Der große Gas-Poker

OMV unter Zugzwang. Es geht um Macht, Milliarden und Europas Energie von morgen. Wer kriegt das Gas aus Baku? Wir waren dort.

Der Gas-Boss muss laut auflachen: „Das ist eine sehr österreichische Frage“, meint er schließlich und führt dann doch aus, weshalb Aserbaidschan bis heute zögert, sein Gas in die geplante Nabucco-Pipeline zu pumpen. E

lshad Nasirov holt Karten hervor. Mit ihrer Hilfe will der Vizechef des staatlichen aserbaidschanischen Öl- und Gasgiganten Socar erklären, worum es eigentlich geht. Und es sind am Ende immer die Karten, die diese Geschichte erzählen. Ausgebreitet liegen sie da. Hier im Gründerzeitpalais in Baku genauso wie später im modernen Glasturm der OMV hoch über dem Wiener Prater.

Von der Oper in den Kreml.

Es geht um „Nabucco“ – die Idee einer Pipeline. Benannt ist sie nach der Oper von Verdi, die österreichische und türkische Gasmanager in Wien besuchten, nachdem sie zuvor Stunden über den Karten gebrütet hatten. Nabucco, ein Synonym für die Freiheit, ein Superlativ, eine Megapipeline: 3.900 Kilometer lang, voll mit Gas vom Kaspischen Meer, wo einige der gewaltigsten Erdgasfelder der Welt liegen. Sie soll Unabhängigkeit von Russland schaffen, denn wer derzeit noch auf eine dieser Karten blickt, realisiert, wie sehr Europa am Tropf des Kremls hängt. Österreich etwa bezieht fast die Hälfte seiner Gas-Importe aus dem Riesenreich, bei Staaten am Balkan und weiter im Osten steigt der Anteil auf bis zu 100 Prozent.

Zusätzliche Lieferanten müssen her, darüber herrschte in der EU spätestens seit dem Gas-Streit mit der Ukraine 2009 Einigkeit – und so entstand unter Federführung der OMV Nabucco. Der Segen der EU schien ihr sicher, und das Unheil nahm seinen Lauf.

„Ein netter Name reicht nicht“, holt nun Gas-Boss Nasirov aus, „so ein Projekt muss sich finanzieren, so eine Pipeline sich auch füllen, und da haben wir unsere Zweifel.“

Baku im April 2012 – in einem Monat richtet Aserbaidschans Hauptstadt den „Eurovision Song Contest“ aus. Bis dahin bevölkern noch Öl- und Gasmanager aus ganz Europa die Gates am umgebauten Airport.

Der Baku-Boom.

Denn Baku boomt, und jeder will mitnaschen am Aufschwung des Ex-Sowjetstaates. Österreich, das sonst an seiner Außenpolitik an allen Ecken spart, eröffnete hier vor zwei Jahren eine neue Botschaft.

Seither geben sich heimische Manager die Türklinke in die Hand. Die Strabag baute das neue Marriott-Hotel, Coop Himmel( b)lau planten die Nationalbank, und Doppelmayr werkt an Skiliften für den Kaukasus.

Straßen aus Gold.

Und dann all das Öl und Gas, welches dem Land schon seinen ersten großen Boom bescherte. Um 1900 kam die Hälfte des weltweit geförderten Schwarzen Goldes aus Aserbaidschan, und bis heute zeugen die prächtigen Villen in Bakus Zentrum vom Reichtum dieser Tage. „Wären die Bolschewiken nicht über uns hergefallen und wir nicht für Jahrzehnte im Moloch der Sowjetunion verschwunden, könnten wir heute auf Straßen spazieren, die mit reinem Gold gepflastert sind“, sagt Gas-Boss Nasirov, der NEWS zum Exklusivinterview in die Socar- Firmenzentrale gebeten hat. Im ehemaligen Kinderzimmer eines Ölmagnaten der Jahrhundertwende hat er sich sein Büro mit Blick auf den Yachthafen eingerichtet. Auf der anderen Seite werken Kräne an drei gen Himmel züngelnden Wolkenkratzern – den 190 Meter hohen Flammentürmen.

Über 1,3 Billionen Kubikmeter Gas verfügt Aserbaidschan gesichert – das ist mehr als das Doppelte dessen, was ganz Europa in einem Jahr verbraucht. Und wahrscheinlich sind die Reserven im Kaspischen Meer noch weitaus größer.

Am Pokertisch.

„Doch wir standen lange vor einem Problem“, erläutert Nasirov, „wie bringen wir das Gas nach Europa? Unsere Pipelines verliefen nur in Richtung Russland. Deren Gigant Gazprom ist nicht dumm und drückte den Preis, da wir auf ihn angewiesen waren.“ Das sollte sich ändern.

Zuerst baute die Socar eine Pipeline über Georgien in die Türkei, und nun entscheidet ein von BP und der norwegischen Statoil dominiertes Konsortium, wer das Gas aus dem gigantischen Shah-Deniz-II-Feld, welches 2017 in Betrieb geht, gen Westen pumpen darf.

„Von den Nabucco-Herren bekamen wir zu hören, dass sie zwar unser Gas gern hätten, aber auch jenes aus Turkmenistan, vielleicht dem Irak oder gar dem Iran. Wir sagten: Gut,zehn Milliarden Kubikmeter liefern wir – um den Rest kümmert ihr euch. Doch bis heute gibt es keinen Rest“, sagt Gas- Boss Nasirov und zeigt auf eine geplante Pipeline durchs Kaspische Meer nach Turkmenistan, die wegen Grenzstreitigkeiten immer unrealistischer wird.

Stürzt Ungarn Nabucco?

Was folgte, wird nur noch „The Big Game“ genannt – eine Pokerpartie mit Milliardeneinsätzen, welche darüber entscheidet, wer welche Pipeline baut, welches Land Milliarden scheffelt und geostrategisch ins Zentrum rückt. Hinter den Karten verbirgt sich die große Politik – ein Ränkespiel um Macht, Einfluss und Europas (Un-)Abhängigkeit von Russland.

Denn während Nabucco noch vergeblich versuchte, seine 31-Milliarden-Kubikmeter- Rohre zu füllen, verabredete Socar mit den Türken im Stillen den Bau einer trans-anatolischen Pipeline (TANAP) bis vor die Tore der EU. Für die OMV klang das nicht schlecht, da sie sich auf einen weit günstigeren Nabucco-West-Arm beschränken könnte, der an die türkische Pipeline andockt. Nun aber bringt der diesen Dienstag angekündigte Ausstieg der ungarischen MOL aus Nabucco auch diesen West-Ast ins Wackeln.

Für die EU als Ganzes hingegen wäre schon die Aufgabe des ursprünglichen Nabucco- Plans ein Desaster. Denn das billige Gas aus Turkmenistan und darüber hinaus rückt so in weite Ferne, die Abhängigkeit von Russland mindert sich kaum. Hinzu kommt, dass Baku und Ankara allein den Transit kontrollieren würden, was deren Verhandlungsmacht gegenüber Brüssel erhöht. „Wer mit Pipelines auch Politik machen will, muss bereit sein, für sie am Ende auch zu bezahlen“, hielt das Magazin „Forbes“ in einer scharfen Kritik an der EU-Energiepolitik kürzlich fest.

Gas-Boss Nasirov rollt die Karten zusammen, sagt, „noch ist nicht alles entschieden“, die OMV sei „immer noch im Rennen“ um den West-Ast und damit „quasi im Halbfinale“ gegen andere in der Zwischenzeit aufgekommene Pipelineprojekte.

Sein Gegenüber in Wien, OMV-Boss Gerhard Roiss, weiß das und setzt auf Nabuccos Ausgereiftheit und Österreichs Rolle als Gas-Umschlagplatz. Denn wer auch immer die Pipeline baut, die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Baumgarten an der March mündet, ist hoch.

Dazu die Videoreportage aus Baku

Erschienen in NEWS 17/2012