Songcontest in der Gas-Diktatur

TRASH TRIFFT CASH. Nizza? Nein, Baku. Der Songcontest in einem Land zwischen Boom und Kerker. Wir waren dort und trafen Vermögende, Verfolgte und Verprügelte.

Anflug auf Aserbaidschan. Die Maschine kreist über Ölfeldern und Gasbohrtürmen mitten im Kaspischen Meer. Im exquisiten Bordmagazin, voll mit Anzeigen von Gucci und Dior, preist die Chefredakteurin Baku als „place to be“ an. Es ist Leyla Aliyeva, die Tochter des Präsidenten. Im Society-Teil taucht sie erneut auf: im kurzen Kleidchen an der Seite von Stars wie Bryan Ferry im Nachtleben der Hauptstadt.

Baku? Noch nie gehört.

Baku also. Die AUA fliegt viermal pro Woche von Wien hierher. Doch warum? Würde hier nicht nächste Woche der Song Contest ausgetragen, wer käme schon? Selbst Weitgereiste haben Schwierigkeiten, das liberal- muslimische Aserbaidschan überhaupt auf der Landkarte zu finden. Irgendwo im schmutzigen Hinterhof der Sowjetunion eben, oder? Die Zweimillionenstadt schien bislang bloß Öl- und Gasmanagern ein Begriff zu sein, die meist mit lukrativen Deals vom Kaspischen Meer zurückkamen. Aber sonst? Ein verborgen gebliebener Ort. Umso spannender.

Der Airport ist nach Heydar Aliyev benannt – dem Vater des jetzigen Präsidenten. Sein Sohn Ilham lässt sich seit einer Verfassungsänderung unbegrenzt wiederwählen. Die Fahrt ins Zentrum gleicht einem Trip nach Dubai vor dem Absturz: Baustellen, soweit das Auge reicht. Hochhäuser, die in den Himmel wachsen. Stararchitekten, die sich selbst verwirklichen. Werbebanner, die sich gegenseitig erschlagen. Der Gedanke, es käme neuerdings viel frisches Geld ins Land, wirkt nicht ganz abwegig.

Die staatliche Öl- und Gasgesellschaft plant gerade den höchsten Wolkenkratzer der Welt. Mit 1.050 Metern soll er den derzeitigen Spitzenreiter in Dubai um 222 Meter übertreffen. Das Öl gibt Auftrieb, wenngleich es nur noch bis ins Jahr 2030 reicht. Doch schon schafft Gas neue Träume. Österreich ließe sich mit den Vorräten aus Aserbaidschan 550 Jahre lang vollständig versorgen.

120 Millionen Zuschauer.

Und jetzt der Song Contest – bei uns lange als „Trash-Event“ gesehen, in vielen Teilen Europas aber eine Veranstaltung mit Kultstatus, die voriges Jahr 120 Millionen Menschen weltweit vor den Fernsehern verfolgten. „Das ist ein Präsentierteller, eine Möglichkeit, die Welt auf uns aufmerksam zu machen“, sagt Kamran Agasi euphorisiert. Er führt das Organisationskomitee, machte früher für Gas PR und soll jetzt Baku vermarkten.

Er posiert vor einer Wand, an der Fotos aller Song-Contest- Gewinner hängen. Weit hinten Udo Jürgens, ganz vorne die deutsche Lena. Die sang 2011 in einer Multifunktionshalle in Düsseldorf. Baku lässt sich da weniger lumpen, setzte für 100 Millionen Euro die „Crystal Hall“ samt eigenem Autobahnanschluss direkt ans Meer. Sponsor des prestigeträchtigen Baus? Die Stiftung des Präsidenten- Papas.

„Aber dort habt ihr nichts verloren“, meint Werbetrommler Agasi nun, „die Halle ist noch nicht fertig, die Gegend besonders für Journalisten weiträumig abgesperrt.“ Eine Warnung, die wir als Aufforderung verstehen.

Der Wind weht, wie meist hier. Baku macht seinem Namen als „die vom Wind Gepeitschte“ alle Ehre. Vor den Trümmern, die einmal ein Haus waren, wartet Arzu mit ihrer kleinen Tochter an der Hand. Sie erzählt die Geschichte, derentwegen Journalisten bei der Song-Contest-Stätte nicht gern gesehen sind. Und die beginnt mit einem unschönen Wort: „Delogierung“ – „auf staatliche Anordnung hin“. Arzu wollte ihre Wohnung unweit der „Crystal Hall“ nicht aufgeben: „Die Immobilienpreise sind verrückt, und mit der mickrigen Abfindung, die sie uns boten, lässt sich nur etwas viel Kleineres finden.“ Doch wer die Stätte späterer Inszenierung nicht freiwillig räumte, dem wird Druck gemacht.

Arzu und die Abrissbirne.

„Müll in den Häusern, damit die Ratten kommen. Eine Abrissbirne, die ‚versehentlich‘ das Dach abrasiert. Und Drohungen. Immer wieder Drohungen. All das ist passiert, seit der Song Contest bei uns angeklopft hat und unser Präsident Baku schick macht für die Welt.“ Wie Arzu erging es Hunderten, die dem Großreinemachen zum Opfer fielen. Und das in einem der korruptesten Länder der Welt, wo die Machtelite alle Mittel in der Hand hält und sich auf den Trümmern eines heruntergekommenen Sowjetstaates ein kleines Paradies schafft.

Die Altstadt, UNESCO-geschützt und eine Oase der Ruhe, ist schon perfekt renoviert. Die Fußgängerzone, abends ausgestrahlt und in honigfarbenes Licht getaucht, ebenso. Dazu ein unaufhörlicher Schwall von Luxuslimousinen, die die Uferpromenade auf- und abcruisen. Bars, Nobelrestaurants, Clubs.

Wer bloß im Zentrum verweilt, glaubt sich nach einiger Zeit in Nizza, in Paris, in Dubai – wären da nicht diese diktatorischen Schatten. Die Massen an Miliz, die an jeder Ecke mit baumelndem Schlagstock lungern. Der omnipräsente Präsidentenpapa, dem, in Marmor gemeißelt und auf Plakatwände gebannt, kaum zu entkommen ist.

Wir treffen einen Aufwiegler. Einen, der nicht so ganz ins Bild des Boom-Staates passen will. „Willkommen in der Diktatur“, begrüßt uns Rasul Jafarov: 28 Jahre alt, Anwalt, Anzug, amerikanisches Englisch. „Keine freien Wahlen. Kein einziger Oppositioneller im Parlament. Bei der Pressefreiheit hinter Afghanistan und dem Irak auf Platz 152. Dazu 136 gefolterte Menschen allein im vorigen Jahr, und das alles durch internationale Statistiken belegt – braucht ihr noch mehr?“

Ja, Rasul, zeig es uns! Fünfmal wurde der Menschenrechtsaktivist schon von der Polizei verhaftet, verhört, geschlagen. Jetzt glaubt er trotzdem, die Gunst der Stunde nützen zu müssen: „Aserbaidschan war doch jedem egal. Mit dem Song Contest haben wir die Aufmerksamkeit, um dieses Regime an den Pranger zu stellen. Ich tue es für meine Heimat, die nicht ewig korrupten Politmafia-Clans gehören soll.“

Rasul führt uns zur Opposition. Männern, die im Untergrund leben. Denen erst jetzt, nach sieben langen Jahren, eine erste Demonstration erlaubt wurde, die nicht sofort von der Polizei niedergeprügelt wird.

Es geht an den Rand von Baku. Dort, wo nichts mehr glänzt, Öl gefördert wird und Menschen gleich daneben in Baracken hausen. Hier dürfen sie demonstrieren. Ihre Wut rausschreien. Am besten direkt in die Kameras des Geheimdienstes, der am Rand mitfilmt.

Ali Karimli führt die Opposition an – ohne Büro und Pass: „Der wurde mir abgenommen, als ich aus Straßburg zurückkam, wo ich vor dem EU-Parlament die Zustände hier anprangerte“, erzählt er und rät trotz aller Drangsalierungen vom Song-Contest-Boykott ab: „Die Leute sollen herkommen und sich nicht blenden lassen.“ Rasul nickt, wirkt enttäuscht, weil zur Demo nur ein paar Tausend kamen: „Die Angst ist noch zu groß. Sie zu lösen dauert.“

Dabei gibt es genügend Mutige, die sie überwunden haben. Es sind jene, die nichts mehr zu verlieren haben. Deren Angehörige im Gefängnis sitzen. Opfer wurden von Anschuldigungen, die sich bei genauerer Betrachtung als fadenscheinig herausstellen. Die Dadaschbeylis sind so eine Familie – Mutter, Ehefrau, Kinder. „Unser Said bekam 13 Jahre. Einen Staatsstreich soll er geplant haben. Die Beweise fälschten sie, die Verhandlung lief im Geheimen ab, und wir alle verloren seither unsere Jobs“, klagen sie und schildern über Stunden, wieso kein Detail der Anklage zum anderen passte.

Spricht der Diktator?

Material genug, um Ilham Aliyev, den Präsidenten, damit zu konfrontieren. Seine Kanzlei sichert NEWS ein Interview zu. Aliyev huscht derweil mit seiner Frau, die im ersten Moment wie seine Tochter wirkt, über den TV-Schirm. Auf Staatsbesuch im Ausland. Aber E-Mail-Fragen: gerne. Als seine Kanzlei diese zu sehen kriegt, herrscht Irritation. „Nein, so etwas wird der Präsident nicht beantworten.“

Aber vielleicht ist das alles zu schwarzmalerisch. Vielleicht haben jene Ausländer Recht, die untertags auf den Ölplattformen formidabel verdienen, abends in den unzähligen Bars beim Bier hocken und zu fortgeschrittener Stunde angeheitert meinen: So sei das eben, wenn ein Staat sich modernisiert. „Der Westen soll jetzt nicht, weil gerade Song Contest ist, heuchlerisch Korruption und Menschenrechte anprangern und danach, kaum dass die Kameras abgedreht sind, wieder nach dem Öl und dem Gas hier gieren.“

Erschienen in NEWS 20/2012

Hier geht’s zum Video aus Baku