Tschetschenen-Connection

POLIT-MORD. Rebell, Leibgardist, Folterknecht. Warum Umar Israilow mitten in Wien hingerichtet wurde.

Tschetscheniens Präsident Ramsan KadyrowEr hatte sich zuletzt in seiner Wohnung regelrecht eingebunkert, war kaum noch ins Freie gegangen, ist oft bloß am Fenster gestanden und hat lange hinunter auf die Straße geblickt. Er dürfte etwas geahnt, gespürt haben, dass ihm seine Häscher bereits auf den Fersen waren, sie ihn beobachteten und er letztlich für seinen Verrat den höchstmöglichen Preis bezahlen werde.

Umar Israilov – 27-jähriger Flüchtling aus Tschetschenien, dreifacher Familienvater, Rebell, Leibgardist, vielleicht auch Folterknecht – ermordet auf offener Straße, am helllichten Tag, mitten in Wien.

High Noon in Floridsdorf. Dienstag, 13. Jänner, Wien-Floridsdorf: die belebte Leopoldauer Straße, abgewohnte Zinshäuser, Solarien, Nagelstudios, Kebabbuden – Vorstadt. „Im Zickzackkurs ist er über die Straße gelaufen, zwei Männer in Armeehosen hinter ihm her, Schüsse sind gefallen, Autos haben in letzter Sekunde abgebremst“, schildert eine geschockte Trafikantin das High-Noon-Szenario direkt vor ihrem Geschäft. Umar Israilov flüchtete vor einem Killerkommando, das ihn zu Mittag vor seiner Haustür abgepasst hatte.

Etliche Schüsse fielen, „eine Kundin konnte sich gerade noch in einen Hauseingang retten“, so die Trafikantin. „Wie einen Hasen haben sie ihn gejagt“ – und letztlich erlegt. In Wildwestmanier ging es weiter, als die Killer mit gezückter Waffe versuchten, einer Vorbeifahrenden das Auto zu rauben, noch bevor das Fluchtfahrzeug auftauchte. Schließlich hechteten die zwei Männer in einen grünen Volvo mit Sankt Pöltner Kennzeichen, den Anrainer bereits in den Tagen zuvor in der Gegend beobachtet haben wollen, und rasten davon. Israilov verblutete derweil auf dem Gehsteig. Nun wirkte Wien wirklich wie Grosny, die Hauptstadt Tschetscheniens, deren Name übersetzt „die Schreckliche“ bedeutet.

In die Steinzeit gebombt. In Grosny, genauer gesagt: elf Kilometer östlich davon, im Dörfchen Mesker-Yurt – begann auch die Geschichte von Umar Israilov. 2001, Israilov war gerade 19 Jahre alt geworden. Hinter ihm lag eine Jugend im Grauen des Krieges, vor ihm noch viel Schlimmeres. Sein Land lag in Schutt und Asche, war von den Russen zurück in die Steinzeit gebombt worden. Eine Million seiner Landsleute hatten Haus und Hof verloren, 80.000 gar ihr Leben, Unzählige waren in Lagern verschwunden und wurden nie wieder gesehen. Als die Russen 1996 abzogen, kam es kaum besser.

Kriminelle Gangsterclans teilten das Land unter sich auf, entführten, erpressten, vergewaltigten, ohne selbst Angst vor Verfolgung haben zu müssen. Ein rechtloses Stückchen Erde, in dem nur noch die Scharia galt. Eine Bastion radikaler Islamisten, die auch Russland attackierten. Und ein Profilierungsfeld für dessen neuen Präsidenten mit besonderem Hang zur Härte. Als Wladimir Putin 1999 den zweiten Tschetschenien- Krieg begann, wiederholten sich all die Gräueltaten, Massenmorde und Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit. „Umar schloss sich damals, wie Hunderte andere, der Widerstandsbewegung an, er war ein junger 08/15-Rebell“, berichtet sein Vater Ali.

 Doch bald waren nicht mehr die Russen ihre Feinde, sondern einer, der sich ihnen gegenüber loyal gab, nachdem er noch in den Neunziger- Jahren zum Heiligen Krieg aufgerufen hatte. Ein roher Mann ohne Bildung, der schlecht Russisch sprach, aber ein Freund Moskaus ist: Ramsan Kadyrov. Seiner Garde, die für Putin die Drecksarbeit erledigt, fiel Israilov 2003 in die Hände, kam drei Monate in Gefangenschaft und wurde gefoltert. „Kadyrov persönlich hat Umar Elektroschocks versetzt und ihn geschlagen“, behauptet sein Vater Ali. Israilov selbst beschrieb 2008 der „New York Times“ in einem Interview, „dass ich das Gefühl hatte, meine Muskeln explodierten und ich würde auseinandergerissen, als er mich malträtierte.“

Kalaschnikow-Kämpfer. „Durchaus plausibel“ findet Friederike Behr vom Amnesty-International- Büro in Moskau, die mit dem Fall Israilov vertraut ist, diese Foltervorwürfe, „da uns Dutzende Fälle bekannt sind, in denen Kadyrov selbst Hand angelegt haben soll“. Das Konterfei Kadyrovs auf dem schwarzen T-Shirt am Körper, die Kalaschnikow in Händen, verbreiteten bald 10.000 so genannte Kadyrovci Angst und Schrecken – Umar Israilov wurde noch im Sommer 2003 zu einem von ihnen.

„Aus Zwang“, wie sein Vater behauptet. Während Putin noch ganze Divisionen Artillerie benötigte, um die Terroristen, wie er einmal sagte, „selbst auf dem Klo kaltzumachen und wie Ratten zu vernichten“, funktionierte das System Kadyrov genau umgekehrt: Er schnappte sich Guerilla-Kämpfer, folterte sie, brach ihren Geist und schickte sie danach in ihre Dörfer, um dort einstige Kampfgefährten zu töten. Auch Israilov kehrte nach Mesker- Yurt zurück und wurde dort „Zeuge von Hinrichtungen, systematischer Folter und illegaler Haft“, behauptet Vater Ali. Ob auch sein Sohn Gräueltaten verübt hat? Dazu will der alte Mann nichts sagen.

Israilov in Österreich verhaftet. Fakt ist bloß: 2004 versagte Israilov Kadyrov die Gefolgschaft und flüchtete mit seiner Frau nach Polen. Die Rache Kadyrovs, der nun seinem ermordeten Vater als tschetschenischer Präsident nachfolgen sollte, war schrecklich. „Meine Frau, meine Schwägerin und ich wurden festgenommen und zehn Monate lang gefoltert“, berichtet der Vater, „Kadyrovs Männer brachen mir die Rippen und schlugen mir Zähne aus, um herauszufinden, wo Umar war. Schließlich rief Kadyrov selbst von meinem Handy aus Umar an und drohte ihm, dass er uns töten würde.“ Israilov wusste, dass seine Rückkehr einem Todesurteil gleichkäme und flüchtete weiter.

NEWS liegen Informationen vor, wonach er im August 2007 bei der Einreise nach Österreich im „Chopin-Express“, aus Warschau kommend, an der Grenze festgenommen worden sein soll. Der Grund: Schlepperei. Trotzdem erhielt Israilov Monate später Asyl. Nun strengte er mit seinem mittlerweile ebenso geflohenen Vater Verfahren gegen Kadyrov vor der russischen Staatsanwaltschaft und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Ein, wie sich zeigen sollte, verhängnisvoller Schritt.

Denn der Thriller um den „doppelten Verräter“ Israilov fand in Wien seine Fortsetzung, als am 10. Juni 2008 bei der Polizei ein Mann namens Artur Kurmakayev vorstellig wurde, der behauptete, von Kadyrov nach Österreich geschickt worden zu sein, um Israilov auszuschalten. Nach mehreren Treffen mit Israilov, bei denen er gedroht habe, dass in der Slowakei bereits zwei Agenten zum Einsatz bereitstünden, hätte Kurmakayev aber kalte Füße bekommen und bat nun um Asyl.

Die Todesliste. Den verdutzten Fahndern verriet der mutmaßliche Agent noch, dass er in Kadyrovs Residenz eine Liste mit 300 Verrätern, die es zu töten gelte, gesehen haben wollte – etwa 50 dieser „Todeskandidaten“ seien in Österreich. Die Fahnder zweifelten an Kurmakayevs Aussagen – und schoben ihn ab. Israilov fühlte sich jedoch fortan verfolgt und bat die Polizei um Hilfe. Vergeblich. Die Verfassungsschützer erklären heute ihre damalige Untätigkeit mit einem „zu vagen Bedrohungsbild“, was Ali Israilov erzürnt: „Nach dem, was sie bereits im Juni wussten, ist es schwer für mich, diesen Mangel an Reaktion zu akzeptieren.“

Menschenrechtler sehen in Israilov einen Kronzeugen gegen Kadyrov, vergleichbar mit der 2006 ermordeten russischen Journalistin Politkowskaja. Das letzte Ansuchen um Personenschutz für Israilov ist mit 7. Jänner 2009 datiert und wurde erneut negativ beschieden – fünf Tage später war der Tschetschene tot. Starb hier also wirklich einer, der den Mut besaß, gegen einen Tyrannen der übelsten Sorte auszupacken, auch weil er sich in Österreich in Sicherheit wiegte und letztlich auf Hilfe hoffte? Oder ist der Politthriller um Umar Israilov bloß ein zurechtgezimmertes Bild, das nur zu gut in die wirren Verhältnisse am Kaukasus passt, und sind die wahren Gründe seiner Ermordung weitaus banaler? Die Polizei weiß es (bislang) nicht. Der mutmaßliche Fahrer des Fluchtautos, ein Tschetschene, der sich Otto Kaltenbrunner nennt, sitzt in U-Haft. Eine befreundete Familie des St. Pöltners hegt im Gespräch mit NEWS aber Zweifel an dessen Tatbeteiligung. Die beiden Todesschwadrone, die Wien am helllichten Tag zu Grosny machten, sind weiterhin flüchtig. Nur sie wissen, weshalb Umar Israilov wirklich sterben musste.

(Erschienen in NEWS 04/09)