„Ich fürchte, dass meine Mutter stirbt und mit ihr ein ganzes Land“

Jewgenia Timoschenko (Foto: Roman Zach-Kiesling)Millionen Ukrainer gehen für Europa auf die Straße. Die Polizei antwortet mit Tränengas und Schlagstöcken. Julia Timoschenko, die Heldin der Orangenen Revolution, ist die bekannteste politische Gefangene. Nun spricht ihre Tochter.

Es ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall. Von Macht, Ohnmacht, Lügen, Intrigen und Gewalt. Dies ist eine Geschichte,  bei der der Tag schon in der Früh im Nebel versinkt.

Es ist der vergangene Mittwoch und Jewgenia Timoschenko steht vor der Frauenstrafkolonie Nummer 54, ganz im Osten der Ukraine. Ihre Mutter Julia, vor neun Jahren die Ikone der Orangenen Revolution, hat Geburtstag. Es ist ihr 53. und ihr dritter hinter Gittern.

Wenn man sie lässt, fährt ihre einzige Tochter zwei Mal die Woche die 500 Kilometer aus der Hauptstadt Kiew hierher. Diesmal wird Jewgenia die Mutter kurz sehen dürfen. Deren Plan hören, in den Hungerstreik zu treten. Aus Protest gegen die Politik jenes Mannes, der sie ins Gefängnis brachte: Präsident Wiktor Janukowitsch, ihr Widersacher, ihr Erzfeind, der Wahlbetrüger von einst, gegen den sie damals die Revolution ausfocht und der nun die Ukraine zurück in die Fänge Russlands führt.

„Meine Mutter ist stark und schwach zugleich“, wird Jewgenia später im Gespräch mit NEWS sagen, „sie dürfte nicht hungern, das erlaubt ihre Gesundheit gar nicht. Aber wie sonst soll sie unser Land in seiner schwersten Stunde aus dem Gefängnis unterstützen?“

Tags darauf ist Jewgenia im litauischen Vilnius, wird Zeugin, wie Präsident Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU wüst zurückweist. Ihr wird klar, dass damit auch jede Chance auf Freiheit für ihre Mutter erlischt.

Es ist nichts anderes als ein Poker, in den die Tochter der Heldin von einst da geraten ist. Der Einsatz war ihre Mutter, das Gas aus Russland, an dessen Tropf die Ukraine hängt, und das Stückchen Freiheit, das von der Orangenen Revolution noch übriggeblieben ist.

„Ich wünschte, ich wäre stark.“

Bis die Massen am Wochenende auf die Straßen gehen, glaubt sich Präsident Janukowitsch als Sieger in diesem Spiel, wenngleich der wahre Gewinner in Moskau sitzt und Putin heißt.

Und Jewgenia? Sie, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ist, tut das, was sie nie tun wollte. Sie gibt Journalisten Interviews, spricht am Telefon mit Politikern in Brüssel, Berlin und Washington. Am Freitag kehrt sie aus Vilnius nach Kiew zurück, marschiert mit Hunderttausenden auf den Maidan. Jenen Platz, wo ihre Mutter 2004 die Kälte und die Diktatur bezwang und auf dem sich nun erneut das Schicksal des Landes entscheidet.

Je länger man Jewgenia zuhört, desto mehr kann man sich vorstellen, wie schwer es sein muss, Julia Timoschenkos Tochter zu sein. Als NEWS sie vor einiger Zeit das erste Mal in Wien traf, sagte sie bald: „Ich wünschte, ich wäre so stark und mutig wie sie. Als Janukowitsch an die Macht kam, hätte sie fliehen können, irgendwohin ins Ausland. Oder sie wäre einen Deal mit ihm eingegangen: Keine Politik mehr und dafür die Freiheit. Nichts davon hat sie erwogen, weil sie damit unsere Heimat, die sie so sehr liebt, verraten hätte.“

Seit drei Jahren nun ist Jewgenia die Botschafterin ihrer Mutter, deren Sprachrohr und engste Vertraute zugleich. Sie musste lernen, wie schmutzig Politik ist und mit welch harten Bandagen die Mutter ihr Leben lang kämpfte.

19 war diese, als sie Jewgenia bekam und 29, als sie ihre erste Million machte. Damals, im Umbruch, als für jene alles ging, die clever und ruchlos genug waren. Die Mutter nannten sie bald nur noch die „Gasprinzessin“, da sie den Import des Rohstoffs aus Russland kontrollierte und daran ein Vermögen verdiente. Jewgenia war ein Teenager und wurde nach England ins Internat geschickt. Als sie in die Ukraine zurückkehrte, war sie fast zur Britin geworden, die Russisch nur noch mit Akzent sprach und Ukrainisch kaum verstand. Ebenso unverständlich war ihr, was in der Heimat vor sich ging: „An meinem 21. Geburtstag saß meine ganze Familie im Gefängnis. Es war die Zeit härtester politischer Konfrontation und sie hielten Mutter, Vater und Großvater über Wochen fest.“

Die Sechs-Milliarden-Erbin.

Julia Timoschenko hatte in die Politik gewechselt. Wie Kritiker meinen, auch um ihr geschätztes Vermögen von sechs Milliarden Dollar vor dem Zugriff anderer Clans zu schützen. Jewgenia pendelte derweil zwischen London und Kiew, zwischen Elite-Studentin und Glamour-Girl. Politik? Sicher nicht. Sie heiratet, genießt das Leben und ahnt nicht, wie sich ihre Mutter mehr und mehr Feinde macht. Erst als die Wahlen vom heutigen Präsidenten Janukowitsch gewonnen werden und der mehrere Verfahren gegen seine Widersacherin einleiten lässt, wird Jewgenia klar, dass ihre Mutter sie braucht.

Deren Weggefährten verschwinden, setzen sich ab oder wechseln die Seiten. Der Vater erhält politisches Asyl in Prag und die Mutter wird zur politisch Verfolgten zuhause. „Der Prozess war eine Farce, ein Vorgeschmack auf die Diktatur, zu der das Land werden würde“, sagt Jewgenia.

Mit Knüppeln in die Diktatur.

Doch Janukowitsch unterschätzt die Massen, die seit einer Woche nicht nur für Europa, sondern auch gegen sein zur Kleptokratie gewordenes System auf die Straßen gehen. Er schickt Sonderpolizei, lässt prügeln. Viele in Kiew wünschten sich, Jewgenia würde nun gemeinsam mit der letzten Stimme der Opposition, dem Box-Weltmeister Vitali Klitschko, oben auf der Bühne am Maidan stehen – so wie einst ihre Mutter mit dem um seinen Wahlsieg betrogenen und durch einen Dioxinanschlag entstellten Wiktor Juschtschenko.

„Nein, das ist nicht meine Rolle“, entgegnet sie, „das hilft weder dem Land, noch meiner Mutter.“ Jewgenia weiß, dass ihr Aufmerksamkeit trotzdem sicher ist und versucht diese auf die Korruption der Herrschenden zu lenken: „Das Land ist unter Janukowitsch zum Selbstbedienungsladen seiner Familie mutiert. Unmengen an Geld, etwa für seine Residenz, werden über komplizierte Firmenbeteiligungen, die auch nach Österreich führen, gewaschen. Weiß das in Wien jemand“, fragt sie NEWS, „und wird dagegen etwas unternommen?“

Trotz des tapferen Auftretens ist zu spüren, wie dieser Kampf an ihr zehrt, wie sehr sie, um ihre Mutter fürchtet, die nicht daran denkt, selbst das Kämpfen aufzugeben – und wie glücklich Jewgenia wäre, wenn sie es dennoch täte. „Ich habe solche Angst um sie. Sie ist krank, bräuchte dringend Behandlung, doch den Ärzten im Gefängnis kann sie nicht trauen.“ Jewgenia kennt das Schicksal des einstigen Innenministers ihrer Mutter, der gesund ins Gefängnis ging und dort mit Hepatitis infiziert wurde. Ist die Mutter die Nächste? „Ich habe Angst, dass sie stirbt“, sagt Jewgenia ganz leise, so als ob bloß das Aussprechen des Fürchterlichen dessen Eintreten wahrscheinlicher machen würde.

Erschienen in NEWS 49/2013