Eine Mutter verlässt ihr Kind. Aus Liebe.

Mutter María und das Bild der Tochter Eléni (Foto: Heinz Stephan Tesarek)

VERLORENE TOCHTER. Eine junge Griechin gibt ihr einziges Kind ins Heim – weil sie es nicht mehr ernähren kann. Eine Tragödie mitten in Europa.

Hätte sie es verhindern können? Gab es den einen Punkt in dieser Geschichte, an dem sich alles noch hätte aufhalten lassen? Fragen, die sich aufdrängen, während der Regen stärker wird. Dicke Tropfen gegen die Windschutzscheibe prasseln. Den Blick aufs Meer verdecken. Im Winter trägt der Himmel selbst über Griechenland Grau. Die Autobahn ist leer, die Musik im Radio traurig, und die Fragen wollen nicht aus dem Kopf verschwinden. Was ist das für eine Frau, die ihr eigenes Kind weggibt?

Am Anfang war es bloß ein Gerücht, das uns hierhergebracht hat. Eine Behauptung, Dutzende Male wiederholt in Zeitungen und im Fernsehen. Es klang zu unglaublich. So wie vieles, was wir in diesen Jahren der Krise aus Griechenland zu hören bekamen. Aber diesmal ging es nicht um Inseln voller vermeintlich Blinder, die Sozialleistungen kassierten. Nicht um Millionäre mit Schweizer Konten, die sich dem Athener Finanzamt als mittellos deklarierten. Nein, diesmal, so hieß es aus Hellas, sei die Lage schon so schlimm, dass Hunderte verzweifelte Mütter ihre Kinder in Heime brächten. Der eigene Nachwuchs: ausgesetzt, aufgegeben, abgeschrieben.

Eléni – ein Wunschkind wird geboren.

Draußen dämmert es bereits, als wir einer dieser Frauen zum ersten Mal gegenübersitzen. Nennen wir sie María, da ihre Scham zu groß ist, selbst im fernen Österreich mit dem echten Namen in der Zeitung zu stehen. María ist 30, trägt ihr langes schwarzes Haar offen und hält ihr Innerstes lange verschlossen. Wo anfangen und wo aufhören? Wie mitteilen, dass wir nicht ihre Richter sind? Wie sagen, dass wir nicht ahnen, welches Drama noch vor uns und welches schon hinter ihr liegt?

Ein Spaziergang durch ihre Stadt im Süden der Peloponnes zeigt, was sechs Jahre Rezession in Griechenland angerichtet haben. Leere Cafés, geschlossene Restaurants, verwaiste Auslagen. Dort, wo noch Verkäufer ausharren, wird jeder Vorbeigehende mit Blicken als potenzieller Kunde ins Geschäft hereingesehnt. „Hier, da und dort drüben auch“ – je länger wir gehen, desto häufiger deutet María auf Lokale. Alles Orte, wo sie entweder einst als Kellnerin aushalf oder sich später vergebens um Arbeit bewarb. Ihrer Stimme fehlt jeglicher anklagende Ton, es ist eher eine Bestandsaufnahme der Bitterkeit. Und dann, ganz unerwartet, ein erstes Strahlen inmitten der Verdrießlichkeit. Es huscht über Marías Gesicht, als sie ihr altes Nokia-Handy hervorkramt. Darauf das Foto eines jungen Mädchens zeigt, welches lacht. „Das ist sie: Eléni – meine Tochter.“ Drei mal vier Zentimeter groß: auf dem Display des Handys.

Ein Kind kommt, ein Kind stirbt.

2003 ist sie zur Welt gekommen, die kleine Eléni. Ein Wunschkind. Was folgt, sind Schilderungen aus einer anderen Zeit.

Damals, vor knapp zehn Jahren, als alles boomte, Griechenland sich auf die Olympischen Spiele vorbereitete, Milliarden verbetonierte, viel schmierte und sich tief verschuldete. María war verheiratet, tollte mit der Tochter umher und schien glücklich. „Hochtrabende Wünsche hatte ich nie. Vielleicht mal mit der Kleinen einen Tag in den Vergnügungspark gehen. Ihr eine Freude machen. Sie lachen sehen.“ 2005 wird María erneut schwanger. Ihre zweite Tochter kommt zur Welt, Dimitra leidet von Geburt an an einer schweren Hauterkrankung. Nichts bleibt, wie es war.

María harrt oft in Spitälern aus, zweigt vom damals schon bescheidenen Einkommen Geld ab, um für die Behandlungen aufzukommen. Vergeblich. Dimitra stirbt, nicht einmal vier Jahre alt. Marías Mann, ein Mechaniker, macht sich aus dem Staub. Lässt die trauernde Mutter mit der verbliebenen Tochter allein zurück. „Er war nicht gut zu uns“, sagt María über ihre Ehe. Nun ist sie auf sich gestellt, mittellos, zieht mit der Kleinen zurück zur kränkelnden Mutter. Pflegt die Mama, merkt, wie die Krise in ihr Leben kriecht und es ihr immer schwerer fällt, selbst bloß für ein paar Stunden Arbeit zu finden.

Schneewittchen allein zuhaus.

María lädt uns zu sich nachhause ein. Wir betreten eine kleine Wohnung, die einem Museum für die verlorene Tochter gleicht. Elénis Fotos füllen die Wände. Sie scheint glücklich auf jedem einzelnen. Im Geschirrschrank stehen Tassen, die mit dem Bild der Kleinen bedruckt sind. Eléni ist überall – nur nicht in ihrem Kinderzimmer. Dabei wirkt es so, als könnte die Kleine jeden Moment hereinstürmen. Über das Bett ist die Schneewittchen-Decke gestülpt. Auf dem Polster liegt eine große Minnie-Maus- Plüschfigur. Und an der Tür klebt ein Poster der griechischen Version von Mädchenschwarm Justin Bieber. Bloß: Eléni hat seit über einem Jahr nicht mehr in ihrem einstigen Zimmer geschlafen.

Verzagt lehnt María am Kasten, die Ärmel ihres Pullis bis über die Finger gezogen. Vor uns steht eine gebrochene Frau. Eine Mutter, der das Wichtigste in ihrem Leben abhandengekommen ist. „Irgendwie weiß ich, dass ich das Richtige getan habe, aber trotzdem fühlt es sich so falsch an. Eléni ist alles, was ich hatte …“

Ratlosigkeit. Schweigen. Plötzlich ein Läuten an der Tür. Ein verwirrt dreinblickender Mann dahinter. Er ist völlig durchnässt vom Regen. Zärtlich streicht ihm María durchs Haar, holt ein Handtuch, um ihn abzutrocknen. Es ist Giorgios, ihr älterer Bruder. Er ist geistig behindert, kann nicht für sich selbst sorgen. Lange war es die Mutter, die ihn pflegte. Und schließlich María, die sich um die kranke Mutter, den Bruder und ihre Tochter zu kümmern hatte. Als die Mutter starb, fiel auch deren Pension weg – was blieb, ist eine Schande für ein Land mitten in Europa. 98 Euro nämlich! So wenig erhält Giorgios monatlich an Unterstützung vom Staat. María bekam ein Jahr lang Arbeitslosengeld. Und seither keinen Cent. Denn Notstandshilfe oder Mindestsicherung kennt Griechenlands Sozialsystem nicht. Da mögen 27 Prozent der Bevölkerung ohne Job sein, 58 Prozent der Jungen keine Chance haben, auch nur irgendwann einen solchen zu finden, und da mag das halbe Land verarmen. Egal! Die EU, die Troika, all jene, die vorgeben, es nur gut mit Griechenland zu meinen, beharren auf Einhaltung des Sparkurses und auf weiteren Kürzungen im Sozialbereich – auch wenn es Familien zerstört.

150 Euro, um zu überleben.

Wir sitzen mit María im Bus. Fahren in Richtung Hauptstadt. 300 Kilometer sind es nach Athen und zu Eléni. Zeit, zu erzählen, wie sehr sich die Kleine wehrte, als sie erstmals davon hörte, dort hinzukommen. „Es war im Sommer 2011. Eléni verbrachte die Tage mit Spielen und Lesen im Krisenzentrum der SOS-Kinderdorf-Organisation vor Ort. Ich lief durch die Stadt und habe verzweifelt einen Job gesucht. Zum Leben blieb uns nicht viel: 98 Euro Pension von meinem Bruder, 44 Euro Kindergeld und ein paar Euro, die Giorgios mit dem Verkauf von Lotterielosen verdiente.“

Die Helfer im Krisenzentrum fragten María vorsichtig, ob es nicht besser wäre, Eléni ins Kinderdorf zu geben. Stergios Sifnios, Chef des SOS-Sozialprogramms: „Eléni war oft allein, die Mutter völlig überfordert. Zuerst der Tod des einen Kindes, dann der abgetauchte Ehemann, der Tod der Mutter, der behinderte Bruder, den es zu versorgen galt – es ist ihr einfach alles zu viel geworden.“

María wiederholt laut, was ihr damals durch den Kopf ging: „Die Tochter weggeben? Weil es besser für sie ist? Weil sie so eine Zukunft bekommt, die ich ihr nicht geben kann? Dein Hirn sagt Ja. Dein Herz sagt Nein. Ich tat es für Eléni. Wir weinten beide, nächtelang.“

Athen taucht auf. Über dem Moloch hängt eine Smogwolke. Nicht vom vielen Verkehr, wie früher, sondern vom Holz, mit dem die Menschen in ihrer Not wieder zu heizen beginnen, nachdem Heizöl durch höhere Steuern unleistbar wurde. Was klingt wie Nachrichten aus Österreich kurz nach dem Krieg, als Menschen so bitterarm waren, dass ganze Parks dem illegalen Kahlschlag zum Opfer fielen, ist Wirklichkeit im griechischen Winter des Jahres 2013.

Da wirkt Elénis neues Zuhause wie ein Idyll. 15 Häuschen auf einem Hang, ganz im Süden der Stadt, mit Blick aufs offene Meer. Ersatzmütter, die sich aufopfernd um ihre Schützlinge kümmern: Kinder, die aus zerrütteten Familien kommen, verstoßen wurden, Waisen waren oder aus Familien stammen, in denen Gewalt Alltag war. Ihnen galt es zu helfen.

Das war die Idee des Österreichers Hermann Gmeiner, der im Jahr 1950 in Imst das erste SOS-Kinderdorf gründete. Dass blanke Not und Armut einmal zum Aufnahmegrund werden sollten, konnte er nicht ahnen. Und nun ist er da, der eine Moment. Sechs Wochen sind seit dem letzten Zusammentreffen von Mutter und Tochter vergangen. Dazwischen ein paar Telefonate, in denen Eléni „Mami“ sagte – aber nicht sie, sondern die Ersatzmama im Kinderdorf meinte. Fast eineinhalb Jahre ist Eléni nun schon hier, und wer ein Wiedersehen aus dem Hollywood-Drehbuch erwartet hat, wacht in der Wirklichkeit auf.

Eine Umarmung, ein Kuss, eine Mama, die nicht aufhören kann, ihr Kind an sich zu drücken, und eine Tochter, die bis heute nicht zu verstehen scheint, warum die Mama sie nicht einfach wieder mitnimmt. Zwei Stunden des Versuchs einer Rückkehr ins Früher folgen. Sie spielen Fußball, sie umarmen sich, sie plaudern. Am Ende wirkt es fast so, als ob es das Draußen nicht mehr gäbe. Keinen Bus, den die Mama erreichen muss, da sie sich eine Nacht in Athen nicht leisten kann. Keine sechs Wochen, die sie wieder trennen werden, bevor María die 44 Euro für das Ticket erneut zusammengekratzt haben wird. 44 Euro – genau der Betrag, den sie an Kindergeld bekommt. All das scheint weit weg und ist doch plötzlich da. Eléni quengelt, will nicht, dass die Mama geht. Die weint. Sagt, dass es so besser ist. Eléni läuft davon, schreit der Mama Böses nach, kehrt zurück und rennt wieder weg.

Ein Pingpong der Gefühle, eine Achterbahnfahrt des Schreckens. Eine Stunde braucht María bis zum Busbahnhof. Drei weitere, bis sie daheim sein wird. Sie schluchzt, weint, wie es nur eine Mutter tut, die ihre Tochter verloren hat. Wie oft wird sie noch hierherkommen? Wie lange Eléni das noch zulassen? Und wer hätte verhindern können, dass solche griechischen Dramen schon fast Alltag sind?

Erschienen in NEWS  06/2013