In der geteilten Stadt des Hasses

KOSOVO. Frontstadt Mitrovica. Wo Albaner feiern, Serben auf Russland hoffen und der Zorn täglich steigt.

Unter Bewachung: Mitrovicas HauptstraßeMontiert sofort die kosovarischen Kennzeichen von eurem Auto ab, sonst seid ihr tot“, befiehlt der Mann in Uniform barsch. Dass er es ernst meint, verdeutlichen sieben weitere Polizisten, die das Fahrzeug umstellt halten und aus den Augenwickeln heraus jede einzelne unserer Bewegungen beobachten.

Zu zweit im fahlen Gelb der Straßenlaterne stehend, das Auto vor einem bröckelnden Plattenbau parkend, ist es besser, den Anweisungen Folge zu leisten und rasch Hand am Nummernschild anzulegen.
Denn erst als dieses im Kofferraum verstaut ist, hellt sich die Miene des Polizisten auf: „Willkommen in Kosovska Mitrovica“, sagt er, „willkommen in Serbien.“

40 Kilometer sind es von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, bis hierher, in die 80.000 Einwohner-Stadt im Norden. Ein Weg voller Schlaglöcher, vorbei an Müllhalden, die neben halbfertigen Häusern wuchern, kaum bewältigbar in weniger als zwei Stunden. Zu oft zwingen Soldaten der internationalen KFOR-Truppe, denen auch 560 Österreicher angehören, zum Anhalten. Sie sollen für Sicherheit sorgen, in einem bettelarmen Land, kaum größer als Kärnten, aber seit zwei Wochen unabhängig.

Doch die neue Flagge, ein Kunstprodukt, fand bislang kaum Verbreitung. Noch immer prangt der schwarze albanische Doppeladler auf rotem Grund an jedem Haus und an jeder Ecke.

In totaler Dunkelheit. So auch in Mitrovica, das um sieben Uhr abends bereits in tiefster Dunkelheit liegt, da der Strom wieder einmal fehlt. Bloß die neue Brücke über das Flüsschen Ibar ist in hellem Blau erleuchtet.

Sie ist das Schönste, was diese sonst so trostlose Stadt zu bieten hat und zugleich auch das Unnötigste. Südlich von ihr feiern die Albaner, die mit mehr als 60.000 Menschen die Mehrheit bilden, Nacht für Nacht ihren neuen Staat. Nördlich davon protestieren die verbliebenen Serben Tag für Tag gegen dessen Existenz. Zwischen ihnen liegt nichts – nur die Brücke und der Hass.

„Vor acht Jahren war ich das letzte Mal auf der anderen Seite“, berichtet die blonde Marija, die ihr Haar in die serbische Flagge gehüllt hat, „seither nicht mehr, denn ich will noch länger leben.“ Die Studentin wuchs südlich des Flusse auf, erzählt sie, „gleich neben der orthodoxen Kirche. Doch diese haben die Albaner vor ein paar Jahren abgebrannt, in unser Haus sind sie eingezogen und die Seele Serbiens, nämlich den Kosovo, haben sie gestohlen.“

Vom multiethnischen Kosovo, den der neue Regierungschef und frühere UCK-Führer Hashim Thaci vor der Weltöffentlichkeit gerne beschwört, ist hier nichts zu spüren. Nicht in dem, was die Leute sagen, und noch weniger in dem, was sie tun. Ganz im Gegenteil, beginnt doch in Mitrovica das letzte geschlossene Siedlungsgebiet der insgesamt 130.000 Menschen zählenden serbischen Minderheit, von der knapp die hälfte hier im nördlichsten Zipfel des jungen Staats lebt.

10.000 Tote, eine Million Vetriebene. Doch hier zu leben heißt, mit Dinar zu bezahlen, kyrillisch zu schreiben, ein altes serbisches Kennzeichen oder gleich gar keines auf dem Auto zu haben und alles zu hassen, was Ausdruck eines unabhängigen Kosovo sein könnte. Hier verläuft die Frontlinie, Mitrovica ist die letzte Trutzburg vor dem Feind, es ist jener Ort, an dem Albaner und Serben mit dem Rücken zueinander stehen und verdeutlichen, dass der Konflikt, der bis ins Jahr 2000 etwa 10.000 Tote und mehr als eine Million Flüchtlinge forderte, mit der Unabhängigkeit des Kosovo längst nicht zu Ende ist.

Es ist genau 12.44 Uhr. Wie schon an den Tagen zuvor habe sich Hunderte Menschen auf dem Platz vor der Brücke versammelt. Der Wind soll ihre Flaggen zum Wehen bringen und ihre „Kosovo ist Serbien“-Rufe zur anderen Seite tragen.

Der Beginn der Demonstration ist symbolisch gewählt, um auf die UN-Resolution 1244 aufmerksam zu machen. Der zufolge ist der Kosovo ein Teil Serbiens, womit die Anerkennung von dessen Unabhängigkeit einem Bruch des Völkerrechts gleichkäme.

„Dass nur Putin, den ihr im Westen als Diktator bezeichnet, das erkennt und internationales Recht schützt, sollte euch zu denken geben“, meint der Student Marko an die Adresse Österreichs, das wie die USA, Deutschland oder Großbritannien den Kosovo anerkannt hat.

„Russland, hilf uns!“ lautet der Appell demnach auch auf einem Transparent, vor dem Dutzende Menschen das Konterfei des Noch-Staatschefs fernsehgerecht in die Kameras schwenken.

Scharfschützen auf den Dächern. Die Stimmung brodelt. KFOR-Hubschrauber kreisen ständig über der Stadt. Binnen Sekunden riegelt die Polizei die Brücke vor den näherrückenden Demonstranten ab, während Scharfschützen auf den Hochhäusern rechts und links des Flusses Position beziehen. Zu oft sei die Situation in der Vergangenheit bereits eskaliert, habe es Verletzte und gar Tote gegeben, als Albaner wie Serben versucht haben, die andere Seite zu stürmen, berichten die von der UNO gestellten Polizisten.

Ein bizarres Schauspiel, das sich im Nordteil Mitrovicas jeden Tag aufs Neue wiederholt. „So lange, bis die amerikanischen Imperialisten und deren europäische Knechte erkennen, dass wir einen unabhängigen Kosovo niemals akzeptieren werden“, wie der Chef der stärksten Serben-Partei, DSS, Nebojsa Minic erklärt.

Stunden später, als sich die Dunkelheit erneut über die Stadt legt, sind die Absperrungen aus Rasierklingendraht zur Seite geräumt, die meisten Polizisten verschwunden und die Brücke wäre wieder frei passierbar. Theoretisch zumindest. Denn obwohl ein Queren des Flusses ohne jegliche Bürokratie möglich ist, macht niemand von dieser Option Gebrauch.

Ohne Perspektive. „Wozu auch“, fragt der Albaner Bashkim, während er sich in einem kleinen Lokal im Süden Mitrovicas Tee einschenkt, „die dort drüben wollten uns ausrotten und würden es wieder versuchen, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.“ Im Leben des 31-Jährigen spielen Serben keine Rolle mehr, da ihn längst ein anderes Problem plagt. Denn Bashkim ist – wie geschätzte 70 Prozent seiner Mitbürger – arbeitslos. „Jobs gibt es nur bei den internationalen Organisationen im Ort“, erklärt er, „sonst nirgends.“ Also schlägt er die Zeit tot, erkundigt sich, wie es in Österreich mit Arbeit aussehe und wie schwer es sei, dorthin zu gelangen, „denn um hier gut zu leben, muss man schon kriminell sein….“

Eine Weisheit, an der so mancher Gefallen gefunden haben dürfte. Denn zu beiden Seiten des Flusses zwängt sich längst eine größer werdende Zahl deutscher Luxuslimousinen durch die engen Straßen.

Deren Insassen sind Männer in ihren Zwanzigern, bei denen sich zumindest vermuten lässt, dass sie im Monat mehr als die 200 Euro zur Verfügung haben dürften, die sich hier sonst im Durchschnitt verdienen lassen. Im Café Dolce Vita, direkt an der serbischen Seite der Brücke gelegen, dröhnen die Songs der Turbofolksängerin Ceca aus den Lautsprechern. Den Männern in den schwarzen Lederjacken, die um die Hüfte herum merklich ausgebeult sind, gefällt der Gesang der Witwe aus Belgrad sichtlich. Deren Verflossener, Zeljko Raznatovic, besser bekannt als Arkan, der einst auch im Kosovo wütete, gilt ihnen hier immer noch als Held.

Rückkehr der Schlächter? Und so blicken die Herren in den dunklen Jacken, die vor der Ankunft der KFOR selbst für die Bewachung der Brücke sorgten, mit Begeisterung auf das Titelblatt des Belgrader „Kurir“. Dieser berichtet, dass die gefürchtete serbische Sondereinheit der „roten Barette“ in den Kosovo zurückkehren könnte. „Nötig wäre es“, sagt einer der Anwesenden dann auch, „denn wie lange können wir es noch zulassen, dass uns die Albaner auf der Nase herumtanzen?“
In der Tat hissen die ersten von ihnen bereits nördlich des Flusses – unter dem ständigen Schutz der KFOR – die Fahnen auf ihren Häusern, was für zusätzlichen Trotz bei den Serben sorgt. Trost versuchen sie im Schwelgen in einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit zu finden und im krampfhaften Verteidigen der paar Straßenzüge, die ihnen in der Gegenwart hier in Mitrovica noch gebliebne sind.

„Deshalb konnten wir es nicht zulassen, dass Sie mit dem Autokennzeichen eines Verbrecherstaates bei uns auftauchen“, sagt einer der serbischen Polizisten zum Abschied, als es ans Montieren der Nummerntafel geht – denn ohne diese führt der Weg auf der anderen Seite ebenso wenig weit.

Die PDF-Version der Kosovo-Reportage

(Erschienen in NEWS 09/08)