Kurt Westergaard: „Der Kulturkrieg tobt schon mitten bei uns“

DER MANN HINTER DER MOHAMMED-KARIKATUR. Mordanschläge, Beschimpfungen, ein Leben in Angst. Warum Kurt Westergaard dennoch nichts bereut und vor ,unserem Kapitulieren‘ warnt.

Als der Mann, den Millionen nur tot sehen wollen, die Tür öffnet, steht ein liebenswerter älterer Herr mit einer Kaffeekanne in der Hand vor uns. „Kommt herein“, sagt er, seinen Gehstock in der Hand haltend, „ich bin froh, dass alles geklappt hat.“

Der Weg zu Kurt Westergaard war lang. Er führte über liebliches Land. Durch sich allmählich verfärbende Wälder. Und vorbei an steil abfallenden Meeresküsten. Es ist ein skandinavisches Idyll, in dem die Zufluchtsstätte des meistgehassten Mannes der Welt liegt. Ein Idyll, das ihm längst zum Gefängnis geworden ist. Ihm, der 2005 nichts anderes tat, als das, was er 20 Jahre lang machte: eine Karikatur zu zeichnen.

Doch diesmal zeigte sie keinen Politiker, keinen Kardinal und auch nicht die dänische Königin. Nein, es war der Prophet Mohammed mit einer Bombe als Turban, den der Däne Westergaard damals zu Papier brachte. „Die Karikatur sollte verdeutlichen, wie islamistische Terroristen im Namen ihrer Religion Gewalt ausüben“, wird Westergaard später erklären. Aber das interessierte dann schon längst keinen mehr. Die Wut war entfacht, die Lunte des Hasses gelegt. Die islamische Welt stand in Flammen. Anfangs waren es dänische Flaggen, die brannten, dann deren Botschaften, und am Ende waren 150 Menschen tot.

NEWS: Wenn Sie sehen, wie Deutschlands Botschaft im Sudan brennt. Dort statt der deutschen Flagge jene der Islamisten weht. Was denken Sie?

Kurt Westergaard: Ich fürchte mich, wenn ich den Hass in den Augen dieser Menschen sehe, diesen blinden Hass. Damals war es meine Karikatur, heute irgendein Schmäh-Film – es wird immer einen Anlass geben. Und genauso wie 2005 frage ich mich, wie viele der Menschen, die nun alles niederbrennen, diesen Film tatsächlich gesehen haben?

NEWS: Die Gewalttäter im Sudan beziehen sich direkt auf Sie. Darauf, dass Ihre Mohammed- Karikatur von deutschen Rechten bei einem Aufmarsch verwendet wurde. Und darauf, dass Kanzlerin Merkel Sie 2010 als Kämpfer für die Meinungsfreiheit auszeichnete.

Westergaard: Das ist doch absurd! Sollen wir uns in Zukunft also von islamischen Autoritäten in zutiefst undemokratischen Ländern zensurieren lassen? Sollen die der deutschen Bundeskanzlerin künftig vorgeben, wen sie auszeichnen darf und wen nicht? Sind wir wirklich schon so weit?

NEWS: Woher kommt all der Hass, die ganze Wut?

Westergaard: Die Lebensbedingungen in vielen dieser Länder sind sehr schlecht. Die Menschen haben wenig Hoffnung auf eine gute Zukunft und dementsprechend frustriert sind sie darüber. Dass sich Frustration durch Aggression abbauen lässt, ist ein bekanntes psychologisches Phänomen.

NEWS: Aber muss man denn diese Wut noch fördern? Die Menschen dazu aufstacheln?

Westergaard: Darum geht es doch nicht. Gute Karikaturen sind wie Satire, sie sollen Menschen zum Nachdenken bringen. Es gibt dazu eine Anekdote vom berühmten spanischen Maler Picasso und dessen Gemälde Guernica, das das Leid, in einem von der deutschen Luftwaffe ausradierten spanischen Dorf zeigt. Jahre später trifft Picasso auf einen deutschen Luftwaffenoffizier. Der fragt ihn: Haben Sie nicht Guernica gemacht? Und Picasso antwortet: Nein, Sie haben Guernica gemacht! Das heißt: nicht ich bin der Selbstmordattentäter, der Rucksackbomber, der Brandstifter im Namen Allahs.

NEWS: Doch nicht jeder Moslem ist ein Terrorist.

Westergaard: Sehen Sie, Karikatur lebt von der Zuspitzung. Ich habe Politiker gezeichnet, die dänische Königin, auch christliche Bischöfe. Denken Sie, die haben mich alle geliebt dafür? Aber keiner von denen wollte mich tot sehen. Dass auch Moslems Gegenstand von Karikaturen sind, könnte zeigen, dass wir sie als Teil unserer Gesellschaft sehen. Aber wir verstehen einander nicht.

NEWS: Woran liegt das?

Westergaard: Weil wir uns längst in einem Kulturkrieg befinden. Und der tobt nicht nur zwischen der westlichen Welt und dem Nahen Osten. Nein, er herrscht auch mitten in unseren Gesellschaften – beim Aufeinandertreffen mit vielen hier lebenden, praktizierenden Moslems. Sie verstehen scheinbar nicht, was Demokratie, was Meinungsfreiheit heißt. Oder wenn sie es verstehen, dann verachten sie es, sobald es im Widerspruch zum Islam steht – und das tut es sehr schnell.

NEWS: Ist es wirklich überraschend, dass Moslems, die sich in ihren Gefühlen verletzt fühlen, dem, der ihnen das angetan hat, Böses wünschen?

Westergaard: Ja, aber ich kann mir doch nicht als Karikaturist schon von vornherein eine Denkblockade verordnen. Was sind denn Karikaturisten? Bloß kleine Clowns in Nischen? Oder nicht auch Menschen, die eine Möglichkeit gefunden haben, gesellschaftliche Entwicklungen vorauszuzeichnen? Es ist doch bereits schlimm genug, wenn Menschen, die mit Worten arbeiten, wie Politiker oder Journalisten, Dinge, die offensichtlich sind, lieber nicht mehr sagen und schreiben. Daran haben wir uns gewöhnt. Aber daran, dass mittlerweile auch Zeichenverbote herrschen, zum Glück noch nicht.

NEWS: Welchen Preis zahlen Sie für diese ,Freiheit‘?

Westergaard: Wohl den höchstmöglichen, nämlich, dass ich sonst keine Freiheit mehr besitze. Bedroht und beschimpft wurde ich seit dem Erscheinen der Karikaturen. Es gab auch Anschlagspläne. Ich war mit meiner Frau monatelang auf der Flucht. Musste alle paar Tage die Unterkunft wechseln, konnte bald nicht mehr ohne Bewachung auf die Straße gehen. Richtig schlimm wurde es aber erst 2010 – nach dem Mordversuch auf mich.

NEWS: Was geschah damals?

Westergaard: Es war abends. Ich war allein mit meiner kleinen Enkelin, auf die ich aufpasste. Als ich gerade aus dem Badezimmer komme, höre ich klirrendes Fensterglas. Ich wusste sofort: jetzt geschieht das, was ich am meisten fürchtete. Ich bin schon schwach auf den Beinen, sehe einen Mann mit einer Axt in der Hand auf mich zulaufen. Es sind Sekunden, die mir das Leben retten. Der Geheimdienst hat mein Bad zu einer Sicherheitszelle umgebaut. Ich verbarrikadiere mich hinter der Tür, der Mann hackt mit der Axt wie verrückt auf sie ein – es war wie in einem schlechten Horrorfilm. Ich drücke den Alarmknopf, stemme mich gleichzeitig gegen die Tür. Nach Minuten, die wie Stunden für mich waren, kommt die Polizei.

NEWS: Manche warfen Ihnen damals vor, Ihre kleine Enkelin im Stich gelassen zu haben?

Westergaard: Wäre ich zu ihr ins Wohnzimmer, hätte ich es nicht zurück ins Bad geschafft und wir wären heute beide tot. Ihr hat der somalische Attentäter nichts getan. Er wollte meinen Kopf, mein Blut.

NEWS: Was änderte sich nach dem Mordversuch für Sie?

Westergaard: Meine Frau und ich mussten erneut flüchten. Der Geheimdienst hat uns an unterschiedlichen Orten untergebracht – ein paar Tage hier, dann dort. Als wir zurückkehrten, glich unser Haus einer Festung. Im Garten steht seither eine Polizeistation, wir werden rund um die Uhr geschützt. Wenn ich raus will, muss ich vorab Bescheid geben, damit der Weg gesichert wird. Das alles ist nicht einfach, aber ich bin stolz, dass dem dänischen Staat mein Leben so viel wert ist.

NEWS: Was vermissen Sie aus dem Leben, das Sie einst führten, am meisten?

Westergaard: Mit meiner Frau einfach spontan spazierengehen zu können, Hand in Hand draußen mit ihr allein zu sein. Und das Autofahren! Einsteigen, wegfahren – das ist Freiheit. Und nicht Passagier im Rücksitz eines gepanzerten Wagens zu sein. Manchmal erlauben mir die Sicherheitskräfte auf einer leeren Landstraße eine halbe Stunde mein Auto zu lenken. Das freut mich.

NEWS: Und trotz all dessen bereuen Sie es nicht, die Karikatur gezeichnet zu haben?

Westergaard: Nein, ich bereue nichts. Ich stehe hinter dieser Karikatur. Sie zeigt das Spannungsverhältnis zwischen dem Islam und dem Terrorismus. Und ich weiß eines ganz genau: wäre es nicht die Karikatur gewesen, dann eben später ein Roman, ein Theaterstück, ein Film. Die Zeichnungen sind doch nur Katalysatoren in einem notwendigen Prozess.

NEWS: Sie glauben demnach nicht an eine Besserung im „Kampf der Kulturen“?

Westergaard: Ich täte es gern, aber ich sehe das Gegenteil. Ich frage mich, wie ein traditioneller Islam, einer, der nie eine Aufklärung hatte, der die Scharia als Recht sieht, wie dieser Islam und eine westliche Gesellschaft übereinstimmen sollen? Vielleicht übertreiben wir es mit unserer Toleranz und unserem freiwilligen Kapitulieren so lange, bis wir nichts mehr an Werten zu verteidigen haben.

TIPP: Der dänische Autor John Lykkegaard hat eine hervorragende Biographie über Kurt Westergaard verfasst. Sie widmet sich dem Leben des Karikaturisten, der unverhofft weltweit Bekanntheit erlangt hat. Es ist eine abwechslungsreiche Schilderung, die in dessen früher Jugend in einem Dänemark beginnt, das kaum noch etwas mit der Gegenwart gemein hat. Langsam und gekonnt tastet sich Lykkegaard bis zu jenem Moment vor, der Westergaards Leben für immer verändern sollte: das Erscheinen von dessen Mohammed-Karikatur. Was folgt ist Angst, Bedrängnis, Bewachung, aber nie Zweifel. Denn Lykkegaard beschreibt detailliert, weshalb Westergaard bis heute am wertvollsten Gut einer Demokratie festhält: der Meinungsfreiheit. Seine Biographie „The Man Behind the Mohammed Cartoon“ lässt sich hier bestellen.