Im kranken Amerika

REPORTAGE. Schlange stehen, um einmal im Leben den Arzt zu sehen: das Schicksal Millionen Unversicherter.

REFORM. Obama gelingt die Gesundheitsreform, doch die USA bleiben tief gespalten. NEWS war in Tennessee.

„Wir brauchen noch Decken“, nuschelt Carl, dessen Backe vor Zahnschmerzen ganz geschwollen ist, „genügend Decken, denn es wird verdammt kalt werden.“ Seine Mutter Dolores humpelt aus dem „trailer home“, einem Wohnverschlag aus bloßem Blech, wie er hier so häufig ist. Ihr Knie schmerzt höllisch – wieder einmal. Sie stopft die Decken in den schwarzen Geländewagen. „Lasst uns aufbrechen, damit wir früh genug dort sind“, sagt Carls Sohn Jonathan, der am Steuer sitzt. Großmutter, Vater und Sohn – die Familie Hall fährt zum Arzt. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen. Doch nicht so für die Halls, die schon seit Jahren, ja teils Jahrzehnten, keinen Doktor mehr gesehen haben.

Vergangenen Freitag im US-Bundesstaat Tennessee: Während die Halls über den Highway gleiten, vorbei an einer endlos wirkenden Kette aus den immer gleichen Fast-Food-Drive-Ins mit ihrer Verheißung von noch fetteren „Super-Size“-Burgern, spricht Präsident Barack Obama im Fernsehen: „Wenn ihr denkt, dass es okay ist, dass im reichsten Land der Welt Millionen Menschen ohne Krankenversicherung sind, dann stimmt gegen dieses Gesetz.“ Obama spricht zu den Abgeordneten. Es ist der letzte Versuch, sie von seinem Großprojekt, der Gesundheitsreform, zu überzeugen. Doch Obama spricht auch zu den Halls und 47 Millionen anderen Amerikanern ohne Versicherung, wenn er sagt, „dass wir nicht länger ein System akzeptieren können, das für die privaten Versicherungsgesellschaften besser funktioniert als für die Menschen.“ Es ist bizarr: Kein Land der Welt pumpt pro Kopf so viel Geld in sein Gesundheitswesen wie die USA – und dennoch ist das System nirgendwo anders derart marode und ungerecht.

Nachts vor der High School. Wie sehr, das zeigt sich im Morgengrauen des nächsten Tages vor High School im Örtchen Maryville, ganz im Osten von Tennessee. Der Parkplatz der Schule ist voll. In jedem Wagen kauern in Decken gehüllte Menschen. Die Motoren laufen. Es ist bitterkalt. Vor dem Eingang zur Schule hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Halls stehen darin ganz vorne. „Die Nacht im Auto hat sich ausgezahlt“, meint Carl und präsentiert stolz einen grünen Zettel, „Nummer 64 – das ist für uns wie Weihnachten.“

Damit Weihnachten mitten im März möglich wird, hat ein Heer von über 400 Freiwilligen die High School für ein Wochenende zum Feldlazarett umfunktioniert. Die Basketballhalle wurde zur Zahnklinik, die Klassenräume zur Augenstation und die Schulkantine zum Erstaufnahmezentrum.

Pünktlich um sechs Uhr tritt ein drahtiger, älterer Herr vor die Tür, blickt auf eine bibbernde Menge und ruft die ersten 20 Nummern auf. Der Mann in khakifarbener Uniform ist Stan Brock, und stünden nicht all die Autos auf dem Parkplatz, könnte man glauben, er sei der Leiter eines Ärzteteams im Tropeneinsatz.

Vom Dschungel ins ,Heartland’. Und genau so hatte es der Brite Brock ursprünglich auch geplant gehabt, als er 1985 „Remote Area Medical“ (RAM) gründete: medizinische Hilfe für abgelegene Völker in Dritte-Welt-Staaten. „Doch bald zeigte sich, dass man nicht im Dschungel leben muss, um weit weg von Ärzten zu sein“, so Brock, dessen sonnengegerbte Haut bis heute verrät, dass er selbst dort lange als Abenteurer lebte: „Man kann sogar direkt neben diesen Ärzten wohnen, und sie bleiben dennoch unerreichbar.“ Deshalb zieht RAM nun mit zwei Trucks und einem Flugzeug durch die Staaten; macht in den ländlichen Armutsgegenden mitten im Herzen der USA, wie hier in Tennessee genauso Station wie in der Glitzermetropole Los Angeles und wird da wie dort von Tausenden Hilflosen gestürmt.

Brocks Helfer verteilen nun Zettel an die Wartenden: rot für den Zahnarzt, blau für den Optiker und weiß, um vom Allgemeinmediziner untersucht zu werden. Dolores Hall nimmt gleich alle drei, denn die Liste ihrer Leiden ist lang. Das Knie schmerzt die 61-Jährige seit Monaten, ihr Gebiss wackelt seit Jahren, und eine Brille bräuchte sie wohl seit noch längerer Zeit. „Einen Besuch beim Optiker konnte ich mir nicht leisten, also weiß ich gar nicht, wie schlecht ich sehe“, gesteht sie, „ich habe mir bislang mit einer Billigbrille aus dem Supermarkt geholfen, aber mit der sehe ich kaum noch etwas.“

Früher war Dolores mit ihrem Mann mitversichert, doch als dieser erkrankte und gekündigt wurde, erlosch auch die Versicherung, denn diese ist in den USA immer an den Arbeitsplatz gebunden.

Dass selbst ein solcher aber keine Garantie auf Gesundheitsvorsorge darstellt, zeigt das Beispiel ihres Enkels Jonathan. Dieser ist zwar bei einer Baufirma beschäftigt, aber dort genauso wenig versichert wie sein Vater Carl, der lange als Tischler werkte und nun mit der Krise seinen Job verloren hat. „Klar“, sagt er, „ich könnte mich privat weiterversichern, aber bei mir wurde vor einem Jahr Hautkrebs entdeckt, und allein das würde meine monatliche Prämie ins Unermessliche treiben.“

Jeder hier in Maryville kennt diese Geschichten, hat sie am eigenen Leib erlebt, gespürt, wie er in einem System allmählich abrutschte, das genauso unbarmherzig und hart scheint, wie es ungerecht und kalt ist. Längst sind es nicht mehr nur die Armen, die sehnsüchtig auf einen RAM-Einsatz in ihrer Region hoffen, denn fast jeder Amerikaner weiß, dass er, wie es Carl formuliert, „bloß einen Unfall von diesem Lazarett mitten im Turnsaal entfernt“ ist.

Die schlimmsten Folgen dieses Versicherungsunwesens soll nun die am vergangenen Sonntag beschlossene Gesundheitsreform ausmerzen. Sie stellt für 32 Millionen Amerikaner erstmals eine Krankenversicherung in Aussicht. Zusätzlich wird es den privaten Versicherern verboten, Menschen aufgrund ihrer Erkrankungen als Kunden abzulehnen. Ein Grund zur Freude?

Carl zögert, als er die Frage hört. Er weiß es nicht. Drei Zähne wurden ihm heute gezogen, fünf werden am nächsten Tag noch folgen. „Zu spät, um sie noch zu retten“, mein Zahnarzt Ben Braley, der wie all die anderen Ärzte und Helfer unentgeltlich Dienst im Turnsaal schiebt und damit eine der besten Tugenden der Amerikaner zum Vorschein bringt – ehrenamtlichen Einsatz.

Ohne sie gäbe es RAM nicht, und ohne sie hätte weder Dolores eine neue Brille bekommen noch Sohn Jonathan ein Medikament gegen seine Rückenschmerzen. Auch er hat gleich drei Zähne verloren und überlegt lange, ob er Obamas Reform, deren Nutznießer er sein wird, gutheißt. Im Radio hetzt gerade Talkmaster Rush Limbaugh dagegen, brandmarkt den Präsidenten als „Diktator“ und „Sozialisten“, wobei unklar ist, was in den USA die schlimmere Verunglimpfung darstellt. „Nein, Obama hat Recht“, meint Jonathan schließlich. Doch bis auch er versichert ist, wird dieser Obama vielleicht schon nicht mehr Präsident sein und Stan Brock Dutzende weitere Lazarette errichtet haben – das nächste bereits in drei Wochen in Palm Beach, Florida.

Erschienen in NEWS 12/10

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