Es ist 17 Uhr, kurz nach Dienstschluss bei den benachbarten Banken. Norman Fosters 180-Meter- Hochhaus wirft tiefe Schatten und davor knallen die ersten Korken. Die Stimmung ist heiter, fast ausgelassen. Die „Cityboys“ starten mit ordentlich viel Alkohol und umringt von Frauen in kurzen Kostümen ins Wochenende. „Trauer tragen sieht wohl anders aus“, meint Barbara Stcherbatcheff, die vor kurzem selbst hier noch ihre Kollegen traf. Die 28-Jährige kam mit dem „Wunsch nach dem großen Geld“ als eine von wenigen Frauen in die City, erlebte die dort herrschende Macho-Kultur hautnah mit und sah, wie die Trader hart arbeiteten, aber auch umso härter feierten: „Geld spielte nie eine Rolle. Das Ego eines jeden wuchs mit der Höhe seiner Boni und letztlich ging es immer nur darum, sich selbst und den anderen zu beweisen, dass man einfach der Größte ist.“

Sie alle wollten wohl ein wenig so sein wie Gordon Gekko, jener von Michael Douglas genial verkörperte Banker- Fiesling aus dem Film „Wallstreet“: „Oliver Stone und ich haben uns immer gefragt, wie es sein kann, dass ein Inside- Trader, der Menschen und Firmen vernichtete, zu einem Idol einer ganzen Generation von Wirtschaftsstudenten werden konnte“, meint Douglas, der beim Filmfestival in Cannes gerade die Fortsetzung des Klassikers vorstellte, nun im NEWS-Interview „Citygirl“ Stcherbatcheff begegnete einigen real gewordenen Gordon Gekkos und erinnert sich an Abende, an denen das Monatsgehalt eines Lehrers verprasst wurde.

Sie denkt an Ausschweifungen, die mit Champagner beim Edel- Italiener begannen und in teuren Strip-Schuppen endeten. „Das alles war und ist möglich“, sagt sie, die nun als Finanzjournalistin bei CNBC arbeitet, „weil es keine Regeln gab. Die Politiker ließen sich zuerst von den Bankern beraten und sie dann gewähren. Und nun rufen genau diese Politiker aus Verlegenheit zur Jagd auf Spekulanten auf – ein wenig verlogen, oder?“ Doch was tun, um das Treiben zu stoppen? Was unternehmen, um Spekulanten in die Schranken zu weisen und weitere teure Blasen  zu verhindern?

Ein Abendessen in Manhattan.

Die EU schlug erst vergangene Woche härtere Töne gegenüber Hedgefonds an. Gerade um diese ranken sich viele Legenden und Mythen. Ende Februar sorgte ein Abendessen im kleinen Rahmen in einer Manhattaner Privatwohnung für Aufregung. Das „Who is Who“ der Szene war gekommen: Eine Handvoll Menschen, die zum Teil zweistellige Milliardenbeträge verwalten. An einem Februartag wurde die „weltweite Attacke gegen den Euro“ gestartet, wie es Jean- Claude Juncker, Euro-Gruppen- Chef und luxemburgischer Premier, formulierte. So will es zumindest die Legende. Innerhalb von drei Minuten soll die Hedgefonds-Elite diskutiert haben, dass Griechenland nur das erste Opfer der rasanten Euro-Abwertung sei und weitere Länder wie Dominosteine fallen werden. Mit wenigen Worten wurde bei Wein und Käse die weitere Vorgehensweise abgestimmt: Gegen den Euro und die Rettungsversuche der europäischen Politiker wetten und einen Haufen Geld damit verdienen.

Dass jenes Treffen überhaupt öffentlich geworden ist, scheint einen wollenden Auslöser gehabt zu haben. Jemand musste die Infos lanciert haben. Börsianer Roth mutmaßt, dass sowohl Politiker als auch die Hedgefonds einen großen Nutzen aus der Veröffentli-chung ziehen konnten. „Die Hedgefonds wissen, dass zwei Drittel des Markts Psychologie sind und große Anleger wie Pensionsfonds bald auf die Wette gegen den Euro aufspringen würden. So macht man aus einem Stein eine Lawine. Aber auch die Politiker können von der hohen Verschuldung und der prekären Finanzlage ablenken und die Hedgefonds-Manager zu Sündenböcken stilisieren, die allein an der Euro-Krise schuld sind. Doch hier werden Ursache und Wirkung miteinander vertauscht.“

Politischer Aktionismus.

Aber die Politiker in der Euro-Zone spüren die ohnmächtige Wut in der Bevölkerung und schaffen mit der Hetzjagd auf Hedgefonds ein Ventil für den indifferenten Zorn. Also versuchten Staatenlenker aller Couleur in den vergangenen Tagen das Monster Finanzmarkt durch Reglementierungen zu zähmen. Doch wie schwer es fällt, den deregulierten Markt in die Schranken zu weisen, davon weiß Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann ein Lied zu singen.

Die Finanztransaktionssteuer, hastig beschlossene Verbote von ungedeckten Leerverkäufen und CDS (Kreditausfallversicherungen) und neue Transparenz-Regeln für die Hedgefonds sind Balsam in den Ohren der gebeutelten Bevölkerung,  die erst für die Bankenrettung, dann für die Griechen und den EU-Rettungsschirm das Börserl öffnen musste.

Doch die flexible Finanzwelt zeigt sich von den Versuchen der Regulierer wenig beeindruckt. Gerade bei europäischen Alleingängen droht das Kapital sich zu verabschieden. Weitestgehend unregulierte Finanzplätze in der Schweiz, Amerika oder Asien warten mit offenen Armen.

Umverteilung.

„Noch nie haben so viele durch so wenige einen so großen Schaden erlitten“, sagt Susanne Schmidt. Die studierte Ökonomin und Tochter des legendären deutschen Ex- Bundeskanzlers arbeitete 30 Jahre in Londons City, sah dort die einst legendären Bowler- Hüte verschwinden und gierige, junge Banker kommen. „Und nun wird die junge Generation wohl die erste nach dem Zweiten Weltkrieg sein, die nicht unbedingt damit rechnen kann, dass es ihr besser als den Eltern gehen wird.“ Schmidt zeigt sich schockiert darüber, dass „die Finanzelite weiterhin ungehindert russisches Roulette auf einem Markt ohne Moral spielt“ und fordert einschneidende internationale Regeln.

Ein Wiener an der Themse.

Solche erachtet auch einer für bitter nötig, der selbst bei einer großen Investmentbank tätig ist. Der Österreicher Peter Stegler* kam vor neun Jahren nach London und entspricht so gar nicht dem Klischee des Spekulanten, das von „Cityboy“ Anderson strapaziert wird: statt Porsche fährt der 39-Jährige Fahrrad und statt im Loft, lebt er in einer kleinen Wohnung. Umso mehr ärgert ihn, „dass sich die Politik nicht eingesteht, in der Vergangenheit Fehler begangen und in der Euro-Zone die selbst aufgestellten Regeln, wie die Maastricht- Kriterien und den Stabilitätspakt, mehrmals gebrochen zu haben. Letztlich ist es logisch, dass Spekulanten eine solche Schieflage auffällt und sie diese auch ausnützen.“

Doch sich jetzt einzig auf die Hedgefonds einzuschießen, geht an der Sache vorbei. Die haarsträubende fiskalische Politik der Regierungen der vergangenen Jahrzehnte rächt sich nun – nicht nur in Pleitestaaten wie Griechenland.

Sündenbock Hedgefonds?

„Das Problem sind nicht die Hedgefonds, die schauen sich die Zahlen der Länder genau an und zeigen die Schwächen auf. Wenn man einen Täter hat, dann braucht man nicht mehr suchen. Die Wahrheit ist, dass die Politik die Banken beschneiden muss. Die Banken brauchen global eine höhere Eigenkapitalquote. Jetzt scheint es darum zu gehen von der immensen Verschuldung der Staaten abzulenken. Viele Länder haben fundamentale Probleme. Auch die USA steuert auf ein gewaltiges Verschuldungsproblem zu. Dort gibt es jetzt schon eine Blase, die in keinem Maße den europäischen Problemen entgegensteht“, so Börsianer Roth.

Der Markt für Kreditversicherungen, deren Handel sympthomatisch für die Euro-Krise angeführt wird, umfasst laut der US-Datensammelstelle Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) einen Kapitalwert von 22 Billionen US-Dollar. Mit 19,2 Billionen davon jongl ieren nicht Hedgefonds, sondern rund ein Dutzend Investmentbanken wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank. Drei Billionen sind auf Hedgefonds und Unternehmen zurückzuführen.

„Und doch“, wundert sich der Österreicher Stegler, „werden erneut die falschen Lehren gezogen: anstatt die ungerechte Vermögensverteilung in der Bevölkerung anzusprechen und Steueroasen endlich auszutrocknen, wird Einkommen weiterhin hoch, Kapital hingegen niedrig besteuert. Lügt sich die Politik über ihre Versäumnisse in der Vergangenheit weiter hinweg und ändert nichts an den Spielregeln auf den internationalen Finanzmärkten, dann kann das Euro-Rettungspaket nicht funktionieren und die nächste Krise ist bereits programmiert.“

Vermasselt die Politik das erneut“, so sieht der geläuterte Cityboy Anderson schwarz, „dann fließt entweder Blut oder es wird wie in der ,schönen neuen Welt‘ des Schriftstellers Huxley: superreiche „Alphas“ leben in abgeschottenen Villenvierteln, während die „Epsilons“ deren Toiletten putzen.“

(Veröffentlicht in NEWS 21/10)