„Ich hatte 139 Tage Todesangst“

Dominik Neubauer im Interview (Foto: Ricardo Herrgott)
Dominik Neubauer im Interview (Foto: Ricardo Herrgott)

JEMEN-GEISEL DOMINIK NEUBAUER SPRICHT ERSTMALS ÜBER SEINE GEFANGENSCHAFT.

Dominik Neubauer gestikuliert viel, spricht laut, beschreibt exakt, formuliert eloquent. Der 26-jährige Sprachstudent gibt gerade jenes Interview, auf das ganz Österreich gespannt gewartet hat. Ein junger Mann aus Wien, der durch die Hölle ging. Der in die Hände von Geiselnehmern im Jemen fiel. Tage, Wochen, ja Monate, um sein Leben fürchten musste. Nachts, wenn er irgendwann in Gefangenschaft und in Ketten gelegt doch einschlief, nicht wusste, ob er am nächsten Tag noch einmal aufwachen würde.

139 Tage Jemen-Hölle.

Ein Sprachaufenthalt wurde für Dominik Neubauer zum Martyrium. 139 Tage Gefangenschaft. 139 Tage Ungewissheit. 139 Tage Angst.

Islamisten verschleppten den Wiener am 21. Dezember vom Hauptplatz der jemenitischen Hauptstadt Sanaa ins Nirgendwo. Mitten in die Wüste.

Dann: Monatelang kein Lebenszeichen. Bis zum 21. Februar, als plötzlich ein Video des Vermissten auf Youtube auftauchte. Mit Tränen in den Augen und einer Kalaschnikow gegen seinen Kopf gerichtet, fleht er um Hilfe. Das Ultimatum für die Lösegeldforderung ist damals in sieben Tagen fällig. In dieser Zeit passiert jedoch weiter nichts. Danach: wieder vergebliches Warten auf ein Lebenszeichen. Freunde und Verwandte befürchten: Dominik ist längst tot.

Plötzlich, am 8. Mai – die Erlösung. Nach intensivem Verhandlungspoker gelang es, ihn und ein finnisches Ehepaar, das mit ihm gemeinsam in der Gewalt der Geiselnehmer stand, zu befreien. Wie? Darüber sind sich die österreichische, die finnische und jemenitische Regierung nach wie vor nicht einig.

Aber wie auch immer. Wichtig ist: Dominik Neubauer lebt! Der 26-Jährige kehrte vergangene Woche am Donnerstag nach Wien zurück.

Die Frage, die sich jetzt ganz Österreich stellt: Wie geht es ihm? Und was ist dran an den Mutmaßungen, die während all der Monate seiner Gefangenschaft in den Medien kursierten? Al Kaida? Islamisten? Folter? Bis jetzt schwieg der studierte Politikwissenschaftler, versuchte sich körperlich und seelisch so gut es ging zu fangen und genoss die ersten Tage zurück im Kreis seiner geliebten Familie.

Das Exklusiv-Interview.

Unzählige Medien-Anfragen gingen vergangene Woche bei Neubauer ein. Einige davon habe er erst gar nicht in Betracht gezogen. Denn: Er will mehr als nur eine Schlagzeile, will ausführlich erzählen, was er 139 Tage erlebt und erlitten hat, welche Gedanken ihm jeden Tag in Gefangenschaft durch den Kopf gegangen sind.

Mit NEWS ist er schließlich bereit, über sein Schicksal zu sprechen. „Einmal, um dann Ruhe zu haben“, wie er sagt, „den Druck rauszunehmen.“ Er will damit auch der Kritik kontern, er habe unverantwortlich und fahrlässig gehandelt. Das Gespräch mit Domi- nik Neubauer über 139 Tage Geisel-Drama im Jemen dauert drei Stunden.

NEWS: Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Dominik Neubauer: Ich glaube, mein physischer Zustand ist gut. Nur die Gelenke und mein Rücken schmerzen. Ich war in einer Hütte gefangen, wo die Decke so niedrig war, dass ich mich nur gebückt bewegen konnte. Und auch psychisch scheine ich das Ganze halbwegs überstanden zu haben. Die Ärzte fürchten jedoch, dass ich in den nächsten Wochen eine Art „Flashback“ haben könnte.

NEWS: Viele fragen sich jetzt: Warum ein Sprachaufenthalt ausgerechnet im Jemen?

Neubauer: Es erschien mir aufgrund meines bisherigen Weges logisch. Ich studierte Politikwissenschaft an der Uni Wien, machte meinen Master in London, arbeitete dann beim Auswärtigen Dienst der EU, wo wir uns auch mit Arabien beschäftigten. Um die Zeit zu überbrücken, bevor ich mich für einen dauerhaften EU-Job beworben hätte, wollte ich mein Arabisch verbessern. Die Schule in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, wurde mir empfohlen, weil dort das gesprochene Arabisch der Standardsprache am nächsten kommt. Aber trotzdem: Meine Eltern waren nicht gerade begeistert von meinem Entschluss, das ist klar.

NEWS: Wie haben Sie Sanaa vor der Entführung erlebt?

Neubauer: Die Schule, in der ich Unterricht nahm und auch wohnte, liegt in einem der sichersten Gebiete Sanaas. Ich hatte vor meiner Entführung in keinem Moment Angst, dass mir irgendetwas passieren könnte. Auch der Ort der Entführung lag in einer Zone, die als sicher galt.

NEWS: Wie kam es trotzdem zur Entführung? Was geschah?

Neubauer: Es war ein bis dahin ganz normaler Freitag. Ich habe noch mit einer englischen Journalistin in der Schule Mittag ge- gessen und wollte dann mit Atte und Leila, dem finnischen Paar, auf den Tahrir-Platz gehen, um dort Dollar für meine Heimreise abzuheben. Zur Entführung kam es in einem Elektronik-Geschäft. Atte und ich schauten uns dort um, als plötzlich bewaffnete Männer ins Geschäft stürmten. Wir wollten sofort gehen und sahen, dass Leila – die draußen geblieben war – bereits in einem fremden Auto saß. Auf einmal wurden auch wir beide mit den Kalaschnikows bedroht und ins Auto, das direkt vor dem Geschäft parkte, gezerrt. Es ging alles irrsinnig schnell. Das Ganze kann aber nicht geplant gewesen sein.

NEWS: Warum nicht?

Neubauer: Erstens war das Auto ein kleiner Dreitürer. Ein Kidnapper saß die Flucht über aus Platzmangel auf meinem Schoß und hielt mir die Waffe an den Kopf. Dann hatten sie nichts vorbereitet, womit sie uns fesseln oder die Augen verbinden konnten. Außerdem gab es am Tahrir-Platz hunderte Zeugen, die Hauptpolizeistation war nur 50 Meter von dort entfernt, und alle Entführer waren nicht vermummt. Speziell zu Beginn lief alles sehr unorganisiert ab.

NEWS: Wie ging es weiter?

Neubauer: Die Entführer begannen im Auto hektisch in arabischem Dialekt zu telefonieren. Ich verstand nur, dass sie fieberhaft nach einer Unterkunft für uns suchten. Auch das ist ein Zeichen, dass die Aktion einfach nicht geplant sein konnte. Die erste Frage, die sie uns stellten, war, ob wir im „Sheraton“ wohnen. Das ehemalige „Sheraton“ gehört heute der US-Botschaft. Als wir diese Frage verneinten, waren sie enttäuscht. Weil wir als Amerikaner wohl mehr Wert gehabt hätten. Dann haben sie uns alles abgenommen, was wir hatten. Ich war gelähmt vor Angst.

NEWS: Haben Sie mitbekommen, in welche Richtung Sie ungefähr fuhren?

Neubauer: Zu Beginn schon, weil sie mir etwa 20 Minuten nicht die Augen verbunden haben. Dazu haben sie erst später ihre Kopftücher verwendet. Ich habe unterbewusst die Sekunden mitgezählt, rund zwei Stunden später kamen wir zu einem Haus, wo wir die erste Nacht verbringen sollten.

NEWS: Wie war es dort?

Neubauer: Noch okay, aber bald wurde klar, was uns drohte: Wir standen 24 Stunden unter Bewachung. Unsere Hände waren mit Kabelbinder gefesselt. Außerdem war miteinander Sprechen strengstens verboten. Auch den Entführern selbst durften wir keine Fragen stellen.

NEWS: Was geschah am nächsten Tag?

Neubauer: Als wir die Rufe des Muezzin hörten, legten sie uns Augenbinden an und zerrten uns zum Wagen. Zuvor mussten wir uns noch voll verschleiern. So, dass wir für Außenstehende aussahen wie drei große Frauen. Nach acht Stunden auf einer asphaltierten Straße bogen wir in die Wüste ab. Dazwischen wurde telefoniert, Zahlen genannt, Dinge besprochen. Mir wurde klar: Die Typen wollen uns weiterverkaufen.

NEWS: An Al Kaida? Also an islamistische Kämpfer?

Neubauer: Das kann ich nicht sicher sagen. Aber beim Mittagessen, als sie uns kurz die Augenbinden abnahmen, wirkten sie glücklich. Und vieles, was folgen sollte, deutet darauf hin, dass es tatsächlich Islamisten waren, an die wir gerieten.

NEWS: Sie landeten schließlich in einem Haus, wo Sie die nächsten Monate verbringen würden. Wie sah es dort aus?

Neubauer: Ein Gebäude aus Lehm, die Decke ganz niedrig, gerade so, dass man gebückt gehen konnte. Darin ein winziger Raum, der durch Bettlaken abgetrennt war. In einer Ecke waren die Finnen, ich in einer anderen. Dazwischen, das sah ich, unsere Bewacher – bewaffnet. Die Fenster waren verklebt, es war vollkommen dunkel. Auf dem Boden lagen Schaumstoffmatratzen, ganz dünne, von denen nach vier Monaten nicht mehr viel übrig war. Es krochen immer wieder Skorpione, Spinnen und auch Schlangen in den Raum. Hinzu kamen die ganzen Insekten, mein gesamter Körper war bald vollkommen zerstochen. Und dann kam die Angst vor Malaria. Ich hatte keine Tabletten, die man sonst zur Vorbeugung nimmt. Nach kurzer Zeit habe ich ständig Kopschmerzen gehabt. Mir war schlecht, ich hatte Durchfall, musste mich übergeben. Und da denkst du natürlich: Ist das jetzt „nur“ wegen dem schmutzigen Wasser oder hast du eh schon Malaria und ist es bald vorbei mit dir?

NEWS: Österreichische Zeitungen behaupteten, Sie seien mit dem berüchtigten „Waterboarding“, also simuliertem Ertränken, gefoltert worden. Entspricht das der Wahrheit?

Neubauer: Nein, Waterboarding gab es keines. Aber, wo beginnt Folter, und wo endet die ganz normale Qual? Absolutes Sprechverbot, wochenlange Ungewissheit darüber, warum wir entführt wurden, was unsere Bewacher mit uns vorhatten, wie viel Geld sie eigentlich wollten und ob irgendwer bereit wäre, das zu bezahlen. Dazu schmutziges Wasser zum Trinken und zum Essen nicht viel mehr außer Reis. Du sitzt da, die Füße in Ketten gelegt, kauerst auf einer Matratze, siehst nichts und hörst nur Koran-Ver- se, unterbrochen von den Geräuschen einschlagender Bomben und Schüsse.

NEWS: Schüsse? Bomben? Woher kamen die?

Neubauer: Ich vermute mal von den Videos, die sie sich ansahen. Aufputschende Propanda, die wohl Anschläge zeigen und mit Versen des Propheten unterlegt sind. Aber ich sah ja nichts, sondern hörte es nur.

NEWS: Wie viel Angst verspürt man in solchen Momenten?

Neubauer: Die Angst war in all diesen 139 Tagen konstant hoch. Immer da. Nie weg.

NEWS: Ist da überhaupt an Schlaf zu denken?

Neubauer: An echten Schlaf nicht. Meistens war es so ein Dahindämmern. Aber jedes Ge-äusch, das auch ein Durchladen des Gewehres sein könnte, hat mich aufschrecken lassen. Ich habe insgesamt pro Nacht wohl nie mehr als ein, zwei Stunen wirklich geschlafen. Und dadurch, dass ich untertags mit den Ketten an den Füßen an die eine Ecke dieses Raumes gefesselt war, konnte kaum echte Müdigkeit aufkommen.

NEWS: Wäre Flucht eine Option gewesen?

Neubauer: Von dort zu entkommen schien ziemlich unwahrscheinlich. Man konnte nicht durch die Fenster klettern, es waren ständig zwei Bewacher im Raum. Draußen waren alle schwer bewaffnet. Ich hatte Ketten an den Füßen – und selbst wenn es mir gelungen wäre, mit den Ketten zu flüchten. Wie weit wäre ich gekommen? Und wer hätte mich draußen erwartet? Bloß Leute, die den Entführern vermutlich freundlicher gesinnt gewesen wären als mir.

NEWS: Das heißt, die Entführer sprachen kaum mit Ihnen? Gaben keine Auskunft über Ihre Motive, ihr weiteres Vorgehen?

Neubauer: Nein. Mit Leila, der Finnin, sprachen sie schon gar nicht, da sie eine Frau ist. Und mit Atte und mir auch nur das Notwendigste. Kurze, barsche Anweisungen. Bis zu dem Tag, an dem sie das Erpressungsvideo mit mir drehten, geschah gar nichts. Das war der 14. Februar, Valentinstag – und fast zwei Monate nach der Entführung.

NEWS: Wie kam es zu diesem Videodreh?

Neubauer: Sie haben mich in der Nacht aufgeweckt. Sagten, wir brauchen ein Video. Drei Sachen sollte ich mitteilen: Erstens, dass mich ein Stamm gefangen hält. Zweitens, dass dieser Geld will und ich, drittens, exekutiert werde, wenn nicht in den nächsten sieben Tagen gezahlt würde. Sonst nichts. Sie sagten weder, wie viel Geld sie wollten, noch an wen ich die Botschaft richten soll. Also überlegte ich mir, das Video in Englisch und, für meine Familie, auch auf Deutsch zu formulieren. Mich darin an die Regie- rungen des Jemens und Österreichs zu wenden, sowie an die EU, für die ich ja einmal gearbeitet habe. Ich habe ja nicht einmal gewusst, ob überhaupt schon jemand weiß, was mit mir passiert ist. Ob irgendwer schon irgendwas für meine Befreiung getan hat.

NEWS: Wie gelingt es einem, ein Video aufzunehmen, in dem man seine eigene etwaige Exekution verkünden soll?

Neubauer: Mir war klar, dass ich zu weinen beginnen werde, wenn ich in einem Video meinen Tod ankündigen soll. Dazu brauchte ich nur an meine armen Eltern zu denken, die das dann sehen würden.

NEWS: Welche Gedanken kamen Ihnen, nachdem das Video fertig war?

Neubauer: Ich sollte darin ja eine Frist von sieben Tagen nennen. Sieben Tage, und was dann? Das Problem war, dass sie – warum auch immer – nur mit mir eines drehen wollten und nicht mit den beiden Finnen. Das heißt, ich dachte sofort: Und was passiert, wenn nicht gezahlt wird? Wen werden sie dann foltern? Wen exekutieren? Natürlich mich.

NEWS: Was geschah, nachdem die Frist verstrichen war, am siebten Tag – als das Ultimatum schließlich ablief?

Neubauer: Es war die Nacht vom 3. auf den 4. März. Sie weckten mich auf, befahlen, mitzukommen. Sie legten mir – anders als sonst – keine Augenbinde an und führten mich raus. Ich fragte: Was habt ihr vor? Was wird mit mir passieren? Keine Antwort, nur die unwirsche Aufforderung zu schweigen. Nur einer sagte: „Your government push “ – ein Satz, der keinen Sinn ergibt. Deine Regierung drückt, was soll das heißen? Aber ich war mir ziemlich sicher, dass sie mich jetzt irgendwo hinbringen würden, um mich zu exekutieren. Sie hatten die Waffen mit, sie haben mir die Augen nicht verbunden, mir die Ketten an den Füßen abgenommen – also alles eindeutig.

NEWS: Wie ging es weiter?

Neubauer: Sie führten mich raus, es war Vollmond. Erstmals konnte ich das kleine Dorf sehen, in dem wir nun schon seit mehr als zwei Monaten gefangen waren. Dort gab es vielleicht fünf Lehmhäuser, eine Moschee. Wir fuhren im Jeep los – das Ziel: unbekannt. Plötzlich legten sie mir die Augenbinden und Ketten wieder an und bogen in die Wüste ab.

NEWS: Was überwog – die Hoffnung, nun vielleicht doch frei zu kommen, oder die Angst zu sterben?

Neubauer: Klar dachte ich, vielleicht wurde Lösegeld gezahlt und ich komme frei. Aber im Grunde überwog die Gewissheit, jetzt hingerichtet zu werden. Und Angst? Ja, Angst. Irgendwann hörst du auf, Angst zu haben. Nach all den Tagen, Wochen, ja Monaten. Du wirst irgendwie ganz ruhig. Denkst, okay, wenn ich tot bin, dann bin ich tot. Vielmehr war ich in Gedanken bei meiner Familie, dachte, was mein Tod für sie bedeutet, ihr Leid, ihre Trauer.

NEWS: Was geschah dann?

Neubauer: Das Auto blieb stehen, weitere Männer stiegen ein. Es waren dann wohl sechs oder sieben im Wagen. Nach einer halben Stunde hielten sie irgendwo mitten in der Wüste, befahlen mir, auszusteigen, mich neben dem Auto hinzuknien. Ich höre, wie eine Waffe durchgeladen wird und spüre ihren Lauf am Hinterkopf. Und dann, als ich mit allem abgeschlossen hatte, fragt mich jemand auf Englisch, ob ich zum Islam übertreten möchte.

NEWS: Also eine Scheinhinrichtung, aufrechterhalten bis zum letzten Moment?

Neubauer: Ja. In dem Moment wäre ich wohl zu jeder Religion übergetreten. Ich sprach also als Antwort einige Verse des Koran. Sie schienen glücklich, führten mich zum Wagen und fuhren zurück. Fortan nannten sie mich „Bruder“, erklärten mir, dass ich meinen westlichen Namen ablegen und mich nun Abdullah nennen sollte.

NEWS: Waren die Entführer nun freundlicher zu Ihnen?

Neubauer: Das könnte ich nicht sagen. Dem Denken dieser Extremisten zufolge sind wir alle hier im Westen Feinde des Islams. Ohne Unterschied. Sobald wir aus der Pubertät kommen, und die endet laut Definition meiner Entführer im Alter von zwölf Jahren, gelten wir in ihren Augen als Krieger. Für sie ist alles, was unser Leben ausmacht, abzulehnen: Steuern zahlen, wählen, Demokratie. Das macht uns zu Feinden, haben sie mir erklärt, und zu legitimen Zielen. Meine Versuche, ihnen zu erklären, dass in Österreich Religionsfreiheit herrscht, wir den Islam akzeptieren – vergeblich. Ich habe ihnen gesagt, dass ich mit einem gültigen Visum in ihr Land gekommen bin, um ihre Sprache zu lernen, ich an ihrer Kultur und Religion interessiert bin, aber auch das hat nichts daran ge- ändert, dass sie mich als legitimes Opfer sahen. Jeder, der von uns Christen in ihr Land kommt, ist ein Ziel, ein Feind, ein Verbrecher, wie sie sagten.

NEWS: Sie waren die meiste Zeit über angekettet, in völliger Dunkelheit gefangen, wussten nicht, ob der nächste Tag ihr letzter sein würde. Wie gelang es Ihnen trotzdem, nicht völlig durchzudrehen?

Neubauer: Ich habe mir von Anfang an geschworen, alles zu tun, um das körperlich und geistig durchzustehen. Körperlich machst du Dehnungsübungen, das hilft ein wenig. Geistig ist es schwieriger. Vielleicht half mir, dass ich im Kopf ständig alle möglichen Szenarien durchspielte – also von der Befreiung, dem Happy End, der Rückkehr nach Wien zu meinen Eltern und Freunden, bis hin zum schlimmsten Fall: Meiner Exekution irgendwo in der Wüste. Ich habe versucht, mir auszurechnen, wie wahrscheinlich das eine oder das andere Szenario ist und all die anderen, die irgendwo dazwischen liegen. Als die Wochen und Monate vergingen, nichts geschah, ich nicht einmal wusste, ob überhaupt verhandelt wird, kam ich auf den Gedanken, ob sie uns am Ende nicht Organe entnehmen würden, um an Geld zu kommen, denn Organhandel ist in dieser Region recht häufig. Also der Finne und ich als unfreiwillige Organspender und die Finnin, die zwangsprostituiert wird. All das kam mir in den Sinn.

NEWS: Was war während Ihrer gesamten Gefangenschaft am schlimmsten für Sie?

Neubauer: Einfach, dass meine Familie nicht weiß, was mit mir passiert ist. Dass meine Mama, mein Papa, mein Bruder denken, dass ich vielleicht schon tot bin und irgendwo in der Wüste verscharrt liege. Dass sie das Schlimmste befürchten, sich überlegen, dass ich gefoltert werde.

NEWS: Sie blieben all die Zeit mit den Finnen zusammen?

Neubauer: Nein, im März wurden wir voneinander getrennt. Da uns die Entführer verboten hatten, miteinander zu sprechen und wir nur ganz selten, in der Nacht, leise miteinander flüsterten, wusste ich nicht, was passiert war. Hatte jemand für sie Lösegeld bezahlt und für mich nicht? Wurden sie weggebracht und getötet? Uns war es gelungen, auf ein Stück Karton die Telefonnummern unserer Familien einzuritzen und auszutauschen. So hoffte ich eben, dass sie frei waren und nun zumindest meinen Eltern sagen konnten, dass ich noch am Leben war.

NEWS: Wie kam es letztlich doch noch zur Befreiung?

Neubauer: Es kam völlig unerwartet. Eines Tages hieß es Aufbruch. Ab in die Jeeps, stundenlanges Fahren durch die Wüste, die Augen noch verbunden. Bis zu einem Grenzgebäude, irgendwo in den Dünen. Dort standen Militärjeeps auf der anderen Seite, und die Entführer kehrten um. Aber ich hatte bis zuletzt Zweifel. Angst, es wäre bloß ein weiterer Trick. Erst als ich im Militärhubschrauber in die Hauptstadt des Oman saß, ahnte ich, dass mein Alptraum endlich vorbei sein könnte.

NEWS: Wie war die Rückkehr?

Neubauer: Unbeschreiblich, besonders das Zusammentreffen mit meiner Familie. Als ich im Oman in Sicherheit war, wurden sie zwar schon informiert, aber ich durfte noch nicht mit ihnen telefonieren. Und dann endlich: Ich lag bereits in einem Bett im Heeresspital, um mich herum Ärzte und Leute vom Verteidigungsministerium, die mich befragen. Auf einmal geht die Tür auf, und meine Eltern stehen da, nach all den Momenten. Sie umarmen mich. Wir lassen uns nicht mehr los. Halten uns aneinander fest. Das war der schönste Moment in meinem ganzen Leben. Besonders auch, nachdem ich ihr Video, in dem sie die Geiselnehmer um meine Freilassung baten, gesehen habe.

NEWS: Was sagen Sie jenen, die fordern, dass Sie sich an den Kosten, die der Republik durch Ihre Befreiung entstanden sind, beteiligen sollten?

Neubauer: Ich weiß nicht, was im Hintergrund abgelaufen ist. Ob Lösegeld gezahlt wurde, wie viel und von wem. Die Entführer sprachen nie darüber. Ich kann nur sagen, dass ich mir der Risiken meiner Reise bewusst war, ich mich über die Sicherheitslage, auch aufgrund meiner beruflichen Vorkenntnisse, gut informiert fühlte. In den Gegenden von Sanaa, in denen ich mich bewegte, gab es in den vergangenen zehn Jahren keine einzige Entführung, und mir erschien der Aufenthalt im Jemen für meine weitere Karriere wichtig. Hinzu kommt, dass zum Zeitpunkt meiner Entführung auch keine Reisewarnung vorlag. Bislang hat auch nie- mand eine Forderung an mich gerichtet. Ich bin der Republik sehr dankbar für alles, was sie für mich getan hat.

NEWS: Werden Sie je wieder in den Jemen oder andere gefährliche arabische Länder reisen?

Neubauer: Nein, davon habe ich erstmal wirklich genug. So lange die Situation in diesen Ländern so instabil ist, werde ich eher einen großen Bogen um sie machen. Ist es aber beruflich einmal notwendig, werde ich mich nicht dagegen sträuben.