Interview mit einer lebenden Legende

Friedensnobelpreisträgerin Menchú (Foto: Heinz S. Tesarek)FRIEDENSNOBELPREISTRÄGERIN RIGOBERTA MENCHÚ über Glück, Liebe und Barack Obama.

Eine Friedensnobelpreisträgerin als Lebensberaterin? Als Coach zum Glück? Was abwegig klingt, ist der Eindruck, der einen während des Gesprächs mit Rigoberta Menchú bald beschleicht.

Dabei hätte diese kleine Frau, die einem da gegenübersitzt, allen Grund, verbittert zu sein: Die Armut, in der sie aufwuchs. Die Ausbeutung und Ungerechtigkeit, welche Indios wie sie eine ist, in ihrer Heimat Guatemala widerfuhr. Das Leid, das ihrer Familie angetan wurde: Der Bruder, entführt, gefoltert und vor ihren Augen verbrannt. Die Mutter und der Vater – brutal ermordet.

Kämpferin und Vorbild.

Und doch strahlt diese Rigoberta Menchú so viel Positives aus. So viel Wärme und Glück. Tausendmal mehr als es sich jeder selbst ernannte „Glücks-Coach“ je antrainieren kann.

1992 bekam sie für ihren Kampf für die Rechte der Indios den Friedensnobelpreis verliehen. Sie war die jüngste Preisträgerin aller Zeiten und hörte seither nicht auf, zu kämpfen. Es ist eine starke, unabhängige Frau, die nun auf Einladung der renommierten Anwältin Sylvia Freygner zu Gast in deren Wiener Salon ist. Einem Ort des intellektuellen Austauschs, den Freygner da geschaffen hat. Mit NEWS spricht Menchú exklusiv über ihre Kindheit, ihre Mission, den Weg, Gutes zu tun. Und sie verrät auch, was sie von einem ihrer Nachfolger als Friedensnobelpreisträger hält, US-Präsident Barack Obama.

NEWS: Sie hatten eine Kindheit, wie sie sich keiner von uns vorstellen kann. Mussten auf Plantagen arbeiten, waren entrechtet. Woran aus dieser ganz frühen Zeit erinnern Sie sich am stärksten?

Rigoberta Menchú: Ich könnte jetzt mit all dem Schrecklichen beginnen. Ihnen von der Gewalt erzählen, die uns alle schon als Kinder begleitete. Ich könnte auch über die Ausbeutung und die Gier sprechen, die Verachtung, die uns Maja von den weißen Großgrundbesitzern entgegengebracht wurde. Ich könnte über all das Schlimme berichten, was keiner je selbst erleben will. Aber ich tue es nicht.

NEWS: Warum nicht?

Menchú: Weil es nicht das ist, was meine Erinnerung an die Kindheit am stärksten prägt, auch wenn es vielleicht die gewaltigsten Eindrücke waren. Aber ich versuche, mich an das Schöne zu erinnern. Meine Kindheit, die war in einem Nebelwald in den Bergen meiner Heimat Guatemala. Ganz oben, wohin keine Straße führte. Ich erinnere mich an die Früchte und Beeren, die man entlang der Wege finden konnte. An die wilden Tiere. An all das, was ein Mensch für ein einfaches Leben braucht. Dann denke ich an den Geruch der Kaffeeblüten, überhaupt an den Kaffee, der dort auf den Stauden im Wald wächst. An die Bäche, die aus dem Nichts entsprangen, an den Nebel, der sich über den Wald legte. Es ist eine gewaltige Natur, die dem Menschen Frieden und Verbundenheit mit der Erde verleiht.

NEWS: So friedlich Sie das beschreiben, so grausam ging es in diesen Bergen zu. Das Militär führte Krieg gegen die Indios. Ihren Bruder entführten und ermordeten sie, später die Mutter und auch den Vater. Wie gelang es Ihnen, die Wut, ja den Hass, zu besiegen, nicht zu verbittern?

Menchú: Das Leben gleicht immer einer Balance aus Schmerz und Leid auf der einen Seite und dem Versuch, glücklich zu sein, auf der anderen Seite. Egal, wie schlimm einem das Schicksal auch mitspielen mag, es ist immer beides vorhanden. Ich glaube, dass ich viele Möglichkeiten hatte und einiges an Glück. Ich wurde nicht wie mein Bruder und mein Vater gefoltert. Ich wurde nicht wie meine Mutter vergewaltigt. Ich konnte fliehen, dem entkommen, was in meiner Heimat Alltag war. Und trotzdem hat es mich gequält: ich konnte weder meiner Mutter noch meinem Bruder oder Vater zumindest ein würdiges Begräbnis bereiten, weil ihre sterblichen Überreste bis heute nicht gefunden wurden. Das schmerzt mich.

NEWS: Wie macht man an solch einem Punkt weiter? Wie haben Sie es geschafft, nicht aufzugeben?

Menchú: Viele Menschen haben mich ihre Zuneigung, ihr Vertrauen spüren lassen. Sie haben mir gezeigt, dass sie mich unterstützen. Das gibt einem so viel Kraft. Der Mensch wächst immer durch die Liebe der anderen. Bist du nur auf dich allein gestellt, ist alles schwierig.

NEWS: Fühlten Sie sich schon immer als Kämpferin?

Menchú: Ich wollte nie ein Opfer sein. Im Selbstmitleid zerfließen. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich bin eine erfolgreiche Frau, kämpfe gegen die Ungerechtigkeit, wie sie indigene Völker in Lateinamerika über Jahrhunderte erleben mussten. Es war mir wichtig, nicht nur in den Tag hinein zu leben, sondern mich zu entwickeln, mich zu bilden, auch spirituell zu wachsen.

NEWS: Ist das der Weg zum Glück?

Menchú: Es kann ein Teil dieses Weges sein. Ich versuche, mein Gemüt nach außen zu kehren. Sehen Sie, ich trage farbenfrohes Gewand, bunte Kleidung. Das soll man nicht unterschätzen, auch das verleiht Kraft. Und dann, das Wichtigste: Familie. Ich habe endlich eine Familie gefunden, bin nicht mehr, so wie früher, auf der Flucht. Ich habe einen Mann, einen Sohn, der bald 19 Jahre alt wird. Ihm möchte ich mitgeben, dass ich eine normale Frau bin, keine traumatisierte, keine, die sie kleingekriegt haben. Du darfst dich nie kleinkriegen lassen.

NEWS: Was ist das Wichtigste im Leben?

Menchú: Für eine gerechte Sache einzutreten und dabei von Menschen umgeben zu sein und unterstützt zu werden, die einen lieben und die man liebt. Eine meiner Schwestern starb vor zwei Jahren an Krebs. Vor ihrem Tod haben wir lange über das Leben gesprochen, über die neuen Methoden der Medizin. Zu erkennen, dass keiner von uns ewig lebt, dass wir alle vergänglich sind, scheint manchmal so banal und trotzdem denken wir erst daran, wenn es uns selbst oder jemandem in unserem Umfeld schlecht geht.

NEWS: Was haben Sie mit dem Friedensnobelpreis bewirkt?

Menchú: Wenn ich meine Kindheit mit der der jungen Maja heute vergleiche, wird klar, welche Chancen sie nun haben, welcher Aufbruch spürbar ist. Unsere jahrtausendealte Zivilisation ist nicht mehr dem Untergang geweiht. Für mich war es wichtig, mit dem Schweigen zu brechen. Zu erreichen, dass über die Gräueltaten, das Verschwindenlassen von Abertausenden Indios, deren Folter und Ermordung nicht nur offen gesprochen wird, sondern die Täter auch angeklagt und zur Rechenschaft gezogen werden. Als ich aufwuchs, waren wir Entrechtete, Menschen zweiter, ja wenn nicht dritter Klasse.

NEWS: Um Gerechtigkeit geht es derzeit auch in Ried im Innkreis. Dort wird dem nach Österreich geflüchteten Ex-Strafvollzugsleiter Guatemalas der Prozess gemacht. Er soll für die Exekution von sieben Häftlingen nach der Wiedererstürmung eines Gefängnisses verantwortlich sein. Ist es richtig, einen solchen Prozess in Österreich auszutragen?

Menchú: Um die Gerechtigkeit ist es in Guatemala immer noch schlecht bestellt. Es gibt Verbrechen, bei denen alle Beweise auf dem Tisch liegen und die Täter werden trotzdem freigesprochen. Und umgekehrt kommt es bei Prozessen mitunter zu Verurteilungen, ohne dass überhaupt konkrete Beweise vorhanden wären. Dieses Gefängnis, dessen Leiter nun in Ried angeklagt ist, galt als Ort des Verbrechens, als Ort, von dem organisierte Banden handelten, erpressten und töten ließen. Wir alle wissen, dass es dort Tote gab. Die Frage ist, wie stark die Beweise der Anklage sind. Denn bei der Gerechtigkeit geht es selten darum, was man behauptet, sondern, was man vom Behaupteten beweisen kann. Ich kenne im konkreten Fall die Beweise der Anklage nicht, aber ich hoffe, dass es hier in Österreich möglich ist, Gerechtigkeit zu sprechen.

NEWS: Sie setzen sich Ihr Leben lang für Frieden ein. Einer Ihrer Nachfolger als Nobelpreisträger führt hingegen Kriege. Wie zufrieden waren Sie, als US-Präsident Obama mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde?

Menchú: Es ziemt sich wohl nicht, dass sich ein Friedensnobelpreisträger ein Urteil über einen anderen bildet, das wäre ungerecht. Ich sehe Barack Obama mehr als amerikanischen Präsidenten. Und als Machthaber, der von einer großen Mehrheit gewählt wurde und der zusätzlich Friedensnobelpreisträger ist, muss er sehr vorsichtig mit seinen Entscheidungen sein. So hoffe ich, dass ihm eine weise Entscheidung zu Syrien gelingt. Ich rate ihm, dort nicht den Weg des Krieges zu gehen.

Erschienen in NEWS 41/2013