Entwicklungshilfe. Was bringt das?

IN KARLS KÖNIGREICH. 30 Jahre und 55 Millionen Euro Spenden später. Mit Karlheinz Böhms „Menschen für Menschen“ in Äthiopien.

Kaisergleich thront Karlheinz Böhm auf dem Dorfplatz von Gundo Meskel. Ließe er seinen Blick schweifen, könnte er rund um sich die Bretterbuden erspähen, in denen nun neue, kleine Geschäfte eingezogen sind. Auch die Ziege würde ihm wohl auffalen, die sich zu seinen Füßen gerade an einem saftigen Grasbüschel labt. Doch der Karlheinz Böhm von Gunde Meskel kann nichts sehen. Er ist aus Stein gemeißelt. Eine Statue, die darauf wartet, enthüllt zu werden.

„Mister Karls“ Mission. „Die Menschen hier haben sie aus Dankbarkeit errichtet. Für all das, was „Mister Klar“ schon getan hat. Nun hoffen die Leute aus dem Dorf, dass Karl bald kommt, um sie einzuweihen“, sagt Adane Nigus. Er ist Projektleiter bei „Menschen für Menschen“ (MfM) und damit so etwas wie der Herr von Derra, einer Region im Hochland Äthiopiens, nördlich der Hauptstadt Addis Abeba. Als „Mister Klar“ vor 13 Jahren zum ersten Mal hierher kam, war er schockiert. Sicher, der Hunger, die Kinder mit den Blähbauchen, die grässlichen Bilder des Leidens, die den Schauspieler 1981 „Menschen für Menschen“ gründen ließen, waren da schon verschwunden. Doch Derras Not schien stiller, genauso grausam und bedrohlicher beim Blick in die Zukunft.

„Früher“, sagt Nigus, „gab es nur zwei Dinge in unserem Leben – Wasser holen und Brennholz sammeln. Weite Wege, stundenlanges Schleppen und am Ende die Erkenntnis, dass es wieder einmal nicht reichen würde.“ Um zu verstehen, was sich seither verändert hat, bittet uns Nigus zum Wagen.

Erste Station: ein Brunnen an einem Berghang, sauberes Wasser, das aus Leitungen strömt, dazu mehrere Duschen. Frauen befüllen ihre Tonkrüge und Kanister, berichten von früher, als sie noch mitten in der Nacht aufbrachen, den berg hochsteigen mussten und erst zu Mittag mit dem Wasser zurückkehrten. Bloß zwei Prozent der mehr als 180.000 Bewohner Derras hatten einst Zugang zu sauberem Wasser – jetzt, 13 Jahre später, sind es 90 Prozent. „Der Brunnen ist ein Geschenk“, sagt Nani, während sie barfuß, den Tonkrug auf den Rücken geschnallt, zurück zu ihrer Hütte wandert, „es ist noch nicht lange her, da wurden meine Kinder und ich ständig krank von dem schmutzigen Wasser. jetzt bleibt mir viel mehr Zeit, mich um sie zu kümmern, und da sie mir nicht mehr helfen müssen, Wasser zu schleppen, können sie nun auch zur Schule gehen.“

Die Projektgebiete von "Menschen für Menschen"Träume, die wahr werden. Die Schule ist die zweite Station, zu der uns Nigus führt. Früher gab es hier ein paar Hütten, dunkel, kahl und für die meisten Kinder unerreichbar. Was seither geschehen ist, ließe sich in Zahlen kleiden, die davon zeugen, dass nun fast ein jedes Kind hier lesen und schreiben lernt. Aber man kann auch einfach in das Gesicht der 14-jährigen Belayensh Abu blicken, während sie voller Stolz ihre Bücher präsentiert, etwas daraus vorliest und davon spricht, später einmal selbst Lehrerin werden zu wollen. Ihre Augen glänzen dabei, sie ist glücklich.

Geiziges Österreich. Brunnen, Schulen, Kredite für Frauen, Programe, die Bauern helfen, ihre Ernten zu steigern, dazu Krankenhäuser und der Kampf gegen gefährliche Traditionen wie den Brautraub und die Frauenbeschneidung – „MfM“ versucht, einer Region ein neues Gesicht zu geben und damit die Zukunft der Menschen zu sichern. 55 Millionen Euro an Spenden aus Österreich flossen so seit ihrem Bestehen an die Organisation. „Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen für alles selbst verantwortlich sind. Keiner kommt her und sagt, hier bauen wir ein paar Brunnen, und dann verschwinden wir wieder. Es geht darum, gemeinsam etwas zu schaffen, das Bestand hat.

Und wie geht es nun weiter, jetzt, wo in Derra nur noch der in Stein gemeißelte Karlheinz Böhm auf seine Enthüllung wartet? „Es bleibt genug zu tun“, sagt Böhms Frau Almaz, selbst Äthiopierin und seit Jahren im Einsatz für „MfM“, „wir sind in etlichen Regionen tätig, die nun dort beginnen, wo Derra vor 13 Jahren stand.“

Bitter ist bloß, dass die Krise viele Industriestaaten zuerst bei der Entwicklungshilfe sparen lässt. So plant Österreichs Außenminister Michael Spindelegger die Mittel in den nächsten vier Jahren um 84 Millionen Euro zu kürzen. Ein sinnvolles und vor allem nachhaltiges Arbeiten in den ärmsten Ländern der Welt, zu denen auch Äthiopien zählt, droht so noch mehr zur Sache der Privaten und ihrer Spender zu werden.

Erschienen in NEWS 50/10

Die ganze Story im Originallayout mit Interviews und vielen Fotos