„Ich bin Osamas Sohn“

 OMAR BIN LADEN, 28: Mein Vater, der Terrorist. Wie er lebt. Was er denkt. Und warum ich weiß, dass er noch am Leben ist.

Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt.

In den mehr als acht Jahren, die seit dem 11. September 2001 vergangen sind, wurde viel über den Urheber dieser Tat und sein Terrornetzwerk geschrieben, Theorien wurden aufgestellt und Vermutungen verbreitet. Doch noch nie zuvor erhoben jene Menschen ihre Stimme, die diesen Mann am besten kennen, mit ihm unter einem Dach gelebt und ein Bett geteilt haben – Menschen aus seinem engsten Umfeld, aus seiner Familie. Sie schwiegen – und sie hatten gute Gründe dafür.

Eine Mail von Bin Laden. „Ich muss zugeben, dass ich etwas geschockt war, als ich eines Tages eine Mail von jemandem, der sich Omar bin Laden nannte, in meinem Posteingang vorfand“, gesteht Jean Sasson im Gespräch mit NEWS. Sasson ist eine amerikanische Bestsellerautorin, deren Tagebücher saudischer Prinzessinnen für Aufsehen und Verkaufserfolge sorgten. Sasson ist auch eine Lady, die sich auskennt in der arabischen Welt, die aber dennoch zögerte, bevor sie zum Hörer griff und die angegebene Nummer wählte.

Am anderen Ende der Leitung, irgendwo im Orient, antwortete eine angenehme männliche Stimme in sehr ruhigem Tonfall: Es war Omar bin Laden. Sein Vater gilt als Ausgeburt des Bösen, als Ziehvater des Terrors, verantwortlich für den Tod von Tausenden Menschen weltweit – „doch mit seinem Sohn lässt es sich ausgezeichnet plaudern“, verrät Sasson, „denn er ist einfühlsam, gutmütig und sanft, was einem Wunder gleicht, angesichts dessen, was er durchmachen musste“.

Omar vertraute sich Sasson an, sprach stundenlang mit ihr und bat sie schließlich, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu Papier zu bringen. Doch erst als auch seine Mutter Najwa ihre Mitarbeit zusicherte, willigte Sasson ein und begann, „Growing Up bin Laden“ (über Amazon bestellbar) zu verfassen. Es ist die Geschichte einer jungen Syrerin, die erst 15 ist, als sie ihren zwei Jahre älteren Cousin Osama heiratet und ihm in dessen saudische Heimat folgt. Es ist eine Geschichte, die in Palästen beginnt und Jahrzehnte später, als Najwa gerade mit ihrem zehnten Kind hochschwanger ist, in einer kalten Steinhütte in den Bergen Afghanistans an ein Ende gelangt.

Es ist auch die Geschichte eines Buben, der nicht aufhört, darauf zu hoffen, dass sein Vater tatsächlich einmal bloß Vater sein wird und nicht der Mann, der Schmerz und Leid über die Welt bringt, indem er einen Heiligen Krieg aus dem Hinterzimmer plant. Es ist die Geschichte von Najwa und Omar – der ersten Frau von Osama bin Laden und ihrem viertältesten Sohn.

Sie beginnt in den 80er-Jahren im saudischen Jeddah, wo die Bin Ladens ein großes Anwesen bewohnen, aus dem kein Lachen ertönt. Unislamisch sei dieses Gelächter, habe Osama den Kindern eingeschärft, schreibt Omar, und jedes Zuwiderhandeln mit Züchtigung geahndet. Während die Cousins im Wohlstand des durch Bautätigkeit reich gewordenen Bin-Laden-Clans schwelgen, dürfen Osamas Kinder nicht einmal Spielzeug besitzen und müssen bei 45 Grad ohne Kühlschrank und Klimaanlage auskommen, da diese Verheißungen der westlichen Zivilisation den islamischen Glauben korrumpieren würden.

Islamische Weltherrschaft. Der wahre Alptraum setzt aber erst ein, als die Saudis Osama und seine Familie aus dem Land verbannen, nachdem dieser allzu stark gegen das Königshaus agitiert hatte. Im sudanesischen Exil schart der „Prinz“, wie ihn seine Männer nennen, immer mehr Kämpfer um sich und steigert sich immer tiefer in seinen religiösen Wahn. Eines Tages ist ein Affenbaby, das Omar als Spielkamerad diente, tot. Überfahren von einem der Kämpfer des Vaters, weil der „Prinz“ ihm zuvor erklärt habe, Affen seien eigentlich Juden, und Juden gehören getötet. Während Najwa ihrem Mann Jahr für Jahr weitere Söhne gebiert, karrt dieser die Buben zu Ausdauertrainings in die Wüste und setzt sie dort ohne Wasser aus. „Was ihm Spaß bereitete, hassten wir“, erinnert sich Omar nun im Gespräch mit NEWS (siehe Interview).

Die Terrororganisation al- Qaida nimmt allmählich Gestalt an, beginnt, einer Zelle gleichend, immer mehr Kämpfer anzuziehen, die vom Vater und seinen Männern trainiert und in den Heiligen Krieg geschickt werden. „Der Jihad ist der einzige Grund, warum Gott mich auf die Welt gesandt hat“, wird Osama seinem Sohn später erklären, „die Muslime sind die geschundensten Menschen auf Erden, und ich bin hier, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Denn es wird der Tag kommen, an dem die Muslime die ganze Welt regieren werden. Das ist Gottes Plan.“ Die Anschläge häufen sich, al-Qaida erhält nun Spenden aus allen Teilen des Orients, doch auch der Druck des Westens auf den Sudan steigt, den Terrorpaten und seine Familie aus dem Land zu schmeißen.

Ein ganzer Berg für Osama. „Und da saß ich nun“, schreibt Omar, „der Sohn eines reichen Bin Laden, inmitten eines gesetzlosen Landes, nach Luft schnappend in einem kleinen Toyota, umgeben von schwer bewaffneten afghanischen Kämpfern und auf dem Weg, meinem Vater dabei zu helfen, eine Gebirgshütte als Familienunterkunft zu beanspruchen.“

Die Bin Ladens sind dort angekommen, wo der Vater einst die Sowjets besiegen half und wo seither weder Recht noch Gesetze gelten, sondern bloß das Wort der Taliban. Einer von deren Führern hat Osama ein ganzes Gebirgsmassiv, die Berge von Tora Bora, geschenkt, und genau dort, mitten im Hindukusch, bringt er nun seine vier Frauen mitsamt deren Kindern hin. „Ich habe mich nie bei meinem Mann beschwert“, schreibt Najwa, „auch nicht, als ich unser schmutziges Gewand im kalten Wasser eines Metallkübels wusch, Reis auf einem kleinen Gaskocher zubereitete oder unsere Vorräte in Felsklüften hortete. Selbst als mir Osama befahl, fortan eine Burka zu tragen, gehorchte ich.“ Gehorsam, unbedingten Gehorsam, das verlangt Osama von allen, die ihn umgeben.

Und von seinen Söhnen, die er längst in den überall im Land von ihm errichteten Terrorcamps im Umgang mit Kalaschnikows und Bomben ausbilden lässt, verlangt er bald noch mehr, wie Omar schreibt: „Wir saßen zu seinen Füßen, und mein Vater sagte: ,Söhne, an der Wand der Moschee hängt eine Liste. Sie ist für Männer gedacht, die zu Selbstmordattentätern werden wollen. Jene, die ihr Leben für den Islam geben, haben sich dort einzutragen.‘“ Er sieht seine Söhne mit Augen voll der Erwartung an, doch Omar wird wütend: „Endlich wusste ich genau, wo ich stand. Mein Vater hasste seine Feinde mehr, als er seine Söhne liebte. Ich wäre ein Idiot gewesen, noch einen weiteren Augenblick meines Lebens zu verschwenden.“

,Er betet für Krieg, ich für den Frieden.‘ Anfang 2001 häufen sich die Gerüchte, ein großer Anschlag stehe bevor, und für Omar wurde die Ahnung, dass er in Afghanistan nichts mehr verloren hat, rasch zur Gewissheit. „Ich habe mich häufig gefragt, ob mein Vater so oft getötet hat, dass ihm das Töten nunmehr weder Freude noch Schmerz bereitet. Ich bin das Gegenteil meines Vaters – während er für Krieg betet, bete ich für Frieden.“ Omar gelingt es, sich vom Vater loszusagen und nach Saudi-Arabien zurückzukehren. Wenige Tage vor dem 11. September kann schließlich auch Najwa mit ihren jüngsten Kindern Afghanistan für immer verlassen. Am Ende starrt Omar im TV auf die zusammenstürzenden Twin Towers und kann nicht fassen, dass sein Vater hinter all dem steckt…

(Erschienen in NEWS 5o/09)

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