Es war einmal Antalya

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Zukunft war gestern – „Muki“ am Strand von Antalya (Foto: Ricardo Herrgott)

Noch vor wenigen Jahren war die Türkei das zweitbeliebteste Ferienziel der Österreicher. Doch der Ärger über Erdogan und die Angst vor Terror bescheren dem Land den dritten Katastrophensommer. Was das bewirkt und wer trotzdem kommt: Wir buchten vier Tage All-Inclusive in Antalya

Alles glich einem Märchen, einer gar unglaublichen Geschichte voller Superlative. Und alles beginnt dabei für Mutarem so wie an jedem Morgen. Die Sonne strahlt schon vom Himmel, das Meer glänzt, eine sanfte Brise weht über den Strand von Side. Mutarem ist ein kräftiger Kerl, die Haut von der Sonne gegerbt. Mit seinen Kollegen zieht er die Jet-Skis ins Wasser, verankert sie im Meer, putzt die Boote, kontrolliert die Schwimmwesten und stellt seinen Verkaufsstand vor das Zelt. Seit 1998 macht er das so. Saison für Saison, Sommer für Sommer. In all diesen Jahren ist aus Mutarem „Muki“ geworden und aus der türkischen Riviera eines der meistbesuchten Ferienziele der Europäer. Muki hatte teil an ihrem Erfolg, er sicherte ihm Arbeit und Auskommen und ließ ihn hoffen, seinem Fluch entkommen zu sein.  

Noch 2014 entfielen 13,9 Prozent der heimischen Urlaubsbuchungen auf Antalya, Belek und Co., vermeldet das Österreichische Verkehrsbüro. Die Türkei stand auf dem zweiten Platz der beliebtesten Urlaubsdestinationen der Österreicher, gleich hinter Italien. „Es war die Geschichte eines unaufhaltsamen Aufstiegs“, sagt der Tourismusforscher Peter Zellmann, „die Türkei galt als unschlagbar beim Preis-Leistungsverhältnis, dem immer noch wichtigsten Kriterium bei der Wahl des Ferienortes.“ Wer wollte da noch länger den Sommer in einer abgewohnten Pension am griechischen Felsstrand verbringen, wenn sich um das selbe Geld eine Verheißung einlösen ließ. All-Inclusive lautete das Zauberwort, welches bald zu Antalyas Synonym werden sollte. Direktflüge, mehrmals täglich von Wien, von Linz, von Graz, und zweieinhalb Stunden später war man angelangt. Und jetzt, drei Jahre, einiges an Terror und noch mehr Ärger über Erdogan, später?

Die harte Landung

Flug PC2030 aus Istanbul setzt im Dunkel der Nacht auf Antalyas Airport auf. Direktverbindungen aus Österreich an die türkische Riviera sind spärlich geworden. Das Netz an Flügen hat sich ausgedünnt. Nur die Männer mit den Schildern großer Reiseveranstalter in der Hand, warten wie eh und je als getreue Fußsoldaten des Fremdenverkehrs am Ausgang. Einst folgten ihnen ganze Heerscharen Espandrillo tragender Ankommender fröhlich zu den Transferbussen mit den laufenden Motoren. Heute sind sie schon froh, wenn ihnen zumindest ein letztes Häufchen Verwegener über den verwaisten Parkplatz nachtrabt. „Danke, dass sie da sind“, sagt der Chauffeur mit Schnurrbart und verweist auf seine volle Kühltruhe mit Bier für zwei Euro die Dose.

Wer von der türkischen Millionenstadt Antalya die zerklüftete Küste nach Osten fährt, landet rasch an einem surrealen Ort. Hotels, Geschäfte, Bars und Basare, dort, wo einst Sumpfgebiet lag. Innerhalb eines Jahrzehnts war hier eine Urlaubsutopie aus tausend und einer Nacht entstanden. Immer höher, verwegener und fantastischer. Türme wuchsen in den Himmel, Themenhotels wurden geboren. Da Venedigs Markusplatz, daneben das Forum Romanum und dahinter Moskaus Kreml. Riesenhotels mit insgesamt 600.000 Betten entlang einer 400 Kilometer langen Küste boten Platz für zwanzig Millionen Gäste pro Saison. Wie geschaffen für blasse Europäer, angelockt und getrieben von einem einzigen Versprechen: dem besten Deal am Mittelmeer. Viel Masse, ein wenig Luxus, ein Hauch von Las Vegas und alles bezahlbar.

Wodka, und der Absturz

„Morgen wird es 33 Grad haben und das Meer 24“, versucht der Chauffeur im Bus so etwas wie Urlaubsstimmung aufkommen zu lassen. Das Pärchen aus Nürnberg lacht. Neben den Reportern aus Österreich sind sie die einzigen Passagiere. Sie kommen seit Jahren und bekamen ihren Urlaub noch nie so günstig wie heuer. Eine Woche All-Inclusive mit Flug und Transfer um 500 Euro. Das lässt einen auch die Sorge um die Sicherheit und so manchen Zorn über Staatschef Erdogan hinunterschlucken. „Berlin, Paris, London. Passieren kann heute überall was“, sagt er. „Erdogan ist uns egal“, meint sie.

Ankunft in Lara Beach. Der Empfang an der Rezeption fällt amikal aus. Das obligatorische Bändchen verwächst bald mit dem eigenen Handgelenk und wird zur Eintrittskarte in eine kulinarische Kettenreaktion: „Wenn ihr euch beeilt, schafft ihr noch das Mitternachtsbuffet. Frühstück gibt es dann von sieben bis zehn, ab elf ist Mittagessen am Strand, Nachmittagssnacks ab vier und Abendessen ab sieben. Bier, Wein und Härteres 24 Stunden lang.“ Ein wissendes Grinsen breitet sich im Gesicht des Rezeptionisten aus. Erst beim Blick auf den Reisepass folgt die bange Frage: „Bruder, warum kommen deine Leute nicht mehr?“

Die Zahlen zeigen, wie schlimm es um  den türkischen Tourismus steht. Das dritte Jahr in Folge brechen die Buchungen aus Europa ein. „Erst waren es die Anschläge in Istanbul und an anderen Orten des Landes, die für Verunsicherung sorgten“, sagt Tourismusforscher Zellmann, „zuletzt kamen auch der Putschversuch und die verbalen Ausfälle Erdogans gegenüber Europa als Gründe dazu. Die Türkei ist vielen einfach unsympathisch geworden und die Verstimmung scheint dauerhaft.“ Am Ende der Ausführungen steht eine simple Zahl: nur 1,7 Prozent der Österreicher haben heuer noch die Türkei gebucht. Das Land taucht nicht einmal mehr in der Top 10 der Urlaubscharts auf. In den großen Märkten Deutschland, England oder Holland ist die Lage kaum besser. Das Aus für Antalya?

Sobald der Tschador fällt

„Nu dawaj“, schallt es von der Bar herüber. Dima war der erste am Mitternachtsbuffet, der sich die Teller mit Köfte und Börek füllte und bald danach auch die Gläser mit reichlich Wodka. Vier davon stehen vor ihm auf dem Tisch. Auf Vorrat quasi, damit er sich das Anstellen an der Theke erspart. Es sind Russen wie er, die die Türkei vor der Komplettkatastrophe bewahren. Noch im vergangenen Sommer war ihnen der Weg in den Süden versperrt geblieben, nachdem ein Streit unter Autokraten eskalierte. Erdogans Luftwaffe hatte einen russischen Jet über Syrien abgeschossen, Präsident Putin ließ daraufhin Sanktionen verhängen. Erst als sich Erdogan unterwarf und sich zur besten Sendezeit beim „lieben Wladimir“ im Staats-TV entschuldigte, durften die Ferienflieger zwischen Ural und Taiga wieder abheben. Für heuer werden schon drei Millionen Russen erwartet. Sie lösen die Deutschen als größte Besuchergruppe ab.

Gegenüber von Dima, dessen blasse Haut die Sonne oder der Wodka rot färbten, hockt eine Gruppe mit dunklerem Teint. Zwei Frauen in hellen, kurzen Kleidchen, das schwarze Haar lang, die Lider grell, die Lippen purpurrot. Die männlichen Begleiter wissen gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollen. Auf ihre verwandelten Frauen oder doch auf das Glas Bier vor sich, das sie lange anstarren, bevor sie zum ersten Schluck ansetzen. Sie kommen aus dem Iran und wirken wie scheue Paradiesvögel, die dem Käfig entflohen sind und nun Freiheit schnuppern. „Ihr müsstet die Szenen sehen, die sich im Flieger abspielen, sobald er in Teheran abhebt“, wird später eine der Damen schildern, „wir Frauen, jede noch, wie vorgeschrieben, in den Tschador gehüllt, stürmen die Toiletten, reißen uns das elendige Zelt runter und werfen uns in Schale.“ Die Männer lachen, nippen immer noch vorsichtig am Bier und sind froh, dem Regime ihres Tugendstaates für ein paar Tage entkommen zu sein.

Der türkische Strand wird so auch zur Wirkungsstätte neuer politischer Allianzen. Weg von Europa, hin zu Putin und Iran. Wenngleich sich deren Vertreter im Hotel eher aus dem Weg gehen und dabei einer Achse des Argwohns gleichen, angesiedelt irgendwo zwischen Fake-Handtaschen und Ferienliegen.

Atatürks trauriger Erbe

Was den Iranern noch als neu gewonnene Freiheit gilt, fürchten andere zu verlieren. Im Zentrum von Antalya sitzt Cengiz Gülebay an seinem Schreibtisch. Hinter sich ist Mustafa Kemal Atatürk, der legendäre Staatsgründer, auf Gemälden in allen erdenklichen Posen verewigt. „Weinen würde er, müsste er sehen, was aus seinem Land geworden ist“, sagt Gülebay, der so etwas wie Atatürks Nachlassverwalter für Antalya ist. Er steht der CHP vor, der einst von Atatürk geschaffenen Partei, die heute als letzte relevante Oppositionskraft gegen Erdogan gilt. Die Partei ist streng säkular, fern von jeder Frömmelei und Sinnbild der nach Westen ausgerichteten Türkei. Entlang der Küste verfügt sie über Mehrheiten, stellt Bürgermeister und Gouverneure. Im fernen Ankara ist sie hingegen auf die Rolle der zunehmend verfolgten Erdogan-Warnerin zusammengeschrumpft. „Es schmerzt uns, dass nun so wenige Europäer kommen“, sagt Gülebay, „dabei wären sie willkommener denn je. Die Menschen in Österreich sollen wissen, dass es uns, die andere Türkei, noch gibt. Erdogan ist ein Unglück für unser Land, die Hälfte der Menschen ist gegen ihn.“ Und gerade sie, die liberalen Türken an der Küste, zahlen nun die Rechnung für das Wüten eines Staatschefs, den die meisten von ihnen verachten und niemals gewählt haben.

Zwischen Lust und Frust

Die Folgen nehmen sich verheerend aus, stammen doch zwölf Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt aus dem Tourismus. Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten in der Branche. Fast jeder zehnte türkische Arbeitsplatz hängt am Wohlwollen einer versiegenden Gästeschar.

Animateur Murat versucht daher umso angestachelter, die am Pool verharrenden Russen zum Bogenschießen und anderer sportlicher Aktivität zu bewegen. Er und seine Kollegen tänzeln um die Touristen. Sie scherzen mit den Männern, flirten mit deren Frauen und ziehen doch zu fortgeschrittener Stunde bitter Bilanz. „Von den zwanzig Animateuren, die wir waren, musste die Hälfte gehen“, sagt Murat, „die, die nur Deutsch sprachen und kein Russisch oder gar Persisch zuerst.“ Draußen, vor dem Hotel, sieht es kaum besser aus. Graue Straßenhunde trotzen im Schatten der Geschäfte der Hitze und wirken dabei lebendiger als die Verkäufer darin. Die Basare sind verwaist, Lethargie und Leere lösen einander ab. „Bei den Deutschen saß die Brieftasche zwar nicht locker, aber am Ende kamen und kauften sie doch“, sagt Sevkit Süngec, der ein Reisebüro für Ausflüge betreibt. „Die Russen hingegen schnallen sich ihr All-Inclusive-Bändchen um und scheinen das Portemonnaie daheim gelassen zu haben.“

Und so mag zwar der neue Türkei-Gast nach ein wenig Freiheit oder zumindest dem nächsten Gläschen Wodka lechzen, sich aber nicht viel machen aus Lederwaren oder Ausflügen an antike Stätten.

„Mukis“ Fluch

Abends gegen sechs, als sich die Sonne senkt, wiederholt sich am Strand von Side das morgendliche Schauspiel. Männer zerren Jet-Skis aus dem Wasser, putzen Schwimmwesten ab, stellen den Verkaufsstand zurück ins Zelt.

„Katastrophe“, winkt „Muki“ nur ab. Er ist 53, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, der seit zwanzig Jahren hier arbeitet. „Einmal Jet-Ski, zweimal Bananenboot, sonst nichts. Kaum noch Deutsche und Österreicher, dafür Russen, die nur faul herumliegen.“ Seit Saisonbeginn hat er erst 350 Euro verdient. Würde ihm sein Chef nicht aus Großzügigkeit und Erbarmen Geld vorstrecken, könnte er seine Familie nicht ernähren. Auf dem Moped tuckert Muki zu ihnen an den Stadtrand. Er hockt sich zur Frau, den zwei Söhnen und der Tochter auf den Balkon der kleinen Wohnung und beginnt zu erzählen. Von seiner Flucht aus Deutschland, als die Mutter starb, seiner Flucht aus der türkischen Armee, als die ihn zum Krieg ins Kurdengebiet schickte und jetzt von seiner Flucht vor dem, was sich unten am Strand abspielt. „Es ist wie ein Fluch“, sagt er, „das Land verliert seine Freiheit, ein salopper Sager gegen Erdogan reicht, um dich ins Gefängnis zu bringen, die Touristen bleiben aus, die Wirtschaft bricht ein – und trotzdem wacht immer noch keiner auf?“ Für Muki ist die Entscheidung gefallen. Sein Märchen in Antalya endet. Noch diese eine Saison und dann weg. Zurück nach Deutschland. Für immer.

Das Video zur Story aus Antalya

Erschienen in News 26/2017