Leaving Las Vegas

ENDSTATION TUNNEL. Die „Stadt der Sünde“ als Sinnbild für Amerikas Abstieg. NEWS war dort, wo der „American Dream“ ausgeträumt ist.

Wir prallen gegen eine schwarze Wand. Sehen nichts. Weder, wohin uns der Weg führt, dem wir folgen. Noch wer und was uns an dessen Ende erwartet. Die letzten Lichtstrahlen, die vom Eingang des Tunnels durchschimmern, verschwinden.

Hier sind wir nun: in einer Betonröhre, viereinhalb Meter breit und einen Meter siebzig hoch. Stapfen durch ein Rinnsal vorwärts auf der Suche nach Menschen. Man hat uns gewarnt. Vor Freaks. Verrückten. Bewaffneten. Doch die gab es immer. Wir suchen solche, die nie gedacht hätten, hier unten zu landen. Unter einer Stadt, die wir alle kennen, selbst wenn es nur aus dem Fernsehen ist: Las Vegas, Nevada, USA.

Dies ist die Geschichte zweier Städte. Einer oben und einer unten. Sie handelt von Glitzer, Glanz, Glücksspiel und dem, was einmal der „amerikanische Traum“ war. Oben, auf dem Strip, dem kilometerlangen, achtspurigen Boulevard voller Scheinwerferlicht und buntem Neon, wirkt sie fast noch so wie in all den Filmen. 19 der 25 größten Hotels der Welt stehen hier, 200.000 einarmige Banditen, 40 Millionen Touristen im Jahr und zu den besten Zeiten elf Millarden Dollar an Casino- Umsätzen. Es ist die amerikanischste aller US-Städte: größer, breiter, weiter, eine perfekte Illusion, ein harter Aufprall.

Im Epizentrum der Rezession.

Willkommen in Las Vegas. Dem Epizentrum der Rezession, dem Sinnbild für Amerikas Abstieg. Wo nichts mehr so ist, wie es einmal war. Weder oben, noch unten.

Gleich gegenüber des berühmten Neonschildes haben wir deren Eingeweide betreten. Ein Geflecht von Tunneln und Kanälen, 360 Kilometer lang. Errichtet als Schutz vor Fluten, wenn es doch einmal regnet, damit die Fundamente der Casinos nicht unterspült werden. Jetzt, wo der Stadt das Wasser bis zum Halse steht, sollen Hunderte hier hausen. Wir stapfen durch die Dunkelheit, stolpern über Spritzen am Boden, sehen im Kegel der Taschenlampe eine Ratte davonhuschen. Es stinkt nach Fäkalien und Fäulnis. Wie kaputt ist dieses Land, dass es Menschen zum Leben hier hinunter zwingt?

„Anything goes“, lautete oben die Devise. Die Stadt wuchs ins Unermessliche, verdoppelte in einem Jahrzehnt die Zahl ihrer Einwohner auf zwei Millionen. Wer sein Glück suchte, kam hierher. Las Vegas selbst schien der Jackpot. Noch mehr Hotels, noch mehr Betten, noch höhere Grundstückspreise, noch höherer Gewinn.

Hier ein zweiter Eiffelturm, dort ein neues Venedig und dazwischen ein paar Elvis-Imitatoren. Kitsch zur Potenz, befördert von niedrigen Zinsen und Milliarden von der Wallstreet. Das billige Geld bescherte Amerika einen nie da gewesenen Boom. Selbst um fünf in der Früh wälzten sich noch Massen über den Strip.

Amerikaner, froh auf der Straße Bier trinken zu dürfen, im Casino rauchen zu können und einen Blick auf ein barbusiges Mädchen am Pool oder in der Strip-Bar zu ergattern. Das war „Sin City“, die Stadt der Sünde, wie man sie kennt.

Skelette im Wüstensand

Dave Berns, Journalist bei der „Vegas Sun“, erinnert sich gern an diese Zeiten des Exzesses, des Größenwahns. Nun zeigt er auf halbfertige Hotels, Stahlskelette im Wüstensand.

Das Fountainebleau etwa, 68 Stöcke hoch, 4.000 Zimmer, bis den Bauherren das Geld ausging. „Jetzt steht es hier, unvollendet. 2,9 Milliarden Dollar, einfach in den Sand gesetzt“, stellt Berns bitter fest, „so sieht es wohl aus, wenn eine Blase platzt.“ Hotels, die nie aufsperrten, Tagungen, die nie stattfanden, Touristen, die ausblieben und Spieler, die sparsam geworden sind – die Lasterstadt ist abgebrannt und mit ihr das halbe Land: die Zahl der Armen hat sich seit der Beginn der Krise verdoppelt, Häuser sind nur noch die Hälfte wert, Räumungsklagen legen ganze Vorstädte dunkel und erstmals in der US-Geschichte besitzen die Banken mehr Immobilien als alle Amerikaner zusammen.

„Wer ist dort? Was wollt ihr?“ Im Schein der Taschenlampe taucht die Silhouette eines Mannes im Tunnel auf. Wir stehen quasi mitten in seiner Wohnung, sehen die dünne gelbe Schaumstoffmatte, auf der er schläft und die wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben sind. Er stellt sich als John vor, bietet an, Platz zu nehmen, hier in seinem neuen Zuhause. „Ich bin kein Junkie, kein Gambler, kein Trinker“, sagt er gleich zu Beginn, wohl um jeden Verdacht abzuwenden, „und trotzdem würden mich meine Kinder kaum noch erkennen.“

Als er sein Leben schildert, klingt das wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum: Barbesitzer, Geschäftseigentümer, aus dem Nichts zum Millionär und retour. „Ich habe viel Geld an der Börse verloren. Geglaubt, es würde immer weiter bergauf gehen.“ Zuletzt half er in einem Casino aus, kam irgendwie über die Runden und konnte die 600 Dollar Miete für sein Appartment bezahlen.

„Aber Amerika geht vor die Hunde, die Mittelschicht ist tot, die Leute haben kein Geld mehr und Vegas trifft das am härtesten.“ John verlor den Job, die Casinos setzten Heerscharen an Angestellten vor die Tür – und so blieb nur der Tunnel unter dem Strip als Zuflucht.

,Da läuft etwas gehörig falsch‘

Vegas, die Stadt, die Träume schafft und zerstört, ist aufgewacht im eigenen Alptraum. An den Kreuzungen tauchen plötzlich Menschen wie Paul auf: 60 Jahre alt, einst Flugzeugmechaniker, dann entlassen und so wie sein Land Stück für Stück abgestürzt. Er hat ein Schild um den Leib gebunden. Bremsenreparatur für 99 Dollar bei der Werkstatt nebenan. „Jeden Tag, acht Stunden lang, stehe ich hier. Verdiene so 20 Dollar. Dazu Essensmarken vom Staat und das ist es.“ Menschen mit Schildern um den Leib – Bilder, wie aus den 30er-Jahren, der Zeit der großen Depression. „Da läuft etwas gehörig falsch“, sagt Kanie Kastroll, Gewerkschaftschefin der Casino-Croupiers. Sie sitzt im „Luxor“, dem Pyramiden- Hotel: hinter ihr Blackjack- Tische, an denen gerade einmal ein einsamer Spieler gegen die Bank zockt.

Prämien und Prügel

Kastroll schildert wie der Casino- Kapitalismus die Casino-Kapitale in den Abgrund gerissen hat: „Aus echten Vollzeitjobs wurden schlechte McJobs – ohne Krankenversicherung, ohne Sozialleistungen. Bloß noch Mindestlohn: 7,5 Dollar die Stunde unter Verzicht auf die Trinkgelder.“

Kastroll redet sich in Rage, klagt die Gier der Banken und Konzerne an, die nun die meisten Casinos besitzen: „Deren Chefs zahlen sich selbst jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch fette Prämien aus, reden von Margen, Optimierungen und all dem Zeug, das keiner mehr hören kann.“

Am nächsten Tag wird Las Vegas zu New York. Es sind Tausende, die mit Trillerpfeifen ausgestattet, den Strip belagern. Casino-Angestellte, Entlassene, Empörte – „Wir sind die 99 Prozent“, skandieren sie. Die Wut über ein aus den Fugen geratenes System, in dem das reichste Prozent der Amerikaner 37 Prozent des Vermögens besitzt, quillt über. „Wenn die Menschen ahnen würden, was in den Banken wirklich abgeht, gäbe es Prügel für deren Bosse“, sagt einer, der ganz vorn marschiert: William Wooten, ein hemdsärmeliger Typ, der ausgestiegen ist. Die Liste seiner Ex-Arbeitgeber liest sich wie die Gelben Seiten der Wall Street – Lehman Brothers, Goldman Sachs, JP Morgan. „Die Maximierung des eigenen Vorteils ist dort zur einzigen Triebfeder des Handelns verkommen. Keiner wird dieser alles kontrollierenden Kaste noch Herr – am Ende fließt entweder Blut oder ein Großteil Amerikas verarmt völlig.“

Eine düstere Prognose, die tief unter dem Caesars Palace schon eingetreten ist. Oben servieren leicht beschürzte Kellnerinnen den betuchten Spielern, die im Helikopter aus L.A. einflogen, teure Drinks. Unten bereiten sich Ned und seine Frau Michelle auf die Arbeit vor.

,Silver Mining‘ am Strip

Hinter ihrer Matraze steht der Koffer, so als ob sie bloß auf der Durchreise wären, abgestiegen in einem billigen Motel. Ihre Herberge ist stickig und heiß. Läuft Gefahr überschwemmt zu werden, sobald es regnet. Zu ihren Nachbarn zählen Dealer und Junkies. Ausgespuckte der amerikanischen Gesellschaft – und sie gehören dazu. „Zwei Jahre sind wir in Vegas“, erzählt Ned, „damals noch mit Geld in der Tasche und Plänen für die Zukunft.“

Der Absturz kam mit den Raten, die sie nicht mehr begleichen konnten und den Schulden, die folgten: „Bei euch in Europa dauert es vielleicht länger, bis man hier unten landet, aber in Vegas….“ Sie müssen los zum „Silver Mining“: der verzweifelten Suche nach liegen gelassenen Kreditkarten und vergessenen Münzen in den Automaten am Strip – Krümel für die, die ganz unten angelangt sind. Gebückt kriechen sie zum Ausgang des Tunnels. Die Sonne blendet. Das Licht ist ihnen fremd geworden.

Erschienen in NEWS 43/2011

Plus: Das Video aus Vegas