Karlsbrücke, Kafka und Kiffen

IM NEUEN AMSTERDAM. In Tschechien ist der Konsum von Gras, Koks und Pillen seit kurzem straffrei. Ein Report aus dem „Kifferparadies“ Prag.

Golden glänzt die Karlsbrücke gegen die schwarze Nacht an. Darüber thront, erhaben wie eh und je, die Prager Burg im Scheinwerferlicht. Es ist ein Postkartenmotiv – Millionen Mal fotografiert und bewundert – das sich den Touristen hier abends am Ufer der Moldau bietet. Doch Anna, Katka und Petr haben heute keine Augen für ihre Heimatstadt. „Komm, gib mir mal das Feuerzeug rüber. Meiner brennt noch nicht ordentlich“, meint eines der Mädchen, hantiert herum und bläst wenig später genussvoll die ersten Rauchschwaden in die Luft. „So ein Joint vor dem Fortgehen lässt den ganzen Abend gleich viel entspannter werden“, ist sich das Trio einig…

Harter House und weiche Drogen. Ein paar hundert Meter weiter, in einer der engen Gassen der Altstadt, liegt das „Roxy“. Ein Klub, gleich nach der Wende eröffnet, der Freunde von hartem House und weichen Drogen gleichermaßen magisch anzieht. „Gekifft wurde hier schon immer“, erklärt Zybnek, der ein gewisses Glänzen in seinen Augen nur schwer verbergen kann, „aber ab nun ist alles anders.“ Warum, wird er uns später erklären, denn noch ist er zu sehr damit beschäftigt, all seine Aufmerksamkeit dem Gelingen des Joints zu widmen, den er sich seit mittlerweile zehn Minuten dreht.

Prag im Februar 2010. Nicht nur der scheinbar kaum enden wollende Winter hält die tschechische Hauptstadt fest im Griff. Aus manchen, der hier so beliebten Kellerlokale, strömt auch ein süßlich-schwerer Geruch. Für die einen ist es einfach Haschisch, für die anderen der Hauch der Liberalisierung – und wiederum andere orten gleich den Untergang des Abendlandes, angesichts dessen, was sich in Tschechien gerade tut.

Die Tschechen, mit 160 Litern Bierverbrauch pro Jahr und Kopf, weltweit ohnedies unangefochten an erster Stelle liegend, haben sich in einen heftigen Flirt mit bislang nicht ganz so legalen Substanzen gestürzt. Und die Betonung liegt auf bislang. Denn die unter der Ägide des Statistikers Jan Fischer stehende Beamtenregierung, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine fast schon philosophisch anmutende Fragestellung einer Klärung zuzuführen: „Wie groß ist eine mehr als kleine Menge von Drogen?“

Kein Gefängnis für Koks. „Früher war es so, dass dies örtlich definiert wurde, was dazu führte, dass das, was in Prag vielleicht noch erlaubt war, einen in Brünn schon ins Gefängnis brachte“, erläutert Jakub Frydrych, Chef des Anti-Drogenkommandos der tschechischen Polizei. Und nun, könnte man sagen, bringt einen kaum noch etwas in den Knast. Denn die Regierung setzte die Mengen, ab deren Überschreiten erst eine Strafverfolgung droht, vergleichsweise hoch an – und das sowohl bei weichen wie auch harten Drogen:  So muss, wer bis zu 15 Gramm Marihuana besitzt, fortan nur noch eine Geldstrafe fürchten.15 Gramm Marihuana, das sind immerhin bis zu 40 Joints und die dreifache Menge dessen, was in den Niederlanden erlaubt ist. Tschechien erhielt so Europas liberalstes Drogengesetz und erntete dafür auch gleich den Unmut seiner rigider agierenden Nachbarstaaten. Diese fürchten „natürlich eine ausstrahlende Wirkung“, wie es Oberösterreichs Sicherheitsdirektor Alois Lißl formuliert.

 Chefdrogenfahnder Frydrych kann die Bedenken seines Gegenübers verstehen, sieht für sein Team aber auch die Vorteile: „Wir können nun unsere ganze Kraft auf die großen Fische im Drogenschäft lenken und müssen nicht länger Kranke – und nichts anderes sind Süchtige – kriminalisieren.“ Wobei der hemdsärmelige Chef der Anti-Drogeneinheit zugeben muss, dass ihm das grassierende „Gras“ doch Kopfweh bereitet: „Aber hierzulande wird Marihuana in engem Zusammenhang mit der persönlichen Freiheit gesehen und entsprechend selten meldet uns jemand diesbezügliche Gesetzesverstöße.“ Mit dieser Ausgangslage haben auch Tschechiens Politiker zu kämpfen – und mit der Tatsache, dass 29 Prozent ihrer Bürger zwischen 15 und 24 Jahren im Vorjahr Erfahrungen mit Marihuana machten, was dem höchsten Wert innerhalb der EU entspricht.

Tanzen unter Joints. „Die Tschechen waren schon immer recht liberal, selbst so manch alte Oma hat bereits im Kommunismus ihre Hanfstaude im Garten gezüchtet – insofern gab es politisch kaum einen Streit über die Gesetzesänderung“, erklärt Jirí Presl, der eine Betreuungseinrichtung für Süchtige leitet. Der Arzt beklagt jedoch auch, „dass wir zwar bei der Behandlung von Drogenkranken recht gut sind, aber leider immer noch viel zu wenig Geld in die Prävention investieren und daran hat sich auch durch das neue Gesetz nichts geändert.“

Doch zurück ins „Roxy“ und zu Zbynek, dessen Joint gelungen und auch schon angezunden ist. Während der Macher des Hanfblattes „Konoptikum“ tief inhaliert, blickt er auf die Tanzenden und die von der Decke der Disco baumelnden, überdimensionierten Joints: „Ob Prag zum neuen Amsterdam wird? Ich weiß es nicht. Coffeeshops wird es keine geben, aber immer genügend Barkeeper mit Gras hinterm Tresen“, ist der 25-Jährige überzeugt, „und wenn nun Touristen nicht mehr bloß wegen der Karlsbrücke und Kafka kommen, wird es wohl keinen hier stören…“

Erschienen in NEWS 06/10

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