Tod auf dem Nil

Verlassene Kreuzfahrtschiffe und Arme, die ihre Wäsche im Nil waschen - Luxor 2013 (Foto: Ricardo Herrgott)
Verlassene Kreuzfahrtschiffe und Arme, die ihre Wäsche im Nil waschen – Luxor 2013 (Foto: Ricardo Herrgott)

Väter, die ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Kapitäne, deren Nil-Kreuzer seit Monaten vor Anker liegen. In Ägypten, das in den Bürgerkrieg abgleitet. Einst sah eine Million Österreicher die Sehenswürdigkeiten, die keiner mehr sehen will. NEWS war nun dort, wo es für Touristen längst zu gefährlich ist.

Was? Seid ihr vollkommen verrückt?“ Die Stimme der Rezeptionistin überschlägt sich fast. Ihr Blick ist voller Entsetzen. Dabei wollten wir von ihr bloß wissen, wie wir am einfachsten zu den Pyramiden gelangen.

Wir sind in Kairo, nahe am Flughafen. Die Stadt ist abgeriegelt, draußen wird scharf geschossen. 800 Tote in nur zwei Tagen, dazu abertausende Verletzte und keiner, der weiß, wer am Nil noch die Guten sind und wer die Bösen.

In Ägypten, dem wichtigsten arabischen Land, herrscht Chaos – wieder einmal. Mehr als zwei Jahre sind seit dem Sturz von Langzeit-Herrscher Mubarak vergangen, wenige Wochen seit der Absetzung des Islamisten Mursi durch das Militär. Und nun: Ausnahmezustand, Notstandsgesetze, Gewaltorgien – sowie: Reisewarnungen. Was ist da noch übrig, von dem, was eine Million Österreicher über Jahrzehnte am Nil suchte? Was passiert mit einem Land, in dem fast jeder Dritte der 80 Millionen Einwohner direkt oder indirekt vom Tourismus lebt, wenn keiner mehr kommt? Und wie würde heute eine Reise verlaufen, wie wir sie aus Agatha Christies legendärem Roman „Tod am Nil“ kennen.

NEWS fuhr inmitten des Aufruhrs den Nil entlang und suchte Antworten.

Erste Station – Kairo. Es gelingt, einen Taxifahrer zu finden, der uns durch die Stadt bis rüber nach Gizeh bringt. Vorbei an den Checkpoints der Armee und den Straßensperren selbst ernannter Volksmilizen. Als am Horizont die Pyramiden auftauchen, sehen wir vor uns nur Elend. Neben dem Weg windet sich ein trübes Gewässer, voll mit Müll. Dann, aufgereiht in einer nicht enden wollenden Schlange, die Kutschen, bereit zur Fahrt zum letzten Weltwunder der Antike. Die Pferde sind ausgemergelt, ihre Rippen vorstehend, ihre Kutscher verzweifelt. Kinder laufen neben dem Taxi entlang. „Please, Mister! Please, money!“ Sie strecken ihre Arme durch das Fenster, klopfen gegen den Wagen. Wir steigen aus. Sind dort, wo sich sonst die Touristen drängen, die einzigen. Mohamed Gaber, selbst Besitzer zweier Kutschen, führt uns vor ein eisernes Tor. Dahinter: Wüste, Sand und die Umrisse der Sphinx in der Ferne.

„Zuerst verhungern die Pferde, dann wir“

„Es ist vorbei“, sagt Mohamed, „seit Tagen sind die Pyramiden abgeriegelt. Keiner kann rein. Aber das ist auch schon egal, denn selbst als alles noch offen war, sind vielleicht 20 Leute am Tag gekommen.“

Später stehen wir auf seinem Dach, sehen Pyramiden und hören von verhungerten Pferden. „Zuerst trifft es die und danach uns.“ Mohamed verflucht die Revolution, den Aufstand, den Wandel. „Solange Mubarak herrschte, ging es uns gut. Es war sicher, Touristen kamen, wir fanden ein Auslangen. Aber dann glaubten diese verdammten Jungen, alles müsse anders werden – und was haben sie gekriegt?“ Einmal erzählt Mohamed, sei er damals auf dem Tahrir-Platz gewesen – „mit den Kamelen und den Schwertern, um Mubarak zu verteidigen.“

Unser Fahrer drängt zum Aufbruch. „Wir müssen vor sieben zurück sein. Dann herrscht Ausgangssperre.“ Er ist sichtlich nervös, steigt aufs Gas. Wir fragen, was passiert, wenn wir danach noch draußen wären. Er formt die Finger zu einer Pistole, richtet sie gegen die Stirn – „peng“. Später sehen wir, wie an einer Straßensperre ein Mann aus einem Taxi gezerrt wird. Tags darauf wird bekannt, dass an einer anderen ein Journalist erschossen wurde.

Wir verlassen Kairo und folgen dem grünen Band des Nils in Richtung Süden. Zweite Station: Luxor, das antike Theben. Hier ging die „SS Karnak“ mit Peter Ustinov als Hercule Poirot in der Verfilmung von Agatha Christies Roman vor Anker. Hier stiegen Millionen Menschen aus dem Flieger, um es ihm gleichzutun und auf einem der Kreuzfahrtschiffe den Nil zu bereisen. Und heute: am Flughafen sind wir neben einer wagemutigen Familie aus Frankreich erneut die einzigen Ausländer. Panzer parken an den Kreuzungen, junge Soldaten mit der Kalaschnikow im Anschlag patrouillieren. Auf den Plätzen prangen Bilder von einem Mann in Uniform, mit schwarzem Barett auf dem Haupt und mal mit, mal ohne verspiegelter Sonnenbrille im Gesicht. Es ist General Abdel Fattah al-Sisi, der Chef von Ägyptens Armee und der neue starke Mann am Nil.

Die Hotels entlang des Ufers sind verwaist. Luxus-Paläste mit riesigen Swimmingpools und edlen Restaurants ohne einen einzigen Gast. So viel Niedergang in so kurzer Zeit? „Nein, nein“, entgegnet Wael, „hier geht es schon seit der Revolution bergab.“ Wael ist 34 und hat abertausende Touristen durchs Reich der Pharaonen begleitet. Er ist der Chef von 5.600 Tourguides hier in Luxor und hat nichts zu tun. „Nichts. Seit Monaten kommt keiner mehr.“

Weil es so gefährlich ist? Wael überlegt, zieht die Stirn hoch. Er sieht nicht den Fernseher im Hintergrund, über den gerade die Bilder von Leichen flimmern – erschossene Polizisten auf dem Sinai, aufgebrachte Massen in Kairo und bewaffnete Islamisten, die sich in einem Minarett verschanzt halten. Er sieht es nicht und weiß es doch. „Ich kann es niemandem verdenken, dass er nicht her- kommt. Ändert sich nichts, ist der Tourismus tot und wir sterben mit ihm.“

Tod auf dem Nil – wer hätte geahnt, dass der Film je eine solche Bedeutung bekäme. Wir wollen weiter, runter in den Süden, nach Assuan, der Spur Agatha Christies folgend. 250 Kilometer wären das, 360 Schiffe stünden für die Fahrt bereit. Vom einfachen Kreuzer bis hin zum Luxusdampfer mit Pool und Jacuzzi auf dem Dach. Doch nichts. Keines legt ab. Die Boote liegen zu sechst, zu siebt aneinandergetaut am Nilufer. Manche seit Monaten, andere schon seit zwei Jahren. Wir wollen rauf auf eines, überqueren die Reling zur „MS Miss Egypt“ und landen in einem Reich der Dunkelheit.

Ein Marmorsaal, das Entrée des Schiffes, von dem Treppen aufs Oberdeck führen. Es ist stickig, heiß und stockdunkel. Wir tasten uns voran, können nicht glauben, dass die Boote unverschlossen vor Anker liegen. Plötzlich Geräusche, Stimmen.

Im Reich der Dunkelheit.

Wir sehen Männer, die im Kaftan auf Matratzen kauern. „Was wollt ihr hier?“, fragt einer. „Was macht ihr hier?“, fragen wir. Der Alte stellt sich als Said vor, er sei der „Rais“, sagt er. „Rais“, das heißt Herrscher: Mubarak war einer, dann kurz Mursi und bald wohl Armeechef al-Sisi – und Said, der ist hier auf seinem Schiff der Herrscher. Ein Kapitän, der nicht mehr hinaus darf auf seinen geliebten Nil. Der mit ein paar Matrosen die Stellung hält, das Schiff bewacht.

„Der Islamist, dieser Mursi, ist schuld“, sagt er, „ich habe ihn nicht gewählt.“ Nun macht er eine abfällige Handbewegung – „Demokratie“, er spuckt das Wort aus, als ob es eine Beleidigung wäre, „Demokratie, das funktioniert bei uns nicht. Die Hälfte der Ägypter kann nicht mal lesen, wir brauchen eine harte Hand. Ich bin für die Armee.“

Er führt uns an Deck, zeigt den Pool, aus dem schon die Fliesen herausbrechen, die Reling, die allmählich verwittert, und sagt, dass er noch froh sein kann. „Wir hier kriegen ein wenig Geld, die meisten anderen verhungern aber bald.“

Verhungern, nicht wissen, woher das Abendessen kommen soll. Das sind Dinge, die auch Familienvater Jad kennt. Wir treffen ihn auf der Fahrt hinauf ins Tal der Könige. Jad ist 40, hat, seit er acht war, oben bei den Tempeln Souvenirs verkauft. Jetzt stürzen sich dort die letzten verbliebenen Händler wie Hyänen auf die Handvoll Touristen, die aus dem Bus steigt. Jad ist nicht mehr dabei. „Meine Kleine, Melek, das heißt Engelchen, hat Asthma. Sie bräuchte Behandlung, einen Arzt, Medikamente. Aber alles kostet, und ich habe nichts.“ Arbeitslosengeld, Notstandshilfe? Jad, weiß gar nicht, was wir meinen, als wir danach fragen.

Oben vor dem Hatschepsut-Tempel endet diese Reise durch ein Land am Abgrund so gespenstisch wie sie begonnen hat. Wir sind allein – wir, die Händler, eine Brasilianerin, ihr Guide und der Totentempel. In guten Zeiten standen hier 35.000 Menschen an einem Tag – heute sind es 15.

Erschienen in NEWS 34/2013

Das VIDEO zur Story aus Ägypten