Im Schatten-Staat

NORDZYPERN. Glücksspiel, Geldwäsche, Frauenhandel und Stolperstein für den EU-Beitritt der Türkei. Report aus einem Paria-Paradies.

Hier hätte sie liegen sollen…“ Arkin,unser Begleiter, streicht über das weiße Laken des Kingsize- Bettes, deutet auf den Plasma-Fernseher direkt davor und meint, dass es „ihr sicher gefallen hätte.“

Wir stehen in Gemächern aus Gold und Gobelin. Imitate zwar, aber wen stört das schon beim Blick auf den riesigen Pool, das glitzernde Meer und den Jacuzzi auf der Terrasse. Es ist die Royal-Suite, wie Arkin, nicht ohne Stolz festhält: „Für 5.000 Dollar die Nacht.“

Doch Jennifer Lopez verschmähte sie. Der amerikanische Superstar gab dem „Cratos Premium“ einen Korb. In letzter Minute. Zur Eröffnung des Luxus-Hotels hätte sie singen sollen, aber am Ende sei der Druck der Insel-Griechen zu groß gewesen „und aus der Politik“, ließ ihr Management entschuldigend ausrichten, „will sich J. Lo. raushalten.“

Also blieb die Latino-Lady der Türkischen Republik Nordzypern fern. Wieder kein Aufputz für den geächteten Staat, den es an sich gar nicht geben dürfte und den einzig die Türkei anerkennt. Genau dies hemmt nun auch Ankaras EUAmbitionen. Denn selbst wenn das am kommenden Sonntag in der Türkei stattfindende Verfassungsreferendum positiv endet und damit die wichtigste Vorleistung für einen EU-Beitritt erfüllt ist, bleibt der „Schattenstaat“ das eigentliche Problem auf dem Weg nach Europa.

Marmor und Mammon. Arkin ist unser Türöffner in diesen bizarren Staat, der kleiner als das Burgenland ist, weniger Einwohner als Graz hat und dessen Zentralbank 2009 einen Überschuss von 4,5 Milliarden Dollar auswies. Wie das geht?

Arkin wartet vor dem „Cratos“, dem neuen 220-Millionen- Dollar-Hotel. Viel Mammon und noch mehr Marmor und beides ließ J. Lo. sausen. „Das Hotel, die Restaurants, die Bars, die Shops – das ist alles bloß Beiwerk. Was zählt ist einzig das Casino und damit das ganz große Geld.“ Arkin führt uns durch lange Gänge, vorbei an Menschen, die die Öffentlichkeit scheuen. „Klar“, sagt Arkin, „die einen sind mit ihren Freundinnen statt ihren Frauen hier, die anderen mit Geld, das es offiziell gar nicht gibt.“ Spieltisch reiht sich an Spieltisch: Poker, Roulette, Black Jack. Dazu Automaten, so weit das Auge reicht. Was in der Türkei und dem Rest der islamischen Welt verboten ist, scheint hier legal. Und so kommt es, dass fast jedes Hotel im Norden auch gleich über ein Casino verfügt.

„Der da unten ist ein reicher türkischer Reeder. Und dort drüben“, deutet Arkin mit der Hand, „sitzt ein TV-Boss aus Istanbul mit seiner ,Natascha‘. Süß die Kleine, oder?“ Tisch für Tisch fällt ein weiterer Name aus der türkischen Oberschicht und am Schluss eine Feststellung: „Es ist ein wenig wie Gangsta‘s Paradise – nur eben edler und legaler.“ Die Inselregierung freut‘s, da die wie wild wuchernden Spielhöllen die Steuereinnahmen in die Höhe treiben. Besorgter reagiert die internationale Staatengemeinschaft, deren Kontrolle Nordzypern völlig entzogen ist. Die USA sehen in dem Pseudo- Staat einen „Nährboden für Geldwäsche und Drogenhandel“. Und auch der EU ist der Status-quo ein Dorn im Auge.

EU-Planspiele. 1974 putschte Athens Militärjunta auf der zu drei Vierteln von ethnischen Griechen bewohnten Insel. Ankara eilte seinen Landsleuten militärisch zu Hilfe. Was folgte, waren Gefechte, bei denen 6.000 Menschen starben und 200.000 vertrieben wurden. Die ethnische Landkarte war nun neu gezeichnet und der neue Staat geächtet. Obwohl alle Wiedervereinigungsversuche gescheitert waren, trat Zypern 2004 der EU bei.

„Ein schwerer Fehler“, wie Nordzyperns Außenminister Hüseyin Özgürgün im NEWS-Interview beklagt, „denn ohne Beitritt wären die Inselgriechen zu einem Kompromiss gezwungen gewesen.“ Brüssel versucht nun, den leidigen Konflikt mit einem Spiel über die Bande zu lösen. Die Türkei, deren 40.000 Soldaten bis heute im Norden stehen, müsse zuerst ihre Häfen für zypriotische Schiffe öffnen und dann Druck auf ihre am Subventionstropf hängenden „Brüder“ auf der Insel machen – sonst, so die EU-Lenker, könne es keinen Fortschritt bei den Beitrittsverhandlungen geben.

Der Außenminister, den seine Staatsbesuche einzig und allein nach Ankara führen, bleibt skeptisch. Und es scheint fast so, dass sich die Inseltürken mit dem Status-quo arrangiert hätten. Zwar verbleibt Nikosia mit einer Grenze aus Stacheldraht und Sperrmauern die letzte geteilte Hauptstadt der Welt. Doch sonst zieht der sonderbare Staat längst Profit aus dem eigenen Paria-Status. Entlang der Küste um Kyrenia und an den Hängen des malerischen Fünf-Finger-Gebirges folgt eine Villa nach dem Baukasten-Prinzip auf die andere und das kilometerlang. Ohne irgendwelche Umweltauflagen beachten zu müssen, sind in kürzester Zeit 35.000 Appartements ans Meer und in die Berge betoniert worden. „So billige Villen wie hier finden sie sonst am ganzen Mittelmeer nicht mehr“, sagt der Makler Abdelazim Karrar, „na ja, in Albanien vielleicht….“

Gefangen im Paradies. Einer, der zugeschlagen hat ist der 80-jährige Brite Albert Samphson. Verloren steht er auf dem Balkon seines Zwei-Zimmer-Appartements. In der Ferne glitzert das Meer am Horizont, rechts und links stehen Dutzende ockerfarbene Häuser, die dem seinen aufs Haar gleichen. Bloß, dass sie leer sind. Unbewohnt. Nie bezogen.

„Hunderte hätten hier leben sollen“, meint Samphson traurig, „aber irgendetwas dürfte schief gelaufen sein, denn wir sind nur zu elft.“ 42.000 Euro hat er vor zwei Jahren für die Wohnung ausgelegt, doch nun will der Brite von der Sonneninsel nur noch zurück in den Regen: „Ich habe Gesundheitsprobleme, kann mich hier aber nicht behandeln lassen und die Flüge heim, mit dem verordneten Zwischenstopp in der Türkei, kann ich mir nicht leisten.“ Samphson sitzt in der Falle: so lange er seine Wohnung nicht los wird, bleibt er gefangen im vermeintlichen Paradies.

Doch auch die, die hier bleiben wollen, müssen bangen. Denn viele der neuen Siedlungen wurden auf Boden errichtet, von dem einst die Griechen vertrieben wurden. 1.500 Klagen sind deswegen beim EUGH anhängig und könnten so manchem frischen Hausbesitzer bald Unbehagen bereiten.

Unbehagen, das auch Mine Yücel empfindet, wenn sie abends heimfährt. „Lipstick Club“, „Sexy Lady“ oder „Mon Amour“ lauten die Aufschriften an bunten Häusern entlang der Hauptstraße, die mit Zäunen und Mauern gesichert sind als seien es Kasernen. „Es sind Bordelle, in denen die Mädchen wie Sklavinnen gehalten werden“, so Yücel, die fast allein gegen die Ignoranz ankämpft: „Die Zuhälter nennen die Mädchen Nataschas, schleppen sie aus Osteuropa her, beuten sie aus, so lange es geht und haben aus unserem Land einen Umschlagplatz für Menschenhandel gemacht.“ Ein Verbrechen? Nein, nicht einmal eine Gesetzesübertretung im Schattenstaat.

Erschienen in NEWS 34/10

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