Prinzessin der Pleite

Miss Krise Anastasia (Foto: Ricardo Herrgott)Ein griechisches Märchen. Anastasia, 20, war eine arme Studentin. Dann gewann sie bei einem Schönheitswettbewerb den Titel „Miss Krise“. Jetzt ist sie ein Star und gehört zur High Society von Athen.

Anastasia hat sich umgezogen. Die irre kurzen Hotpants abgelegt und ein Mäntelchen mit Pelzkragen über ihr enges Top geworfen. Es ist halb vier Uhr in der Früh, als ihr Arbeitstag endet. Sie verlässt das „Frangelico“, einen Nobelclub im Süden von Griechenlands Hauptstadt Athen. Draußen parken Porsches, Bentleys und Maseratis, während drinnen alles auf einen weiteren Höhepunkt zusteuert. Aber Anastasia mag nicht mehr.

Sie geht zu ihrem schwarzen Cabrio, das um die Ecke steht, steigt ein, startet und rauscht durch eine Stadt am Abgrund. Vorbei an Obdachlosen, die in den Eingängen aufgelassener Geschäfte schlafen. Menschen, die ziellos in der Nacht umherirren. Prostituierten, die am Straßenrand auf Kundschaft warten. Und Drogensüchtigen, die irgendwo zu ihrem nächsten Schuss kommen müssen.

Anastasia versucht, nicht mehr hinzuschauen. Sie ist 20 und fährt allein durch die Dunkelheit. Noch etwas aufgekratzt wirkt sie, als daheim die Tür ins Schloss fällt. Sie, die Schöne der Nacht, ist das Mädchen, das der Krise trotzt.

Ein Märchen inmitten eines Alptraums.

Krise. Anastasia reagiert wie die meisten Griechen genervt, sobald sie dieses Wort nur hört. Sechs Jahre Niedergang, sechs Jahre, in denen Millionen Menschen erst um ihre Existenz fürchteten und viele sie bald auch wirklich verloren. Die Arbeitslosigkeit ist heute die höchste in ganz Europa. Zwei von drei jungen Griechen stehen ohne Job, Geld und Perspektive auf der Straße. „Besserung heucheln nur die Politiker im Fernsehen“, sagt Anastasia, „und das vom ersten Tag an. Aber letztlich wollen die nur ihre eigene Haut retten und nicht die unsere.“

Wobei: Krise? Für die blonde Athenerin hat das Wort eine andere Bedeutung. Sie kramt im Kleiderschrank, findet schließlich, wonach sie sucht und zeigt, was wir sehen wollen. Eine schlichte weiße Schärpe und ein kleines Diadem aus Plastik. „MISS Krisi 2012“ steht drauf. „Miss Krise“, das war sie und das ist Anastasia  bis heute – die einzige offiziell gekrönte Prinzessin der Pleite auf der ganzen Welt.

Nur: wer Anastasia betrachtet, ihre teure Kleidung, den Schmuck, das neueste Handy, das iPad und zugleich in ihrer Wohnung in Ilioupoli, einem schönen Vorort von Athen, steht, kriegt Zweifel. Anastasia lacht, setzt den Schmollmund auf und haucht einem ins Ohr: „Jede Krise ist ja auch eine Chance, oder?“

Zwölf Griechinnen und viel nackte Haut.

Hat sie das tatsächlich eben gesagt? Diesen Satz, den keiner mehr hören kann. Weil er so zynisch und falsch klingt, als Lüge entlarvt wurde, Menschen Hoffnung geben soll, wo  kaum noch Grund dafür besteht. Nun nimmt sie ihre Abschminktücher und winkt damit: „So Burschen, ich brauche jetzt meinen Schönheitsschlaf, morgen reden wir weiter.“

Was ist das für eine, diese Anastasia, die so unbekümmert, locker und losgelöst wirkt von all dem, was sie umgibt? Für uns wird sie zur Türöffnerin in eine verborgene Welt. In die der Reichen und Schönen. Eine Welt, die auch ihr vor kurzem noch fremd war und von der wir glaubten, dass es sie im Griechenland der Schreckensnachrichten gar nicht mehr gibt.

Wer sich das Video ihrer Miss-Kür im Internet anschaut, sieht ein blond gefärbtes Mädchen im türkisen Bikini, welches mit der Schärpe auf einer Couch posiert. „Miss Krise“, was für eine bescheuerte Idee. Zwölf junge Griechinnen, die im Sommer 2012 ohne viel Stoff auf der Haut in einer Halle posierten. Anastasia stach sie alle aus und erhielt den fragwürdigen Titel. Einen Strauß halb verwelkter Blumen haben sie ihr damals in die Hand gedrückt. Und sonst?

„Sonst gab‘s nicht viel“, sagt sie am nächsten Tag in einem Café, „ein paar Schminksachen, Kosmetik, Miss Krise eben.“ Gekürt hat sie Athens Tourismusverband, der damit welche Botschaft auch immer in die Welt aussenden wollte. Nachfolgerin gab es im Jahr darauf jedenfalls keine mehr, wenngleich das kaum am Verschwinden der Krise liegen dürfte.

Eigentlich wäre damit alles gesagt, denn Schönheitsköniginnen gibt es zuhauf und selten verbergen sich dahinter Geschichten, die uns mehr von dem Land erzählen, in welchem sie spielen.

Außer vielleicht vor zwei Wochen, als die einstige „Miss Venezuela“ im Kugelhagel jener Banditen starb, die sie auf offener Straße ausraubten. Oder nun hier in Griechenland, wo uns Anastasia, Sportstudentin aus bescheidenem Hause, gegenübersitzt. Wir sind in Glyfada, einem mondänen Vorort direkt am Meer. Für den Cappuccino Freddo verlangen sie hier weiterhin fünf Euro und blickt man sich um, ist kein einziger Tisch frei.

Das hier ist Anastasias Welt geworden und die Krönung zur Krisen-Queen ebnete ihr bizarrerweise den Weg dorthin. „Als ich vor zwei Jahren zum Studieren anfing, hätte ich mir hier nicht einmal ein Mineralwasser leisten können. Aber ich habe gekämpft. Du musst wissen, was du vom Leben willst, an dich glauben und jeden Tag richtig viel dafür tun, dich deinem Ziel zu nähern“, sagt sie und schwört felsenfest, noch nie in einer dieser sonderbaren Selbstfindungs- und Optimierungsfibeln gelesen zu haben. Als wir später mit ihr zum Wagen gehen, drehen sich selbst Männer in Begleitung ihrer Ehefrauen unverschämt nach Anastasia um. Die High Heels verfehlen ihre Wirkung ebenso wenig wie das weiße Röckchen und der tief gewählte Ausschnitt.

Im Auto läuft Britney Spears, ihre erklärte Lieblingssängerin und Inspirationsquelle zugleich. „Ich habe mit dem Singen angefangen, denn mit Modeln verdienst du nichts mehr, zumindest nicht in Griechenland. Wenn es jetzt heißt, bei uns ginge es wieder bergauf, ist das Blödsinn. Die Politiker sagen das, weil wir für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft haben und sie wollen, dass Europa uns endlich in Ruhe lässt.“ Krisenanalyse im Cabrio bei 80 km/h, den Wind im Haar und der schon kräftigen Sonne am Himmel.

„Eine Barbie, die auch singen kann“, nannte eine große griechische Zeitung Anastasia, als sie ihren ersten eigenen Song fertig hatte und dieser im vergangenen Sommer in die Charts einstieg. Der Titel der Krisen-Miss half, ihn zu promoten und Anastasias Tour durch die Clubs von Mykonos sorgte für den Rest. „Drei Monate war ich auf der Party-Insel, jede Nacht ein Auftritt in einem anderen Club, das ist harte Arbeit, die sich ausgezahlt hat.“

„Das Blondchen kriegt, was es will.“

Sie weiß genau, dass sie unterschätzt wird, viele in ihr wohl bloß das dumme Blondchen sehen. „Aber was soll‘s, das Blondchen kriegt, was es will, also kann es nicht so blöd sein“, entgegnet sie und setzt dabei, bewusst oder unbewusst, den Unschuldsblick auf. „Und im Unterschied zu mancher Sekretärin schlafe ich auch nicht mit dem Chef, um einen Job zu haben.“

Es ist Samstag Abend, kurz vor Mitternacht. Wir sind wieder im „Frangelico Upper Class“ an Athens Strandpromenade. Es ist der selbe Club wie in der Nacht zuvor. Ein edles Etablissement, in dem die Kellner die Gäste im schwarzen Anzug an ihre mit Kerzen beleuchtete und teurem Wodka und Whiskey bestückte Tische geleiten. Ab 140 Euro kostet einer dieser Tische, die alle rund um eine imposante Bühne angeordnet sind, auf der eine komplette Band eine ausufernde Nacht erwartet.

„Bouzoukia“ nennt sich diese Art von Clubs, die einer griechischen Institution gleichkommt. Die größten Stars des Landes treten dort Nacht für Nacht live auf und bieten eine Show, die an Las Vegas erinnert. Während anderswo in Europa um diese Uhrzeit die ersten bald ans Heimgehen denken, füllt sich hier erst langsam das Lokal. Wer Geld hat, kommt – am Ende wird kein einziger Tisch leer bleiben.

Anastasia sitzt in ihrer Garderobe, ist keine Spur nervös. Drei Mal die Woche tritt sie seit dem Herbst im „Frangelico“ auf, hat, neben all den großen Namen, einen Fixvertrag bekommen. Sie ist nun Teil der High Society, erntet Küsschen und Hallos von da und dort. Sie, die noch vor zwei Jahren bei ihren Eltern wohnte, beobachten konnte, wie ihr Land langsam vor die Hunde ging, eine Demonstration auf die andere folgte und ein Hilfspaket aufs nächste, hat es geschafft.

In Ruhe feilt sie oben ihre Nägel, während es unten von Stunde zu Stunde ekstatischer zugeht. Ist es die Gesellschaft der berüchtigten griechischen Steuerhinterzieher, welche hier so ausgelassen feiert, als gebe es kein Finanzamt mehr? Oder bloß der verbliebene Rest der Oberschicht, der aus einem auch für sie bedrückender werdenden Alltag ausbricht? Sie haben Spaß, tanzen bald auf den Tischen, werfen den wechselnden Stars Blumen aufs Podium und singen mit ihnen griechische Pop-Balladen. Nichts wirkt hier gekünstelt, aufgesetzt oder von fader Noblesse geprägt. Das Athen der Nacht steht im krassen Gegensatz zu einem Herrn Elmayer und den „Seitenblicken“ in der Heimat.

Sie feiern und wir zahlen?

„Wir sind Griechen und wir werden immer feiern, denn wir haben nur ein Leben“, sagt einer, der gerade Drinks für sich und seine Freunde ordert: „Ihr im Norden spart dafür, dass ihr einmal im Jahr auf Urlaub fahren könnt oder im Alter was auf der Seite habt, wir hier geben das Geld aus, solange es da ist und wenn nichts mehr übrig ist, tanzen wir eben gratis am Strand.“

Dass der griechische Staat aber längst nackt am Strand steht und dessen Kassen leerer sind als der Club vor Mitternacht, irritiert den Herrn hingegen nur kurz: „Der Staat, die Politiker, die waren bei uns schon immer korrupt. Warum glaubt ihr, haben gerade Unternehmer lange bei der Steuer geschummelt? Weil sie einen Staat, von dem sie nichts erwarten konnten, nicht auch noch fördern wollten. Und wer von euch im Norden immer noch annimmt, mit Hilfspaketen würden Griechen und nicht eure Banken gerettet, hat nichts verstanden.“

Gegen drei Uhr in der Früh nähert sich der Tanz auf dem Vulkan einem weiteren Höhepunkt. Lefteris Pantazis, eine singende Legende, der wie eine Mischung aus Johnny Cash und Silvio Berlusconi wirkt, hat Begeisterungsstürme entfacht. Als er unter Jubelbekundungen abtritt, ist Anastasia an der Reihe. In Stilettos stöckelt sie auf die Bühne, schwingt ihre Hüften und beginnt zu singen. Ihr eine Soulstimme nachzusagen, wäre vermessen, es ist eher ein erotisches Dahinhauchen, das sich da bahnbricht. Aber selbst bei Dieter Bohlen würde sie eine Runde weiter kommen und die Griechen wirken noch weit angetaner.

Die Nelken fliegen ihr zu und sie tritt ab. Oben, in der Garderobe, sagt sie: „Ich stehe am Anfang. Alle, und ich lüge nicht, alle, die mit mir früher in die Klasse gingen, sind heute arbeitslos. Nicht, weil sie dumm oder unfähig wären, sondern, weil unser Land erledigt ist.“ Aber schon nach diesem einen Satz wechselt sie rasch das Thema. Die Krise bedrückt sichtlich auch die Miss Krise, sie fürchtet, am Ende doch noch zu einem Teil von ihr zu werden. Hat Angst, dass auch sie verschlungen werden könnte und das moderne Märchen vom Mädchen, das aufbrach, ihr zu trotzen, im allgegenwärtigen Abgrund endet. Aber haben Märchen denn nicht immer ein Happy End?

Erschienen in NEWS 03/2014