Die Gier nach Gold

RUMÄNIEN. Gold, Gift und Gusi.:Wie ein kleines Dorf gegen einen Goldkonzern kämpft. Eine Globalisierungsgeschichte.

Stummelzähne, eine schmutzige Jogginghose und verdreckte Stiefel. Eugen David sieht so aus, wie ein Kleinbauer im hintersten Winkel Rumäniens eben aussieht. Bloß dass so einer mit seinen acht Kühen, den paar Schweinen und Hühnern eher selten das Interesse von Filmstars, Magnaten oder gar einem Thronfolger weckt.

David gegen Gabriel. Breitbeinig und trotzig steht David da, ein Kämpfer wie aus dem Bilderbuch. Sein Goliath heißt Gabriel, ist ein kanadischer Bergbaukonzern, börsennotiert, milliardenschwer und seit mehr als zehn Jahren aus auf die 50 Hektar Land, die David gehören. Er braucht sie, um hier im transsylvanischen Bergdörfchen Rosia Montana nach Gold schürfen zu können.

Gold, das in rauen Mengen unter den sich langsam  herbstlich färbenden Hügeln liegt. Würden sie abgetragen, Tonne für Tonne, das Gestein mit dem hochgiftigen Zyanid zersetzt, entstünde eine Mondlandschaft – und Europas größte Goldmine. Bis zu 250 Tonnen des Edelmetalls lagern unter Rosia Montana, ein Milliardengeschäft für den Konzern – und der Hauch einer Perspektive für den zweitärmsten Staat der EU, der erst 2009 mit 27 Milliarden Dollar von Weltbank und IWF vor dem Bankrott bewahrt wurde.

„Doch ich weiche nicht“, sagt David, „egal wie viel Geld sie mir bieten.“ Einst hätte ein Widerständler wie er keine Chance gehabt gegen einen globalen Konzern wie Gabriel und seinen 20-Prozent-Partner, den rumänischen Staat.

Aber willkommen im Internetzeitalter, bei Facebook und Twitter, inmitten der Anti-Globalisierungs- Bewegung, die schon vor Jahren auf den Kampf des sturen David aufmerksam geworden war. Damals, Anfang des Jahrtausends, als sich ein paar Hundert Kilometer weiter gerade Europas größte Umweltkatastrophe nach Tschernobyl Bahn brach. Tonnenweise Gift aus der Goldmine von Baia Mare die Flüsse verseuchte, die Fische tötete und für 2,5 Millionen Menschen das Trinkwasser gefährdete. Das waren die Zeiten, als eine Schauspielerin wie Vanessa Redgrave, ein Magnat wie George Soros oder auch Prinz Charles vom Widerstand des kleinen rumänischen Bergdorfes gegen die Allmacht des Goldkonzerns erfuhren.

„Ganz Rosia Montana war damals gegen die Kanadier, keiner wollte ihnen die Häuser verkaufen und unsere Lebensgrundlage riskieren“, erinnert sich David. Der internationale Protest und die prominente Unterstützung trugen Früchte, der Druck auf Rumänien wuchs, die Bergbaupläne schienen begraben, der Kampf ein für alle Mal entschieden.

Gusenbauer und das Gold. Doch seither trübte sich die Erinnerung an die Zyanid-Katastrophe – dafür glänzt Gold so stark wie nie zuvor in seiner Geschichte. Es ist viel passiert in diesen Jahren: Krisen, Crashs, Banken gingen pleite und Staaten fast bankrott. Gold ist viermal so teuer wie vor zehn Jahren. Ein Zeichen dafür, dass der Finanzkapitalismus aus den Fugen geraten ist und bloß noch das Edelmetall ein Hort der Zuflucht in Zeiten der Angst ist.

Das Bizarre: Von den Auflösungserscheinungen des Systems profitiert gerade ein Konzern, der prototypisch für ebendieses System steht – Gabriel.

Längst zählen Investoren aus Steuerparadiesen und Hedgefonds zu dessen Eigentümern – registriert ist er auf Barbados –, und in der Führungsriege hat als einer der Direktoren Österreichs Ex- Bundeskanzler Alfred Gusenbauer Platz genommen.

Der Konzern blieb all die Jahre nicht untätig, hat die Zelte in Rumänien nie abgebrochen, sondern ließ die Zeit für sich arbeiten. „Anfangs waren die meisten gegen uns, haben gesagt, sie würden nie verkaufen“, gibt selbst Catalin Hosu zu,„doch dann sind manche in der Nacht zu uns gekommen, um handelseins zu werden.“ Hosu ist der Sprecher des Konzerns vor Ort, ein Meister seines Faches, ein „Golden Boy“, wie ihn die Minengegner spöttisch nennen.

Der „Golden Boy“ legt los. Wer Stunden mit dem PR-Profi verbringt, mit ihm im Geländewagen über Bergstraßen kurvt, kann die Segnungen, mit denen der Konzern die Bevölkerung versieht, am Ende kaum noch fassen. Die 4.000 Bewohner? „Fast alle für uns.“ Deren Zukunft? „Gesichert. In neuen, schönen Häusern, die wir ihnen bauen. Mit einer Perspektive, die wir ihnen geben.“ Die Umwelt? „Geschützt. Konserviert. Dank neuester Techniken, höchster Standards, größter Vorsichtsmaßnahmen.“ Der rumänische Staat? „Der Profiteur schlechthin. Ein Milliardengewinner. Einer, der nichts riskiert und viel bekommt.“ Und das Zyanid, die Chemikalie, die zum Auswaschen des Gesteins verwendet wird und tonnenweise hinter einem 185 Meter hohen Damm lagern soll, dort, wo heute noch der halbe Ort steht? „Ja, ein Risiko. Aber kalkulierbar. Letztlich ist überall Zyanid drinnen. Selbst im Kaffee, den Sie gerade getrunken haben.“

Na dann. Warum noch protestieren? Wieso noch dagegen sein? Kappt den Berg, sprengt 500.000 Tonnen Gestein pro Woche weg, und schickt jeden Tag 1.000 Lastwagen durchs enge Tal.

David lacht laut los, als er all die Argumente hört, und er weiß doch, dass seine Position weit schwächer ist als noch vor Jahren: „Sie haben mit ihrem Geld den Ort gespalten. Die Leute gekauft.“ Letztlich vertraut er auf einen harten Kern von 70 Mitstreitern, die im Traum nicht daran denken, wegzuziehen.

Und eine weitere Waffe hat der Bauer, der mit Frau und Tochter auf seinem Hof ausharren will, noch: die der Mobilisierung über Ländergrenzen hinweg, die Unterstützung von Menschen, die zuvor noch nie von Rosia Montana gehört hatten und plötzlich zu Hunderten gekommen sind, um in Zelten hoch über dem Dorf zu campieren. Die Plakate malen, auf der Straße protestieren, Reden schwingen und von ähnlichen Abwehrkämpfen aus ihren eigenen Ländern berichten.

Aber auch Gabriel verfügt noch über eine letzte Waffe, um den Kampf nach einem Jahrzehnt für sich zu entscheiden und den Milliardenschatz bergen zu können. Ein neues Gesetz, das „ganz zufällig“, wie Hosu sagt, privaten Bergbaufirmen erlauben soll, Widerspenstige – wie es sonst nur der Staat darf – einfach zu enteignen. Hosu und sein Consulter Rahmi beobachten belustigt die Demonstration. „Lauter Fremde“, sagen sie im Glauben, gewonnen zu haben. Nur einer denkt schon daran, sich dann, „wenn der Konzern seine letzte Maske fallen lässt“, mit Frau und Kind an seiner Scheune anzuketten: David.

Erschienen in: NEWS 41/2011

Das Video zur Reportage gibt es hier