Mission Libyen

Draußen hagelt es Kugeln, drinnen operieren österreichische Ärzte. Wir begleiteten heimische Helfer bei ihrem gefährlichsten Einsatz.

Öl, Geld, Waffen und ein Machtvakuum. Wie Libyen nach Gaddafi ins Chaos schlittert. Ein Report über Helden, Haudegen und Halunken.

Ein Krankenhaus im Krieg. Draußen detonieren Bomben. Geschosse jagen durch die Luft. Der Strom ist längst weg. Vom Feind einfach gekappt. Und überall liegen Menschen.

In deren Körpern klaffen riesige Wunden. Es ist stickig. Heiß. Nichts funktioniert. „Wir haben mit Taschenlampen operiert. Die OP-Schwester leuchtete und ich schnitt. Ein Dritter hat dann das Blut mit dem Schlauch aus dem OP gespült.“ Das schildert Doktor Vadim. Ein Moldawier, der in jenen August-Tagen des vergangenen Jahres hier in Garian die Stellung hielt.

„Ihr seid ja verrückt“

Garian – ein Städtchen in den Bergen, 90 Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis. Im August 2011 eroberten es die Rebellen. Im Mai 2012 ziehen österreichische Ärzte in jener Unterkunft ein, wo zuletzt Gaddafis Kämpfer schliefen. 16 Mediziner, die in Linz- Hörsching eine Hercules des österreichischen Bundesheeres bestiegen, um für zwei Wochen zu helfen. Die von Freunden noch gefragt wurden, ob sie „denn verrückt sind“, sich so etwas anzutun. Und die dann, beim Blick auf zerfetzte Scheiben, zerschossene Häuser und zerbombte Panzer, wohl selbst ins Zweifeln geraten, ob der Ausbruch aus dem Alltag ihrer Heimatspitäler so eine gute Idee war.

Im Hotel hören sie, es sei erst zwei Tage her, dass die letzte Bombe am Eingang detoniert ist. Im Spital teilt ihnen der Direktor mit, dass Schusswunden immer noch zu den häufigsten Verletzungen hier zählen. Und auf den Beifahrersitzen der meisten Pick-Ups, die ihnen entgegenkommen, sehen sie Kalaschnikows liegen. Willkommen in Libyen, acht Monate nachdem Gaddafi starb.

Ein Krankenhaus im Frieden. Doktor Vadim, der Moldawier, ist immer noch da. Er zeigt seine Hand. Sie ist halb taub: „Meine persönliche Erinnerung an den Krieg“, wie der Mediziner mit dem Stiernacken bitter preisgibt. Viele der ukrainischen Krankenschwestern, die Gaddafi über Jahre mit guten Gehältern in seinen Wüstenstaat lockte, sind hingegen nach den Kriegswirren nicht mehr zurückgekehrt. Das Gesundheitssystem des Landes liegt demnach genauso am Boden wie die Hoffnung, bloß Gaddafis Sturz würde bereits eine Besserung in allen Lebensbereichen bringen.

Frau, Mann, Schleier…

Ein erster Rundgang, eine erste Ambulanz, die abgehalten wird: ein erster Eindruck, der hängenbleibt: „Teilweise haben sie moderne Instrumente, auf die sie nicht eingeschult sind. Teilweise aber auch Material, das bei uns vor einem Vierteljahrhundert ausrangiert wurde“, sagt Christine Ecker vom Arbeitersamariterbund. Sie ist die einzige Frau in der Runde und eine entsprechende Sensation in der libyschen Bergwelt.

Untertags ist nur sie unverschleiert. Abends gleich die letzte verbliebene weibliche Gestalt der ganzen Stadt. Doch gerade Frauen sind es, die nun in den Gängen des Spitals Schlange stehen. Österreichische Ärzte, Chirurgen, Orthopäden, Physiotherapeuten und Psychologen – so viel geballter Fachkompetenz wird man hier sonst nie ansichtig.

Neue Ansichten bieten sich auch Roland Frank. Der Unfallchirurg aus dem UKH der AUVA in Wien-Meidling kann nach der ersten Ambulanz seinen Augen kaum trauen: „Röntgenbilder haben Knochenfehlstellungen gezeigt, die ich so nur aus dem Lehrbuch kenne. Das sind teils unbehandelt gebliebene Kriegsverletzungen oder auch ganz einfach Pfusch, der falsch verheilt ist.“

Entsprechender Hochbetrieb herrscht bald im Röntgenraum und danach im OP.Da ist Mohammed, der Bub, dem sie den Gewehrkolben mit voller Wucht auf die Schulter donnerten. Ein Unfall? Absicht? Rache? Keiner weiß Genaues und er selbst schweigt. Sein gebrochenes Schlüsselbein wird nun offen eingerichtet und mit einer Platte samt Schrauben stabilisiert. Geschähe es nicht, bliebe seine Bewegung eingeschränkt. Ebenso wie Omar, 24 Jahre alt, sein Leben noch vor sich, den Krieg bereits hinter sich. Geschosse stecken in seiner Ferse. Acht Monate lang schon. Kein Arzt hier traute sich, ihm die Schrapnelle zu entfernen. Entsprechend froh ist er, dass die Ärzte aus dem Ausland Hand anlegen. Und doch stimmt irgendwas nicht, als er aus der Narkose aufwacht…

Blut, überall ist Blut.

Nein, es ist nicht das Blut, das er verliert, als er auf dem Gang umherhumpelt. Es sind auch nicht die Kompressen, die Doktor Frank fehlen, als er ihn auf dem Bett verarztet. Selbst die Schwester, die nicht auftaucht, um ihm zu assistieren, ist nicht der Grund der Sorge. Es ist Omar selbst, um den man sich sorgen muss. Nicht bloß der eine Omar, der nun hier mit Verband im Spitalsbett von Garian liegt. Sondern die abertausenden Omars, Alis und Mohammeds.

Junge Männer, die vor einem Jahr von der Sony Playstation weg direkt in den Krieg zogen. Keine Ahnung hatten, was sie dort erwarten würde. Sich nicht vorstellen konnten, diesen Gaddafi, den einzigen Führer, den sie Zeit ihres Lebens kannten, tatsächlich vom Thron zu stürzen. Ihn, der sich selbst „König der Könige“ nennen und als „Revolutionsführer“ huldigen ließ. Vier Jahrzehnte lang. Der in Saus und Braus lebte, seinen Söhnen Luxusresidenzen baute und sich selbst geschätzte 150 Milliarden Dollar für die Privatschatulle abzweigte. Ihn stürzten sie mit all ihrer Wut, die sie zuerst auf die Straße und später in den Schützengraben getrieben hat.

30.000 Menschen starben in einem Krieg, der ohne die Unterstützung der NATO wohl nicht gewonnen worden wäre, 70.000 blieben verwundet zurück. Und nun stehen sie da, die Omars, Alis, Mohammeds, zeigen auf ihren Handys Videos direkt aus dem Krieg: Explosionen, Sperrfeuer, Leidende, Sterbende, Leichen. Sie zeigen die Videos wie ihre persönlichen Trophäen, wie das High- Score bei einem Handy-Spiel,wie die Bestätigung, den Beleg ihres Daseins, ihres Mutes, ihres Sieges. Und nun? Was wird daraus? Aus all diesen Männern?

Wir machen uns auf den Weg nach Bengasi. 1.000 Kilometer östlich von Tripolis. Die zweitgrößte Stadt Libyens, in der im vergangenen Februar alles begann. Es geht vorbei an unzähligen Checkpoints, an denen martialisch wirkende Typen in Rambo-Pose lungern.

Mad Max – die Fortsetzung.

Männer, die weiter unter Waffen stehen. Geschätzte 130.000 Milizionäre, die nicht im Traum daran denken, sich ihrer Kalaschnikow zu entledigen. Warum auch? Einst, als Gaddafi noch herrschte, hatten sie ihren Stammesältesten zu gehorchen. Nun hat das Gesetz des Stärkeren diese Hierarchie außer Kraft gesetzt. Und das in einem Land, in dem es genug zu holen gibt: Öl, Gas, Macht und Einfluss – und keiner, der weiß, wer das Sagen hat.

In einer weißen Villa am Meer tagt gerade der Übergangsrat: Libyens provisorische Regierung bis zu den den Wahlen am 18. Juni. Es sind meist Männer aus dem Exil, die nach Gaddafis Sturz zurückkehrten, um die Geschicke ihres Landes zu steuern. Mohammed al-Harizi ist ihr Sprecher.

Ein schmächtiger Mann, der NEWS an seiner Mad-Max- Leibgarde vorbei zum Interview schleust. „Ja, die Waffen sind ein Problem“, gibt er dann zu, „aber noch viel mehr Sorgen machen uns die unerfüllten Erwartungen der jungen Männer, die tatsächlich dachten, nach dem Sturz Gaddafis würden sofort Milch und Honig fließen.“

Der Blick aus dem Fenster zeugt vom Gegenteil. Und die Schüsse, die jeden Abend fallen, bestätigen, dass manch junger Mann nun selbst mit seiner Waffe für Milch und Honig sorgt. Der Übergangsrat und wohl auch die Folgeregierung stehen dem machtlos gegenüber. Alte Unterschiede, die von Gaddafi brutalst übertüncht wurden, brechen erneut auf.

Die Cyrenaika, also die ölreiche Region um Bengasi, hat sich schon für weitgehend autonom erklärt. Und das angedachte Verbot islamistischer Parteien bei den Wahlen wurde nach Massenprotesten eilig zurückgenommen. „Libyen steuert auf eine instabile Phase zu, was nach 40 Jahren Gaddafi auch nicht wirklich überrascht“, sagt Fritz Edlinger, Generalsekretär der „Österrreichisch-Arabischen Gesellschaft“, die den Hilfseinsatz der Ärzte organisierte: „Das Land wird nicht zerbrechen, aber droht in regionale Fürstentümer mit jeweils starken Führern zu zerfallen“, prognostiziert Edlinger, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Region beschäftigt.

Und trotzdem schickt er heimische Ärzte samt 17 Tonnen an Hilfsgütern hierher? „Nicht trotzdem, sondern gerade weil der Staat schwach ist, viele Gelder eingefroren bleiben und die Wirren allgegenwärtig, brauchen die Menschen unsere Unterstützung.“

Die Gangs von Bengasi.

Im Pickup geht es nun durch die Stadt, die noch weit weniger mondän wirkt als das auch nicht gerade ansehnliche Tripolis. Am Steuer sitzt Clemens Reiter, Sicherheitschef des österreichischen Zementherstellers Asamer. Als einer der letzten Ausländer verließ er einst Bengasi, als einer der ersten kehrte er nun zurück: „ Wir beschäftigen 2.400 Menschen im Land. Der Neustart mag steinig sein, aber wir sind gewillt, im Land zu bleiben und die Produktion auf Vor-Revolutionslevel zurückzuführen.“ Sorgen bereitet ihm und den anderen Ausländern die gestiegene Kriminalität.

„Viele Milizen sind längst nichts anderes als kriminelle Banden, die etwa Alkohol ins sonst trockene Libyen schmuggeln und die Flasche Wodka auf dem Schwarzmarkt für 100 Euro verkaufen“, erklärt ein anderer Ausländer, der selbst nur mit bewaffneter Leibgarde ausfährt. Schießereien, Überfälle – selbst auf das Krankenhaus, in dem die Österreicher noch Tage zuvor in Bengasi operierten – sind zum Alltag geworden und ein Ausweg aus der Gewaltspirale ist nicht in Sicht.

Letztlich muss den Omars, Alis und Mohammeds klar gemacht werden, dass der Krieg vorbei ist, Gaddafi im Jenseits weilt und es an ihnen liegt, ihr Libyen in die Zukunft zu steuern – und das ohne Flinte in der Hand und Schaum vorm Mund.

Erschienen in NEWS 21/2012

Hier geht’s zum Video aus Libyen

Plus: Der Mann, der Gaddafis Sohn sterben sah