Zwischen Tradition und Turbo

DIE NEUE TÜRKEI. Business, Boom und Burka. Das Land strotzt vor Stärke und Stolz – und pfeift auf die EU. Die Reportage aus Istanbul – einer Stadt auf Speed.

Die Frau mit dem langen blonden Haar ist angekommen. Ganz oben, in 150 Meter Höhe, steht sie im schwarzen Sommerkleid. Hinter Brigitte Weber huschen die letzten Arbeiter vorbei, hämmern noch an den Holzplanken der Terrasse. „300 Quadratmeter ist sie groß“, sagt Weber, „das dazugehörige Appartement hat noch einmal dieselbe Fläche und ist bereits verkauft – für drei Millionen Dollar.“

In den 38 Etagen darunter sieht es ähnlich aus – Europas erste „Trump Towers“ ragen in Istanbul in den Himmel und sind eine Erfolgsgeschichte. Brigitte Webers Erfolgsgeschichte. Zwillingstürme voll von Luxus, mit Concierge am Eingang und Edel-Weinkeller im Untergrund, gebaut für eine Türkei von morgen, geplant von einer Österreicherin. Vor 16 Jahren zog es die gebürtige Vorarlbergerin nach ihrem Architekturstudium in Wien an den Bosporus.

„Türkisch habe ich auf der Baustelle gelernt, mich von einem Auftrag zum nächsten gehantelt“, erzählt sie und blickt über die Balustrade hinunter – auf eine Stadt, die längst alle Dimensionen sprengt. Von der keiner weiß, ob sie nun 13, 15 oder gar schon 17 Millionen Einwohner hat. Schnellstraßen durchziehen sie wie Arterien, pumpen Kolonnen von Autos in die Metropole. Dazwischen Hochhäuser, Wolkenkratzer, die Skyline eines Shanghai am Schnittpunkt von Europa und Asien. Und dann das Bildnis eines Mannes, das in Überlebensgröße an etlichen Fassaden prangt: Recep Tayyip Erdogan, der Premierminister, der Macher des Erfolges.

Der Fall Plassnik als Symptom. Am kommenden Sonntag steht seine Wiederwahl an. Laut Meinungsforschern könnte sie noch triumphaler ausfallen als die vorherigen beiden und seine Partei, die islamisch-konservative AKP, in die Nähe einer Zweidrittelmehrheit rücken. Weshalb sich also noch mit Wahlterminen aufhalten? „Ziel: 2023“, steht schlicht auf den Plakaten. Es ist das Jahr des 100-jährigen Bestehens der Republik und ein damit einhergehendes Versprechen: die Türkei bis dahin auf Platz 10 der größten Volkswirtschaften der Welt zu pushen.

Die 76 Millionen Türken sind von einem neuen Selbstbewusstsein erfasst. Gespeist aus Wachstumszahlen, von denen Europa bloß noch träumen kann, scheint plötzlich alles möglich. Selbst schärfste Erdogan- Kritiker loben dessen Wirtschaftspolitik und vergessen im Gespräch nicht, süffisant auf Europas unsicher gewordene Zukunft zu verweisen. Während ein EU-Staat nach dem anderen an den Rand der Beinahe-Pleite rückt, ist die Türkei fast unbemerkt zu einer wirtschaftlichen wie politischen Mittelmacht aufgestiegen. Und diese pocht beinhart auf ihre Interessen, legt etwa ungeniert ein Veto gegen Ursula Plassniks ausgemachte Bestellung zur OSZE-Generalsekretärin ein – als Retourkutsche für die Skepsis der damaligen Außenministerin gegenüber den EU-Plänen der Türken.

Doch wo steht diese Türkei nun wirklich? Rückt sie nach Westen, wie es Republiksgründer Atatürk einst vorsah, oder driftet das Land unter Erdogans Führung in Richtung eines islamischen Gottesstaates ab? Verhält es sich wie mit Istanbul, das am Wasser so schön wirkt wie Venedig – fernab davon aber zum Moloch mutiert, brutal, schnell und wie vollgepumpt mit Speed?

Die Weltenwandlerinnen. Brigitte Weber sieht von der Spitze ihrer Türme einen Teil des Wandels. „Eine ganze Skyline, wie es sie vor zehn Jahren noch nicht gab.“ Sie blickt bis hoch nach Maslak, wo in einem anderen Glitzerturm zwei Türkinnen mit österreichischem Pass sitzen.

Die eine, Saime Silahcioglu, besuchte die österreichische Schule in Istanbul, studierte und lebte dann 16 Jahre in Wien und kehrte zurück. Die andere, Sinem Doganay, wuchs in Wien-Favoriten auf und fing nach dem Studium für die OMV zu arbeiten an. Beide sind sie Weltenwandlerinnen, beide sind sie nun für den österreichischen Energiekonzern in Istanbul und beide wären sie nicht hier, stünde die Türkei nicht auf der Überholspur. „Geschmunzelt haben die Österreicher, als ich früher von der Stadt erzählte“, sagt Saime, „sich wohl gedacht, lass sie nur reden, und plötzlich ist es cool, hier zu sein, die Stadt voll mit Leuten aus aller Welt.“ Untertags stauen sich die Touristen vor der Hagia Sophia, doch sobald es dunkel wird, stürmen sie die Bars und Klubs rund um den Taksim-Platz, dem europäischen Herzen der Stadt. Dynamik, Drive, Stimmengewirr, das Vibrieren einer Weltstadt – hier dröhnt es aus jedem Lokal, lässt nicht erahnen, dass wenige Kilometer weiter eine andere Welt beginnt.

Anatolien in Wien und Istanbul. Es sind Bauern, Viehhirten, Arbeitslose aus Anatolien, die zu Tausenden Tag für Tag in diese Stadt strömen und ihr Bild zunehmend prägen. Ihr Drang nach einem besseren Leben verdeutlicht die immense Kluft, die trotz Booms immer noch in der Türkei herrscht. „Es ist schon irgendwie merkwürdig, stellt Sinem, die Favoritnerin, fest: „hier in Istanbul beschweren wir uns über das Kopftuch und so manchen Brauch der Anatolier – ähnlich wie in Wien, wo ja auch die meisten Türken aus Anatolien stammen.“

Das Kopftuch, die Streitfrage – nun ist das Schlüsselwort gefallen, an dem aufgeschlossene Europäer den Grad der Liberalität der Türkei glauben messen zu können. Einst war es verpönt, nicht vorgesehen im Staate Atatürks, der die strikte Trennung von der Religion befahl. Mit Kopftuch an die Uni, gar als Beamtin in den Staatsdienst? Unvorstellbar.

Bei den Fundamentalisten. Und nun? Seit 2003 regiert Erdogans AKP, die mit den Stimmen frommer Muslime, welche im Land der Militärs zuvor nicht viel zu sagen hatten, mächtig geworden war. Frühere Verbote sind aufgeweicht, umgangen: Die Kopftuchquote liegt aktuell bei 60 Prozent. Atatürks Erben fürchten um all das, was die Türkei lang vom Rest der islamischen Welt unterschied und deren Einbindung in den Westen rechtfertigte.

Wer die Schreckensvision aller Aufgeklärten erfüllt sehen will, der fährt über das Goldene Horn in ein Viertel wie Carsamba. Die Ankunft, einen Hügel hinter der von Touristen überrannten Blauen Moschee, mutet wie ein Kurztrip nach Pakistan an. Die Frauen tragen Carsaf – übersetzt: Betttuch –, die türkische Form der Vollverschleierung, bei der gerade mal ein kleiner Schlitz zum Sehen bleibt. In bedächtigem Abstand folgen sie ihren Männern, die sich in Pluderhosen kleiden und den Bart nicht stutzen. Ihr Leben ist vom Rhythmus der Moscheen geprägt, ihre Frömmelei in der Türkei keine Ausnahme mehr: nur ein Viertel der Türkinnen arbeitet, einer der geringsten Werte weltweit und seit 2005 rückläufig.

Dafür stieg die Zahl der „Ehrenmorde“, und es vergeht kaum eine Woche ohne Meldungen über grausame Verbrechen an jungen Frauen. Erst kürzlich war eine 16-Jährige in Ostanatolien von ihrem Vater lebendig begraben worden, weil sie „Kontakt mit Männern“ gehabt haben soll. Ein anderes Mädchen wurde von ihren Brüdern aus dem Fenster geworfen, weil sie „Schande über die Familie“ brachte.

Der Häuserkampf. Im AKP-Hauptquartier auf der asiatischen Seite Istanbuls wiegelt man ab, spricht von Programmen, all dies zu bekämpfen und keinem „Zwang zum Kopftuch, sondern der Gleichberechtigung für Frauen, die sich entscheiden, es zu tragen“, wie Fatih Sayan sagt. Der 34-Jährige hat im Ausland studiert, ist gebildet und verkörpert den Nachwuchs der AKP. „Das Kopftuchthema spaltet – bei dieser Wahl trägt noch keine unserer Kandidatinnen eines.“

Viel lieber spricht Sayan, der zu den Beratern Erdogans zählt, über die Visionen seines Chefs, die mehr nach Moderne klingen – Hochgeschwindigkeitszüge etwa, einen zweiten Bosporus-Kanal, eine dritte Brücke über die Meerenge. All das, was die Türkei nach vorne bringen soll. Denn Kapitalismus und Islam, das hat Erdogan längst begriffen, stehen nicht im Widerspruch. So gewann das „grüne“, also islamische, Kapital an Einfluss und die alten, im Erbe Atatürks stehenden Eliten, die eng mit dem Militär verbunden sind, gerieten ins Hintertreffen.

Schüsse auf Unliebsame. „Klar, die Gesellschaft ist konservativer geworden, aber die Konservativen einfach auch sichtbarer, da Erdogan nun Macht über die Medien hat und so vieles, was noch vor Jahren vielleicht als extrem galt, Mainstream wurde“, erklärt Sedat Yilmaz, ein Regisseur, der es nicht scheut, den Finger in die offenen Wunden seines Landes zu legen. Im Dunkeln seines Studios drückt er auf Play – sein Film beginnt zu laufen, in dem bald der erste Journalist erschossen wird, eine Redaktion von der Angst gefangen und die Jagd auf deren verbliebene Mitglieder eröffnet ist.

„Press“ zeigt das Schicksal einer kurdischen Zeitung in den 90er-Jahren und ist doch aktueller denn je: „Heute werden Journalisten nicht mehr Österreic h und retour. Saime Silahcioglu (l.) und Sinem Doganay gingen für die OMV nach Istanbul.  erschossen, sondern eingesperrt“, so Yilmaz‘ bitterer Befund. 57 von ihnen sitzen derzeit in Haft, Anklagen blieben meist aus, die Anschuldigungen sind ominös, die Kritik aus der EU verhallt. Und überhaupt, Europa. „Für Erdogan dienen die Beitrittsverhandlungen doch bloß als trojanisches Pferd, um die Rolle der Armee weiter zu schwächen“, teilt Yilmaz den Chor der Kritiker, „alle hier wissen das, und niemand glaubt noch an einen Beitritt.“ Auch im Wahlkampf spielt die EU keine Rolle, und einer jungen Dame, bei der man es am wenigsten annehmen würde, ist das gar nicht so unrecht.

Burcu Cetinkaya trägt schwarze High Heels, langes offenes Haar und zeigt Bein. Es ist Abend, am Bosporus kommt Wind auf. Sie wartet in Bebek, einem Nobelviertel. Das ganze Wochenende lang fuhr sie Rally, schlug sich gut. Eine Frau als Pilotin – nicht nur in der Türkei ist das ungewöhnlich. Burcu erkämpfte sich diesen Traum, die Eltern hatten anderes für sie vorgesehen gehabt, sie an die besten Schulen geschickt. Doch sie sträubte sich, nahm einen Kredit auf und raste los. „Die EU und wir Türken“, sagt Burcu nun, „das passt nicht zusammen. Die Mentalität, der Glaube, wir sind einfach zu verschieden.“ Eine Einschätzung, die geteilt wird, von Carsamba bis an die Spitze der Trump-Towers. Bloß Brüssel hat sie noch nicht erreicht.

Erschienen in NEWS 23/2011

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