Frankreichs Frontstadt

Was passiert, wenn rechts regiert? Eine geschundene Stadt im Norden Frankreichs dient Marine Le Pen als ideales Versuchsfeld. Erst hier wird klar, warum mit der Chefin des Front National auch in Zukunft zu rechnen ist

Von Christoph Lehermayr; Fotos: Ricardo Herrgott

Es ist die Nacht vor Marine Le Pens geplantem Eintreffen in Hénin-Beaumont. Die Stadt im Norden Frankreichs hat ihre besten Tage hinter sich. Seit hier, nahe der belgischen Grenze, die Kohlegruben vor dreißig Jahren schlossen, geht es bergab. Die Backsteinbauten bröckeln, die Geschäfte sperren zu, jeder fünfte der 26.000 Bewohner ist arbeitslos, unter den Jungen ist es jeder zweite. Sie alle zählen zu den Verlierern einer neuen Zeit und sind damit nicht allein. Aus Verzweiflung wenden sie sich den Radikalen zu. Einer wie Le Pen, der Frau, die Frankreichs nächste Präsidentin werden will. Es ist ihre Hochburg. Der Ort, an dem sie nicht nur 46 Prozent der Stimmen holen wird, sondern in dem ihre Partei auch regiert. So lautet in etwa die Kurzform der Geschichte. 650 Journalisten aus aller Welt werden am nächsten Tag nach Hénin-Beaumont kommen, um sie zu erzählen: Die Verstoßenen verfallen der Frau mit dem Holocaust-Leugner als Vater. Eine eiskalte Symbiose direkt in den Untergang. Ein wahres Schauermärchen, perfekt aufbereitet für die Abendnachrichten. Nach dem kurzen Einspieler aus der Provinz, wird im Pariser Studio weit länger darüber debattiert werden, wie viele von diesen Zukurzgekommenen es in Frankreich wohl geben mag. Muss man fürchten, dass es genug sind, damit Le Pen gewinnt und sie der EU den Todesstoß versetzt? Und was sagen die Börsen eigentlich? Erst Brexit, dann Trump, nun Le Pen – Game over, c’est fini?

Tür an Tür mit Marine

RI5_0782Die Langform der Geschichte liest sich etwas anders. Sie beginnt damit, dass Arlette Croux in dieser Nacht an ihrer Tür lauscht. Sie ist eine Beamtin in Pension, hat 40 Jahre auf der Gemeinde gearbeitet und dort erlebt, wie es die Stadt, die zum industriellen Herzen Frankreichs zählte, nach unten spülte. Und mit ihr deren Bewohner. Seit dem Zweiten Weltkrieg standen beständig Linke am Ruder,  Sozialisten und auch mal Kommunisten. Der letzte Bürgermeister langte ordentlich in die Kassa, schanzte Getreuen Jobs und Wohnungen zu und sorgte dafür, dass zumindest seine Genossen den Abgrund nicht fürchten mussten. “Heute sitzt er im Gefängnis”, sagt Madame Croux trocken und macht eine abfällige Handbewegung. In ihrem Wohnzimmer steht eine Büste der Marianne, Frankreichs Nationalfigur. Auf dem Plattenspieler läuft französische Klassik. Im Schlafzimmer liegt ein handsigniertes Bild ihrer Nachbarin. Es ist Marine Le Pen. Vielleicht, so denkt Madame Croux, an der Tür horchend, kommt “Marine” ja doch noch in dieser Nacht. Gleich gegenüber der Wohnung der älteren Dame, klebt Le Pens Name tatsächlich an der Klingel. “Ich kenne und verehre sie. Sie ist eine kultivierte Patriotin, eine, die uns ernst nimmt”, sagt Madame Croux. Sie versteht nicht, wie sie im Fernsehen immer behaupten könnten, Le Pen würde das kleine Hénin nur benutzen, um sich als Frau des Volkes zu geben, fern der Pariser Blase. In der Hauptstadt kommt ihr die Rolle des Teufels zu, hier ist sie der Engel. “Einzig Marine verdanken wir doch unseren Bürgermeister und dass wir wieder Hoffnung haben.”

Ein brutales Biotop

Nur in elf Städten Frankreichs regiert der Front National bisher –  Hénin-Beaumont ist die wichtigste. Hier, inmitten des Niedergangs, der keinen kümmerte, findet sich das perfekte Biotop. Es ist der ideale Ort, um eine “brutale Globalisierung” anzuprangern, das “alte Frankreich” zurückzuverlangen und mit der “abgehobenen Kaste der Politiker” abzurechnen. Dort, wo sich Hilflosigkeit und Wut ballen, ist auch ein guter Platz, um sich an der Macht zu üben. Auszuprobieren, was es heißt, wenn rechtsextrem regiert. Am Ende lautet der Titel dieses Feldversuchs – Massenpartei.

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Marine Le Pen mit Steeve Briois (li.)

Der Versuchsleiter hat etwas von einem Boxer. Breite Schultern, massiges Gesicht, kurzes Haar. Steeve Briois ist einer, der gerne austeilt und ungern einsteckt. Aber, wer tut das schon? Einst verkaufte er Internetanschlüsse an der Haustür, bis er, der schon früh für den Front National lief, seine Chance mit dem korrupten Bürgermeister gekommen sah. Seither sitzt er nach all den Linken als Rechter mit absoluter Mehrheit im Rathaus. Und ließ als erste Amtshandlung dort gleich einmal die EU-Fahnen abnehmen.  

Abseits der Anständigen

Ein paar Straßen weiter, in einem der Backsteinhäuser, die viel englischer als französisch wirken, hockt eine Runde im “Coq Lillois” zusammen. Das Bistro gibt es seit 90 Jahren und wenig hat sich seit dessen erstem Tag verändert. Braune Holzvertäfelung, schwere Tische, kein Fernseher, leise Musik. Die Gespräche über den Front National übertönen alles. 1972 von Le Pens Vater Jean-Marie gegründet, galt er lange als Vereinigung Ewiggestriger. Die Kameraden lachten nur verschmitzt, wenn der Alte wieder einmal Gaskammern als “Detail der Geschichte” bagatellisierte. Der Front, das war in Frankreich lange einhellige Meinung aller Anständigen, hat ein Schattendasein ganz rechtsaußen am Rande der Gesellschaft zu führen. Niemand, außer den üblichen Verdächtigen, würde sich zu ihm bekennen.

Bis die Versuchsanordnung mit der jüngsten Le Pen-Tochter in die nächsthöhere Phase trat – dem Projekt “Marine”. Den Vater hat sie nach außen hin kalt gestellt, öffentlich den Bruch erklärt, ihn formell aus der Partei aus- und damit ihr wichtigstes Vorhaben fast abgeschlossen: Das “Ende der Verteufelung”, der Weg in die Mitte, dorthin, wo Lucien im “Coq Lillois” sitzt.

Von Voltaire zu Le Pen

Er ist fünfzig und ein gebildeter Mann, der Voltaire zitiert und die Miene verzieht, wenn jemand anderer aus der Runde den alten Le Pen mit allzu viel Verve verteidigt. “Den hätte ich nie gewählt, aber Marine…” Dass der Alte, der einst unter ominösen Umständen zu viel Geld und einem Schloss gelangte, der Tochter weiterhin den Wahlkampf aus der Privatschatulle finanziert, kümmert Lucien kaum. Ebensowenig, dass der andere Teil des Geldes aus Putins Russland stammt. Vorsichtiger ist Lucien, wenn es um seinen Nachnamen und sein Foto in der Zeitung geht. So weit sei er noch nicht. Er bekleide immerhin eine hochrangige Stelle bei einem bekannten Handelskonzern. Dort sehe man zu seinem Bedauern den Front National noch immer kritisch.

Menschen wie Lucien sind Le Pens Hoffnung. Sie wird sie brauchen, soll ihr Weg dort hinführen, wo Steeve Briois in Hénin-Beaumont schon angekommen ist. “Steeve ist ein Guter”, sagt Lucien, “die Stadt ist unter ihm sauberer und sicherer geworden. Er kümmert sich um alles.” Für die Jungen organisiere er Feste, für die Senioren Tanzabende. Gegen Flüchtlinge in der Stadt wehre er sich, gegen eine Moschee habe er hingegen nichts. Und den von ständigen Einbrüchen geplagten Anrainern, ließ er sogar eine Mauer auf der Zufahrtsstraße bauen. Zwar keine à la Trump, aber immerhin. “Nur an der Jobmisere hier und der Kriminalität in den völlig entglittenen Vorstädten von Paris, kann er nichts ändern, das kann nur der Staat, da muss Marine ran.”

Nackte Brüste als Protest

Die gibt sich am vergangenen Sonntag zurückhaltend. Im Bus mit schwarz verspiegelten Scheiben lässt sie sich direkt bis vor die Schule in Hénin fahren, um ihre Stimme abzugeben. Kein Winken den Bewohnern, kein Lächeln den Fotografen. Das übernimmt Steeve Briois, der für die Kameras vor der Schule den hemdsärmeligen Macher gibt: jovial im Umgang, hart in der Sache und nervenstark als es knallt. Ein Wagen fährt vor, Konfetti und Geldscheine regnen zu Boden, halbnackte Frauen springen heraus. Es ist die Protestgruppe “Femen”, die mit Trump-, Putin- und Le Pen-Masken auf dem Kopf gegen das Triumvirat der Feinde der Freiheit protestiert. Doch nicht lange. Polizisten nehmen die Frauen fest, Ordner pressen deren Fotografen brutal zu Boden. Der schreit, windet sich, als die Männer auf ihm knien, nur Briois geht ungerührt weiter.

Im Widerstandslager

Protest und Widerspruch sind seine Sache nicht. Die heile Welt seiner schön geschaffenen Versuchsanordnung erhält Risse, sobald deren Gegner zu erzählen beginnen. Etwa Marine Tondelier, eine junge Frau, geübt im Widerspruch und kaum geduldet im Stadtrat von Hénin. Dort sitzt sie als einzige Grüne zwanzig Leuten des Front National gegenüber. “Du wirst beschimpft und zugleich belächelt”, erzählt sie, “wer kritisiert, wird isoliert. Dabei ist der Bürgermeister noch das freundliche Gesicht nach außen. Hinter ihm verbergen sich seine Schergen.” Ihr graut davor, dass das, was sie im Kleinen seit Jahren erlebt, bald auch auf der Bühne der Republik stattfinden könnte: “Le Pen sagt, sie sei die Kandidatin des Volkes. Damit meint sie aber nur sich und ihre Gleichgesinnten. Alle anderen werden verfolgt.”

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Dass das Teil der Versuchsanordnung ist, wird spätestens in der Nacht des erwarteten Triumphes klar. Am Rande von Hénin-Beaumont hat Le Pen einen bezeichnenden Ort für ihre Siegesfeier gewählt. Die Halle ist benannt nach Francois Mitterand, dem sozialischen Präsidenten der 80er-Jahre und nun grell in “marineblau” ausgeleuchtet.

„Wir sind die Herren“

Die Chefin will in diesem historischen Moment “hier unter dem Volk” und “nicht abgehoben in Paris” sein. Bald ist die Rede von den Vergessenen, die sich ihr anvertrauen und es dauert nicht mehr lange bis es klingt wie bei Trump. Bloß ist Hénin und der Norden Frankreichs trotz aller Tristesse nicht Amerikas Rostgürtel. Der Sozialstaat verhindert hier ein völliges Abrutschen in den Abgrund. Vor Wut und dem Gefühl, schwach zu sein, aber ständig kämpfen zu müssen, bewahrt er hingegen nicht. Zumindest hier, in der Halle, ist man unter sich. “On est chez”, also hier sind wir die Herren, lautet der Choral des Abends. Nur unterbrochen von der “Marseillaise” und dem Gefühl, Zeuge einer Zeitenwende zu sein. Le Pen lässt ihre Anhänger eine Stunde auf den Auftritt warten. Sie war im Glauben an ihren Sieg hierher gekommen. Nun zeigten sie die Schirme mit 21,5 Prozent als Zweitplatzierte in die Stichwahl in zwei Wochen einziehen. Geschlagen um zwei Prozent von einem, den sie für die perfekte Verkörperung des von ihr verhassten Systems hält: Emmanuel Macron, gerade einmal 39 Jahre alt, ein Ex-Banker mit bloß zwei Jahren Politikerfahrung. Nur ein Jahr brauchte er, um ganz ohne Partei, 200.000 Menschen um sich zu versammeln. “Der ideale Gegenkandidat”, sagt Briois in den stickigen Saal hinein.

Der neue Front National

Le Pen ist da schon längst auf dem Weg zurück nach Paris. Dort lebt sie in einer Villa in einem feinen Vorort bei Versailles. Madame Croux wird in Hénin weiter an der Tür lauschen und vergeblich auf “Marine” warten.

Briois tanzt derweil mit Marines verbliebenen Fans zu Chansons aus Frankreichs besten Zeiten. Das Damals wird heute zum Morgen. Es sind vergilbte Erinnerungen an ungetrübte Zeiten. Ohne Terror, ohne Gewalt in den Vorstädten, ohne ständiges Zittern um den Job, die Zukunft der Kinder. Und darauf zielt der Front National, der fast schon zum Front Normal geworden ist. Bürgermeister Briois hat hier in Hénin seine Illusion zur Wirklichkeit gemacht, den Traum der Rechten zur Realität. Da ein Fest, dort ein Tanzabend, hier die EU-Fahnen weg, dort eine Mauer hoch, das ist sein Programm. Viel Pragmatismus, wenig Radikales. Links im Sozialen, rechts in Sicherheitsfragen und der Immigration. Die erste Runde der Präsidentschaftswahl hat das politische System von Frankreichs fünfter Republik hinweggefegt. Sozialisten und Bürgerliche errangen zusammen gerade noch ein Viertel der Stimmen. Die Karte zeigt, dass Le Pen nicht nur den Norden und die Gebiete am Mittelmeer holte, sondern auch im Zentrum punktete. Schwach blieb sie in den Metropolen, besonders in Paris. Stark hingegen ist sie in den kleineren Gemeinden der Peripherie. Und so gibt es viele Hénins in Frankreich. Das kleine Glück, das schöne Gestern, an diesem Abend wird es konserviert für die gefühlte Ewigkeit. Das Wissen darum, dass sich einer kümmert, einen ernst nimmt, Druck macht, austeilt, einsteckt und zurückschlägt. In einer Zeit, die dahinprescht, viele abhängt, ausstößt und wegwirft. Die Versuchsanordnung hat in Hénin die letzte Phase erreicht, mit allen erdenklichen Konsequenzen. Dem Rest Frankreichs bleibt noch eine Woche Bedenkzeit.

Erschienen in News 17/2017