Bei den Bankrotteuren

AM ENDE. Korrupte Faulenzer oder Opfer. Wie die Griechen ihr Drama sehen. NEWS war dort, wohin unsere Milliarden fließen.

Das Tränengas zeigt Wirkung. Macht uns zu taumelnden Gestalten und Athens Straßen zu Schlachtfeldern. Wir kauern in einem Hauseingang. Warten, bis wir wieder etwas sehen, sich das Brennen in der Lunge endlich löst.

„Ihr müsst die Augen mit Wasser ausspülen. Euch ans Feuer stellen, das hilft gegen das Gas.“ Wir erkennen ein Pärchen. Ihn im rosa farbenen Hawaii-Hemd, sie im fliedernen Strickpulli. Andreas und Dina, ein Anwalt und eine Krankenschwester, die Rat erteilen als seien sie Berufsdemonstranten. „Nein, nein“, versichert er, „mit den Chaoten, die sich mit der Polizei Scharmützel liefern, haben wir nichts zu tun. Dafür ist die Lage viel zu ernst.“

Ernst – selbst das kommt einer maßlosen Untertreibung gleich angesichts des Ausnahmezustands in Athen. Es sind Zehnttausende, die wie Andreas und Dina auf den Syntagma- Platz kommen, dem Tränengas trotzen. Junge und Alte, Ausgebildete und Arbeitslose, Studenten und deren Professoren – ein ganzes Volk, angetreten, um zu verhindern, was ihm viele im Rest Europas am liebsten ohnedies vorenthalten würden. Sie protestieren gegen noch mehr Milliarden, noch höhere Kredite, einen weiteren Rettungsschirm, ein zusätzliches Paket, das verhindern soll, was wie ein Damoklesschwert über Griechenland schwebt: der Staatsbankrott, fällig in zwei Wochen.

Sie crashen, wir cashen. Ein Jahr ist vergangen seit der (einmaligen) 110 Milliarden-Euro- Spritze, die Griechenlands Leiden lösen sollte. Ein Jahr der Entbehrungen am Peloponnes, der bitteren Sparprogramme und steigenden Steuern. Ein Jahr, in dem die Griechen litten und die Politiker im Rest Europas ihre Versprechen brachen. Denn nun, im Juni 2011, wird klar, dass die griechischen Kassen weiter klamm sind, die Schulden auch jetzt nicht über den Markt finanzierbar seien und deshalb die anderen Mitglieder der Euro-Zone ein zweites Mal in die eigenen Taschen greifen werden müssen, um die Griechen vor dem finanziellen Fallout zu retten.

„Uns?“, Andreas, der Anwalt, gibt sich empört, als er das hört. „Glaubt ihr Österreicher wirklich, ihr helft mit eurem Geld dem lieben, armen Griechen, den ihr noch aus dem letzten Urlaub kennt?“ Fast vorwurfsvoll erklärt er, „dass das Geld aus euren Taschen direkt zu den ausländischen Banken wandert, die zuvor mit unseren Staatsanleihen ein gutes Geschäft gemacht haben.“ Und ihnen, den drangsalierten Griechen, längst befreit von der Sirtaki-Beschaulichkeit, drohe weiteres Ungemach samt Ausverkauf des Tafelsilbers. „Wir wollen euer Geld nicht! Darum sind wir hier.“

Der Anwalt und die Krankenschwester, das Paar, das gut verdiente, vereint im Kampf gegen etwas Größeres, etwas, das bislang bloß ein paar Utopisten stürzen sehen wollten: den Kapitalismus, unser aller Wirtschaftssystem.

In Athen sind sie nicht die Ausnahme, sondern bald die Mehrheit. Unverdächtige Bürger wie der Kellner Janis, die berichten, dass sie in der Garage zwar noch ein Auto stehen haben, mit diesem aber seit Monaten nicht mehr fahren können. „80 Euro für einmal Volltanken – unmöglich. Und Käufer finde ich für die Kiste auch keinen, da niemand mehr Geld hat.“ So kommt es, dass er sich Abend für Abend vor dem Parlament die Wut aus dem Bauch schreit, die Politiker des Landes „Lügner“ und „Diebe“ schimpft und sich später, unten am Syntagma-Platz nach Fortschritten erkundet.

Dort, bei den Zelten, die zwischen Palmen und Pinien vor drei Wochen in den Boden geschlagen wurden. Von Menschen, denen es reicht, die all die Klüngeleien, die ihr Land so tief stürzen ließen, satt haben. Die von einer anderen Gesellschaft träumen, einer neuen Demokratie, in der sich die Arbeitslosigkeit nicht der 20-Prozent- Schwelle nähert, in der die Kluft zwischen Arm und Reich nicht ständig wächst und Junge trotz Uni mit unbezahlten Praktika abgespeist werden.

Bei den ,Empörten‘. Sie nennen sich „die Empörten“, haben keine Führung, keine Symbole, dafür viel Sympathie für ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich. Basisdemokratisch wollen sie an der Welt von morgen basteln und bis tief in die Nacht über jeden einzelnen Vorschlag abstimmen. „Klar, das klingt utopisch“, gesteht Student Panos ein, während er die leer geschossenen Tränengasbomben der Polizei zusammenklaubt, „aber wir wollen nicht länger schweigen, mitmachen bei einem System, das nur noch Krisen schafft und faktisch bereits tot ist.“ Der sich vermeintlich in den letzten Zügen befindliche Kapitalismus gibt jedoch ein paar hundert Meter weiter ein mehr als starkes Lebenszeichen von sich. Oben, über der Verkehrshölle am Omonia-Platz, spielen sich im zweiten Stock eines kargen Bürogebäudes Tag für Tag wahre Dramen ab. Dimitrios, grobschlächtiges Gesicht und Goldkette, schildert sie so: „Es kommen Leute zu mir, die ihre Jobs verloren haben, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, die einfach an der Kippe stehen und dringend Geld brauchen.“ Dimitrios hilft, nicht uneigennützig, aber immerhin. Er ist Pfandleiher, in zweiter Generation und seit 20 Jahren. „Uhren, Ohrringe, Armreifen – aus Gold muss es sein, dann nehme ich es.“

Doch auch er klagt. Über zu wenig Geschäft, und das obwohl 30 Prozent der Athener Haushalte mit der Stromrechnung in Rückstand sind. Sein Gewerbe sollte doch gerade in der Krise florieren? „Fehlanzeige, seit einem Jahr schießen die Pfandleiher wie Pilze hervor. Allein hier am Platz sind es vier. Völlig unseriös, alle miteinander, oft nur Zettel mit einem Namen und einer Handynummer. Aber die Leute sind verzweifelt und laufen zu ihnen.“

Schuften für die Schulden. Ein Gang, der Stella noch erspart geblieben ist, wenngleich auch das Leben der adretten Rothaarigen in ungeahnte Tiefen stürzte: ihr eigenes Geschäft – geschlossen, ihr Sohn – arbeitslos, ihre Tochter – bald im Ausland, ihr Mann – über den steigenden Kreditzinsen krank geworden. „4.500 Euro Einkommen hatten wir vor einem Jahr noch“, erinnert sie sich, „und jetzt schufte ich von früh bis spät, bloß um den Kredit abbezahlen zu können.“

Stellas Schicksal – es ist das ihres Landes. Schuften für die Schulden und den Hohn der Gläubiger gibt es gratis dazu: „Faul seien wir, sagt diese Merkel, habe ich gehört. So eine Unverschämtheit von den Deutschen.“

Es sind die alten Klischees, die nun, wo alles zu kippen beginnt, ihre volle Wirkung entfalten. Der faule Grieche, der den Bogen überspannt hat, der so lang er überhaupt arbeitete 16 Monatsgehälter kassierte und sich mit 55 in die Pension verabschiedete. Es gibt ihn – immer noch, auf Ämtern und Behörden, bei denen 900.000 der elf Millionen Griechen beschäftigt sind. Aber es gibt auch die Stellas und Efis, Janis und Andreas – tatkräftige Griechen, die arbeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit und die dann, wenn sie in der überfüllten U-Bahn heimgondeln, ein sonderbares Gefühl beschleicht: „Dass der Staat sich nur an uns saniert und er die wirklich Reichen im Land wieder einmal ungeschoren davonkommen lässt.“

Also doch nicht der Kapitalismus? Die Weltverschwörung? Während das Ausland die Unzulänglichkeiten der Griechen längst erkannt haben will, fällt hier erst spät der erste Satz, mit dem die Mitschuld an der Misere auch an der Ägäis gesucht wird.

Fündig werden ließe sich vielleicht in Flisvos – Athens mondänstem Yachthafen. An die 300 Boote liegen dort vor Anker. Mehrstöckig, 50, 60, manche gar 70 Meter lang und hunderte Millionen Euro wert. Yachten, die „Smile“ oder „La bonne vie“ (das süße Leben) heißen, das Edelholz fein poliert, das Deck säuberlich geschrubbt, die Crew, meist untertänige Philippiner, in ständiger Bereitschaft, falls es ihren Herrschaften nach einem schnellen Trip auf die nahen Inseln gelüstet. Nur eines wirkt beim Spazieren zwischen all den Yachten nach einer Weile sonderbar: auf kaum einer flattert die blau-weiße Flagge.

Stattdessen bedruckter Stoff aus der Karibik – Antigua, Barbados, Cayman Islands – Steuerparadiese, wie geschaffen, um neben dem Firmengeflecht auch gleich noch die Luxusyacht kostensparend anzumelden. Der reiche Grieche, der Onassis der Gegenwart, seine Yacht mag hier noch vor Anker liegen, sein Geld hingegen parkt bereits in Übersee.

Reiches Land, armer Staat. „Alle Reichen, die ich kenne, haben ihr Vermögen längst dorthin geschafft“, erzählt einer, der mit den Wohlbetuchten ein vertrautes Verhältnis pflegt – Theodore Orphanos, Manager, Kapitän, Kosmopolit. Er bittet uns, an Bord zu kommen, lässt an Deck auf edlem weißen Leder Platz nehmen, offeriert Getränke und seine Version des Scheiterns: „Wir Griechen sind Grenzgänger. Unser Staat ist in den letzten 200 Jahren fünf Mal Bankrott gegangen – und das sechste Mal steht unmittelbar bevor. Theodore hält nicht viel von den Beschwichtigungen, die Premier Papandreou in Brüssel verbreitet und auch die Kapitalismuskritik der Demonstranten ist ihm fremd: „Der Staat ist verfault, korrupt, leistet nichts – und dann wundert man sich, dass jene die Geld haben, keine Steuern zahlen?“

Er schildert Anekdoten, die jeder im Land kennt – sie handeln von Lehrern, die müde in der Schule sitzen, weil sie privat bis spät in die Nacht Nachhilfe geben; von Ärzten, die ohne Bestechung, keinen OP betreten und Bauern, die Tomaten anbauen, aber nie ernten, bloß weil die EU das gerade gut fördert. „Und jetzt sollen wir auf Druck der EU von Griechen zu Deutschen werden? Das kann doch nicht klappen.“ Zum Abschied hält er eine düstere Prognose bereit: „Hier wird noch Blut fließen und ihr werdet euer Geld nie mehr wieder sehen.“

Erschienen in NEWS 25/2011

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