Das Prinzip Putin

PutinEr sei ein Mann ohne Gesicht. Skrupellos, ruchlos, gefährlich. Für Macht und Einfluss treibt er Europa an den Rand des Krieges. Doch was wissen wir wirklich über den Herrscher im Kreml? Wer ist Wladimir Putin – eine Spurensuche von Leningrad über Dresden bis auf die Krim.

Es könnte sein Meisterstück werden oder der Anfang seines eigenen Endes. Wladimir Wladimirowitsch Putin steht am Scheideweg. Seinetwegen droht eine neue Spaltung Europas, warnt Deutschlands Außenminister Steinmeier, ja ein Wiederaufleben des Kalten Krieges, pflichtet ihm sein polnisches Gegenüber bei. In Prag vergleicht Fürst Karl Schwarzenberg Putins Handeln gar mit jenem Hitlers. Und manche, wie der deutsche Linke Gregor Gysi, sehen eine Gemengelage gegeben, die im Unaussprechlichen enden könnte – dem 3. Weltkrieg.

Das Schauspiel, mit dem Wladimir Putin der Welt derzeit das Fürchten lehrt, ist wohlerprobt. Dort, wo dieser Mann herkommt, galt es als Gesetz, keine Schwäche zu zeigen. Zuzuschlagen, bevor das Gegenüber noch die Hand heben konnte. Brutale Gesten, die einem in den Hinterhöfen im Leningrad der späten 50er und frühen 60er-Jahre nicht nur Respekt sicherten, sondern mitunter auch das Überleben. Es sind Regeln, mit denen Putin groß geworden ist und die bis heute sein Handeln prägen. Auch auf der Bühne der Weltpolitik.

Putin und das Gesetz der Straße.

Europa ist überrascht, schockiert und paralysiert, mit welcher Härte Putin vorgeht. Wie kaltschnäuzig er das Machtvakuum der Ukraine ausnützt. Ein Land, das sich mit Blut seines kleptokratischen Präsidenten entledigt gehabt glaubte, bis dieser in Russland wieder auftauchte und von Putsch sprach. Ein Land, ohne gewählte Führung, ohne klare Herrschaftsverhältnisse, in sich zerrissen und vor dem Bankrott stehend. Aus Putins Sicht der ideale Moment, diese Schwäche auszunützen und Tatsachen zu schaffen. Das Land wieder in die Fänge Moskaus zurückzuholen, ihm europäische Irrwege brutal auszutreiben. Am besten zuerst dort, wo die Ukraine schon immer russischer war als der Rest des Landes. Auf der Krim, der Halbinsel, die Putins Schwarzmeerflotte beherbergt. Ihm Zugang zum Mittelmeer und damit zur Weltpolitik sichert.

Wer verstehen will, warum Putin handelt wie er handelt, muss wissen, woher er kommt und wie er aufwuchs. Geboren 1952 in eine todgeweihte Stadt: Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Es war von den Deutschen im Krieg eingekesselt und ausgehungert worden. Die Mutter, eine Nachtwächterin und Putzfrau, konnte bei der Befreiung kaum noch aus eigener Kraft gehen. Der Vater, Fabriksarbeiter und Soldat, war schwer verwundet worden und würde für den Rest seines Lebens ein Krüppel bleiben. Die zwei Söhne der beiden, die noch vor dem Krieg geboren waren, sollten dessen Ende nicht erleben.

„Wolodja ging sofort auf den Kerl los.“

 

Und dann, die Mutter ist 41, kam der kleine Wladimir zur Welt. „An einem Ort des Hungers, der Armut und der Gewalt, der harte, hungrige und aggressive Kinder hervorbrachte. Zumindest waren das diejenigen, die überlebten“, wie die Autorin Masha Gessen in ihrer Putin-Biographie (Der Mann ohne Gesicht, Piper Verlag) festhält. Die Russin beschreibt den jungen Putin als Buben von schmaler Statur, der sich trotzdem zu behaupten versuchte. „Wenn ihn irgendjemand beleidigte, ging Wolodja sofort auf den Kerl los, kratzte ihn, biss ihn und riss ihm das Haar büschelweise aus“, erinnert sich ein Freund in dem Buch. „Er tat alles, damit ihn bestimmt nie wieder jemand beleidigte.“

Der Vater invalid und streng, die Mutter oft außer Haus, um die Familie über die Runden zu bringen. Der kleine Wladimir, auf sich allein gestellt. „Ich kann nicht behaupten, dass wir eine emotionale Familie waren, dass wir uns etwas erzählt hätten, uns austauschten“, vertraute Putin dem Dokumentarfilmer und Grimme-Preisträger Hubert Seipel vor zwei Jahren an. „Es war ein Bekenntnis, das von einem Mann wie ihm überraschend und erstaunlich ist und wohl auch erklärt, warum er oft verschlossen, ja kalt wirkt“, sagt Seipel zu NEWS. Dem Deutschen ist mit seiner Doku „Ich, Putin“ Außergewöhnliches gelungen: die Annäherung an einen Unnahbaren. Über Monate ließ der sich begleiten. Auf der einen Seite der Kreml-Herrscher, der längst nur noch die Jubel-Propaganda russischer Staatsmedien gewohnt ist, und auf der anderen der westliche Journalist, der sich nicht steuern lässt. „Im Spaß habe ich ihn gefragt, ob er mit Judo begann, weil er so ein schmächtiges Kerlchen war“, sagt Seipel, „und er sagt: Ja, genau deswegen. Mit acht, neun wurden die anderen immer stärker, ich musste meine Stellung im Rudel behaupten. Das prägt ihn auch politisch, der Versuch, der Starke zu bleiben.“

Einer bestimmt das Schicksal Tausender

Härte und Stärke. Was lag da näher, als der Weg zum KGB. Die Flucht aus der „Kommunalka“, dem 20 Quadratmeter großen Zimmer im fünften Stock, in dem die Putins mit ihrem Sohn lebten. Bad und Küche waren am Gang und doch kam das für damalige Verhältnisse fast einem Luxus gleich. Putin, bislang in der Schule mehr durch Schlägereien aufgefallen, lernte fortan fleißig, schrieb sich an der Universität ein, studierte Jus und fand tatsächlich Aufnahme an der KGB-Akademie. „Es beeindruckte mich stark, dass eine kleine Einheit, eine Einzelperson tatsächlich etwas erreichen konnte, das einer ganzen Armee nicht gelang“, sollte er später einem Biografen sagen. „Ein einziger Geheimagent konnte das Schicksal Tausender Menschen bestimmen. Zumindest sah ich es so.“

„Ich bin kein angenehmer Mensch.“

Doch davon war Hauptmann Putin noch weit entfernt. Unnütze Aktenberge im Büro und schmutzige Windeln daheim bestimmten seine 80er-Jahre. Er hatte inzwischen, und für sowjetische Verhältnisse spät, im Alter von 31 die Inlandsflugbegleiterin Ludmila geheiratet. Mit den Worten, „Du weißt ja inzwischen, dass ich kein angenehmer Mensch bin“, soll er um ihre Hand angehalten haben. Zwei Töchter kamen zur Welt, die Karriere stockte. Obwohl er Deutsch gelernt hatte, ließ die Versetzung in die Auslandsspionage auf sich warten. Und selbst als der Ruf 1985 erfolgt, kommt er einer Enttäuschung gleich: DDR, und nicht BRD. Dresden und nicht Berlin und schon gar nicht Bonn. Sechs Offiziere in einem Häuschen in der dortigen Angelikastraße 4. Und ein Kollege, der sich später an den pragmatischen, aber harten Major Putin erinnern wird: „Er hat uns Agenten straff geführt und wollte Aktionen selbst dann weitertreiben, wenn sie aussichtslos geworden waren.“ Eine Eigenschaft, die sich auf die Gegenwart umgelegt wie eine böse Vorahnung ausnimmt.

Putin führt Obama vor.

Als die Mauer fiel, glaubte sich Putin schon für den Rest seines Lebens zurück in Leningrad hinter dem Steuer eines Taxis sitzend. Als „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“, wird er den Zerfall der Sowjetunion bezeichnen und angewidert sein von dem, was folgte: Ausbeutung, Gier, Ausverkauf und Niedergang. Nicht, dass Putin überzeugter Kommunist gewesen wäre, nein, er war und ist ein Machtmensch, der von Größe träumt. Deshalb auch die Ukraine, deshalb das geopolitische Kräftemessen mit der EU und den USA. Deshalb der Genuss, wenn er feststellt, wie er Obama bei Syrien, beim Iran und bei Snowden vorführen kann.

An die Macht gelangt er über Umwege. Erst als Helfer beim Bürgermeister von St. Petersburg, dann als Mann fürs Grobe, der unter Jelzin bis zum Chef des KGB-Nachfolgers FSB aufsteigt. Letztlich im Stab des oft kaum mehr bei Sinnen befindlichen Präsidenten landet. Was er dort sieht, ist ein Russland der Schwäche, ein Land am Krückstock, im Würgegriff der Oligarchen und am Gängelband des Westens. Er erbt es, da Jelzin-Tochter Tatjana nur ihm zutraut, sie und ihren Clan auf ewig vor Strafverfolgung schützen zu können.

Korruption, Einschüchterung, Vernichtung.

14 Jahre später wird dieser Wladimir Putin noch immer an der Macht sein. Dem Land hat er nicht nur seine Rohstoffe zurückgegeben, sondern auch sein Selbstvertrauen. An Oligarchie ist nur noch geduldet, was gehorcht und dem Westen Paroli bietet. So präsentiert sich dieses Russland in Sotschi auch ganz nach Wunsch seines Herrschers. Es sind seine Spiele, es ist sein Triumph. Umso empörter ist Putin, dass das Ausland diese Inszenierung stört, den Blick lieber in all die Abgründe seines Riesenreichs richtet. Und dort auf Schwulenhatz, Straflager, Korruption, Einschüchterung und mitunter gar Vernichtung trifft. „Gegner und Kritiker werden mundtot gemacht, häufig ermordet“, schreibt Masha Gessen, „und manchmal kommt der Befehl dazu direkt aus dem Büro des Präsidenten.“

Doch Putin scheint es mittlerweile egal geworden zu sein, was der Westen denkt. Die Dämonisierung seiner Person und seines Landes erreichte vor den Olympischen Spielen Ausmaße, die glauben ließen, nicht Putin würde länger in Moskau regieren, sondern Assad oder gar Gaddafi. Dazu all der Spott und Hohn, jeder noch so kleine Anlass, über den sich Journalisten in Sotschi empörten, versinnbildlicht durch die Fotos komischer russischer Klos, die um die Welt gingen. All das verstärkt bei Putin nicht ganz zu Unrecht den Glauben, er befinde sich in einer Abwehrschlacht gegen den Westen. Eine Weltsicht, der zufolge ihm nun die Ukraine entrissen wird. Wenn in Kiew nun nachweislich auch rechtsradikale Gruppierungen Teil der neuen Macht werden, Brüssel und Washington dies aber geflissentlich ignorieren oder bagatellisieren, sieht sich Putin bestätigt. Und scheint zum Äußersten bereit. Bruch des Völkerrechts, drohende internationale Isolation, nichts, was der Kreml-Herrscher scheinbar noch fürchten würde.

Putins gefährlichstes Spiel.

Er ist 61 und um ihn herum ist es einsam geworden. Dokumentarfilmer Seipel zeigte ihn, wie er nachts allein in einer menschenleeren Halle Eishockey trainiert. Morgens, erneut allein, im Schwimmbad seine Bahnen zieht. Am Beckenrand nur Labrador-Hündin Koni, die ihm durchs Gesicht schleckt. Seine Inszenierung bröckelt, die Bilder des Tiger rettenden, Kampfjet fliegenden und mit nacktem Oberkörper posierenden Präsidenten haben sich abgenützt. Sein Volk, das haben Massenproteste in der Vergangenheit bewiesen, steht längst nicht mehr so geschlossen hinter ihm. Verliert er die Krim völlig, diesen Inbegriff des Russentums, die Stätte, wo einst schon Puschkin und Dostojewski verweilten, werden es ihm die Russen nicht verzeihen. Geht sein Nervenkrieg hingegen schief, fallen Schüsse, sterben Menschen, wird er zur Paria der Welt. Zieht sich hingegen der Konflikt in die Länge, verliert Russlands Wirtschaft Milliarden. Schon am Montag, als die Börsen öffneten, ging so viel Geld verloren wie Sotschi kostete. Das schafft Unruhe, Proteste, macht die Oligarchie wütend und treibt die Masse zurück auf die Straße. „Forbes“ wählte Putin 2013 zur einflussreichsten Person der Welt – ob er es auch 2014 bleibt, wird sich wohl bald entscheiden.

Erschienen in NEWS 10/2014