Ibiza des Ostens

Kazantip (Fotos: Heinz Tesarek)Sechs Wochen Sex, Drugs & Techno. NEWS war in Kazantip auf der Krim – bei der größten, heißesten und verruchtesten Party Europas.

Irina stolpert nicht. Und das trotz der halsbrecherisch hohen Absätze, mit denen sie über die staubige Straße stöckelt. Auch ihr schwarzes Kleidchen, das mehr preisgibt, als es zu verhüllen vermag, schmiegt sich sanft an ihren schlanken Körper. Selbst das lange blonde Haar ist kaum zersaust. Keiner weiß, wie weit und beschwerlich ihr Weg war. Keiner kann ahnen, was sie noch vorhat. Wenn bloß der gelbe Koffer, den sie trägt, nicht so schwer wäre. Doch ihn nun zurückzulassen würde alles vernichten.
Verboten und verrucht. Die 19-Jährige blickt nach vorn, sieht grüne Laserstrahlen durch die schwarze Nacht zucken, hört die laute Musik aus der Ferne. Nun ist es nicht mehr weit. Nicht mehr weit zum hedonistischsten Staat der Welt, zur größten Party des Kontinents, zum vielleicht Heißesten, Verbotensten und Verruchtesten, was es gibt. Nun ist es nicht mehr weit nach Kazantip.
Kazanip? Mit diesem Namen hätte Peter aus Wien bis vor einem Jahr wenig anzufangen gewusst. Selbst der Hinweis, dass der ukrainische Ort auf der Halbinsel Krim liegt, wäre kaum hilfreich gewesen. „Krim?“, sagt Peter, „da dachte ich vielleicht an den Weltkrieg und an Plattenbauten.“

Und nun steht der 24-Jährige genau dort auf einem Podium. Hinter ihm ein hell erleuchteter Triumphbogen, vor ihm ein Mischpult, unter ihm Hunderte, die zu seinen Bässen entfesselt tanzen.
Peter, alias DJ Detronic, ist in Wiener Szeneklubs kein Unbekannter. Und nun zählt er zu den wenigen Auserwählten aus dem Westen, die Einlass erhielten zum Besten, was der Osten zu bieten hat. Verdanken kann er dies seinem Freund, einem weiteren Wiener, der als DJ Spee Dee hier nun schon zum dritten Mal auflegt. Gemeinsam mit fünf anderen Österreichern kommen sie aus dem Staunen nicht heraus. „Kazantip bloß als Festival zu bezeichnen“, sagt Peter, „wäre eine Verhöhnung – das hier ist all das, was Ibiza nicht mehr ist oder vielleicht niemals war.“

 

Woodstock oder Ibiza? Sechs heiße Sommerwochen lang feiert hier halb Osteuropa eine Party der Superlative. Mehr als 300 DJs legen am wohl schönsten Strand des Schwarzen Meeres Techno und House auf. Jeden Tag, 24 Stunden lang, auf 13 Bühnen. Woodstock des Ostens nennen es die einen, Ibiza der Ukraine die anderen, die Republik des Glücks ist es für alle: ein abgezirkeltes Partyareal mit eigener Verfassung, einem Präsidenten, mehreren Ministern. Und sowieso gibt es da nur eine Botschaft: Habt Spaß! Mehr als 130.000 Hörige werden bis Ende August diesem Aufruf gefolgt sein.
Doch nicht alle wirbeln bei ihrer Ankunft wortwörtlich so viel Staub auf wie Alexandra und Jewgeni. Sie trägt eine Brille von Gucci, er Kleider von Armani, beide kommen sie aus Kiew und verkörpern exakt das, was die „neuen Reichen“ in diesem Land ausmacht. Bereits die Anreise des Paares erfolgt standesgemäß im Helikopter, der genauso golden ist wie das Abendlicht, in das sich der Strand hüllt.
 

Bikini-Träume. All die „dewuschki“, die jungen hübschen Mädchen in ihren knappen Bikinis, stellen das Tanzen ein und blicken wie ferngesteuert nach oben, als sie das Wirbeln der Rotorblätter hören. Ruhm und Reichtum, das ist der Traum, dem jede von ihnen hier nachhängt. Raus aus den tristen, langsam zerbröselnden Plattenbauten, in den immer gleichen grauen Vorstädten, die sie Heimat nennen.
Doch Jewgeni erwidert ihre Blicke nicht, sondern posiert stattdessen lieber für das Fußvolk, das die filmreife Helikopterlandung mit der Handykamera festhält.
Die unbotmäßige Zurschaustellung der Insignien des Erfolgs widert hier niemanden an. Ganz im Gegenteil: Dergleichen sorgt für Anerkennung und weckt Bewunderung. „Wer sich seinen Wohlstand ehrlich erarbeitet hat, kann diesen auch herzeigen“, sinniert Investmentbanker Jewgeni später. Dabei hält er in der einen Hand ein Glas Champagner, und mit der anderen tätschelt er an Freundin Alexandra herum, die gerade ihre vollen Lippen nachzieht. Ein Ritual, das sie die ganze Nacht im 20-Minuten-Takt wiederholen wird.

Die Nacht des Glücks. Die Sonne versinkt im Meer, die Bässe werden härter, die Paradiesvögel in den verrücktesten Kostümen schlüpfen aus ihren Winkeln, allmählich setzt das wilde Treiben ein, weswegen alle gekommen sind.
Die Nacht nähert sich. Es wird jene Nacht werden, in der sie alle glücklich sein wollen. Irina mitsamt ihrem gelben Koffer, das Millionärspärchen aus Kiew, die Stripperinnen von der Wolga und die DJs aus Wien. Sie werden tanzen und trinken, einander vielleicht lieben – und hoffen, dass all das niemals endet.
Irina ist am wuchtigen, hell erleuchteten Torbogen angelangt, der zwei Welten trennt. Davor liegen die staubigen Straßen des Dorfes Popovka, in dem der Strom ständig ausfällt, die Frauen oft weinen und die Männer danach noch mehr trinken. „Eine unvollkommene Außenwelt, vor der das Volk von Kazantip durch einen Eisernen Vorhang beschützt werden muss, um glücklich und ohne Probleme zu sein“, wie die Verfassung festhält.
Schöner hätte es die KpdSU anno dazumal kaum formulieren können. Grimmig dreinblickende Paramilitärs, die sich wohl in Moskauer Nachtklubs ihre Sporen verdient haben, wachen an den Pforten darüber, dass nur Menschen mit einem Visum der Verheißung des Glücks folgen können.
In Besitz eines solchen Visums gelangt nun nur noch, wer 40 Euro bezahlt. Früher erhielten dagegen ausnehmend hübsche und möglichst spärlich bekleidete Mädchen noch Gratiszugang. Doch mittlerweile dürfte die „Dewuschki“-Dichte zu hoch und damit finanzschädigend geworden sein – also werden jetzt auch sie zur Kasse gebeten.
Republikgründer und –präsident Nikita, dank 14 Jahren Kazantip selbst längst zum Multimillionär mutiert, lässt dennoch den Hauch einer realsozialistischen Sozialisation erkennen, dürfen doch Menschen mit gelben Koffern gratis rein. Die stöckelnde Irina hat damit nicht umsonst geschleppt.

Koffer voller Pillen. Der Brauch geht auf einen sowjetischen Kinderfilm zurück, in dem ein Mann traurige Menschen mit Pillen aus seinem knallgelben Koffer glücklich macht. Wie viele Glückspillen illegaler Art sich heute in den gelben Koffern der Gäste befinden, weiß niemand genau, doch wenige dürften es nicht sein – angesichts des Durchhaltevermögens der Partybesucher.

Nastja verzichtet auf derlei gern. „Sex ist meine einzige Droge“, sagt die zierliche Blonde, die mit ihrem lockigen Haar ein wenig wie ein Engel wirkt. Die 22-Jährige ist aus einem Städtchen an der Wolga hierher gekommen und verfolgt nur ein Ziel: „Den richtigen Mann zu finden. Denn zuhause“, erzählt sie, „gibt es nur Bauerntölpel, die einer Frau nicht wert sind.“

„Sex in der Liebeshütte“. Sie muss es wissen, denn über zu wenig Kontakt zum männlichen Geschlecht kann sie kaum klagen, strippt sie doch – trotz abgeschlossenen Hochschulstudiums – daheim hauptberuflich in einer Billard-Bar. „Ich hatte gehofft“, meint sie, „nach dem Studium damit aufhören zu können, doch ich fand keinen anderen Job – und würde ich nicht strippen, könnte ich mir nicht einmal eine kleine Wohnung leisten.“
Nun tanzt sie sich die Seele aus dem Leib, zwinkert Männern zu. Wenige Stunden später will sie ihrer einzigen Droge frönen und sucht dazu mit ihrem neuen Gefährten eine der vielen „Liebeshütten“ am Strand auf. Die Häuschen stehen auf Stelzen, haben Bastdächer und sind mit Herzchen bemalt…

Endstation Sehnsucht. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten“, sagt Irina hingegen bewundernd. Scheinbar völlig überwältigt blickt sie auf das zehn Hektar große Kazantip, das nun direkt vor ihr liegt. „Ich werde tanzen, bis ich umfalle“ schreit sie in die Nacht – und verschwindet mit ihrem gelben Koffer.
Tage zuvor hat sie all ihre Sachen dort hineingeschmissen, hat niemandem davon etwas gesagt und ist dann aus der kleinen Wohnung ihrer Eltern davongelaufen. Per Autostopp ging es durch halb Russland und die Ukraine, immer auf der Flucht vor dem Alltag, dem sie an der Krim für ein paar Tage zu entkommen versucht. So wie alle hier in Kazantip. Dem Techno-Woodstock des Ostens.

(Erschienen in NEWS 34/06)

Hier gibt es die ganze Kazantip-Story als PDF