Gangs of London

Die dunkle Seite der Olympia-Stadt: 260 Gangs, Drogen, Gewalt und 140 tote Teenager. NEWS abseits des Glitzers, in der Unterwelt der Banden.

Wenn jetzt die Polizei das Haus stürmt, ist es vorbei. Auf dem Tisch liegt reinstes Crack. Eingewickelt in Zeitungspapier. Darauf wartend, abgepackt und portioniert auf die Straße gebracht zu werden. Nicht bloß ein paar Gramm, sondern ein riesiger Brocken. Daneben ein dickes Bündel britischer Pfund-Scheine. Der Besitzer: eingeraucht, zugedröhnt, weggetreten.

Wir sind in Stratford, tief in Londons Osten, fern von Buckingham Palace und Big Ben. Vom Glitzern, vom Glänzen, von dem, was man von London kennt, der Welt der Hochfinanz und des Adels, trennen uns ein paar U-Bahnkilometer und ganze Welten. Wir sind dort, wo die Queen am kommenden Freitag die Olympischen Spiel eröffnen wird. Bloß ein paar Blocks hinter dem neuen Stadium – und doch mitten im „Gangland“, tief drin in den Abgründen der britischen Gesellschaft.

„Das kannst du vergessen“, sagt Simon Wheatley, der Fotograf: „Ein paar Tage London reichen nicht aus, um auch nur in die Nähe der Gangs zu kommen.“ Mit seiner Kamera folgt er ihnen seit Jahren, dokumentiert ein Leben zwischen Armut, Drogen und roher Gewalt. Vergangenen Sommer, als die Aufstände in London ausbrachen, Häuser lichterloh brannten und marodierende Massen plündernd durch die Straßen zogen, blickte die Welt kurz auf. Sah mehr Bronx als Britannien, war überrascht, geschockt und doch froh, als es der Polizei nach etlichen Tagen gelungen war, den Spuk zu beenden.

Dann folgten die Statistiken, mit ihnen die Erklärungen und bald blieb nur noch ein Wort: Gangs. Jünger, brutaler, härter und mächtiger als je zuvor. Nicht einfach Banden von Jugendlichen, die herumhängen, Zeit totschlagen, sich raufen und wieder versöhnen.

„Das ist Klischee und hat mit dem Leben und Sterben in dieser Stadt nichts zu tun“, sagt Tony Thompson. Er ist der Insider, hat mehrere Bücher über Gangs verfasst. Wir begleiten ihn in Stadtviertel, die kaum ein Tourist je gesehen hat. MDP –

,Money, Drugs, Pussy‘

Sie heißen Hackney, West Ham, Leyton oder eben Stratford. Es sind Siedlungen aus halb verfallenen, geduckten Backsteinbauten und nicht viel besser aussehenden Hochhäusern aus den 60er-Jahren, die sich kilometerweit rund um das Olympia-Gelände ausdehnen. Millionen leben hier – Schwarze, Weiße, Asiaten. Jeder Dritte ist ohne Job, und wer einen hat, verdient nicht einmal die Hälfte des Londoner Durchschnitts.

Die Hauswände sind voller Graffiti und Tony Thompson weiß die Zeichen zu deuten: „ABM“ (All Bout Money)-Territorium, „MCE“ (Money Comes Easy)-Revier und diese Gegend beherrschen wohl die „MDP“ (Money, Drugs, Pussy). Die Gangnamen sind Programm, deren Reviergrenzen fließend und Grund für tägliche Messerstechereien und Schüsse. 260 Banden hat Londons Polizei ausgeforscht und schätzt, dass bis zu 50.000 Jugendliche in deren Reihen aktiv sind, sodass zuletzt 71 Prozent der gemeldeten Gewalttaten in einem Gang- Zusammenhang standen.

Was technisch klingt, fühlt sich an wie im Leben der 15-jährigen Letetia Brown. Der Vater: hat sich aufgehängt. Der eine Bruder: von einer Gang niedergestochen. Der andere Bruder: selbst als Dealer für eine Gang unterwegs gewesen und nach der Beteiligung an einem Rachemord erst einmal eingesperrt. „Ich hasse Gangs“, sagt Letetia und berichtet davon, dass ihre halbe Klasse dabei ist.

„Wer nicht einsteigt, wird fertiggemacht, verprügelt, rausgedrängt.“ Und wer drinnen ist, kann seine Gegend kaum noch verlassen: „Die Gangs teilen sich nach Postleitzahlen auf. Wer in einen anderen Bezirk fährt und von einer dortigen Gang erwischt wird, ist dran.“ Und so kommt es, dass der Bewegungsradius vieler Jugendlicher in der Millionenstadt London in Wahrheit der eines Dorfes ist. Ein paar Straßen, ein paar Blocks, ein paar hundert Meter Sicherheit. Wer‘s nicht glaubt, findet im Internet die Bilder von 140 ermordeten Jugendlichen seit 2005, die zur falschen Zeit im falschen Bezirk waren.

Mord vor den Olympia-Toren.

Der letzte Mord liegt erst Tage zurück. Er geschah in Stratford. Mitten im neu errichteten Rieseneinkaufszentrum, das als Pforte zu den Spielen dienen soll. Niedergestochen am helllichten Tag, vor den Fassaden der Nobel-Boutiquen, die so gar nicht in diese Gegend passen. Aber was machen 13-Jährige in einer Gang? Letetia wundert sich über die Frage. „Na, Drogen verchecken, was sonst?“

Und die Mädchen? Sie blickt beschämt zu Boden. „Die sind die allerschmutzigsten. Um dazuzugehören machen sie ‚line ups‘ für die Burschen.“ Ein verwirrter Blick. Was soll das sein? „Sie gehen auf die Knie, vor einer langen Reihe von Burschen, na und dann, du weißt schon… manche der Mädls sind erst 12.“ Tony Thompson wird später erklären, dass die sexuelle Verfügbarkeit von Mädchen einer der wichtigsten Gründe ist, warum sich Burschen Gangs anschließen: „Je höher sie in deren Hierarchie aufsteigen, also vom kleinen, minderjährigen Drogenkurier zum Fußsoldaten, der einen Gebietsabschnitt kontrolliert, desto besser wird ihr Ruf in der Gang und desto mehr Mädchen kriegen sie ab.“

Der britische Premier David Cameron sprach einmal von einer „zerbrochenen Gesellschaft, die solche Zustände produziert.“ Kurz danach ließ er Sozialprojekte zusperren und der Polizei die Mittel kürzen – aus Budgetnot, wie er sagte.

Zurück nach Stratford, zu Simon, dem Fotografen, und den Gangs. Er deutet auf ein YouTube-Video. Ein Typ rappt kiffend aus einer Limo: Hass, zuschlagen, zerstören – das ist der Inhalt (s. Video unten). Er nennt sich „Chronik“, seine Augen wirken tot, der Blick bleibt dennoch fesselnd. „Bushido“ und „Sido“, die ach so bösen deutschen Rapper, nehmen sich im Vergleich zu ihm wie Musterschüler aus. „Heftig“, „brutal“, „furchterregend“ lauten die Kommentare unter dem Video. „Ich kenne ihn“, sagt Simon.

Der verdammte Hunger…

Ein Treffen scheitert, ein zweites ebenso. Warten. Nach zwei Tagen der Anruf – „ich lass euch holen.“ Seine Leute durchsuchen uns. Waffen? Ein Messer? Eine Pistole? Ein Baseballschläger? Dann der Auftritt des Riesen. 15 Jahre im „Business“, fünf davon im Gefängnis verbracht. Dort zum Islam konvertiert, aber den „Ganglands“ treu geblieben: „Der Kuchen wird kleiner“, sagt Chronik, „aber mein verdammter Hunger nach einem fetten Stück davon immer größer. Wieso fürchten, dass dich die Polizei für zehn Jahre einsperrt, wenn ich in den nächsten zehn Minuten erschossen werden kann?“ Wir gehen. Das Crack bleibt liegen.

Erschienen in NEWS 29/2012

Dazu: Das Video aus der Welt der Gangs