Ich bin ein lebender Toter

Bratislav am Abgang zur Gruft (Foto: Ricardo Herrgott)
Bratislav am Abgang zur Gruft (Foto: Ricardo Herrgott)

Zentrale Innenstadtlage, extrem ruhige Nachbarn – um seinen inneren Frieden zu finden, suchte sich Bratislav, 44, eine neue Wohnung. Im Grab.

Äste knacken und Eulen kreischen, als wir das Areal betreten. Gräber, Gruften, Kerzen und Kränze. Anfangs ist alles wie immer zu Allerheiligen auf dem Friedhof – bloß ist er ins Schwarz der Nacht getaucht und im Süden Serbiens gelegen. Hier sind wir nun also, in der Stadt Nis, um herauszufinden, was diesen Mann noch zu Lebzeiten freiwillig ins Grab getrieben hat.

Plötzlich, völlig unerwartet, so wie es bei Stephen King auch immer ist, taucht eine Gestalt im Schein der Taschenlampe auf. Hockt seelenruhig – und kein Wort träfe es besser – auf einem Grabstein. In der Hand eine Kerze, auf dem Haupt eine Kappe mit dem Logo der „Europäischen Volkspartei“. Schwarzer Humor? „Nein, im Müll gefunden“, antwortet Bratislav. Der Wind weht, letztes Laub fällt von den Bäumen. Weiter unten, nahe am Eingang, pfeift jemand nach seinem Hund. Krähen krächzen. Sonst ist es still.

Totenstill.

Vor uns sitzt ein sympathischer Kauz, 44 Jahre alt, das Haar lang und struppig, aber nicht ungepflegt. Rund um ihn mögen die Toten zu Tausenden ruhen, die Grabsteine verwittern und vermodern, die Geister im Kreise tanzen. „Für mich“, sagt er, „ist der Friedhof der beste Platz zum Leben.“

Hinab in die Gruft.

Wobei, so abgebrüht wie er nun klingt, war er auch nicht immer. „Als ich diesen Ort entdeckte, wollte ich nur ein paar Tage bleiben. Anfangs schlief ich oben in einer Kapelle oder drüben im Mausoleum. Doch dann wurden es Wochen, ja Monate und nun sind es Jahre.“ Er weist uns den Weg über zugewachsene Gräber, führt im Dunkeln über den Friedhof wie andere einen durch ihre Wohnung lotsen, wenn das Licht ausgefallen ist. „In sowas runtersteigen“, sagt er, und deutet auf ein Loch, „das traute ich mich erst später.“

Wir stehen auf den Granitplatten einer Gruft. Es ist der Familie Pešić. So lässt es sich auf der vergilbten Grabinschrift entziffern – Vater Dimitrije, Mutter Katarina, Sohn Milivoje. Der schied 1975 von dieser Welt. Und kurz vor der Jahrtausendwende zog Bratislav in dessen letzte Ruhestätte ein. „Die Gruft war aufgebrochen, die Särge verschwunden, es war kalt und der Winter nah.“

Wir steigen mit ihm hinab in sein kleines Reich. Drei Mal drei Meter groß, vielleicht eineinhalb Meter hoch. Es ist feucht, modrig, aber doch vor Wind und Wetter geschützt. Kerzen hat er hier unten aufgestellt, dicke Decken ausgelegt, sich, wenn man das so sagen kann, wohnlich eingerichtet. Warum, Bratislav? Wieso der Friedhof, weshalb die Gruft? „Na ja, es ist einfach praktisch: Ich habe hier meine Ruhe und bin doch mitten in der Stadt.“ Was klingt, als ob jemand die Lage seiner neuen Wohnung anpreist, ist ernst gemeint. Todernst.

Was folgt, ist keine Anklage, keine Litanei über die Ungerechtigkeit des Lebens, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Und nüchtern, das ist Bratislav wichtig, ist er immer.

Seine Mutter verließ die Familie früh, mit dem Vater hatte er so seine Probleme. Bratislav machte eine Ausbildung, lernte auf dem Bau. Aber anpassen, Befehle befolgen, sich von anderen herumkommandieren lassen, das war nie seine Sache. Wann immer er in seinem Leben in solche Situationen geriet, nahm er Reißaus. So lange, bis solche Situationen immer seltener wurden.

Als die Engel erschienen.

„Wenn du so drauf bist wie ich, landest du irgendwann auf der Straße, das ist klar.“ Damals, in den 90er-Jahren, begann Bratislav zu „driften“, wie er es selbst nennt. Schlief mal hier, mal dort, während sein Land, Serbien, in den Balkankriegen versank und er selbst allmählich Abschied vom Alltag nahm.

„Jobs gab es keine, schon gar nicht für so einen wie mich, und je länger du auf dich selbst gestellt bist, desto mehr verab- scheust du das Geschwätz der Leute.“ Die Menschen dort draußen, sie sind ihm mit der Zeit unheimlicher geworden als die Geister der Toten, die ihn hier umgeben. Ja einmal, erzählt er, hatte er eine Freundin, eine Gefährtin, die mit ihm auch hinabstieg in die Gruft. „Aber sie verließ mich, ist gestorben. Vielleicht war es die Nähe zu den Toten, die ihr nicht gut getan hat.“ Ihn selbst stört diese Nähe nicht, er suchte die Einsamkeit und fand sie auf dem Friedhof. „Eines Nachts sah ich hier einen dunklen Schatten. Er flackerte, wechselte ständig die Richtung. Es muss der Todesengel gewesen sein, der die Seele eines Ver- storbenen mitnahm. Mich wollte er wohl noch nicht.“

Kaum gehungert, nie gebettelt.

Nicht ein einziges Mal sei er in den 15 Jahren, die er hier haust, krank gewesen. „Vielleicht manchmal Kopfweh, das war’s.“ Dabei fühle er sich dem Jenseits mitunter näher als dem Leben in dieser Welt. „Es ist ein Gefängnis, all die Befehle, die Vorgaben – dort draußen noch viel mehr als hier in der Gruft.“ Und trotzdem ist ihm am Wohl der Lebendigen gelegen: „Bevor ich in der Früh hochsteige, lausche ich, ob Stimmen von Friedhofsbesuchern zu hören sind. Ich will ja niemanden zu Tode erschrecken.“

Erst wenn alles still ist, klettert er hinauf und treibt sich dann in der Stadt herum. Sucht Essbares, weiß schon, hinter welchen Restaurants immer etwas zu finden ist. „Gehungert habe ich selten und gebettelt noch keinen einzigen Tag“, sagt er stolz. Bra- tislav, so viel wird bald klar, ist eher anspruchs– als obdachlos. Er glaubt an Gott, nimmt an, dieser habe ihm sein Schicksal auferlegt. Und wirkt, wenn er so dahockt, irgendwie glücklich.

Längst fühlt er sich unter den Toten lebendiger als unter den Lebenden.

Erschienen in NEWS 42/2013

Das Video zur Reportage