Gefangen im Paradies

Die Sonne geht über dem Golf von Dubai unterWie eine österreichische Studentin (29) in Dubai vergewaltigt wurde  – und ihr jetzt deshalb das Gefängnis droht. Die dunkle Seite der Glitzerwelt am Golf. 

Am Morgen des 3. Dezembers 2013 ist für eine 29-jährige Wienerin nichts mehr so wie es zuvor war. Sofern sie in den vorangegangenen Stunden überhaupt Schlaf gefunden hat, wacht sie nun in einem dunklen Zellentrakt der Polizeistation eines arabischen Landes auf. Eingesperrt. 24 Stunden lang schon. Sie ist das Opfer einer Vergewaltigung und sitzt doch ein, als sei sie die Täterin. Und für die Behörden ist sie das auch.

Ein Albtraum aus 1001 Nacht.

Dies ist eine Geschichte aus Widersprüchen, Heuchelei und Lügen. Sie spielt in einem Land, das sich selbst als das „glücklichste der Welt“ bezeichnet.

Dubai – Emirat am Golf, wohlig warme 25 Grad im Winter, auf den ersten Blick ein Traum aus Tausendundeiner Nacht. Hunderttausende österreichische Urlauber zog dieser Traum in den vergangenen Jahren in seinen Bann. Für die junge Frau aus Wien endete er nun im absoluten Albtraum. Vergewaltigt. Von einem Einheimischen. Danach eingesperrt, der Pass abgenommen. Sie sitzt fest, acht Wochen lang schon. Gelingt es nicht, die Vergewaltigung nachzuweisen, drohen ihr, dem Opfer, bis zu drei Jahre Haft wegen „außerehelichem Geschlechtsverkehr“.

Und das in Dubai? Das sich in seinen schönen Prospekten selbst als Partyparadies anpreist? Das damit wirbt, westlich, tolerant und locker zu sein? Quasi die Antithese zu einem islamischen Gesellschaftsmodell, das andere Staaten der Region im Mittelalter gefangen hält.

„Übermorgenland” nannte das Magazin „Spiegel” einmal das Emirat und beschrieb ein Versuchslabor der Globalisierung, in dem der Turbokapitalismus den Radikalfundamentalismus abgelöst hat. Doch wer länger am Golf weilt, realisiert rasch, dass dies leere Worte sind, geschicktes Marketing.

Die herrschende Elite, die gerade einmal 15 Prozent der über zwei Millionen Einwohner Dubais stellt, hält nichts von Demokratie, dafür umso mehr von totaler Überwachung und Zensur. Bloß, die drei Millionen Europäer, davon 80.000 Österreicher, die allein im vergangenen Jahr zum Baden, Shoppen und Feiern hierher flogen, merken davon im Normalfall wenig.

Auch die Wienerin wollte mit Freunden eine gute Zeit haben. Daheim, so wird sie später angeben, hat sie ihr post-graduales Studium fast fertig, einen Job, gutes Geld, ein Leben, das die richtigen Abzweigungen genommen hat.

Und hier? Hier beginnt ihre Geschichte an einem verbotenen Ort. Verschlossen und verborgen vor der Allgemeinheit, vielleicht auch ein wenig verrucht. Schon immer übten solche Plätze auf Menschen einen besonderen Reiz aus. Und gerade in Dubai gibt es sie reichlich. Etwa das „Crystal“, das in der Spitze einer Pyramide aus Glas thront. Darin blitzen Laserlichter, hämmert harter Beat, fließt der eigentlich verbotene Alkohol. Zum besten Club der Emirate wurde das „Crystal” gewählt und das ist wichtig in einer Stadt, in der Superlative das einzige Geschäftsmodell bilden. 30 Euro kostet der Eintritt, 10 Euro das Fläschchen Bier, 24.000 Euro die Dreiliter-Flasche Dom Pérignon Rosé, Jahrgang ‘96. Und ab 300 Euro, so heißt es, bieten sich Prostituierte an, die sich hier häufiger unter die Gäste mischen sollen.

Gleich unter dem Club, im Rest der 18-stöckigen Pyramide, liegt das „Raffles“, ein feines Fünfstern-Hotel mit Restaurants und Pubs. Und noch weiter darunter breitet sich auf zwei Ebenen eine Tiefgarage aus, in der Lamborghinis ganz selbstverständlich neben Ferraris parken.

Niemand hört ihr Schreien.

Die Wienerin war in jener Nacht des 2. Dezembers auch hier. Feiert mit Freunden und lernt einen Mann kennen, der mit seinen Kumpels ebenfalls Party macht. Die Nacht scheint noch jung und so beschließen sie, weiterzuziehen. Der Mann, der sich ihr als ein im Emirat Geborener vorstellt, schlägt vor, sie in seinem Wagen zur anderen Feier mitzunehmen. Die beiden nehmen den Aufzug in die Tiefgarage. Doch, anstatt loszufahren soll er die Türen seines Autos verriegelt und die 29-Jährige vergewaltigt haben. Hilfeschreie bleiben ungehört. Erst als er von ihr ablässt, gelingt ihr die Flucht. Passanten treffen auf die hysterisch schreiende Frau, verständigen die Polizei – und der Albtraum einer Urlauberin, die glaubt, das Schlimmste zumindest überstanden zu haben, steht in Wirklichkeit erst an seinem Anfang.

Drei Tage und drei Nächte wird die Österreicherin auf dem Polizeiposten im Stadtteil al Raffa festgehalten. Ohne, dass die Botschaft davon weiß. Ohne, dass ein Anwalt ihr hilft. Ohne, dass sie sich traut, ihre Eltern zu informieren. Scham, Schuldgefühle, Schweigen – bis heute. Am Ende wird sie zwar oberflächlich von einer Ärztin untersucht worden sein, in den Einvernahmeprotokollen wird aber das Wort Vergewaltigung erst gar nicht auftauchen. Viel- mehr steht dort „einvernehmlicher Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe”. Die Polizisten werden in der Zwischenzeit ausgeforscht haben, dass es sich beim mutmaßlichen Vergewaltiger um den Sohn eines ihrer Kollegen, einem höherrangigen Polizeioffizier, handelt. Sie werden weiters wissen, dass die Wienerin tunesische Wurzeln besitzt und selbst Muslimin ist.

Ihrem Anwalt, Mohammed al Redha, wird die Frau später vom Druck, der auf sie ausgeübt wurde, erzählen und vom Vorschlag, ihren Peiniger doch zu heiraten, um eine mildere Strafe auszufassen. Der Mann, in Wahrheit aus dem armen Jemen stammend, wird behaupten, der Österreicherin Geld für Sex gegeben zu haben und alles unternehmen, um eine Anklage wegen Vergewaltigung zu verhindern, denn deren Höchststrafe wäre sein Tod.

Im Scharia-Gericht.

„Ob die Österreicherin aber zu diesem Zeitpunkt ahnte, dass es eine Straftat ist, Sex außerhalb der Ehe zuzugeben, ist fraglich“, sagt einer, dessen Beruf all diese heuchlerischen Anklagen sind. Bassam Za‘za‘ lebt seit elf Jahren davon, jeden Tag in ein hoch modernes Gerichtsgebäude zu marschieren, in dem höchst archaische Gesetze zur Anwendung gelangen. Draußen glitzert das Glas und drinnen regiert die Scharia. Za‘za‘ schreibt für die „Gulf News“, die größte Tageszeitung der Emirate, über all die Prozesse. „Allein in der vergangenen Woche hatte ich drei Verfahren wegen außerehelichem Sex, alle Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Prozesse wegen Vergewaltigung sind hier hingegen sehr selten“, sagt er.

Das Emirat mit dem vermeintlich liberalen Antlitz schickt seine Polizisten Nacht für Nacht auf Jagd nach jenen, die die höhere moralische Ord- nung stören. Und die Ertappten, oft Jugendliche, die ein Stelldichein im Auto suchten, aber auch Pärchen im Luxushotel, finden sich im Gefängnis wieder. Wie bizarr das auf uns wirken mag, scheint der sonst so weltgewandte Za‘za‘ noch zu verstehen, Kritik daran duldet er jedoch nicht: „Keiner ist gezwungen, hierher zu kommen“, sagt er, „aber wer es tut, hat unsere Kultur zu akzeptieren und sich an die Regeln zu halten.“

Wenngleich diese Regeln von der privilegierten Kaste der wenigen Einheimischen durchaus locker ausgelegt werden. Der so verpönte „außereheliche Sex“ dürfte unter den Herren von Dubai ebenso wenig eine Ausnahme sein wie bei den zahlreichen Besuchern aus anderen arabischen Staaten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Dubai längst als Prostituierten- Paradies gilt, in dem Damen aus der ganzen Welt anschaffen und jede fünfte Frau ihr Geld horizontal verdienen soll.

Und auch der verteufelte und außerhalb der Nobelhotels verbotene Alkohol scheint so manchem arabischen Gast zu munden. Bloß Zeugen braucht er keine, während er sich die Sünde schönsäuft. So kann es vorkommen, dass westliche Besucher der hoteleigenen Bar verwiesen werden, bevor die Bauchtänzerin und das Teufelswasser ins Spiel kommen oder die Touristen erst gar keinen Einlass erhalten, da „only Arabs“ willkommen wären.

Jeder Tourist ist in Gefahr.

Dass jedoch jeder Tourist, der in Dubai trinkt, mit einem Bein im Gefängnis steht, ahnt kaum einer der Besucher. Denn strafbar wird, wer öffentlich auch nur den geringsten Eindruck erweckt, getrunken zu haben.

Am liebsten erzählt Reporter Za‘za‘ die Geschichte mit den zwei Touristinnen aus England: Die fahren eines Abends mit dem Mietwagen in Richtung Hotel. Die Fahrerin hat ein Gläschen getrunken, die Beifahrerin all die anderen. Plötzlich eine Reifenpanne. Ein Taxifahrer bleibt stehen, will helfen. Es dauert nicht lange und auch die Polizei ist zugegen. Die Beamten riechen den Alkohol, der Fahrerin schwant Fürchterliches, die Beifahrerin wiegt sich in Sicherheit. „Falsch gedacht“, sagt Za‘za‘, „am Ende landen beide im Gefängnis, denn Alkohol ist haram.“

Die Wienerin und der Alkohol.

„Dadurch, dass die Österreicherin getrunken hatte und sie noch dazu selbst Muslimin ist, muss sie die volle Härte des Gesetzes fürchten, da sie der Richter wohl nicht für eine Unwissende aus dem Westen halten wird“, sagt die gebürtige Burgenländerin Silke Wind, die es schon vor zehn Jahren nach Dubai verschlagen hat. Heute ist sie die erfolgreiche Geschäftsfrau eine von 2.000 Österreichern hier und weiß genau, welche Regeln sie zu beachten hat.

„Aber das selbe von Touristen zu verlangen, die für ein, zwei Wochen herkommen, ist vermessen. Die Studentin wird sich schon genug Vorwürfe machen, zu dem Mann ins Auto gestiegen zu sein.“ Sie hat Mitleid mit der Frau aus der Heimat, die sich nun verbarrikadiert, jeden Kontakt zu Medien meidet und einzig und allein darauf hofft, dass in der weitläufigen Tiefgarage tatsächlich eine der Dutzenden Kameras jene Szenen festgehalten hat, die sie hysterisch und weinend aus dem Auto stürzend zeigen sollen.

Aber selbst wenn: als vor über einem Jahr der Fall einer in Dubai vergewaltigten Norwegerin um die Welt ging, lagen ausreichend Beweise dafür vor dem Richter. Der schickte sie dennoch für 16 Monate hinter Gitter – drei Monate länger als den Täter. Dass sie begnadigt wurde, verdankt sie allein dem Druck der Medien und dem Wirken ihrer Regierung.

„Sie weint und ist wütend.“

Wie aber lebt die nun bei Bekannten untergetauchte junge Wienerin mit diesem Wissen?

„Sie weint viel, ist gleichzeitig zornig, wütend und mit den Nerven am Ende”, sagt ihr Anwalt al Rehda zu NEWS. „Es scheint, dass sie erst langsam realisiert, in welch verhängnisvolle Lage sie geraten ist”, meint Österreichs Botschafter in den Emiraten, Peter Elsner-Mackay, dessen Team in ständigem Kontakt zur jungen Frau steht und versucht, im Hintergrund an diplomatischen Fäden zu ziehen.

Dies wird auch nötig sein, denn NEWS konnte aus Justizkreisen in Erfahrung bringen, dass die unzureichende medizinische Untersuchung der Frau keinerlei Bestätigung für deren Vergewaltigung liefern soll.

Wir sind am Strand von Jumeirah, unweit der künstlichen Palme, die auf Sand im Meer aufgeschüttet wurde. Es ist ein weiteres Superlativ, mit dem sich das hoch verschuldete Dubai brüstet. Der höchste Wolkenkratzer, das größte Shoppingcenter, das teuerste Hotel – Dubai, dem fast kein Öl mehr geblieben ist, setzt ganz auf Touristen und will bis zum Jahr 2020 die Zahl der Ankommenden auf 20 Millionen im Jahr verdoppeln. Dass sich all die aber in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen oder andere Zärtlichkeiten austauschen dürfen, ahnen wohl die wenigsten. Einer jungen Britin wurde dies vor drei Jahren zum Verhängnis. In einem Café gab sie einer neuen Flamme einen Schmatzer auf die Wange, woraufhin eine vollverschleierte Dame sofort die Polizei rief. Die Britin wurde abgeführt und vor Gericht gestellt: 23 Tage Haft, 23 Tage Al Awir Staatsgefängnis, mitten in der Wüste.

Dort ist von Dubais Skyline nur noch eine vage Vorstellung übrig. Die schöne Stadt des Scheins ist weit weg, dafür werden ihre Ausdünstungen mit Lkw hierher, mitten in die Wüste, gekarrt. Neben der Kläranlage liegt der Gefängniskomplex. Stacheldraht, Wachtürme, meterhohe Mauern und das kilometerlang. Drinnen ist Platz für 4.000 Insassen, davon 400 Frauen. Es ist der Ort, an dem auch die 29-jährige Studentin im Fall einer Verurteilung ihre Strafe absitzen müsste. Die Britin, der der Kuss zum Verhängnis wurde, berichtet später von winzigen Zellen, die sie mit fünf Insassinnen teilte. Von Matrazen, auf denen sie abwechselnd schliefen. Von der Hitze, dem Eingesperrtsein, nur unterbrochen von zwei Mal 20 Minuten Hofgang pro Woche. Und von den Schreien anderer Frauen, die Nacht für Nacht durchs Gefängnis hallten.

Erschienen in NEWS 05/2014 (Anmerkung: Diplomatischem Wirken ist es zu verdanken, dass die Österreicherin Dubai mittlerweile verlassen konnte. Das Verfahren gegen sie läuft weiter, sie selbst ist zurück in der Heimat)