Der Ruf des Diktators

WEISSRUSSLAND. Zwischen Zuschlagen und Zustimmung. NEWS im „Paradies“ von Europas letztem Diktator. Der Report aus einer Zeitkapsel.

Es ist kurz vor Weihnachten, Wahltag und der Diktator schwitzt. Immer wieder greift Alexander Lukaschenko zum Tuch, wischt sich die Stirn ab. Ahnt er bereits zu Mittag, was an diesem Tag, in dieser Nacht noch folgen wird? Kennt er, der seit 16 Jahren eisern über Weißrussland herrscht, schon jetzt das wahre Wahlergebnis? „Keiner wird auf den Platz kommen“, raunt er Reportern nun zu, „niemand wird demonstrieren.“

Acht Stunden später ist Minsk, seine so pompöse Hauptstadt, nicht wiederzuerkennen. Vor den hell erleuchteten Stalin-Bauten schwenken Menschen die verbotene, alte Landesfahne. Marschieren Zehntausende in Richtung des ehemaligen Lenin-Platzes, schreien „Schande“ und „Raus mit ihm“ in die Nacht. Der Verkehr gerät ins Stocken, ein Boulevard, mehrere Kilometer lang, ist voller Protestierender. Keine Miliz, die eingreift, nur ein paar überforderte Verkehrspolizisten, die die Massen gewähren lassen. Die Angst ist verschwunden. Es riecht nach Revolution.

Kolchosen und Kommunismus. Soeben gab es die erste Hochrechnung: 79 Prozent für den Amtsinhaber. 2,6 Prozent für den bestplatzierten oppositionellen Herausforderer. In einem Dorf, weit vor Minsk, verwundern solche Zahlen niemanden. Auch nicht Vera Lenonidowna, die im einzigen Geschäft des Ortes, einem staatlichen Gemischtwarenladen, arbeitet. „16 Jahre schon“, sagt sie, „ so lange wie er regiert.“ Und alles sei seither besser geworden, „die Löhne im Schnitt auf 400 Euro gestiegen, die Auswahl gewachsen und die Chancen für die Jungen so gut wie nie.“ Im Laden hat sie ein Plansoll zu erfüllen, verkauft sie mehr, erhält sie einen Bonus. Der Sozialismus, andernorts längst vom Raubtierkapitalismus abgelöst, lebt in Weißrussland weiter. Im Land – einst Sowjetrepublik, seit 1991 unabhängig – gibt es Kolchosen, so als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Dort dampft es. Wiederkäuende Kühe liegen auf dem Boden. Deren Absonderungen fallen auf Förderbänder, die sich durch den Stall ziehen. „Kommen Sie lieber erst gar nicht rein“, sagt Valentina Yevtukh, „unsere Kolchose ist noch nicht modernisiert.“ Andernorts hätte der „Papa“, wie Landesvater Lukaschenko gern genannt wird, bereits Geld locker gemacht, neue Traktoren anschaffen und Absauganlagen installieren lassen. „Aber wir waren noch nicht dran“, meint die Magd, die sonst keinen Grund zur Klage kennt: „Batka hat selbst einmal eine Kolchose geleitet: der weiß, was gut für uns ist.“ Und tatsächlich, während in anderen Agrarstaaten wie der Ukraine die Produktion Jahr für Jahr zurückgeht, haben sich die Exporte aus Weißrussland im vergangenen Jahrzehnt versechsfacht. Auch die Wirtschaft wuchs seit 2005 um ein Drittel, die meisten Betriebe sind weiter staatlich, die Arbeitslosigkeit liegt unter zwei Prozent und gebaut wird so viel, wie sonst nirgends im postsowjetischen Raum. Des Väterchens 10-Millionen-Einwohner-Reich – ein Paradies?

Tauwetter bei Eiseskälte. Abends, auf dem Platz, interessiert das niemanden. Es ist kurz vor neun, minus 20 Grad, Schneefall und Minsk schreit. Junge, Alte, Zehntausende, die sich vor der Lenin-Statue versammelt haben. Oppositionskandidaten rufen „Neuwahlen“ in Mikrofone und wissen doch nicht recht, was die Nacht bringen soll. Sicher, der Diktator hat ihnen erstmals so etwas wie Wahlkampf erlaubt, sie im Fernsehen gegeneinander antreten lassen und es selbst vorgezogen, nicht dabei zu sein. Europa begann zu hoffen, sah „Tauwetter“ an seiner Außengrenze, stellte drei Milliarden Euro für demokratische Wahlen in Aussicht und begann, eine Zukunft mit dem geläuterten Diktator zu planen.

„Aber ein Diktator lässt sich nicht durch Wahlen ablösen“, meinte ein frustrierter Oppositioneller am Tag zuvor, nachdem er seinem Kandidaten, Andrej Sannikow, zugehört hat: „Sie faseln da etwas von Stichwahlen und füllen hier nicht einmal einen Saal mit 400 Leuten“, hält er dem ewig grinsenden Kandidaten entgegen, „wir brauchen eine Revolution, einen Che Guevara und keine gefälschten Wahlen.“ Und nun, 24 Stunden später, als die ersten Fensterscheiben brechen, als sich eine kleine Gruppe mit Gewalt Zugang zum Parlament verschaffen will, wird sich dieser Andrej Sannikow an die Worte seines Wählers vom Vortag erinnert haben. Es geht los.

Die Sardine und der Hai. Wer, wie der Musiker Ljawon Wolsky, zuhause geblieben ist, wird sich nun wundern. Das staatliche Fernsehen berichtet von 3.000 Demonstranten und bringt so enge Bilder, die nichts von den Massen erahnen lassen. Wolsky ist der populärste Musiker im Land. Über all anders würde der 45-Jährige wohl ganze Arenen füllen, in Weißrussland spielte er meist in Hinterhöfen für wenige Wagemutige. Seine Band, N.R.M., die „Unabhängige Republik der Träume“ ist so etwas wie ein Gegenkonzept, ein Zufluchtsort vor der Unterdrückung im Reich des „Batka“. Wolsky gab sich lange rotzfrech, besang das Gefühl der Sardine, die raus aus der Dose, zurück ins Meer will und sprach damit einer ganzen Generation aus dem Herzen, denen der „Batka“ zwar Brot, aber zu wenig Spiele bot. „Wer nur die Dose kennt, dem ist egal, ob im Meer dann der Hai lauert, er will es einfach spüren“, meint die blonde Anja, die zu Wolskys Punk die Hüften kreisen lässt. Und Wolsky selbst, der nach langem Verbot nun wieder in großen Sälen spielen darf? „Es bringt doch alles nichts“, sagt er, „die Leute sind verängstigt,“ und willl das Interview rasch beenden. Auch er ein Eingeschüchterter? Oder einer, der nach Jahren der Auflehnung aufgegeben hat?

„Revolutionen“, entgegnete Präsidentschaftskandidat Sannikow seinem wirschen Wähler in Anlehnung an Bismarck, „werden von Romantikern erdacht, von Helden umgesetzt und von Banditen ausgenützt.“ Vielleicht denkt er auch daran, als die kleine Gruppe ihn zum Zuschauer degradiert, der wenige Meter entfernt beobachten muss, wie sie das Parlament zu stürmen versucht. Vielleicht denkt er daran, als es nur Minuten dauert, bis Lukaschenko den Ball aufnimmt. Den Einsatzbefehl gibt. Zurückschlagen lässt. Härter, als alle angenommen hätten.

Die schwärzeste Nacht. Hunderte Männer stürmen den Platz. Sonderpolizisten – schwarz, vermummt, hemmungslos. Sie prügeln auf alles ein: Alte, deren Kinder, deren Enkel. Sie hämmern auf ihre Metallschilder, treiben die Menge auseinander, verfrachten Hunderte in Lkw zum Abtransport in die Gefängnisse. NEWS-Fotograf Heinz Tesarek brechen sie den rechten Zeigefinger, Präsidentschaftskandidat Sannikow liegt blutend im Schnee. Das Handynetz wird heruntergefahren, die Internetverbindungen gekappt, eine Hetzjagd setzt ein. Nicht der Platz ist länger ihr Austragungsort, sondern ganz Minsk. Überall Spezialpolizei, die jeden jagt, der noch draußen ist. Mitten auf einer Kreuzung steht ein Auto. Es ist von den Männern in Schwarz umringt. Sie versuchen, die Fahrerin herauszuzerren. Die Frau schreit. Laut. Gellend. Ein Taxi hält, der Fahrer hämmert aus Protest auf die Hupe. Die Polizisten dreschen mit Schlagstöcken auf seine Windschutzscheibe ein. Die wenigen, die die Szene beobachten, ziehen den Kopf ein, huschen rasch durch den Schnee weiter. Die Frau, auch sie landet im Arrestantenwagen.

Die Bilanz der Nacht: 600 Verhaftungen, sechs von neun Präsidentenanwärter in KGB-Gewahrsam, ein weiterer verletzt aus dem Spital entführt. Zertrümmerte Oppositionsbüros, festgenommene Journalisten und Politiker, denen 15 Jahre Haft drohen. Lukaschenko spricht tags darauf von „Banditen“ und dass es nun vorbei sei „mit der sinnlosen Demokratie.“ Österreichs Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach willl als OSZE-Wahlbeobachter hingegen „höchstes demokratisches Niveau“ vorgefunden haben. In seiner Zweitkarriere als Consulter bietet er „Geschäfte und Gegengeschäfte jeglicher Art“ an. Diese Geschäfte scheinen auch der EU eine gemeinsame Linie zu erschweren, denn nach einem kurzen Aufschrei, schweigt auch Brüssel. Über Weihnachten treffen dafür „Glückwünsche“ aus Moskau ein: die ins Wanken geratene Freundschaft scheint gerettet, billiges Gas und Öl gesichert und der Meisterstratege im Präsidentenamt kann zufrieden mit sich sein. Es ist nach Neujahr. Schnee fällt. Minsk ist still, schweigend. Wie ein Stummfilm. Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko ist seinem Ruf gerecht geworden.

Erschienen in NEWS 01/11