„Die EU ist tot. Nun planen wir Europas Zukunft!“

SO SPRICHT RECHTS. Blenderin oder Bedrohung? Marine Le Pen über EU-Ausstieg, Islamisierung und ihr Bündnis mit der FPÖ.

Die Zentrale des Front National liegt dort, wo Paris langsam ausfranst, im Nirgendwo zwischen Reihenhäusern und Tankstellen. Von hier polterte Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang gegen Ausländer und Zuwanderung. Seit Jänner sitzt seine jüngste Tochter Marine, 42, im Chefsessel.

Die ausgebildete Anwältin, Mutter dreier Kinder und EU-Abgeordnete ist das neue Gesicht von Frankreichs Ultrarechten: charmanter, zahmer, unberechenbarer. Nächstes Jahr tritt sie zur Präsidentschaftswahl an und liegt in Umfragen bereits jetzt vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wer ist diese Frau, und wofür steht sie?

NEWS gewährt sie ein rares Exklusivinterview, bittet in ihr verdunkeltes Büro und spricht über ein „Europa am Abgrund“, eine „Zuwanderung bis zum Krieg“ und ihre Allianz mit „Monsieur Strache“.

News: Madame Le Pen, ist es verboten, Sie zu fragen, was Sie von der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers in manchen österreichischen Gemeinden halten?

Marine Le Pen: Gar nichts ist verboten. Nur habe ich mich damals bei der Pressekonferenz mit Monsieur Strache in Straßburg ausführlich dazu geäußert, und damit soll es auch gut sein.

News: Die FPÖ hat lange keinen Bündnispartner auf EU-Ebene gefunden, da selbst Rechtsparteien wie Italiens Lega Nord oder der Niederländer Geert Wilders mit dem „braunem Beigeschmack“ der Blauen nichts zu tun haben wollten. Ist Ihr Front National da weniger heikel?

Le Pen: Von einer Isolation kann keine Rede sein. Manche Parteien verstehen sich besser, manche schlechter. Wir pflegen neben der FPÖ etwa auch beste Kontakte zum Vlaams Belang in Belgien. Was heutzutage in Europa nicht mehr funktioniert, ist das Verteufeln unserer Parteien – das haben die Leute längst durchschaut.

News: Was verbindet Sie also mit der FPÖ?

Le Pen: Mit der FPÖ teilen wir eine gemeinsame Sicht auf viele Probleme unserer Zeit: die Massenzuwanderung, eine sich in den letzten Zügen befindliche, an die Sowjetunion erinnernde, totalitäre EU und vieles andere. Deshalb macht es Sinn, sich mit Gleichgesinnten über Lösungen auszutauschen, gemeinsam Referenden auf europäischer Ebene zu planen, um in Zukunft eine stärkere Allianz zu bilden.

News: Aber wozu das Ganze noch, wenn die EU, wie Sie sagen, „ohnedies bereits tot“ ist?

Le Pen: Ganz einfach, weil wir über das Europa von morgen nachdenken müssen. Die jetzige EU ist vollkommen gescheitert, und das von Beginn an: ohne Einbindung der Bürger entstanden, von machtsüchtigen Eliten entworfen, ein Gebilde, das durch Geld zusammengehalten wurde, aber auch das ist nun weg. Wir sind nicht gegen Europa, aber wir sind gegen diese EU. Wir wollen starke Nationalstaaten, die dort, wo es Sinn macht, miteinander kooperieren.

News: Sie wollen also, wenn Sie an die Macht kämen, aus Euro und EU austreten?

Le Pen: Eines gleich vorweg: Der Euro ist tot! Haben Sie das noch nicht erkannt? Selbst die Deutschen, das Magazin „Spiegel“, schreiben das. Sehen Sie selbst (holt die vorwöchige Ausgabe des Nachrichtenmagazins hervor, die mit einem „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ betitelt ist).

News: Aber Griechenland ist gerettet und der Euro gegenüber dem Dollar sehr stark.

Le Pen: Gerettet? Die Leute spüren längst, dass das derzeitige System nicht mehr funktioniert, dass die Politiker nur noch hilflos sind, Griechenland, Portugal, Irland immer tiefer in ihren Schulden versinken. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, wo die Eliten das System ändern. Ich plädiere dafür, sich einige Monate Zeit zu nehmen, um über den konzertierten Ausstieg mehrerer Staaten aus dem Euro zu verhandeln. Das ist unsere einzige Rettung. Gelingt das nicht, sehe ich es als meine Verantwortung, Frankreich alleine aus dem Euro zu führen. In Frankreich gibt es diesen Spruch im Restaurant: Wer zuletzt geht, der zahlt.

News: Wie sieht also das Europa Ihrer Träume aus? Wieder mit Grenzkontrollen, nationalen Währungen, ohne Bewegungsfreiheit für Bürger?

Le Pen: Was wurde uns denn nicht alles versprochen? Etwa dass die EU bis 2010 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt würde – formidabel gescheitert. Nun ist es an der Zeit, das unvermeidbar Gewordene vorwegzunehmen: Für Frankreich ist der Euro viel zu stark, er schwächt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft. Ich sehe ein Europa mit nationalen Währungen, die es jedem Land ermöglichen, den geeigneten Weg zu wählen. Die EU schadet uns mehr, als sie uns nützt, schränkt die nationale Souveränität massiv ein. Ich plädiere für ein „Europa à la carte“: also Kooperation dort, wo sie Sinn macht, etwa beim Kampf gegen Drogen, beim Umweltschutz – und das ist es.

News: Dafür würden Sie in Russland Frankreichs wichtigsten Verbündeten sehen. Haben Sie einen autoritären Staat lieber als eine Demokratie wie Deutschland?

Le Pen: Wir stehen unter zu großer Abhängigkeit von den USA, Präsident Sarkozy ist doch bloß ein erweiterter Befehlsempfänger der Amerikaner. Das muss sich ändern, und deshalb mein Vorschlag einer privilegierten Partnerschaft mit Russland, einem kulturell europäischen Staat, der für uns strategisch und ökonomisch höchst bedeutsam ist, gerade auch was die Energieversorgung anbelangt. Das heißt nicht, weniger Deutschland, mehr Russland, sondern weniger USA.

News: Als Ihr Vater noch den Front National führte, war es für eine große Mehrheit der Franzosen undenkbar, ihn zu wählen. Nun ist laut Umfragen der Front National für 30 Prozent der Franzosen zumindest eine Option bei den Wahlen. Allein Ihr Verdienst?

Le Pen: Die Leute sehen aktuell, dass eingetreten ist, wovor wir 20 Jahre lang gewarnt haben: die Globalisierung, die aus dem Ruder gelaufene Massenzuwanderung, die unfaire Verteilung des Wohlstands. All das ist da, die anderen Parteien haben es ignoriert, und wir sind immer noch die Einzigen, die aufschreien.

News: An den verhetzerischen, NS-nahen Parolen Ihres Vaters lag es also nicht?

Le Pen: Sehen Sie: Eine im Jahr 1968 geborene Marine Le Pen kann man nicht so einfach dämonisieren wie ihren Vater. Vor lauter Verteufelung wussten die Menschen doch einst gar nicht, wofür wir eigentlich standen. Aber diese Mechanismen der Eliten und der ihnen hörigen Medien, um uns zu verhindern, greifen immer weniger.

News: Aber Antworten liefern Sie doch auch keine. Da ist viel Angstmache, viel Provokation. Sie sprechen sogar davon, dass „Multikulti im Krieg enden wird“. Meinen Sie das ernst?

Le Pen: Ja, es reicht, in der Geschichte zurückzublicken, um dies zu erkennen: im Libanon, am Balkan und teilweise auch in Belgien. Die Frage ist, wie es gelingen soll, dass sehr unterschiedliche Kulturen auf demselben Territorium zusammenleben, ohne dass eine versuchen wird, der anderen ihren Willen aufzuzwingen.

News: In der Schweiz funktioniert das hervorragend.

Le Pen: Ja, weil die Schweiz starke Kantone hat, in denen keine der Volksgruppen versucht, die Oberhand zu gewinnen. Aber wenn wir von Multikulturalismus sprechen, meinen wir aktuell etwas anderes: nämlich die massive Zuwanderung von Muslimen nach Europa. Ein beträchtlicher Anteil dieser Menschen lebt in vollkommenem Widerspruch zu unserer Kultur, unseren Traditionen, unseren Werten; deren Gläubige blockieren unsere Straßen. Und das führt zu einer enormen Zuspitzung, da die Eliten die Zuwanderung weiter forcieren. Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob das einem gezielten Plan folgt, der den Austausch der französischen Bevölkerung zum Ziel hat.

News: Doch was ist Ihre Strategie? Geburten einschränken, Menschen deportieren? Denn nur die Franzosen zu mehr Babys aufzufordern scheint ja nicht zu reichen…

Le Pen: Ganz einfach: Die Massenzuwanderung gehört gestoppt. In einem Land wie Frankreich mit fünf Millionen Arbeitslosen braucht niemand noch zusätzlich arbeitslose Ausländer zu importieren. Zweitens würde ich das Staatsbürgerschaftsrecht ändern: Nicht jeder, der in Frankreich geboren wird, sollte automatisch Franzose sein. Erst so wird es möglich, Menschen fremder Herkunft, die kriminell werden, die sich unserer Kultur nicht anpassen, auch abzuschieben. Drittens ist es nötig, den Sozialmissbrauch derer zu bekämpfen, die in und für Frankreich nichts leisten. Und viertens: staatliche Anreize zur Geburtensteigerung der Franzosen.

Erschienen in: NEWS 27/2011